Eine bärenstarke Freundschaft – ein Kurzroman

Kapitel 1 Prolog

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Die vier Männer waren schon einige Tage in den weitläufigen Hügeln Alaskas unterwegs. Die Pferde auf denen sie ritten sowie auch die Packpferde machten einen erschöpften Eindruck. „Wenn wir diese Viecher nicht bald zu fassen bekommen, müssen wir erst auf die Farm zurück um neue Pferde zu holen.“

„Ich bin mir ganz sicher, dass wir nah dran sind. Lasst uns auf diesem Weg weiter reiten. Wir werden bald auf sie treffen.“
In den letzten Tagen waren sie stetig den Spuren zweier Bären gefolgt. Sie waren im Auftrag einer deutschen Gesellschaft unterwegs, die Tiere besonderer Arten nach Deutschland transportierten.

Wenn die vier es schafften, mit dieser Gesellschaft dauerhaft im Geschäft zu sein, wären finanzielle Sorgen ausgelöscht.
Der erste Einsatz war der Deal mit den Bären. Wenn das klappen würde, stände der Geschäftsbeziehung nichts mehr im Weg.

Scott, der Anführer der Gruppe, war sich sehr sicher, dass sie es schaffen würden, die beiden Bären einzufangen und an der vereinbarten Stelle abzuliefern.
Billy, der die Gegend mit einem Fernrohr betrachtete, pfiff plötzlich durch die Zähne. „Ich glaube, wir sind ihnen sehr nahe auf der Spur.“ Mit ausgestrecktem Arm zeigte er in eine Richtung. Die anderen folgten ihm mit gespannten Blicken. Und wirklich. Keine 200 Meter entfernt entdeckten sie, was Billy mit Hilfe des Fernrohrs vor ihnen wahrgenommen hatte. Einer der Bäume auf einer Lichtung war in heftiger Bewegung. Das war ein sicheres Zeichen dafür, dass ein Tier, ein sehr starkes Tier, sich daran scheuerte.

Die Männer banden ihre Pferde um einen Baum herum an. Jeder von ihnen führte ein Gewehr mit sich. Sie schlichen sich sehr behutsam in die Richtung des eben entdeckten Tumultes. Nur wenige Minuten später hatten sie den Schauplatz erreicht.
Zwei Bären tollten über die Lichtung. Es war sehr beeindruckend, ihnen bei ihrem Spiel zuzusehen.

„Wir müssen beide gleichzeitig erwischen. Mike und ich nehmen den großen. Ihr anderen schießt auf die kleinere Bärin.“
Die Männer verteilten sich hinter einer Böschung.
„Alle auf mein Zeichen“ sagte Scott.

Sie fixierten die beiden ahnungslosen Tiere durch ihre Zielfernrohre.
Es dauerte nur einen Moment, bis Scott den Befehl zum Abschuss gab. Beide Tiere wurden fast gleichzeitig getroffen. Zwar waren sie etwas irritiert, blieben aber insgesamt ziemlich ruhig.
„Jetzt müssen wir nur noch warten, bis das Mittel wirkt und die Beiden einschlafen. Wir dürfen sie, falls sie sich entfernen, nicht aus den Augen verlieren. Sonst war wohlmöglich alles umsonst.“
Die Männer verhielten sich sehr ruhig und abwartend. Sie wollten die Bären auf keinen Fall erschrecken oder noch in letzter Minute verunsichern.
Und ihr Plan ging auf. Schon nach wenigen Minuten legte die Bärin sich einige Meter neben ihren Partner flach auf den Boden. Und auch der riesige Bär folgte ihrem Beispiel zügig.
Die Männer klatschten in die Hände. Nun war es kein großes Unterfangen mehr, die schlafenden Bären so zu verpacken, dass sie für den Transport bereit waren. Sehr sicher gingen die vier auf die zwei schlafenden Bären zu.
Billy beugte sich über den großen Bären und betrachtete dieses genau.
„Guckt euch nur diese riesigen Pranken an. Der hat Krallen so spitz wie Dolche.“
Kaum hatte Billy das letzte Wort ausgesprochen, als der Bär plötzlich wieder aufsprang. Zwar wirkte er sehr benommen, schaffte es aber dennoch, Billy mit einem gewaltigen Hieb seiner

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Pranke zu Boden zu strecken. Sofort danach brach er wieder zusammen und blieb am Boden liegen.
Billy schrie vor Schmerzen. „Mein Arm, mein Arm.“
Die anderen drei nahmen entsetzt wahr, wie zerfetzt und blutend Billys linker Arm war. Keiner konnte verstehen, wie das möglich war. Das Narkosemittel musste seine Wirkung doch ganz entfaltet haben. Wie konnte es sein, dass der Bär so plötzlich wieder zur Besinnung gekommen war und Billy schwer verletzt hatte.

Scott, der den Schock des eben erlebten am schnellsten überwunden hatte, ordnete an, dass Mike sich sofort auf den Weg machen sollte, um den Transportkäfig für die Bären, der nur einige Kilometer entfernt deponiert war, herbeizuschaffen. Er selbst und Pete wollten sich derweil um Billys Verletzung kümmern.

Mike machte sich sofort auf den Weg. Er hatte den beiden Packpferden Geschirre übergeworfen.
Pete und Scott wandten sich nun Billy zu, der vor Schmerzen stöhnte. Vorsichtig befreiten sie ihn von der zerfetzten Jacke und dem Hemd. Die Schulter und der Arm sahen entsetzlich aus. Es war kaum zu glauben, dass der Bär mit nur einem einzigen Hieb und das, obwohl er kaum bei Bewusstsein war, so eine Verletzung zugefügt hatte.
Scott kamen erhebliche Zweifel an der Richtigkeit ihres Verhaltens. War es die Sache wirklich wert gewesen? Es war sehr fraglich, ob Billy diese Verletzung überhaupt überleben würde.
Gemeinsam mit Pete verband er notdürftig Billys Verletzungen. Sie würden ihn, sobald Mike wieder hier und die Bären verladen waren, auf die nächste Farm bringen, um sich dort ausführlicher um ihn zu kümmern.
Es dauerte einige Stunden, bis Mike mit dem Wagen, auf dem ein großer Käfig befestigt war, wieder an der Lagerstelle eintraf. „Wie geht es Billy?“ „Er ist nicht mehr bei Bewusstsein. Wir sollten möglichst schnell die Bären verladen und uns dann sofort auf den Rückweg machen.“
Scott hatte den beiden schlafenden Tieren noch ausgiebig viel des Narkosemittels nachgespritzt. Er wollte auf keinen Fall noch einen seiner Männer gefährden.
Für die drei Männer war es eine körperliche Höchstleistung, die Bären in den Käfig zu verfrachten. Aber endlich war dieses vollbracht.
Sie legten Billy, der sein Bewusstsein immer noch nicht wieder erlangt hatte, oben auf den Käfig. Sie hatten diesen Platz so gut es ging mit Decken ausgelegt.
Nachdem sie ihn fest verschalt hatten, brachen sie auf.
Die Pferde waren sehr unruhig und angespannt. Aber darauf konnten die Männer jetzt keine Rücksicht nehmen.
Es dauerte mehrere Stunden, bis sie auf der Farm ankamen. Nachdem sie berichtet hatten, was passiert war, schickte der Farmer sofort einen seiner Männer in die Stadt, um einen Arzt für Billy zu holen. Bis zu dessen Eintreffen würde sich die Frau des Farmers um Billy kümmern.

Kapitel 2

Die beiden Frauen, die sich nach langer Zeit wieder trafen, konnten kaum glauben, dass es nun endlich soweit war. Wie viele Jahre waren vergangen seit ihrem letzten Treffen. Karin, die eine der beiden, aus dem hohen Norden kommend, hatte es endlich geschafft, ihrer Familie klarzumachen, wie wichtig dieses Treffen für sie war.

Die andere, Sabine, hatte schon lange nicht mehr daran geglaubt, dass dieses Treffen jemals zu Stande kommen würde. In den letzten Jahren hatte sie oft daran gedacht, einfach hier, wo sie doch allein unter vielen anderen war, ihren Hof zu verlassen und in die nähere Umgebung ihrer Freundin Karin zu ziehen. Aber das sollte wohl immer ein Traum bleiben.

Aber heute sollte es ein Wiedersehen geben.
Sie machte sich sehr zeitig auf den Weg, um Karin vom Bahnhof abzuholen. Der alte Geländewagen, mit dem sie sich auf den Weg gemacht hatte, ächzte und krächzte den ganzen

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Weg bei jeder kleinen Anstrengung. Tief in Gedanken versunken dachte sie darüber nach, dass er es wohl nicht mehr lange schaffen würde, ihren Anforderungen standzuhalten. Aber egal. Heute wollte sie nicht darüber nachdenken, wie lange das alte Gefährt noch an ihrer Seite sein würde.

Jetzt ging es einzig und allein um das Treffen mit Karin, auf das sie solange gewartet hatte.

Sie hatte noch fast eine halbe Stunde Wartezeit bis zum Eintreffen des Zuges. Da sie ziemlich aufgeregt war, beschloss sie, die Zeit zu nutzen, um noch in Ruhe ein Cigarillo zu rauchen. Sie zog sich in einen stillen Winkel des Bahnhofes zurück. Doch ganz anders als erwartet, fand sie hier nicht die erhoffte Ruhe, sondern eher eine lärmende Gruppe Jugendlicher, die lautstark bekundeten, wie großartig und stark sie waren.

Als die Gruppe auf sie aufmerksam wurde, ging das Gezeter auch sofort richtig los. Guck mal, da ist die Bescheuerte vom Tierhof. Ist bei deinen Viechern alles klar, oder sollen wir mal zu einer Notschlachtung vorbeikommen? Lautes Gelächter und Gegröle folgten auf diese Frage.

Sabine war seit langer Zeit klar, dass sie in dem nahe liegenden Dorf als verrückt galt. Keiner der Leute konnte verstehen, warum sie alle Kraft und Energie für ihre Tiere aufwandte. Sie war bei den anderen als Verschwenderin verschrien.
Für die Dorfbewohner war es ganz klar. Tiere hatten für die Menschen zu dienen und es war wohl kaum erforderlich, den Viechern Beistand zu leisten.

Seit ihr Vater, der ihr den Hof hinterlassen hatte, verstorben war, geriet sie mit den Leuten aus dem Dorf ständig aneinander.
Was hatte das nicht alles schon für Anfeindungen gegeben.
Aber auch daran wollte sie heute nicht denken. Jetzt waren es nur noch wenige Minuten, bis sie Karin wieder sehen würde. Sie machte sich auf den Weg zum Bahnsteig. Und fast sofort, nachdem sie dort angekommen war, ertönte schon die Durchsage das der Zug in wenigen Augenblicken eintreffen würde.

Endlich, endlich ist es war soweit. Der Zug rollte auf den Bahnsteig, hielt an und die Türen öffneten sich.
Karin stand ganz vorne in der Reihe der Ankommenden.
„Sabine.“ „Karin.“ „Endlich bist du da.“

Die beiden Frauen fielen sich in die Arme. Es war beiden nicht möglich, etwas zu sagen. Zu groß und ergreifend war die Freude des Wiedersehens.
„Ich bin so froh, dass du da bist.“
„Die nächsten zwei Wochen werden nur uns allein gehören.“

Sabine hakte sich bei Karin unter. Zielstrebig schlug sie den Weg zu ihrem Auto ein.
„Lass uns dein Gepäck nach hinten stellen.“
Gemeinsam luden die beiden Frauen das Gepäck in den Kofferraum.
„Ich bin sehr glücklich darüber, dass wir uns endlich, nach all den Jahren wieder sehen. Jetzt kann ich dir all meine tierischen Freunde vorstellen.“

„Auf die bin ich auch schon ziemlich gespannt. Ich finde es einfach nur wundervoll, dass du das alles schaffst. Wenn ich an deine Briefe zurückdenke, kann ich einfach nur ganz ehrlich sagen, dass ich es total bewundere, wie du mit all den Anforderungen ganz allein zu recht kommst. Das ist bestimmt nicht immer einfach zu bewältigen.“

„Ich könnte dir Geschichten erzählen, die kaum zu glauben sind. Es gibt hier einfach nicht einen einzigen Menschen, der vielleicht einmal bereit wäre, mir helfend unter die Arme zu greifen. Ganz im Gegenteil. Oft habe ich den Eindruck, dass alle sich die Hände reiben, wenn bei mir mal wieder etwas schief läuft.“

„In den nächsten 14 Tagen bin ich an deiner Seite. Da machen wir alles gemeinsam.“
Die Fahrt zu Sabines Hof verlief ziemlich schnell und ohne Probleme. Karin war von der umgebenden Landschaft ziemlich beeindruckt.
„Das ist hier ja wirklich sehr schön. Aber sag mal, ist dir das nicht zu einsam? Ich glaube, wenn ich hier so ganz alleine wohnen würde, hätte ich doch ein wenig Angst.“

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„Das ist überhaupt nicht schlimm. Ich bin eher froh, dass ich ein gutes Stück von dem Dorf entfernt bin. Es wäre kaum gut auszuhalten, wenn die Dorfbewohner näher an meinem Land wären. Das gäbe nur noch mehr Probleme.“
Die Hofeinfahrt, in die sie jetzt einbogen, zog sich fast einen ganzen Kilometer lang. Karin kam aus dem Staunen einfach nicht mehr heraus.

„Ist das hier schön.“
Sabine parkte den Wagen direkt vorm Haus. Als die beiden Frauen ausgestiegen waren, umarmten sie sich noch einmal. „Herzlich willkommen auf meinem Hof. Ich habe dir so viel zu erzählen. Aber jetzt zeig ich dir erstmal alles.“
Ein riesengroßer Hund kam auf die Beiden zugelaufen.
„Oh, der wird mir doch nichts tun?“
„Natürlich nicht. Das ist Snuffy. Er ist eigentlich der gute Geist des Hauses. Er ist mein lieber Freund. Und außerdem ist er auch sehr wachsam. Du brauchst dir also überhaupt keine Sorgen wegen der Einsamkeit hier machen.
Snuffy wird gut auf uns aufpassen.“
Karin hielt dem Hund ihre Hand entgegen und ließ ihn daran schnuppern. Sie streichelte über seinen Kopf und kraulte dann durch sein dichtes langes Fell.
„Der ist aber wirklich prima. Eigentlich habe ich vor so großen Hunden doch einigen Respekt. Aber Snuffy scheint wirklich sehr freundlich zu sein.“
Es dauerte nur wenige Momente, da kamen auch schon zwei neue Tiere um die Hausecke gebogen.
„Das sind Steve und Trude. Meine beiden Stubentiger. Und auch die sind ganz besonders nett.“
Ohne auch nur das kleinste Zögern strich Steve um Snuffys Beine. Er schnurrte laut und rieb seinen Kopf an Snuffys Brust. Der riesige Hund beugte seinen Kopf in Steves Richtung. Freundlich schleckte er dem Kater durchs Gesicht, was diesem allerdings nicht zu gefallen schien.
„Das ist sehr schön zu beobachten, wie gut sich deine Tiere verstehen.“
„Ach, das ist erst der Anfang. Hier ist einfach nur Frieden. Die Tiere scheinen auch alle zu wissen, dass das eine Grundvoraussetzung ist, um hier leben zu können. Hier gibt es eigentlich nie Streit. Und ich nehme mir selber auch immer ein Beispiel an ihrem Verhalten. Ist es nicht viel schöner, sein Leben in Ruhe und Frieden zu verbringen?“
„Das ist eine gute Überlegung. So bekomm ich das leider nicht hin. Wenn ich da allein an mein Berufsleben denke. Wie viele Streitigkeiten stehen da jeden Tag auf dem Programm.“ Natürlich wusste Sabine, dass Karin in einem sehr großen Krankenhaus eine Anstellung als Krankenschwester hatte. Sie beneidete sie auch nicht im Geringsten um diese Tätigkeit. Sie erinnerte sich an einige Briefe, in denen Karin von den Unstimmigkeiten auf ihrer Station berichtet hatte.
Da ging es ihr doch deutlich besser. Für sie war klar, dass sie mit ihren Mitmenschen nicht besonders gut klar kam. Und wenn sie dann überlegte, dass sie auch noch täglich mit denen zusammen arbeiten müsste. Nein! Das würde wohl nicht gehen.
Sie liebte ihr ruhiges abgeschiedenes Leben auf ihrem Hof mit ihren Tieren.
Da hatte sie wirklich großes Glück gehabt. Sie wusste, dass ein sorgenfreies Leben ohne finanzielle Nöte vor ihr lag. Dafür hatte in allererster Linie ihr Vater gesorgt.
Allerdings war sie an dem Fortbestehen dieses Standards auch nicht ganz unbeteiligt. Schon vor einigen Jahren hatte sie damit begonnen, Bücher zu schreiben. Das machte ihr viel Spaß und sie konnte immer ihre Zeit selber einteilen. Und außerdem verkauften ihre Bücher sich auch sehr gut. Sie hatte bereits vor langer Zeit einen guten Verlag gefunden, der sich um alles kümmerte. Ihre Aufgabe war es einzig und allein, weiter gute Ideen zu haben.
„Komm, ich zeig dir die anderen Tiere und die Gegend.“
Die beiden Frauen hakten sich ineinander ein und gingen los.
Snuffy, der dicht an ihrer Seite ging, wunderte sich schon ein wenig über das Verhalten seiner menschlichen Freundin. So hatte er sie noch nie erlebt. Wie schön, dass sie so fröhlich war.

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Eigentlich kannte er sie immer nur sehr ruhig und besonnen. Aber heute war sie einfach nur fröhlich.
Die beiden Frauen gingen zunächst über eine große Wiese, die direkt hinter dem Haus begann. Nachdem sie die Wiese überquert hatten, kamen sie an ein Waldstück. Sie folgten einem Pfad, der sie tiefer in den Wald hineinführte. Hier war es sehr still und friedlich. „Gehört das alles noch zu deinem Land?“ „Ja, das gesamte Grundstück ist 25 ha groß. Ich bin meinem Vater sehr dankbar, dass er nie etwas davon verkauft hat. Ich kann auf meinem eigenen Gelände große Wanderungen machen. Und hier gibt es auch einige sehr stille Stücke. Die zeige ich dir in den nächsten Tagen. Wenn wir da jetzt hingehen würden, würde das einfach zulange dauern. Ich will dir lieber erst meine Tiere vorstellen.“

Sie kamen, einem Bachlauf folgend, wieder eine Wiese. Und da waren sie, die restlichen Tiere die zu Sabine gehörten. Fünf Ponys, zwei Esel, drei Ziegen und zwei Schafe standen über die Wiese verteilt. Sie grasten friedlich nebeneinander stehend. Es war ein sehr friedliches Bild.

„Um diese Ruhe und den Frieden bist du wirklich zu beneiden.“ Wenn ich da an meinen eigenen Alltag denke …“
Sie gingen näher auf die Tiere zu und begrüßten diese. Sabine erzählte zu jedem einzelnen Tier eine kurze Geschichte.

„Oft sitze ich hier, und verfasse neue Gedanken für meine Bücher. Manchmal habe ich fast das Gefühl, als würden die Tiere dabei helfen.“
Sie lächelte Karin an. „Aber da gehe ich dann wohl doch einen Schritt zu weit.“
Langsam gingen die beiden den Weg zurück. Snuffy immer dicht an ihrer Seite.

„Das ist ein gutes Gefühl, das er immer so nah bei uns ist.“
Als sie wieder am Haus angekommen waren, luden die erstmal Karins Sachen aus. Sabine zeigte ihr ein Zimmer, das für die nächsten zwei Wochen zu ihrer freien Verfügung stehen sollte.
Die letzten Stunden waren wie im Flug vergangen. Sabine und Karin setzten sich nun in den Garten. Sie erzählten sich viele Erlebnisse, die sie in den letzten Jahren gehabt hatten.
„Es ist so schade, dass du so weit entfernt wohnst. Wenn du Georg nicht geheiratet hättest, wärest du bestimmt nie in diese Richtung gezogen.“
„Da magst du Recht haben. Die Gegend im Norden ist auch vollkommen anders als hier. Über die Jahre habe ich mich aber ganz gut eingewöhnt. Und die Zeit mit Georg war auch nicht nur einfach. Ich habe dir oft darüber geschrieben.
Aber heute sind wir an einem Punkt, an dem sich alle Probleme aufgelöst zu haben scheinen.“ „Da kannst du auch sehr glücklich sein. Du hast einen guten Mann und zwei wundervolle Töchter.“
„Hättest du Lust auf eine abendliche Wanderung mit Snuffy? Ich gehe meistens noch jeden Abend eine Runde über das Gelände um zu schauen, ob alles in Ordnung ist.“
„Ja, unbedingt. Und wenn Snuffy mitgeht, ist es ja sowieso sicher.“
Nach einem kleinen Snack gingen die beiden Frauen gemeinsam mit Snuffy los. Zuerst schlugen sie den Weg ein, welchen sie schon am Nachmittag gegangen waren. Die Tiere, die sie am Vormittag auf der hinteren Wiese angetroffen hatten, kamen ihnen bereits im Wald entgegen.
„Die gehen jetzt alle Richtung Hof. Um diese Uhrzeit wissen sie genau, dass ihre Futtertröge gefüllt auf sie warten.“
„Es ist einfach nur schön, dass diese Tiere, die es nicht immer leicht hatten, wie du heute Morgen erzählt hast, bei dir ein neues Zuhause gefunden haben.“
Lächelnd schauten die beiden Frauen den Tieren nach, die ohne die kleinste Abweichung ihrem Ziel, den gefüllten Futtertrögen, entgegen liefen.
Und auch Sabine und Karin setzten ihren Weg fort.
„Bei dieser Hitze am Tage sind die Abendspaziergänge eine feine Abwechslung. Hier ganz in der Nähe gibt es auch einen See. Wenn du magst, können wir da noch vorbei gehen und uns ein wenig abkühlen.“

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„Das wäre eine gute Idee. Geht Snuffy auch gerne schwimmen?“
„Der liebt Wasser. Schwimmen und im Wasser toben sind für ihn eine große Freude.“
Schon nach wenigen Minuten standen sie an einem See, der zu einer Wasserschlacht fast einlud. Wieder war Karin von der Stille die hier herrschte sehr angetan.
Snuffy lief ohne Zögern in den See. Er schaute sich nach den beiden Frauen um. Fast machte es den Anschein, als würde er sich darüber wundern, dass die beiden ihm nicht folgten.
Karin sah ihre Freundin von der Seite an. Ihr fiel auf, das Sabine plötzlich sehr ruhig und nachdenklich wirkte.
„Hast du keine Lust mehr ins Wasser zu gehen? Du bist auf einmal so nachdenklich.“
„Nein nein. Es ist alles gut. Mir war nur einen kleinen Moment etwas schwindelig.“
Ohne weitere Erklärungen lief Sabine auf das Ufer zu. Karin folgte ihr und zusammen liefen die beiden in das erfrischende Wasser. Snuffy schien von der Entscheidung der beiden Frauen ziemlich erfreut zu sein. Zielstrebig schwamm er auf sie zu. Sabine spritzte ihm mit den Händen Wasser entgegen.
Als Karin merkte, wie viel Spaß Snuffy an diesem Spiel hatte, tat sie es ihrer Freundin gleich. Sabine, die wusste, dass Karin leicht zu verängstigen war, ging nicht mehr auf ihre Nachdenklichkeit, die sie mit einem kleinen Schwindelanfall erklärt hatte, ein.
Sie hatte auf dem Pfad, der zum See führte, Stiefel abdrücke entdeckt. Sie fand es schon sehr verwunderlich, wer hier an ihrem See durch die Gegend schlich. Sie wusste nicht genau warum, aber aus irgendeinem Grunde hatte sie bei der Entdeckung kein gutes Gefühl gehabt. Sie konnte sich nicht daran erinnern, hier jemals jemanden getroffen zu haben. Und das Seltsame war, dass die Spuren die sie entdeckt hatte, nach kurzer Strecke den Weg verließen und durch das Dickicht des Waldes die Richtung auf ihr Haus einschlugen. Das war doch sehr komisch. Aber es wäre der falscheste Weg gewesen, Karin von dieser Entdeckung zu berichten. Sicher hätte das für die Freundin gleich in der ersten Nacht ein ungutes Gefühl bedeutet. Sabine wartete erstmal ab. Vielleicht war ja auch nur irgendein Mensch von dem richtigen Weg abgekommen und hatte sich ein wenig verirrt. Wahrscheinlich war das eine gute Erklärung für die Spuren auf dem sandigen Weg. Es wäre wirklich nicht gut, Karin davon zu berichten.
Nach dieser Erkenntnis ließ Sabine sich auch wieder voll und ganz auf das Spielen im Wasser ein.
Über die Spuren im Sand machte sie sich keine Gedanken mehr.
Nachdem die drei noch eine Weile im Wasser gespielt hatten, machten sie sich auf den Heimweg.
„Das war einfach nur schön. Wenn das Wetter so bleibt wie in den letzten Tagen, sollten wir das jeden Abend machen. Ich weiß schon sehr genau, wie sehr ich das vermissen werde, wenn ich wieder zuhause bin.“
„Das ist doch klar dass wir das machen. Es ist mir so wichtig das du die Zeit hier in guter Erinnerung hast. Und vielleicht können wir ja dann auch damit erreichen, dass Georg dich öfter zu einem Besuch kommen lässt.“
„Das wäre wirklich das aller Schönste. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dich für die nächsten Jahre wieder aus den Augen zu verlieren. Das darf nicht geschehen.“
Den Rest des Abends verbrachten die Beiden in tiefe Gespräche versunken im Garten. Snuffy und auch Steve und Trude, die beiden Katzen, waren die ganze Zeit sehr dicht bei ihnen.
Es war schon eine Weile nach Mitternacht, als Sabine und Karin beschlossen, ins Bett zu gehen. Sabine und Snuffy begleiteten Karin zu ihrem Zimmer und wünschten ihr eine gute Nacht.
„Ich werde dich morgen früh nicht wecken. Steh einfach auf, wenn du ausgeschlafen hast. Wenn du mich dann im Haus nicht findest, komm einfach in die Ställe. Da verbringe ich morgens immer viel Zeit, die ich für das Saubermachen der Ställe nutze. Also schlaf gut. Bis morgen.“
„Schlaf du auch gut. Bis morgen.“

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Karin war nun zum ersten Mal an diesem Tage allein. Sie betrachtete sehr aufmerksam das Zimmer, das ihr für die nächsten zwei Wochen zur Verfügung stand. Der Raum war sehr groß. Durch die Fenster hatte man, wenn es hell war, sicher einen sehr schönen Ausblick in den Garten. Sie freute sich schon auf den nächsten Morgen an dem sie dann ausführlich die Landschaft betrachten konnte. Aber jetzt war sie auch erstmal ziemlich müde. Der Tag war schon sehr anstrengend gewesen. Sie war so glücklich hier zu sein.

Am nächsten Morgen stand Sabine sehr zeitig auf. Nachdem sie einen Kaffee getrunken hatte, machte sie sich auf den Weg in die Ställe, um dort alles in Ordnung zu bringen. Snuffy war wie immer dicht an ihrer Seite. Von den anderen Tieren war keiner mehr in der Nähe der Ställe. Sie gingen immer sehr früh am Tage auf die Wiese.

Sabine hatte schon alle Ställe gesäubert. Sie war bereits dabei den Gang vor den Ställen zu fegen. Plötzlich nahm sie wahr, dass Snuffy leise knurrte. Sie drehte sich nach ihm um. Der Hund schaute sehr aufmerksam in die Richtung des Sees. Seine Nackenhaare waren ganz leicht gesträubt. „Snuffy, was hast du denn?“ Sie sah sehr aufmerksam in die Richtung, konnte aber trotz großer Bemühung nichts entdecken. Sie überlegte gerade, ob sie sich mit Snuffy auf den Weg zum See machen sollte um nachzusehen, was ihren Hundefreund so aufregte. Sie war schon fast im Begriff loszugehen, als sie Karin entdeckte, die gerade vom Haus den Weg zu den Ställen einschlug.

Snuffy, der Karin ebenfalls bemerkt hatte, lief ihr freudig wedelnd entgegen. Sabine, die der Freundin ebenfalls entgegen lief, erreichte diese am Tor zum Garten. Zunächst gab es eine freudige Begrüßung. „Wie hast du geschlafen?“
„Einfach nur gut. Hier ist ja einfach nur Ruhe. Ich fühle mich sehr gut.“

„Was wollen wir denn heute unternehmen? Wozu hättest du Lust?“
„Du könntest mir mehr von der Gegend zeigen. Vielleicht könnten wir auch zum See gehen und dort ein Picknick machen.“ „Das ist eine super tolle Idee. Da wird Snuffy auch begeistert sein. Ich bin hier schon mit allem fertig. Dann sollten wir einen Rucksack packen und uns auf den Weg machen.“
Schon kurze Zeit später war alles für das Picknick am See vorbereitet. Es dauerte nur noch Minuten bis die drei, Snuffy, Karin und Sabine, sich auf den Weg machten. Am See angekommen, tobten sie zuerst wieder ausgelassen im Wasser. Sabine, die ihren Snuffy sehr genau kannte, bemerkte ziemlich schnell, dass der Hund aber nicht so ausgelassen und unbekümmert wie gestern im Wasser tobte. Ihr fiel auf, dass er häufig aufmerksam die Gegend betrachtete. Irgendetwas schien ihn zu beunruhigen.
Allerdings schaffte Sabine es nicht, sich genauer auf Snuffys Wahrnehmung einzulassen. Es war so schön, einfach nur mit Karin zu plaudern und auf ihrer mitgebrachten Decke zu liegen. Dieses gute Gefühl, sorglos in den Tag zu leben.
„Hast du schon Ideen, wie wir die nächsten Tage verbringen wollen? Es wäre wohl nicht richtig, einfach nur am See zu liegen und die Zeit zu genießen.“ „Du könntest mit vielleicht ein wenig die umgebende Gegend zeigen. Das fände ich schon spannend.“
„Wir könnten morgen einen Ausflug in die Nachbarstadt machen. Da könnten wir dann auch etwas einkaufen.“
„Das ist eine gute Idee. Und abends gehen wir dann wieder mit Snuffy zum See.“
Auch dieser Tag verging wieder wie im Flug. Erst am späten Nachmittag, nachdem sie noch nach den anderen Tieren gesehen hatten, kehrten sie nach Hause zurück. Beide Frauen waren sehr zufrieden mit dem Tag. Sie hatten die Zeit genutzt, um viele Erinnerungen aus der gemeinsamen Vergangenheit auszugraben. Was hatten sie nicht alles schon gemeinsam erlebt.

Schon sehr früh am nächsten Morgen stand Sabine wieder in den Ställen um dort für Ordnung zu sorgen. Es dauerte nicht einmal 5 Minuten, bis auch Karin erschien.
„Wieso bist du denn schon so früh unterwegs? Du hättest doch noch mindestens zwei Stunden schlafen können.“ „Es ist mir aber sehr wichtig, dir bei den anfallenden Arbeiten zu helfen.

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Ich will schließlich nicht nur zur Freizeitgestaltung hier sein sondern dir wenigstens auch ein wenig bei den anfallenden Arbeiten zur Hand gehen.“
Den beiden Frauen, die sofort wieder in fröhliches Geplauder verfielen, fiel kaum auf wie anstrengend die Stallarbeit war.

Nach einem ausgiebigen Frühstück begaben sie sich dann auf den Weg in die Stadt. Snuffy schien enttäuscht, dass es nicht wieder zum See ging. Da der Tag offensichtlich wieder sehr heiß zu werden schien war es besser, Snuffy nicht mitzunehmen. „Lieber Snuffy, wenn wir heute Nachmittag wieder kommen, werden wir uns sofort auf den Weg zum See machen. Aber bis dahin musst du alleine bleiben. Einer muss schließlich hier die Stellung halten.“ Während Sabine diese Worte zu ihrem Hund sprach, kraulte sie liebevoll seine Ohren.

„Es fällt mir immer schwer ihn hier zu lassen. Aber bei der Hitze wäre es nicht gut für ihn, den ganzen Tag durch die Gegend zu laufen.“
Wenige Augenblicke später fuhren die Beiden los. Sabine fuhr einen ziemlich großen Umweg zu Stadt. Sie wollte der Freundin die Umgebung zeigen. Karin war von den Bildern die sich ihr boten auch sehr beeindruckt.

„Hier ist so viel unberührte Gegend. Einfach nur schön.“
Es dauerte fast eine ganze Stunde bis sie in der Stadt ankamen. Sabine hatte Mühe einen Parkplatz zu finden. Alles war sehr voll und gedrängt. Aber endlich hatte sie Glück. Nachdem Karin und Sabine eine Weile durch die Einkaufspassage gelaufen waren, hätten beide gerne eine Pause gemacht.
„Hier ganz in der Nähe gibt es einen Tierpark in dem es ein tolles Café geben soll. Ich bin noch nie da gewesen, habe aber schon viel davon gehört.“
„Dann lass uns doch einfach dort einen Kaffee trinken. Und vielleicht ein Stückchen Kuchen dazu.“
Schon nach 10 Minuten Autofahrt hatten sie ihr Ziel erreicht. Der Park schien sehr gut besucht zu sein denn auf dem Parkplatz reihte sich Auto an Auto. Sie mussten dann auch ein gutes Stück laufen um vom Auto zum Eingang zu gelangen.
Nachdem sie ihren Eintritt bezahlt hatten standen sie an einem Rundweg. „Wir müssen den ganzen Weg durch den Park laufen um zum Café zu kommen.“ „Macht doch nichts. Wir haben doch Zeit.“ Sie gingen also los. Hier waren Tiere unterschiedlichster Art untergebracht. Sabine gefiel es nicht, wie die Tiere hier gehalten wurden. Zwar gab es einige Gehege, in denen Rehe und Ziegen herumliefen. Aber die meisten Tiere waren in viel zu engen Käfigen untergebracht. Wie konnten diese armen Geschöpfe bloß so ein Leben aushalten?

Kapitel 3

Dr. Carsten Koch, der in seiner Mittagspause in einer Fachzeitschrift las, schien plötzlich sehr interessiert. Er war auf eine Anzeige gestoßen, die genau das zu bieten schien was er suchte. Schon seit einigen Monaten war er auf der Suche. Er hatte sich schon verschiedene Angebote angesehen, bis jetzt aber noch nicht das Richtige gefunden.

Carsten war bereits seit einigen Jahren an einer tierärztlichen Hochschule als Tierarzt in leitender Position beschäftigt. Eigentlich hatte er sich nie vorstellen können, die Arbeit an der Hochschule zu beenden. Mit den Jahren war ihm aber ziemlich klar geworden, dass es für ihn der bessere Weg wäre, sich mit etwas mehr Ruhe der Arbeit zu widmen. Viele seiner Kollegen und auch Prof. Dr. Lüning hatten versucht ihn umzustimmen. Sehr intensiv hatte der Professor erklärt, welche Zukunft an der Klinik vor ihm lag. „Sie wissen doch, wie gerne ich mit Ihnen gemeinsam am OP-Tisch stehe. Erinnern Sie sich, wie viele schwierige Fälle wir dort schon liegen hatten. Und wir haben es doch immer gut gemeistert. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass Sie in absehbarer Zeit meine Position übernehmen.“ „Das ist ja auch sehr verlockend. Und Ihr Vertrauen ehrt mich sehr. Dennoch finde ich es erstrebenswert, den Rest meiner Berufstätigkeit in ruhigeren Gefilden zu verbringen.“

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Noch einmal las er die Anzeige aufmerksam durch. Das schien genau das Richtige für ihn zu sein. Ohne noch länger darüber nachzudenken ging er in sein Büro. Er griff zum Telefon und wählte die angegebene Telefonnummer.
„Tierarztpraxis Meierling“ „Schönen guten Tag Herr Dr. Meierling. Hier spricht Carsten Koch. Ich habe soeben im Deutschen Tierärzteblatt gelesen, dass Sie Ihre Praxis aus Altersgründen aufgeben wollen. Ihr Angebot wäre für mich sehr interessant.“ „Von wo kommen Sie denn?“ „Ich arbeite seit einigen Jahren an der tierärztlichen Hochschule in Hannover.“

„Wir sollten einen Termin vereinbaren, an dem Sie sich hier alles anschauen können.“
Die beiden Männer vereinbarten für das nächste Wochenende einen Termin, zu dem Carsten Koch sich auf den Weg machen würde um zu sehen, ob er sich mit diesem Objekt anfreunden könnte.
Zwar hatte er nicht die größte Lust auf die endlos lange Autofahrt, aber vielleicht lohnte sich der weite Weg. Er stellte es sich sehr befriedigend vor, in so ländlicher Gegend zu leben. Dort würde es wohl kaum den täglichen Stress wie an der Hochschule geben.
Seit seiner Scheidung von seiner Ehefrau Christina lebte er hier sehr zurückgezogen. Er hatte zwar einige Freunde, mit denen er auch gelegentlich etwas unternahm, das sollte aber kein Hindernis für ihn sein, noch einmal etwas ganz neues zu beginnen.

Kapitel 4

Sabine war besonders berührt, als sie an einem Käfig vorbeikamen, in dem ein riesiger Braunbär untergebracht war. Auf nur wenigen Quadratmetern musste dieses arme Geschöpf sein Dasein fristen. Der Bär sah sehr schlecht aus. Er war abgemagert. Sein Fell war struppig und glanzlos.
„Schau dir diesen armen Kerl an. Es ist doch einfach nicht zu glauben, was Menschen mit Tieren machen.“
Sabine, die ganz ruhig vor dem Käfig stand, sah den Bären mitleidsvoll an. „Du Armer, du hast bestimmt auch schon bessere *Zeiten erlebt.“
Karin, die sofort bemerkte wie nahe der Freundin der Anblick des Bären ging, streichelte ihr über den Arm. „Es ist schade, dass die Tiere nichts sagen können was wir Menschen verstehen können. Der Bär hätte bestimmt viel zu erzählen.“
„Ich finde es ebenso schade, dass wir Menschen nicht in der Lage sind, die Sprache der Tiere zu verstehen.“
Genau in diesem Moment stand der Bär, der bis dahin sehr teilnahmslos in einer hinteren Ecke des Käfigs gelegen hatte, auf. Er ging auf Sabine zu. Unmittelbar vor ihr, nur noch getrennt durch die Gitterstäbe, setzte er sich hin. Er sah Sabine direkt an.
Diese war auf Anhieb von dem Verhalten des Bären so ergriffen, dass ihr sofort Tränen in die Augen stiegen. Verunsichert lächelte sie das riesige Tier an. „Er ist wundervoll.“
Wenn sie in diesem Moment geahnt hätte, welche Freundschaft mit dem Bären vor ihr lag, hätte sie das wohl nicht glauben können.
Die beiden Frauen verweilten noch einige Minuten vor dem Bärenzwinger. Erst als der Bär aufstand und sich wieder in den hinteren Bereich seines Zwingers zurückzog, gingen sie weiter.
Der Bär hatte bei Sabine einen sehr tiefen Eindruck hinterlassen.
Ihre Freundin fand den Bären auch sehr beeindruckend, sie konnte Sabine dennoch nicht so ganz verstehen. Ihr war sehr klar, wie groß die Bedeutung der Tiere für Sabine war. Vor sechs Jahren war Sabines Mann Rolf bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Seitdem lebte die ohnehin schon stille Frau nur noch mit ihren Tieren zusammen. Aber so ein Tier wie den Bären würde Sabine wohl kaum in ihrer Tiergemeinschaft aufnehmen können. Um Sabine ein wenig von dem eben erlebten abzulenken, stellte sie einige Fragen zu den Tieren, die bei Sabine lebten. So würde die Freundin es wahrscheinlich am Besten schaffen, ihre Gedanken von dem Bären abzulenken.

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„Wie alt war Snuffy eigentlich als er zu dir kam?“ „Da war er gerade erst 8 Wochen. Aber vom ersten Augenblick an gehörte er einfach zu mir.“ „Der würde bestimmt alles für dich tun.“
Mittlerweile waren die Frauen an dem Cafe angekommen. Bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen verbrachten sie eine gemütliche Zeit.

Nach einer Weile sagte Sabine, dass sie jetzt gern noch einige Dinge einkaufen und anschließend nach Hause fahren würde.
„Wir wollen doch noch mit Snuffy zum See.“
Die Einkäufe waren recht schnell erledigt. Und Sabine fuhr auf dem Heimweg auch keine Umwege mehr, so das sie recht schnell auf dem Hof ankamen. Snuffy, der sie schon aus einiger Entfernung entdeckt hatte, rannte dem Auto fröhlich entgegen.

Den restlichen Tag verbrachten sie wieder am See. Dort berieten sie, wie sie den nächsten Tag gestalten wollten. Es war erschreckend wie schnell die Zeit umging.

Kapitel 5

Dr. Meierling hatte sich viele Gedanken gemacht bevor er die Anzeige im Deutschen Tierärzteblatt aufgab. Ihm war sehr klar, dass es schwierig werden würde, einen Kollegen zu finden, der bereit war seine Praxis und seinen Hof zu übernehmen. Die Gegend hier war sicher nur für wenige Tierärzte ein geeigneter Wirkungsplatz. Die Einsamkeit und die endlos langen Anfahrten zu Hausbesuchen waren schon eine Herausforderung.
Aber es schien ganz anders als erwartet zu kommen. Gleich der allererste Anrufer für die Praxis machte einen sehr interessierten Eindruck. Dr. Meierling würde nach Kräften versuchen, den Kollegen von der Faszination seiner Praxis zu überzeugen.
Er selber hatte fast sein gesamtes Leben hier verbracht. Nach seinem Studium hatte er die Praxis noch eine Weile mit seinem Vater, der ebenfalls Tierarzt war, übernommen. So war für ihn der Einstieg in die tägliche Praxisarbeit sowie der Umgang mit den Kunden, die seinen Vater schon lange kannten, sehr erleichtert worden. Das würde für den neuen Kollegen sicher um ein vielfaches Schwieriger. Aber das sollte dann nicht mehr sein Problem sein. Im Vordergrund stand jetzt erstmal, den Verkauf über die Bühne zu bringen.
Er machte sich auf den Weg in die Praxisräume. In Kürze würde die Sprechstunde beginnen und er wollte vorher noch seiner Sprechstundenhilfe Monika von den Neuigkeiten berichten. Wenn er die Praxis verließ, würde das auch für Monika eine große Umstellung bedeuten. Es würde sicher nicht ganz einfach für sie werden, sich auf einen neuen Chef einzustellen. „Guten Morgen Dr. Meierling, heute sind Sie aber besonders früh. Wir haben bis zum Beginn noch fast eine halbe Stunde Zeit. Da könnten wir vielleicht schnell die anliegenden Rechnungen durcharbeiten.“
„Das machen wir später. Ich habe Ihnen etwas zu berichten. Stellen Sie sich vor, es hat sich bereits ein Kollege gemeldet, der sich für meine Praxis interessiert. Er wird am Wochenende herkommen, um sich alles anzusehen.“
Monika machte alles andere als einen erfreuten Eindruck. „Aber Sie haben doch gesagt, dass ich mir überhaupt keine Sorgen machen brauche, weil sich wahrscheinlich niemand melden wird der sich für diese Gegend interessieren wird. Haben Sie sich vertan, oder wollten Sie mich nur beruhigen. Sie wissen, dass ich mir die Praxis ohne Sie nicht vorstellen kann. Wenn ich daran denke, dass irgendein Möchtegern Tierarzt Ihre Position übernimmt, bringe ich am Wochenende am besten gleich meine Kündigung mit.“
„Liebe Monika, nun warten Sie doch erst mal das Wochenende ab. Wir werden gemeinsam schauen, ob es für Dr. Koch, so heißt der Kollege, überhaupt der richtige Platz ist. Es wäre mir schon sehr wichtig, wenn ich Sie dabei an meiner Seite hätte. Dann können wir anschließend auch gemeinsam beraten, welchen Eindruck wir haben.
Wenn ich nicht langsam alt und gebrechlich wäre, könnte ich mir einen Weggang von hier auch kaum vorstellen. Aber es wird mir alles zu viel. Ich denke schon jetzt mit Schrecken an

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das nächste Frühjahr. Da wird es kaum eine ruhige Nacht geben. Ständig können irgendwelche Schafe oder Kühe ihre Lämmer und Kälber nicht allein zur Welt bringen. Und die Tage sind deswegen dann auch nicht ruhiger. Nein, da suche ich mir lieber ein stilles Plätzchen, an dem ich den Rest meines Lebens verbringen kann.“
Monika sagte nichts mehr. Sie sah sehr betrübt aus. Dr. Meierling überließ sie ihren Gedanken. Er wusste auch nicht wirklich, was er ihr sagen sollte um sie zu beruhigen. Er war sehr gespannt, wie das Wochenende verlaufen würde. Vielleicht kam alles besser, als sie es sich jetzt vorstellen konnte.

Kapitel 6

Seit dem Telefonat mit Dr. Meierling vergingen die Tage für Carsten Koch wie im Fluge. Ihm fielen andauernd neue Fragen ein, die er an Dr. Meierling stellen wollte. Ein kleiner Notizblock war sein ständiger Begleiter geworden. Ohne diesen hätte er bestimmt die Hälfte vergessen.

In der Nacht von Freitag auf Samstag brach er gegen 2.00 Uhr auf. Viele Stunden Autobahn lagen vor ihm. Wenn er an diese ewige Strecke dachte, hatte er fast keine große Lust mehr, sich auf den Weg zu machen. Glücklicher Weise nahm er das aber als Preis für eine vielleicht schöne Zukunft, die vor ihm lag, hin. Er würde sich die Zeit mit guter Musik vertreiben.

Er war schon eine Weile unterwegs, als ihm auffiel, dass die Zeit recht schnell verging. Ganz anders, als er sich das vorgestellt hatte. Schon über 300 Kilometer lagen hinter ihm.
Er ließ seinen Gedanken freien Lauf. Wie würde sein weiteres Leben verlaufen, wenn er sich wirklich mit Herrn Dr. Meierling einig werden würde. Er malte sich alles sehr umfangreich aus. Zwar hatte er, wenn er ehrlich war, überhaupt keine Ahnung, wie der Beruf eines Tierarztes in so ländlicher Gegend aussah. Trotz alle dem war er geneigt, alles daran zu setzen, diese Erfahrung zu machen.

Es war erst kurz vor acht Uhr, als er auf den Hof des Kollegen Meierling einbog. Die letzten 30 Kilometer, nachdem er die Autobahn verlassen hatte, waren ihm vorgekommen wie in einem Traum. Diese Gegend war absolut reizvoll. Von Hektik und Stress war, ganz anders als er es bis heute kannte, nichts zu spüren.

Er parkte sein Auto direkt vor dem Eingang. Er war gerade eben erst ausgestiegen, als die Haustür sich öffnete. Zwei Personen, ein älterer Herr und eine junge Frau, traten ihm entgegen. Der Mann, offensichtlich Dr. Meierling, streckte ihm die Hand entgegen. „Sie müssen Dr. Koch sein. So früh hatten wir Sie gar nicht erwartet.“ Die beiden schüttelten sich die Hände. „Ich hoffe, ich bin nicht zu früh dran. Passt es Ihnen denn überhaupt zu so früher Stunde schon?“ Indem er das sagte, schüttelte er der jungen Frau, die nur ein sehr leises „guten Morgen“ wisperte, die Hand. Dr. Meierling, der wieder das Wort ergriffen hatte, beteuerte, dass das nicht das kleinste Problem darstelle. „So haben wir auch ein wenig mehr Zeit, um alles zu besprechen und zu zeigen. Das hier ist meine Helferin Monika.“

Monika, die sich immer noch sehr still verhielt, war in ihrem Empfinden restlos gefangen. So einen Mann wie Dr. Koch hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nie kennen gelernt. Er hatte, einmal abgesehen von seinem blendenden Aussehen, eine super nette Ausstrahlung. Es war kaum zu glauben, dass dieser Mann auch noch so gut aussah. Seine schwarzen, kurz geschnittenen Haare. Und dazu diese strahlend blauen Augen. Sein durchtrainierter, athletischer Körper gab den Rest zu ihrer Sprachlosigkeit.

In den letzten Tagen hatte sie sich die allerschlimmsten Vorstellungen über Dr. Koch gemacht.
Den Mann, der nun vor ihr stand, hatte sie im Traum nicht erwartet. Sie war von der allerersten Sekunde restlos von ihm beeindruckt.

Fast schämte sie sich ein wenig für ihre Gedanken, die ihr durch den Kopf gingen. „Hoffentlich gefällt es ihm hier. Dann werde ich jeden Tag an seiner Seite stehen.“

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Endlich fand Monika ihre Sprache wieder. Sie lächelte Dr. Koch an. „Wir sollten erst mal in Ruhe einen Kaffee trinken. Dabei können Sie sich etwas von der anstrengenden Reise erholen. Ich könnte auch ein paar belegte Brote bereiten. Hunger haben Sie doch ganz gewiss auch!“

Sie geleitete Dr. Koch ins Haus. Sofort, nachdem sie ihm einen Platz am Tisch angeboten hatte, begann sie damit, ein Frühstück vorzubereiten.
Dr. Meierling sah Monika sehr verwundert an. Es waren noch keine 5 Minuten vergangen und seine Helferin schien schon nach so kurzer Zeit ziemlich überzeugt zu sein, dass Dr. Koch der Richtige Bewerber war.
So einfach hatte er sich das nicht vorgestellt. Er hatte sich schon ganz viele Dinge überlegt,
die er Monika sagen wollte, um sie umzustimmen. Aber das schien nicht mehr nötig zu sein. Er war jetzt schon sehr gespannt, wie das Wochenende weiter verlaufen würde.

Kapitel 7

Dieser Tag schien besonders heiß zu werden. Sabine die mit der morgendlichen Stallarbeit schon fast fertig war, hatte gerade einen Blick auf ein Thermometer geworfen. Es war noch nicht einmal sieben Uhr und schon fast 25 Grad.
In diesem Moment kam Karin auf den Hof gefahren. Sie war ebenfalls sehr früh aufgestanden. Nachdem sie Sabine etwas bei der Stallarbeit geholfen hatte, war sie aber ins Dorf gefahren um frische Brötchen zu holen.

„Ich koche schon einen Kaffee. Wie lange brauchst du hier draußen denn noch?“
„Keine viertel Stunde mehr. Ich fege nur noch schnell den Gang vorm Stall.“
„Wenn du rein kommst, ist das Frühstück fertig.“ Mit diesen Worten verschwand Karin im Haus.
Es verging wirklich nur eine viertel Stunde und die beiden Frauen trafen sich in der Küche zum Frühstück. Natürlich war Snuffy wie immer dabei. Er hatte auch schon den Morgen mit bei der Stallarbeit verbracht. Snuffy war immer an Sabines Seite. Sabine hatte schon immer einen Hund an ihrer Seite gehabt. Das waren auch immer gute Freunde gewesen. Aber Snuffy war etwas ganz besonderes. Sabine war sehr froh, diesen guten Gefährten stets bei sich zu haben. Und Snuffy war erst 4 Jahre alt. Es würden noch viele Jahre ins Land gehen, bis sie über das traurige Thema „Abschied nehmen“ nachdenken musste.
„Wollen wir heute eine ruhige Wanderung machen und anschließend wieder ein Picknick am See?“
Karin war sofort einverstanden. „Heute scheint es auch besonders heiß zu werden. Da ist das bestimmt genau das Richtige.“
Schon eine knappe Stunde später gingen sie los. Ich zeig dir heute meinen Lieblingsweg. Dort gehe ich oft mit Snuffy spazieren.
Sie waren schon eine Weile unterwegs, als sie an eine Lichtung kamen. Sabine schlug vor, hier die erste Pause zu machen. Eine mitgebrachte Decke wurde vor einen Baum gelegt. „Das ist doch recht gemütlich.“ Die beiden Frauen nahmen auf der Decke Platz und lehnten sich am Baum an. Snuffy suchte sich ganz in ihrer Nähe ein schattiges Plätzchen.
„Hier ist es aber wirklich auch ganz besonders schön, Aber sag mal, gibt es nicht auch Zeiten, in denen dir die Ruhe und die Abgeschiedenheit zu viel wird? Kontakt zu anderen Menschen scheinst du hier nur sehr wenig zu haben.“
„Ich bin eigentlich sehr froh über diese Ruhe. Wenn ich an meinen Büchern schreibe, würde ich sicher schon die kleinsten Störungen als sehr lästig empfinden. Und wirklich allein bin ich doch nicht. Meine Tiere sind doch immer da.“
„Ich weiß nicht, ob es richtig ist, dich das zu fragen. Aber hast du nicht auch mal darüber nachgedacht, eine neue Beziehung einzugehen. Rolf ist schon so lange tot.“
In Sabines Augen schimmerten Tränen. Karin ergriff ihre Hand.
„Ich hätte das doch nicht ansprechen sollen. Entschuldige.“

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„Nein, es ist sogar gut dass wir darüber reden. Ich habe noch so eine tiefe Erinnerung an Rolf. Bestimmt warst du in der Zeit als ich ihn kennen lernte, von meinen Briefen entnervt. Ich weiß noch, dass ich dir haarklein beschrieben habe, wie toll ich ihn finde. Und es hat nur sehr kurze Zeit gedauert, bis wir beschlossen, zu heiraten. Die Verbindung zwischen Rolf und mir war einfach wie maßgeschneidert. Er hat mich so gut verstanden.“

Karin nahm Sabine in den Arm. Eine Zeitlang saßen sie schweigend nebeneinander.
„Den Tag, an dem Rolf verunglückt ist, werde ich nie vergessen. Eigentlich hatten wir besprochen, dass wir zusammen in die Stadt fahren. Aber ich hatte noch soviel für mein damaliges Buch zu schreiben, so das mir einfach die Zeit fehlte.
Wie oft habe ich mir gewünscht, dass wir zusammen gefahren wären. Dann wären wir vielleicht auch zusammen gestorben. Und das wäre viel einfacher gewesen.“
Wieder legte Sabine, die jetzt in Tränen aufgelöst war, eine Pause ein. Karin hätte ihr so gerne tröstende Worte gesagt. Aber ihr fiel nichts ein, womit sie den Schmerz der Freundin hätte mildern können. Sie hielt Sabine fest im Arm.
„Als an dem Morgen die Polizei auf den Hof fuhr, habe ich mir noch keine Sorgen gemacht. Ich hatte gedacht, dass die Ponys vielleicht ausgebrochen waren. Aber als die beiden Beamten dann erst mal fragten ob sie ins Haus kommen dürften und sagten, es wäre besser, wenn ich mich setzten würde, wurde mir schon ein wenig anders. Sie sagten, wie leid es ihnen tue, mir die Nachricht vom Tod meines Mannes überbringen zu müssen.
In mir war nur Leere.“
Sabine war nun restlos in Tränen aufgelöst. Snuffy, der schon vor ein paar Minuten gespürt hatte, dass es Sabine nicht gut ging, hatte sich sehr dicht zu ihr gelegt. Sein Kopf lag auf Sabine Beinen. Sie kraulte tief versunken seine Ohren.
Es dauerte einige Minuten, bis Sabine weiterreden konnte.
„Ich könnte mir bis zum heutigen Tag nicht vorstellen, mit einem anderen Mann zusammen zu leben. Rolf ist schon sechs Jahre tot. Und dennoch, ich glaube nicht, dass ein anderer Mann es jemals schaffen könnte, seinen Platz zu übernehmen. Rolf und ich waren einfach wie füreinander gemacht.
Und jetzt bin ich auch schon fast 36. Wer will schon so eine alte Schachtel haben?“
Sabine lächelte jetzt wieder. „Danke dass du mir zugehört hast. Ich weiß, dass das nicht einfach für dich war. Mir hat es sehr gut getan, einmal darüber zu reden.“
Wieder umarmten sich die Frauen. Karin konnte ihre Freundin so gut verstehen.
„Als wir im Tierpark waren und ich vor dem Bären stand, da hatte ich ein ganz eigenartiges Gefühl. Ich weiß nicht warum, aber als der Bär mich so ansah, da musste ich unwahrscheinlich stark an Rolf denken. Wenn wir heute nicht darüber geredet hätten, hätte ich nichts dazu gesagt. Aber jetzt kann ich das ganz offen erzählen. Auf jeden Fall war das so, dass ich da schon ganz gewaltig mit den Tränen gekämpft habe. Und ich weiß nicht, wie es dazu kam. Wenn ich an die Augen des Bären zurückdenke, kann ich nicht sagen, dass mich diese Augen an Rolfs erinnerten. Aber irgendwie musste ich trotzdem mit einem großen Schmerz an ihn denken.“
„Würde es dir helfen oder dich trösten, wenn wir den Bären noch einmal besuchen?“
„Ich habe mir fest vorgenommen das zu tun. Aber ich fände es super toll, wenn wir das zusammen machen. Dann sehe ich ihn auch bald schon wieder.“
„Wir sollten uns gleich morgen zu ihm auf den Weg machen. Ich bin ja mal gespannt, ob er sich wieder so verhalten wird wie beim letzten Mal.“
„Ich freu mich sehr auf morgen.“

Ein paar Minuten blieben sie noch auf der Lichtung sitzen. Aber dann stand Snuffy plötzlich auf. Er schien die Frauen auffordern zu wollen, nun aber den Spaziergang fortzusetzen. Sofort gaben sie auch seinem Drängeln nach. Sie machten sich wieder auf zum See. Da würden sie in Ruhe eine Abkühlung genießen. Das war bei dieser unsäglichen Hitze bestimmt eine sehr gute Idee.

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Kapitel 8

Monika war während des gesamten Frühstücks sehr darum bemüht, einen guten Eindruck bei Dr. Koch zu hinterlassen. Er sollte sofort merken, mit wie viel Einsatz sie hinter der Praxis und Dr. Meierling stand. Er würde sich denken können, dass sie bereit war, auch an seiner Seite ihre Arbeit so fortzusetzen.

Nachdem das Frühstück beendet war, schlug Dr. Meierling vor, mit der Besichtigung der Praxis zu beginnen. Carsten Koch folgte ihm. Er war sehr gespannt auf die Räumlichkeiten, die Dr. Meierling nun zeigen würde. Und auch Monika folgte den Beiden. Sie wollte keine Sekunde des Gespräches zwischen den Männern verpassen.

Alle drei gingen durch den Haupteingang in die Praxis. Unmittelbar standen sie im Wartezimmer. Ein kleiner abgeteilter Bereich stellte die Anmeldung dar.
„Während der Sprechstunde machen wir das immer so, dass ich mich meistens hier aufhalte. Ich suche dann schon die Karteikarten heraus, die zu dem Patienten gehören. Wenn der Patient dann an der Reihe ist, begleite ich ihn mitsamt der Karte in den Behandlungsraum. Wenn der Patient dann fertig ist, kassiere ich dann auch gleich den anfallenden Betrag. Bei der Behandlung selbst bin ich meist nicht dabei. Das macht Dr. Meier-ling meist mit den Tierbesitzern. Nur wenn mal schwierige Patienten dabei sind, bin auch ich bei der Behandlung dabei. Wie halten Sie das denn bei sich?“

„Die Arbeit an der Klinik sieht etwas anders aus. Da hat man mit den Tierbesitzern nur wenig zu tun. Und meistens besteht mein Tagesablauf auch aus vielen Operationen, die aufeinander folgen.“
Monika, die etwas erwidern wollte, wurde von Dr. Meierling unterbrochen. „Der Kleintieranteil in der Praxis ist der Kleinere. An den meisten Tagen bin ich unterwegs, um Großtiere zu behandeln. Wie ist Ihre Erfahrung denn in diesem Bereich?“

„Da muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich in diesem Bereich nur sehr wenig Erfahrung habe.“ „Vielleicht könnten wir das so machen, dass wir einige Wochen zusammen arbeiten. Ich würde Ihnen dann auch alle Kunden vorstellen. Wenn Sie mir einige Zeit über die Schulter sehen, wären Sie bestimmt auch schnell für unsere großen Patienten gewappnet.“

Sie sahen sich noch den Behandlungsraum, den OP und den Röntgenraum an.
„Die Praxis kennen Sie nun schon. Im Keller lagern wir Medikamente. Da ist Monika sehr ordentlich. Ich muss zugeben, dass ich ohne Monika nicht einmal halb so gut klar käme.“
Sie gingen in den Keller. Dr. Koch war von der Übersichtlichkeit der Medikamente sehr angetan. „Hier sieht man aber wirklich, dass Sie darauf ein Auge halten.“ Er lächelte Monika an.
„Könnten Sie sich vorstellen, auch mit mir zusammen zu arbeiten? Das wäre bestimmt eine große Erleichterung.“
„Zwar könnte ich mir überhaupt noch nicht vorstellen, dass Dr. Meierling nicht mehr hier ist, aber nach einer Zeit hätte ich mich daran bestimmt auch gewöhnt. Selbstverständlich könnte ich mir eine Zusammenarbeit mit Ihnen vorstellen.“
Dr. Meierling schmunzelte. So einfach hatte er sich das wirklich nicht vorgestellt.
„Ich zeig Ihnen jetzt das Wohnhaus.“
Wieder schloss Monika sich den beiden Männern an. Sie wollte auf gar keinen Fall Einzelheiten, die Dr. Koch betrafen, verpassen.
„Mit wie vielen Personen gedenken Sie denn hier einzuziehen?“
Dr. Meierling sah Carsten Koch fragend an.
„Ich würde alleine einziehen. Eine Familie habe ich nicht.“
„Ich habe hier auch viele Jahre alleine gewohnt. Meine Frau ist sehr früh verstorben.“
„Das tut mir leid. Bestimmt war das nicht einfach.“
„Ich hab mich daran gewöhnt hier alleine zu sein. Und tagsüber ist Monika fast immer hier. Es ist schön, wenn ab und zu jemand da ist, mit dem man ein wenig plaudern kann. Aber da wüsste ich Sie ja schon jetzt in den besten Händen.“
Dr. Meierling legte seinen Arm um Monika, die leicht errötet war.

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„Wir können noch einen Weg zu den Stallungen machen. Es kommt nicht selten vor, dass Tiere, meistens Pferde, stationär hier untergebracht sind. Und außerdem gehören auch zwei Pferde zum Hof. Es macht eine Menge Freude, gelegentlich einmal einen Ausritt zu unternehmen.“

„Das ist schon Jahre her, seitdem ich zuletzt auf einem Pferd geritten bin. Neben der Arbeit blieb dafür keine Zeit. Aber das wäre natürlich ein verlockendes Angebot.“
„Erzählen Sie doch jetzt mal von Ihrem ersten Eindruck. Hatten Sie sich meine Praxis so vorgestellt oder sind Sie enttäuscht?“

„Ich fühle mich hier sehr gut. Es wäre fast zu schön um wahr zu sein, wenn wir es schaffen würden, uns einig zu werden.“
„Das soll an uns nicht scheitern.“ Wieder sah er Monika an, die zustimmend lächelte.
Die drei gingen zurück zum Haus, um dort weitere Einzelheiten zu besprechen.

„Wann könnten Sie sich denn vorstellen hier herzuziehen?“ „Ich würde schon noch eine Zeit brauchen, bis ich zuhause alles geregelt habe. Vielleicht könnten wir in den nächsten Wochen eine Zeit vereinbaren, in der ich mit Ihnen gemeinsam die Patienten besuche. Ich habe für dieses Jahr noch meinen gesamten Urlaub.“

„Das ist eine sehr gute Idee. Wie kurzfristig wäre es denn für Sie möglich, Ihren Urlaub zu nehmen?“
„Das wird sich sehr schnell machen lassen.“
„Sollen wir einfach mal die nächsten 3 Wochen ab Mitte nächster Woche planen oder meinen Sie, dass das doch etwas zu knapp wird?“

„Ich denke schon, dass sich das einrichten lässt. Ich würde dann, sagen wir nächsten Donnerstag wieder hier erscheinen. Es ist schön, dass wir das alles so schnell hinbekommen. Ich muss aber auch wirklich zugeben, das mich Ihre Praxis und das gesamte Umfeld sehr anspricht. Ich glaube, ich kann mir gut vorstellen, hier Fuß zu fassen.“
Die drei saßen noch geraume Zeit beisammen. Dr. Meierling erzählte von vielen Erlebnissen, die er im Laufe der Zeit in der Praxis gehabt hatte.
Als Carsten Koch schließlich beschloss, sich nun langsam wieder auf die Heimreise zu begeben, herrschte einen Moment lang fast eine Abschiedsstimmung. Aber in Anbetracht des Wiedersehens schon in ein paar Tagen war das schnell überstanden.
Monika und Dr. Meierling begleiteten Carsten Koch bis zu seinem Auto.
„Dann wünschen wir Ihnen eine gute Heimreise. Und wir sehen uns nächste Woche wieder.“ Monika und Dr. Meierling winkten ihm nach als er den Hof verließ.

Kapitel 9

Nachdem Sabine und Karin noch eine lange Zeit am See verbracht hatten, machten sie sich auf den Heimweg. Es war wieder ein sehr schöner Tag gewesen.
Sabine fühlte sich ziemlich gut. Es hatte ihr sehr geholfen, einmal mit ihrer Freundin über Rolfs Tod reden zu können.

Die beiden Frauen saßen bis zum Einbruch der Dunkelheit im Garten. Es war sehr angenehm, das sich die Luft ein wenig abkühlte. Sie hatten sich lange über Sabines neues Buch unterhalten. „Es ist unglaublich, wo du diese ganzen Ideen hernimmst. Das ist doch schon das zwölfte Buch das du schreibst. Die Spannung ist in jedem gleich gut. Auf den neuen Roman bin ich auch schon sehr gespannt. Ich werde wahrscheinlich die allererste Kundin im Buchladen sein. „Du könntest aber wenigstens schon mal verraten, ob sie ihn am Ende noch wieder trifft.“

„Wir können jetzt ins Haus gehen und uns noch eine Weile in die Küche setzen. Ich erzähl dir dann, wie es weitergehen wird.“
Karin war sofort einverstanden. Sie sammelten ihre Gläser und die Teller vom Abendbrot ein und gingen in die Küche.

Karin hörte ihrer Freundin aufmerksam zu, die davon berichtete, wie es in dem Buch weitergehen würde.

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Sie hatten schon einige Zeit so zusammen gesessen, als Snuffy plötzlich aufstand und zur Tür ging. Sein Nackenhaar war gesträubt und er knurrte leise.
Sabine sah ihn verwundert an. „Was hast du denn?“ Snuffy ließ sich nicht ablenken. Sonst war es immer so, dass er sofort reagierte, wenn Sabine ihn ansprach. Aber jetzt stand er an der Tür und verharrte vollkommen reglos. Sein Knurren hörte sich sehr bedrohlich an.

Karin schien sehr verunsichert. „Was hat das zu bedeuten? Hat er das schon öfter gemacht?“ „Nein, daran kann ich mich nicht erinnern.“
Sabine stand auf und ging zu Snuffy. Sie streichelte ihn und sprach beruhigend auf ihn ein. Nach einer Weile schien Snuffy sich auch wirklich zu beruhigen. Sabine setzte sich wieder. Sehr aufmerksam beobachteten die Frauen noch den Hund. Es schien aber alles in Ordnung zu sein. Snuffy hatte sich wieder auf seinen Platz in der Küchenecke gelegt.

Als sie schließlich beschlossen, ins Bett zu gehen, wirkten beide Frauen noch ein wenig angespannt. Beide waren aber auch sehr bemüht, die andere nichts merken zu lassen. „Morgen früh werden wir in den Tierpark fahren und den Bären besuchen. Darauf freue ich mich schon sehr.“

Nachdem sie sich noch eine gute Nacht gewünscht hatten, gingen sie auf ihre Zimmer. Wie ein Schatten folgte Snuffy Sabine. Er schlief jede Nacht vor ihrem Bett. Das war ein gutes Gefühl.

Kapitel 10

Der Morgen begann wie jeder Tag. Sabine und Karin trafen sich sehr früh bei den Ställen. Gemeinsam misteten sie die Boxen aus und streuten diese mit frischem Stroh ein. Nachdem das geschehen war, wurden noch die Gänge gefegt und schon waren sie fertig.
„Ich fahre wieder schnell ins Dorf und hole Brötchen. Das ist doch zum Frühstück eine schöne Sache.“

„Das stimmt. Ich bereite dann schon alles vor. Wenn du zurück- kommst, ist der Tisch gedeckt und der Kaffee fertig.“

Schon nach 20 Minuten saßen die Beiden am Frühstückstisch und ließen es sich gut schmecken.
„Hat Snuffy sich in der letzten Nacht eigentlich noch einmal so verhalten wie gestern Abend?“

„Nein. Er hat die ganze Nacht ruhig neben meinem Bett geschlafen.“
„Das war schon unheimlich. Hast du eine Idee, was ihn so wütend gemacht hat? Dem möchte ich nicht begegnen, wenn er in so einer Stimmung ist.“
„Ich habe nicht die kleinste Idee, was ihn so aus der Fassung gebracht hat. Aber da hast du Recht, wenn er so ist, macht er bestimmt keinen Spaß. Ich bin mir sicher, das er dann von seinen Zähnen Gebrauch machen würde.“
„Aber das ist auch ein gutes Gefühl. Als Einbrecher würde ich mir sehr gut überlegen, ob ich Snuffys Bekanntschaft machen wollte.“
Die schlechte Stimmung des gestrigen Abends war überwunden. Beide Frauen dachten nicht mehr darüber nach, aus welchem Grund Snuffy sich so verhalten hatte.
Nachdem die beiden Frauen noch eine Weile über belanglose Themen geredet hatten, machten sie sich auf den Weg in die Stadt um im Tierpark den Bären zu besuchen.
Sabine fuhr dieses Mal ohne Umwege direkt zum Tierpark. An der Kasse mussten sie einen Moment anstehen. Offensichtlich hatten an diesem Tag viele Leute beschlossen, einen Bummel durch den Tierpark zu machen.
Nachdem sie den Eintritt bezahlt hatten, machten sich die Frauen sofort auf den Weg zu dem Bärenkäfig. Der Bär lag, genau wie beim ersten Besuch, in der hinteren Ecke seines Käfigs. Sabine stellte sich dicht vor die Absperrung. Der Bär schien völlig unbeeindruckt.
„Vielleicht habe ich mir das beim letzten mal doch nur eingebildet.“

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Es waren schon einige Minuten vergangen und Sabine überlegte gerade, ob sie nicht lieber wieder nach Hause fahren sollten.
Genau in diesem Augenblick stand der Bär auf. Sehr langsam ging er direkt auf Sabine zu. Eng an das Gitter gelehnt, setzte er sich hin. Wieder sah er Sabine direkt an.

„Das ist kaum zu glauben. Er scheint dich wieder zu erkennen.“
„Mir wird auch schon wieder komisch. Guck mal, wie er mich ansieht.
Sabine verspürte den großen Wunsch, den Bären zu berühren. Es kam ihr vor, als würde sie ihn schon lange kennen. Da war soviel Vertrautheit.
„Ach wenn man ihn doch bloß befreien könnte. Was ist das für ein Leben in diesem Käfig.“ „Aber du kannst ihn schlecht mit zu dir nach Hause nehmen. Deine anderen Tiere hätten bestimmt auch etwas dagegen.“
„Ich habe einmal von einem Mann gehört, der einen Geparden bei sich zu Hause gehalten hat. Das war zwar mit vielen Auflagen verbunden, aber immerhin konnte er das machen.
Vielleicht gibt es für den Bären auch so eine Möglichkeit. Ich werde mal ins Internet schauen. Vielleicht ist ja da ein Weg aufgezeigt.
Auch wenn Karin die Idee ihrer Freundin nicht wirklich nachvollziehen konnte, so verstand sie doch den Wunsch, für den Bären etwas Gutes zu tun.
Es war sehr beeindruckend, wie sehr er Sabines Nähe suchte. Fast sah es so aus, als würden die beiden, Sabine und der Bär, miteinander in Kontakt stehen. Ob so etwas zwischen Mensch und Tier möglich war? Von solchen Begebenheiten hatte sie zwar noch nie etwas gehört, aber es konnte ja trotzdem möglich sein.
„Irgendwie habe ich das Gefühl, als wolle er etwas frisches Grünes zu fressen. Ich weiß nicht, ob Bären Salat fressen, aber irgendwie habe ich das Gefühl.
Sabine sah auf den Boden zwischen der Absperrung und dem eigentlichen Käfig. Dort wuchs Klee, Gras und Löwenzahn.
Ohne darüber nachzudenken, kletterte Sabine über die Absperrung.
„Sabine, nein, das ist bestimmt gefährlich!“
„Mach dir keine Sorgen, ich geh nicht zu nah an die Gitterstäbe. Ich pass gut auf. Aber ich muss das einfach tun.“
Sie bückte sich und begann, Gräser, Klee und Löwenzahn zu pflücken. Der Bär sah ihr aufmerksam zu. Nicht die kleinste Bewegung Sabines entging ihm.
Als sie sich wieder aufrichtete und das eben gepflückte durch die Gitter warf, senkte der Bär sofort seinen Kopf auf den Boden und begann, das Grünfutter gierig zu fressen.
Sabine sorgte umgehend für Nachschub.
Wenn nicht andere Besucher sich über Sabines Unvorsichtigkeit aufgeregt hätten, wäre das bestimmt noch längere Zeit so weitergegangen. Um weiteren Anfeindungen aus dem Weg zu gehen, kletterte Sabine wieder über die Absperrung.
Der Bär sah sie an. Er schien ihr Verhalten nicht zu verstehen.
Sabine erwiderte seinen Blick und sagte leise:“ Du lieber Freund. Es tut mir leid, dass ich
nicht weiter machen kann. Aber ich verspreche dir, dass ich etwas für dich tun werde. Vielleicht gibt es doch die Chance, Dich hier zu befreien.“
Karin beobachtete aufmerksam die Verständigung zwischen Sabine und dem Bären. Irgendetwas musste da doch sein.
Sie stand dicht neben Sabine und legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Es sieht wirklich so aus, als würde er dich verstehen. Da scheinst du einen neuen Freund gefunden zu haben.“
Ein paar Minuten verweilten Sabine und Karin noch vor dem Bärenzwinger. Der Bär schien
zu spüren, dass sie gehen wollten.
Tief aus seiner Kehle ertönte ein Brummen. Dann stand er auf und zog sich wieder in die hintere Ecke des Käfigs zurück.
„Es ist sehr lieb von ihm das er jetzt geht. So ist es für mich einfacher.“
Nachdem sie noch einen kurzen Moment vor dem Käfig gestanden hatten, gingen auch die Frauen los.

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Sabine versprach dem Bären in Gedanken, dass sie bald wieder kommen würde. Und sie versprach ihm auch, dass sie sich darum kümmern würde, ob es eine Möglichkeit geben könnte, ihn aus seiner Lage zu befreien.

Kapitel 11

An diesem Tag kam Monika erst am frühen Abend nach Hause. Sie hatte die verbleibende Zeit noch mit Dr. Meierling über Carsten Koch geredet. Sie waren beide der Meinung, dass er als Nachfolger für Dr. Meierling genau der Richtige war. So war die Zeit vergangen.
Als Monika nun zuhause eintraf, fand sie ihren Freund Bernd wie meistens am Computer sitzend vor. Zu Anfang ihrer Beziehung war alles in bester Ordnung gewesen. Aber dann kam die Zeit, in der Bernd verschiedene Computerspiele entdeckte. Dadurch hatte sich alles verändert.
Bernd war diesen Spielen restlos verfallen. Es schien ihm nicht das Geringste auszumachen, dass er durch diese Leidenschaft seinen Arbeitsplatz verlor.
Sein damaliger Chef hatte mehr als einmal angesprochen, dass er mit Bernds Unzuverlässigkeit nicht mehr klar käme. Aber auch das hatte nichts verändert. Wenn Bernd vor diesem blöden Spiel saß, vergaß er alles um sich herum.
Wie oft war es passiert, dass er viel zu spät zur Arbeit erschien oder sich einfach krank meldete. Das sein Chef dafür kein Verständnis hatte, war doch klar. Monika hatte alles versucht, um Bernd wieder auf einen geraden Weg zu bringen. Aber auch sie hatte keine Chance, ihren Bernd zu überzeugen, dass sein Verhalten nicht richtig war. Die Folge war die Kündigung gewesen. Bernd hatte das einfach hingenommen. Er versprach seitdem fast täglich, sich einen neuen Job zu suchen. Aber es geschah nichts.
Monika hatte schon mehrfach angesprochen, dass sie diese Situation nicht mehr lange aushalten würde. Aber auch das hatte nichts verändert.
Auch jetzt saß Bernd wieder vor dem PC. Monika war in so guter Stimmung gewesen. Aber jetzt war sie restlos verärgert.
„Wie lange sitzt du denn schon wieder vor dieser blöden Kiste? Ich hatte dich heute Morgen gebeten in der Küche Ordnung zu schaffen. Du solltest auch das Altglas wegbringen.

Warst du wenigstens einkaufen?“
„Dazu bin ich nicht gekommen. Die Zeit ist einfach zu schnell vergangen.“
„Ich halte das nicht mehr aus. Es kann doch wohl nicht sein, dass du nur noch vor dem Computer hockst. Bedeute ich dir überhaupt noch etwas?“
„Natürlich. Das weißt du auch. Im Moment finde ich hier einfach eine Auszeit. Ich muss dann über alle Probleme nicht nachdenken. Das wird auch wieder anders.“
„Wie lange soll ich darauf noch warten?“
„Wenn du mir nur Vorwürfe machst, brauche ich bestimmt noch länger, um alles wieder hinzubiegen. Du könntest etwas mehr Verständnis für mich haben.“

Monika konnte ihren Bernd einfach nicht verstehen. War ihm denn nicht klar, dass er ihre Beziehung gefährdete?
Sie dachte an Carsten Koch. Dieser nette Typ. Sie hätte es selber nie für möglich gehalten, dass sie sich für einen anderen Mann interessieren könnte. Bernd war ihr immer so wichtig gewesen. Aber sie war fast an einem Punkt, an dem sie einfach keine Kraft mehr hatte, die Situation mit Bernd auszuhalten. Vielleicht würde sich morgen die Gelegenheit ergeben, ihm von Carsten Koch zu erzählen. Ob Bernd, wenn er merkte, dass sie sich für einen anderen Mann interessierte, endlich etwas ändern würde? Sie gab die Hoffnung noch nicht ganz auf. Sie zog sich in die Küche zurück. Hier wartete noch jede Menge Arbeit auf sie. Bernd hatte überhaupt nichts getan. Der Abend hätte so schön werden können. Aber leider nein! Der Computer ging vor.

Während sie in der Küche Ordnung schaffte, war sie trauriger Stimmung. Nicht einmal jetzt ließ Bernd sich blicken.

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Ihre Gedanken schweiften nun wieder zu Carsten Koch. Sie freute sich schon sehr auf die Zusammenarbeit mit ihm.
Bestimmt würde es ihr nicht schwer fallen, ihn ganz auf ihre Seite zu ziehen. In Gedanken sah sie sich fast schon als Frau Dr. Koch.

Sie fühlte sich dabei schon wieder deutlich besser.
Wenn Bernd sich bald nicht ändern würde, könnte er seine Sachen packen und sie verlassen. Sie würde sich dann um Carsten Koch kümmern.

Kapitel 12

Sabine und Karin hatten in der Stadt noch ein wenig eingekauft, bevor sie sich wieder auf den Heimweg machten. Dort wurden sie schon sehnsüchtig von Snuffy erwartet. Auch Steve und Trude, die beiden Katzen, saßen vor der Haustür. Sie schienen auf die Einkäufe zu spekulieren.

„Schau dir das an. Die wissen alle ganz genau, dass ich ihnen immer etwas mitbringe wenn ich unterwegs war.“
Snuffy schnüffelte sehr interessiert an Sabines Kleidung.
Karin beobachtete ihn aufmerksam. „Der scheint zu riechen, dass du bei dem Bären warst. Wie er das wohl findet?“

Sabine kniete sich neben Snuffy auf den Boden. „Snuffy, stell die nur vor, ich habe einen Bären kennen gelernt, dem es sehr schlecht geht. Hättest du etwas dagegen, wenn er bei uns einzieht?“
Snuffy sah Sabine aufmerksam an. Er leckte ihr über die Hand und wedelte dazu mit seinem Schwanz.

„Es macht fast den Eindruck, als würde er dich verstehen. Was würde er jetzt wohl sagen, wenn er sprechen könnte.
Es wäre so schön, wenn ich ihn verstehen könnte. Dann wäre mein Leben bestimmt noch viel einfacher.
„Stell dir das bloß vor, wenn wir mit den Tieren richtige Gespräche führen könnten. Dann wäre ich bestimmt von morgens bis abends in Gespräche verwickelt und käme überhaupt nicht mehr zum Schreiben.“ Sabine lächelte über ihre eigene Idee.
Sie sah die Freundin an. „Sag mal, wäre es für dich in Ordnung, wenn wir jetzt im Internet nachsehen, ob es eine Möglichkeit gibt, solche Tiere wie den Bären zu halten?“
„Natürlich. Dir ist es sehr ernst mit der Vorstellung, den Bären bei dir aufzunehmen.“
„Ich würde ihm so gerne helfen. Ich könnte hier ein großes Gehege für ihn bauen. Da könnte er dann herumlaufen und auch einmal Erde unter seinen Pranken spüren. Nicht nur Beton.“ „Aber das wird doch bestimmt ein Vermögen kosten.“
„Das ist mir die Sache wert. Du weißt doch, dass ich finanziell ganz gut dastehe. Es kommt mir überhaupt nicht auf den Preis an. Ich will dem Bären helfen.“
„Komm, lass uns nachsehen. Ich bin ziemlich sicher, dass du einen Weg finden wirst. Und wenn ich ganz ehrlich sein soll, ich wünsche dir das aus tiefstem Herzen. Das war schon sehr beeindruckend zu beobachten, welche Verbindung zwischen dem Bären und dir zu sein scheint.“

Sabine und Karin gingen, nachdem sie noch Snuffy, Steve und Trude ein paar Leckereien gegeben hatten die sie in der Stadt besorgt hatten, in Sabines Büro. Sie schalteten den Computer ein und verbanden sich dann mit dem Internet.
Sabine tippte in das Suchfenster „Bärenhaltung“ ein. Sie warteten einen kleinen Moment. Es erschienen unterschiedliche Spalten, die sie anklicken konnten. „Wir fangen am besten mit der obersten Spalte an. Dann können wir uns langsam durcharbeiten.“ Ohne die Antwort der Freundin abzuwarten, klickte Sabine die Spalte ganz oben an.

Die Frauen waren beide sehr gespannt. Auf den ersten Seiten wurde nur darüber berichtet, wie Bären gehalten werden sollten. Nicht der kleinste Hinweis, ob ein Bär nur im Zoo oder auch

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privat gehalten werden konnte. Es gab auch viele Hinweise über Futterangebote für Bären. Das, wonach die Frauen suchten, blieb unbeantwortet.
Insgesamt saßen Sabine und Karin nun schon fast zwei Stunden vor dem Bildschirm. Sabine war kurz davor, die Suche aufzugeben. Karin schlug vor, noch auf drei weiteren Seiten nachzusehen. Dann könnten sie erstmal einen Spaziergang mit Snuffy machen und dabei überlegen, wie sie weiter vorgehen wollten.

Sabine ließ sich auf den Vorschlag ein. Wieder klickte sie eine Seite an. Die beiden hatten damit gerechnet, das auf dieser Seite auch wieder alle möglichen Hinweise stehen würden. Aber kaum zu glauben. Dort stand ganz klar beschrieben, dass es auch die Möglichkeit gäbe, Bären unter gewissen Auflagen auch in privaten Gehegen zu halten.

Sabine war hellauf begeistert.
„Karin, da steht, das so etwas geht.“
Karin, die ebenfalls ins Lesen vertieft war, lächelte ihre Freundin nur kurz an. Sie sagte nichts. Sie war von dem Text gebannt.
Sie waren jetzt gemeinsam dabei, die Auflagen zu lesen, die es ermöglichten, einen Bären zu halten.
Sabine überflog den Text.
„Da ist nichts bei, was nicht zu machen ist. Am liebsten würde ich jetzt sofort wieder zu dem Bären fahren und ihm davon berichten. Vielleicht versteht er mich wirklich.“
„Aber lass uns doch erst einen Spaziergang mit Snuffy machen. Dann können wir schon überlegen, wie wir alles machen können.“
Natürlich war Sabine einverstanden. Kurze Zeit später gingen die Drei los.
Sabine und Karin redeten ohne Unterbrechung über die Unterbringung des Bären.
„Wir könnten morgen früh noch einmal in die Stadt fahren. Dann besuchen wir erst den Bären und anschließend gehen wir zur Stadtverwaltung um unser Vorhaben anzumelden. Mal gucken was die sagen.“
Karin fand die Idee gut. Sie überlegte einen Moment. „Vielleicht ist es auch möglich, den Tierparkbesitzer zu sprechen. Was machen wir, wenn er den Bären nicht abgeben will?“
„Da werden wir ihn schon überzeugen. Bestimmt ist das auch nur eine Frage des Preises. Und ich hab ja schon gesagt, dass das für mich keine Rolle spielt.“
„Das ist bestimmt ein gutes Gefühl. Durch deine Bücher bist du fein raus. Finanzen spielen da wohl wirklich keine Rolle mehr.“
„Nein, Als ich mit der Schreiberei angefangen bin, hätte ich mir das nicht vorstellen können. Es ist schön, dass die Menschen meine Romane offensichtlich verschlingen.
Von dem Verlag habe ich häufig Anfragen, wie lange ich für mein nächstes Buch brauchen werde. Das ist schon ein gutes Gefühl.“
„Das glaub ich dir. Bei uns zuhause herrscht auch keine Armut aber mit dir könnten wir wohl nicht mithalten.“
„Aber Georg verdient bestimmt auch nicht schlecht. Und dein Gehalt kommt doch auch noch dazu.“
„Das stimmt schon. Aber einen Bären könnten wir uns nicht leisten.“
Die beiden Frauen lachten, nachdem Sabine noch gesagt hatte, dass Georg damit bestimmt auch überfordert wäre.

Es war wieder wie jeden Tag. Die Zeit, seitdem Karin bei Sabine zu Besuch war, ging herum wie nichts.
Abends saßen sie wieder in der Küche. Sie planten den nächsten Tag.
Snuffy, der natürlich auf seinem Platz in der Küche lag, verhielt sich an diesem Abend sehr still. Obwohl keine der beiden Frauen sein Verhalten vom Vorabend ansprach, dachten beide, unabhängig voneinander, erleichtert darüber nach, dass er heute Abend wieder friedlich und still war. Alles schien also in bester Ordnung zu sein.

Es dauerte noch eine Weile, bis beide beschlossen, ins Bett zu gehen.

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Die Nacht verlief wie gewohnt ruhig und ohne Störungen.
Am nächsten Morgen stand Sabine besonders früh auf. Sie wollte heute alles früh erledigt haben, damit sie dann frühzeitig in die Stadt fahren konnten.
Karin hatte offensichtlich genau die gleiche Idee gehabt. Kaum war Sabine fünf Minuten bei den Ställen, als auch Karin dazu kam.
Die Frauen konzentrierten sich auf die anfallende Arbeit. Da sie kaum, wie sonst, in Plaudereien verfielen, hatten sie die Stallarbeit ziemlich schnell erledigt.
Das Frühstück, welches ebenfalls sehr kurz gehalten wurde, war schnell vorbei.

Es war noch sehr früh, als sie am Tiergarten ankamen. Sie waren offensichtlich die ersten Besucher.
Die Frau, die gerade eben erst in ihrem Kassenhäuschen erschienen war, sagte auch, dass die meisten Besucher immer erst später kommen würden.

„Ist der Tierparkbesitzer auch zu sprechen?“
„So früh erreichen sie den noch nicht. Der liegt meistens bis neun Uhr im Bett.“ „Könnten Sie uns dann vielleicht für nach neun anmelden?“
„Klar, kommen Sie dann einfach wieder hier hin. Dann bringe ich sie zu ihm.“

Sabine und Karin gingen ohne Umweg zu dem Bären. Als hätte dieser es geahnt, saß er schon wartend vor dem Gitter.
Ohne auch nur das kleinste Zögern kletterte Sabine über die Absperrung und begann, Gräser zu pflücken.

Das war ein vertrautes Bild und Karin machte sich auch keine Sorgen mehr.
Gierig verschlang der Bär die Gräser. Sabine redete ununterbrochen mit ihm. Sie erzählte ihm, dass er bald bei ihr wohnen würde. Dann wäre die Zeit in diesem engen Käfig für ihn vorbei.
Karin sah den Beiden belustigt zu. „Es scheint bald so, als würde er dich genau verstehen. Guck mal, wie er dich zwischendurch ansieht.“
„Es ist schön, dass noch keine anderen Besucher da sind. Da kann ich ihn wenigstens in Ruhe füttern.“
Die Zeit vor dem Bärenkäfig verging sehr schnell. Nach einer Zeit verlor der Bär das Interesse an den Gräsern. Er setzte sich vor das Gitter und sah Sabine sehr eindringlich an. „Jetzt laufen mir schon wieder Schauer über den Rücken. Es ist fast, als würde er in meine Seele sehen.“
Karin sagte nichts. Sie war von der Innigkeit zwischen Sabine und dem Bären sehr tief berührt.

Es verging noch fast eine halbe Stunde, bis Karin und Sabine sich auf den Weg zum Kassenhäuschen machten.
Die Kassiererin erkannte sie sofort wieder. „Dann kommen Sie mal mit. Herr Fischer ist hinten in der Lagerhalle.“

Sie führte Sabine und Karin durch einen Teil des Parks. Als sie an einer großen Scheune ankamen, rief sie laut nach Herrn Fischer. Es dauerte auch nur einen Augenblick, bis dieser an dem Tor, an dem sie gewartet hatten, erschien.
Bei Herrn Fischers Anblick sahen sich Karin und Sabine kurz an. Sie dachten scheinbar dasselbe. Herr Fischer war ein kleinwüchsiger, dickbäuchiger Mann, der es mit der Körperpflege nicht ganz eng sah. Auf seiner Kleidung waren alte Flecken zu entdecken. Als er näher herankam, wurden Karin und Sabine von einem Geruch, der sich aus altem Schweiß und Alkohol zusammen zu setzen schien, umfangen.
„Schönen guten Morgen meine Damen. Was kann ich für Sie tun zu so früher Stunde?“ Sabine, die sich von dem Anblick und dem Geruch erholt hatte, ergriff das Wort.
„Wir interessieren uns für Ihren Bären. Wären Sie bereit, ihn zu verkaufen?“

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„Mein liebes Kind, soviel Geld werden Sie wohl nicht haben um sich den zu leisten.“
Sabine ließ sich nicht beeindrucken. Ziemlich reserviert sagte die Herrn Fischer, dass Geld keine Rolle spiele.
Er sah sie gierig an.
„Was denken Sie denn was so ein großer Bär kostet?“
„Es ist mir egal. Sagen Sie einen Preis und ich zahle.“
Karin, der es nicht entgangen war, wie Herr Fischer sich einen viel zu hohen Preis ausmalte, mischte sich in das Gespräch ein. Auch wenn sie wusste, dass Sabine Geld im Überfluss hatte, so sah sie doch nicht ein, es zum Fenster heraus zu werfen.
„Ihnen ist doch sicher klar, dass wir uns über Preise schon informiert haben. Und glauben Sie nicht, dass Sie den einzigen Bären haben, der zu verkaufen ist. Also, sagen Sie einen angemessenen Preis. Und überdenken Sie auch, was Sie all die Jahre auf Kosten des Bären verdient haben. Es ist ein Wunder, das sich nie ein Tierschutzverein darum gekümmert hat.“ Sabine sah ihre Freundin erstaunt an. So hatte sie Karin noch nie erlebt.
„Ich habe vor elf Jahren einen sehr hohen Preis für den Bären bezahlt. Er war ganz frisch aus Kanada importiert worden. Sie haben ja keine Ahnung, was so was kostet.“
„Dann sagen Sie doch den Preis.“
Wieder mischte Karin sich ein.
„Wir können das auch so machen, dass wir in zwei Stunden wieder bei ihnen vorbeischauen. Bis dahin sollten Sie dann wissen, was Sie für den Bären haben wollen. Ansonsten fragen wir bei den anderen Anbietern nach.“
„Nein, nein da brauchen Sie nicht extra noch einmal vorbeikommen. Für den Bären will ich 10000.- Euro haben. Und für den Transport und das ganze Drum und Dran komme ich auch nicht auf.“
Karin wollte gerade antworten, als Sabine ihr schon zuvor kam.
„Das geht klar. Wann wollen wir einen Vertrag machen?“
Herr Fischer, der sich dieses Geschäft nicht entgehen lassen wollte, schlug vor, das sie den Vertrag sofort machen könnten.

Sabine, die sich aber noch über einige andere Dinge für den Bären informieren wollte, sagte, dass sie morgen früh um 10.00 Uhr wieder hier sein würden, um alles schriftlich festzuhalten. Herr Fischer, der das Geschäft zwar lieber gleich abgewickelt hätte, ließ sich erst nach kurzem Zögern auf Sabines Vorschlag ein.

„Lass uns noch ganz kurz bei dem Bären vorbeigehen. Ich muss ihm das erzählen.“
Karin, die ihre Freundin nur zu gut verstand, willigte sofort ein.
Es waren schon einige Besucher in dem Tiergarten. Um neuen Ärger mit den Besuchern zu umgehen, blieb Sabine dieses Mal hinter der Absperrung stehen.
Sie erzählte dem Bären, der sofort wieder an das Gitter gekommen war, leise von dem, was gerade passiert war.
„Du wirst bald bei mir sein. Ich freu mich so sehr.“
Auch dieser Abschied fiel wieder nicht leicht. Aber die Frauen mussten noch zur Stadtverwaltung, um alles Weitere für den Bären zu klären.

Auf dem Weg in die Stadt sagte Sabine ihrer Freundin erstmal, wie erstaunt sie über deren Verhalten Herrn Fischer gegenüber gewesen sei. „Ich hab kaum geglaubt, das du so energisch sein kannst.“
„Aber der hätte deine Gutmütigkeit schamlos ausgenutzt. So ein schmieriger Kerl ist bestimmt hinter dem Geld her wie der Teufel hinter der armen Seele.“

„Ich muss zugeben, dass mich das sehr beeindruckt hat. Auf so eine Idee wäre ich bestimmt nicht gekommen.“

Als die beiden an der Stadtverwaltung ankamen, stellte sich erst einmal die Frage, wer für ihr Anliegen zuständig sein könnte. Sie gingen zur Information und trugen ihre Bitte vor.

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Die junge Dame hinter dem Schalter wirkte sehr ratlos. So etwas hatte sie bestimmt noch nie erlebt.
„Ich schicke Sie zum Ordnungsamt. Vielleicht kann Ihnen da jemand weiterhelfen.“
Und tatsächlich trafen sie dort auf einen Herrn, der sich ihrer Sache anzunehmen schien. Auf seinem Schreibtisch stand ein kleines Schild mit seinem Namen.

Sabine lächelte ihn an. „Herr Thiel, ich finde es sehr freundlich von Ihnen, dass Sie sich unserer Sache annehmen.“
„Ich glaube, damit wären meine Kollegen überfordert.“
Natürlich bekundete er mit dieser Aussage auch, wie wichtig er selber für diese Abteilung war.

Sabine ließ sich sofort darauf ein. „Welch ein Glück, dass wir sofort an Sie geraten sind.“ Herr Thiel blätterte in verschiedenen Ordnern. „Da werden Sie aber tief in die Tasche greifen müssen um das alles ordnungsgemäß zu erfüllen.“
Auf einem großen Blatt vermerkte er alle Angaben die er in seinen Ordnern fand.
Er reichte Sabine den Zettel über den Schreibtisch. „Ich wünsche Ihnen ein gutes Gelingen. Wenn Sie alles fertig haben, melden Sie sich. Ich werde dann zur Abnahme persönlich bei Ihnen vorbeischauen.“
Hoch erfreut verließen Karin und Sabine Herrn Thiels Büro. Sie hätten beide nicht vermutet, dass es so einfach sein könnte, einen Bären zu halten.

Als sie wieder zu Hause eintrafen, war Snuffy fast ein wenig zurückhaltend. Er war scheinbar über ihr langes Fortbleiben etwas ärgerlich.
Die beiden Frauen beschlossen nun umgehend, einen ausgedehnten Spaziergang und ein anschließendes Bad im See zu unternehmen. Damit könnten sie Snuffy bestimmt wieder versöhnen.

Kapitel 13

„Wenn wir morgen früh wieder in den Tierpark fahren und mit Herrn Fischer den Vertrag machen, sollten wir Snuffy mitnehmen.“ Während Sabine das sagte, kraulte sie liebevoll Snuffys Kopf.
„Dann kannst du auch gleich beobachten, wie er auf den Bären reagiert. Bestimmt ist er über so einen Neuzugang nicht begeistert.“

An diesem Nachmittag machten die drei noch einen ausgedehnten Spaziergang.
Karin und Sabine malten sich unterwegs sehr genau aus, wie es sein würde, wenn der Bär erst bei Sabine leben würde.
„Ich werde gleich morgen früh den Bauunternehmer aus dem Dorf anrufen. Es wäre schön, wenn er möglichst schnell ein geeignetes Gehege für den Bären bauen kann.
„Wir können nachher, wenn wir wieder zuhause sind, schon einmal ein Stück aussuchen, welches sich für ein Bärengehege anbietet.“
„Ich bin schon sehr gespannt, wie alles aussehen wird, wenn es fertig ist.“
Nachdem sie noch eine Weile weitere Pläne für das Bärengehege gemacht hatten, kümmerten sich die beiden aber erst mal wieder ausführlich um Snuffy. Es wurde gespielt, getobt und auch sein Fell wurde ausführlich gekämmt. Erst, nachdem das alles geschehen war, machten sie sich wieder auf den Weg nach Hause.
„Es ist jetzt schon ziemlich spät, aber meinst du nicht auch, dass ich noch schnell versuchen sollte, den Bauunternehmer zu erreichen?“ „Das ist eine gute Idee. Vielleicht kann er dir dann gleich noch einen Termin zur Besichtigung geben.“
Ohne noch länger darüber nachzudenken, kramte Sabine das Telefonbuch hervor und griff dann zum Telefonhörer. Sie wählte die Rufnummer. Es entstand nur eine sehr kurze Wartezeit bis sich Herr Becker, der Bauunternehmer meldete.

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„Hier spricht Sabine Reckert. Bitte entschuldigen Sie, dass ich mich so spät noch melde, aber ich habe ein dringendes Anliegen.“
„Was kann ich denn für Sie tun?“
„Hm, das hört sich jetzt bestimmt ein wenig seltsam an, aber ich brauche ein Gehege, in dem ein Bär leben soll.“

„Ein Bär?“
„Ja. Es muss dementsprechend alles ganz sicher eingezäunt werden. Der Bär darf keine Möglichkeit finden, aus dem Gehege zu entwischen.“
„Wie groß soll der Bereich für Meister Petz denn werden?“
„Ich hatte so an ein bis zwei Hektar gedacht.“
„Ihnen ist aber hoffentlich klar, dass da gewaltige Kosten auf Sie zukommen werden.“
„Ja schon. Aber das ist kein Problem. Wann hätten Sie denn Zeit, sich um mein Anliegen zu kümmern?“
„Ich werde morgen, am späten Nachmittag, bei Ihnen vorbeischauen. Dann können wir uns das ganze Unterfangen einmal in Ruhe ansehen und alles Weitere besprechen.“
„Das ist aber sehr nett, das Sie das so schnell einrichten können.“
„Kein Problem. Dafür habe ich schließlich mein Geschäft. Also dann bis morgen.“
Sabine legte den Hörer auf und lächelte vor sich hin.
„Stell dir vor. Der kommt schon morgen Nachmittag.“
„Das ist ja super.“
Sabine räumte nun einige Sachen die man zum Abendessen benötigte zusammen.
„Komm, wir setzen uns noch ein wenig in den Garten. Jetzt ist es auch nicht mehr ganz so heiß. Da können wir dann auch ein bisschen abschalten.“
„Das ist eine sehr gute Idee. Der Tag war anstrengend. Und morgen wird es bestimmt auch nicht viel ruhiger. Ich hätte auch noch viele Ideen, was wir in das Gehege stellen sollten, damit der Bär sich gut fühlt.“
Die Frauen verbrachten den Rest des Abends im Garten. Es war sehr schön, einfach nur abzuschalten und alles noch einmal in Ruhe zu überdenken.
Karin fand es schade, dass ihr Urlaub bei Sabine schon bald vorbei sein würde. „Ich hätte so gerne noch das fertige Bärengehege gesehen. Und natürlich erst, wenn der Bär eingezogen ist. Aber dafür wird meine Zeit bei dir nicht ausreichen. Schade.“
Beide Frauen sagten nichts mehr. Sie sahen beide sehr nachdenklich und auch ein wenig betrübt aus.
Doch dann lächelte Karin Sabine an. „Aber weißt du, was ich dir versprechen kann?“
Sabine sah ihre Freundin an, sagte aber nichts.
„Ich werde dich regelmäßig besuchen. Das muss einfach gehen. Und Georg wird das auch einsehen. Die Kinder sind meistens sowieso unterwegs. Da wird es kaum auffallen, dass ich gelegentlich mal nicht da bin.“
Sabine sagte immer noch nichts. Sie stand aber auf, ging auf ihre Freundin zu und umarmte diese sehr innig. Fast waren beide zu Tränen gerührt.

Kapitel 14

Als Carsten Koch an diesem Abend wieder zuhause eintraf, war er zwar ziemlich müde, aber dennoch sehr zufrieden. Er hatte sich kaum vorstellen können, dass die Besichtigung und auch die Begegnung mit Dr. Meierling und seiner Helferin Monika so befriedigend verlief. Besser hätte es nicht laufen können. Er würde gleich zu Beginn der Woche seinen kurzfristigen Urlaub und wahrscheinlich auch seine Kündigung einreichen. Für ihn stand fest, dass die Übernahme der Praxis von Dr. Meierling für ihn die richtige Entscheidung war. Sicherlich standen auch noch einige Gespräche mit Prof. Dr. Lüning an. Der Professor würde

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ihm bestimmt mit Rat und Tat zur Seite stehen. Auf ihn hatte er sich all die Jahre immer verlassen können.
Er dachte darüber nach, schon im Herbst seinen Beginn in der ländlichen Dorfgemeinde zu starten.
Es wäre schön, wenn er es in so kurzer Zeit schaffen könnte, sich mit Dr. Meierling zu einigen. Vielleicht könnte man für die nächsten Monate eine Zusammenarbeit anstreben. Es wäre schön, wenn Dr. Meierling ihn ausführlich mit allen Patienten und deren Besitzern vertraut machen würde. Da böte sich eine länger dauernde Zusammenarbeit förmlich an. Er war sehr gespannt, wie Dr. Meierling auf seinen Vorschlag reagieren würde. Schon bald würde seine Frage beantwortet sein. Er freute sich schon sehr auf die kurzfristig geplante Zusammenarbeit. Sicher würde für ihn zunächst mal alles eine riesige Umstellung, aber er freute sich auf diese neuen Aufgaben und Anforderungen.

An diesem Abend war er noch sehr lange in Gedanken versunken. Er stellte sich sein neues Leben in den verschiedensten Bereichen vor.

Wenn er an diesem Abend auch nur im Entferntesten geahnt hätte, wie sich alles entwickeln würde, hätte er das wahrscheinlich gar nicht glauben können.

Kapitel 15

Wie schon in den vergangenen Tagen, so trafen sich auch heute wieder sehr früh Sabine und Karin bei den Ställen. Sabine freute sich sehr darüber, dass ihre Freundin ihre zeitlichen Gewohnheiten so schnell mit angenommen hatte. Es gab bestimmt nicht viele Menschen die bereit waren, den Tag freiwillig so früh zu beginnen. Glücklicher Weise hatte Karin sich sofort auf Sabines Gewohnheiten eingelassen.

Die beiden Frauen erledigten die anfallenden Stallarbeiten fast in Rekordzeit. „Sabine, sollen wir das Frühstück nicht ein wenig nach hinten verschieben? Ich hätte so große Lust, das Bärengehege abzustecken.“

„Das ist eine gute Idee. Und es ist auch noch sehr früh. Herr Fischebr gehört doch offensichtlich nicht zu den Frühaufstehern. Da bleibt und für alles noch ausreichend Zeit.“

Ohne sich noch länger aufzuhalten, gingen die Beiden, dicht gefolgt sollte, los.

„Ich bin noch ein wenig unsicher in der Festlegung der Größe des Geheges. Wenn wir dem Bären gleich zu Beginn einen großen Auslauf ermöglichen, wird er bestimmt überfordert sein. In den letzten Jahren hat er nur in dem engen Käfig gesessen. Er weiß bestimmt nicht mehr, wie sich Gras unter den Pfoten anfühlt.“

„Aber vielleicht könnte das Gehege so angelegt werden, dass der Bär erst nach und nach die Möglichkeit hat, sein neues Zuhause zu erkunden.“

„Was er auf jeden Fall haben soll, ist ein Badesee. Da hab ich auch schon eine Idee, wo dieser entstehen könnte.“ Sabine schritt mit Karin das Gelände ab und zeigte ihr, welchen Platz sie sich für den Bärensee ausgedacht hatte. „Hier hätte das nämlich auch den Vorteil, dass man

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einfach nur den kleinen Bach aufstauen müsste.“ „Sabine, ich muss einfach sagen, dass Du wundervolle Ideen hast.“

Snuffy, der die ganze Zeit sehr dicht bei den Frauen gewesen war, lief plötzlich ein paar Meter vor. Er blieb jetzt wieder stehen. Sabine sah ihn an. „Snuffy, was hast Du denn?“

Ihr war sofort aufgefallen, dass Snuffy wieder sehr angespannt wirkte. In diesem Moment sträubte er sein Nackenhaar. Er sah gebannt in eine Richtung. Als Sabine näher zu ihm hinging, vernahm sie ein Knurren. Um ihn zu beruhigen, streichelte sie über seinen Kopf und sprach leise mit ihm. Sie konnte sich sein Verhalten einfach nicht erklären. Snuffy war eigentlich immer gut gelaunt und fröhlich. Aber dieses grollende Verhalten hatte er in den letzten Tagen vermehrt gezeigt. Sabine hätte gerne gewusst, was ihn zu diesem Benehmen veranlasste.

Sie würde in der nächsten Zeit versuchen herauszufinden, was dahinter steckte. Im Moment wollte sie sich aber erst mal um die weiteren Bedürfnisse des Bären kümmern.

Vielleicht hatte Snuffys Benehmen keine ernstzunehmende Ursache. Sie würde sich in der nächsten Zeit darum kümmern.

Karin, die ihrer Freundin zu Snuffy hin gefolgt war, nahm die Anspannung des Hundes nicht wahr. Sie lächelte ihre Freundin an und sagte:“ Du willst Dich wohl, bevor du Snuffy den Bären vorstellst, besonders bei ihm einschmeicheln. Ich glaube allerdings, dass du mehr Punkte mit einem besonderen Leckerchen sammeln könntest. Wir sollten auf dem Weg zu dem Tierpark noch an einem Laden vorbeifahren, in dem sich etwas Geeignetes finden lässt.“

„Und auf dem Weg könnten wir für uns auch eine Kleinigkeit zu essen kaufen. So langsam bekomm ich doch Hunger.“

Ohne noch länger darüber nachzudenken, machten sich die Frauen auf den Weg zum Auto. Snuffy folgte ihnen, sah sich aber noch einige Male um. Sabine, die in Gedanken schon bei dem Bären war, achtete nicht mehr auf Snuffys Verhalten.

Es dauerte nicht mehr allzu lange, bis die Frauen mit Snuffy am Tiergarten ankamen. Unterwegs hatten sie sich eine Kleinigkeit zu essen gekauft. Und natürlich war auch Snuffy nicht leer ausgegangen.

Sabine, die nicht gleich zu Herrn Fischer wollte, sondern zunächst Snuffy mit dem Bären bekannt machen wollte, schlug ohne Umwege sofort den Weg zu dem Bärenkäfig ein. Als sie dort ankamen, stand der Bär, der bis eben noch in einer hinteren Ecke seines Käfigs gelegen hatte, sofort auf. Snuffy, der den Bären sehr genau beobachtete, schien ein wenig verunsichert. Es sah fast so aus, als wäre es ihm lieber gewesen, diesen Platz wieder zu verlassen. Sabine redete beruhigend auf Snuffy ein. Der B#r, der wieder direkt am Gitter saß, sah Sabine sehr eindringlich an. Es schien fast, als könnte er ihre Worte verstehen. Sabine erzählte Snuffy was sie mit dem Bären vorhatte. Die leise gesprochenen Worte schienen Snuffy zu beruhigen. „Lieber Snuffy, ich glaube nicht, dass du dich vor dem Bären fürchten musst. Er ist bestimmt froh, wenn er seinem Verließ hier entrinnen kann. Vielleicht können wir sogar so eine Art Freundschaft führen.“

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Karin, die der Freundin ebenfalls aufmerksam zugehört hatte, schmunzelte. „Ich sehe es schon kommen. Wahrscheinlich wird der Bär bald auch vor deinem Bett schlafen.“ Sabine lachte. „Na, da bin ich gespannt. Aber davon gehe ich erst mal nicht aus.“

Sabine sah den Bären an. In diesem Augenblick hatte sie das Gefühl, als würde der Bär sie anlächeln. Aber da spielte ihr ihre Phantasie wohl einen gehörigen Streich.

Nachdem sie noch ein paar Minuten vor dem Bärenkäfig gestanden hatten, machten sie sich auf den Weg zu Herrn Fischer.

Obwohl es noch ein paar Minuten vor zehn Uhr war, stand Herr Fischer bereits wartend am Tor. „Einen schönen guten Morgen meine Damen. Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich fast nicht daran geglaubt, dass sie wirklich noch einmal vorbeikommen.“

Sabine sah ihn erstaunt an. „Aber wir hatten doch schließlich für heute den Termin vereinbart.“

„Haben Sie denn das Geld für den Bären auch schon mit?“

„Natürlich, darum brauchen Sie sich keine Sorgen machen. Wenn wir beide den Vertrag unterzeichnet haben, bekommen Sie Ihr Geld und der Bär gehört mir.“

„Dann sollten wir jetzt in mein Büro gehen und alles regeln.“

Sabine, Karin und selbstverständlich auch Snuffy folgten Herrn Fischer in sein Büro. Auf seinem Schreibtisch lagen bereits einige Blätter, auf denen er schon alles für einen reibungslosen Ablauf vorbereitet hatte. Sabine las sich gemeinsam mit Karin alles durch. Der Vertrag schien alles Wesentliche zu enthalten. Herr Fischer hatte auch bereits alles unterschrieben.

Sabine griff zu einem bereitliegenden Kugelschreiber und unterzeichnete ebenfalls in dem dafür vorgesehenen Feld. Herr Fischer lächelte sie gierig an. „Dann können wir jetzt den Rest über die Bühne bringen.“ Sabine reichte ihm einen Stapel Geldscheine, die Herr Fischer begann nachzuzählen. Nachdem er damit fertig war, lächelte er wieder sein schmieriges Lächeln. „Nun gehört der Bär Ihnen. Da wäre jetzt nur noch die winzige Kleinigkeit zu klären, wie lange er denn noch hierbleiben soll. Sie verstehen sicherlich, dass ich ein anderes Tier in seinen Bereich setzen will. Jeder Tag, den er noch in seinem Käfig sitzt, kostet mich sozusagen bares Geld.“ Sabine, die sofort bemerkt hatte, dass Karin kurz davor war, Herrn Fischer zu seiner Geldgier etwas zu sagen, kam ihrer Freundin entschlossen zuvor. „Was möchten Sie für die Betreuung des Bären haben?“ „Für Futter und den Platz würden 20.- Euro am Tag reichen.“ Karin konnte sich nun doch einen Kommentar nicht mehr verkneifen. „Vielleicht bekommt er dann auch mal ausreichend und gut zu fressen. So wie der aussieht, ist er in den letzten Jahren nicht sonderlich gut versorgt worden.“

Sabine, die die kurze Zeit für eine Überlegung genutzt hatte, sah Herrn Fischer fragend an. „Sagen Sie, wofür würde denn mehr Geld draufgehen? Für den Platz oder für das Futter?“ Ohne auch nur einen Moment darüber nachzudenken, antwortete Herr Fischer sehr überzeugend. „Natürlich für das Futter. Sie werden noch selbst herausfinden, wie viel so ein Vieh frisst. Drei Viertel des Geldes gehen für sein Futter drauf. Die Gebühr für seinen Platz ist kaum erwähnenswert.“ Er sah Sabine an. Der Ausdruck in seinem Gesicht sollte wohl

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zeigen, wie großzügig er war. „Da hab ich eine gute Idee. Ich werde Ihnen für den Platz täglich 5.-Euro bezahlen. Für das Futter sorge ich selbst. Ich werde ab jetzt täglich zweimal vorbeikommen, um den Bären zu füttern. Dann haben wir auch schon Gelegenheit, uns aneinander zu gewöhnen.“ Karin, die Herrn Fischer offensichtlich überhaupt nicht ausstehen konnte, stimmte Sabine sofort zu. „Das ist eine ganz gute Idee. Für Sie Herr Fischer ist das doch auch eine gute Regelung. Und wie ich Sie einschätze, werden Sie von meiner Freundin auch kaum zweimaligen Eintritt pro Tag kassieren, wenn sie zum Füttern kommt. Da schätze ich Sie doch hoffentlich nicht falsch ein – oder?“ Karin strahlte Herrn Fischer mit ihrem süßesten Lächeln an.

Auch wenn Herr Fischer deutlich beteuerte, dass er auf so eine Idee wohl nicht kommen würde, sah man ihm an, dass er Karin am liebsten den Hals umgedreht hätte.

Sabine reichte Herrn Fischer die Hand. „Ich werde Sie auf dem Laufenden halten, wann der Bär umziehen kann. Wir fahren jetzt erst mal in eine Metzgerei, um Futter zu kaufen. Um das Futter für den Bären brauchen Sie sich nicht mehr kümmern.“

Wortlos verließen die beiden Frauen, dicht gefolgt von Snuffy, Herrn Fischers Büro. „Herzlichen Glückwunsch. Jetzt hast du einen eigenen Bären.“

„Ich bin auch sehr zufrieden. Ich bin gespannt, wie lange es dauern wird, bis das Gehege fertig ist. Das werden wir heute Nachmittag erfahren. Aber jetzt sollten wir zuerst Futter für den Bären kaufen. Dann können wir ihm gleich die erste gute Mahlzeit bringen.“

Karin streichelte Snuffy. „Da wird für dich bestimmt auch die eine oder andere Leckerei bei abfallen.“

Als sie beim Auto angekommen waren, machten sie sich sogleich auf den Weg in die Stadt, um einen geeigneten Einkaufsladen zu suchen. Die Suche blieb nicht lange ergebnislos. Sie kauften verschiedene Fleischsorten, Fisch und Salate. Der Bär sollte ein Festmahl bekommen.

Als sie wieder in dem Tierpark beim Bären ankamen, saß der schon dicht am vorderen Gitter. Es schien fast so, als hätte er bereits auf Sabine gewartet,

Ohne Zögern kletterte die sofort über die Absperrung, um dem Bären die mitgebrachten Sachen in seinen Käfig zu werfen. Der Bär machte einen zögernden Eindruck. Es schien fast, als könne er nicht glauben, was ihm da an guten, leckeren Sachen gereicht wurde. Voller Wonne fraß er alles restlos auf. Sabine strahlte den Bären an.

„Hunger leiden brauchst du ab nun nicht mehr. Das wird alles noch viel besser für dich.“

Eine Weile standen Karin, Sabine und Snuffy noch vor dem Bärenkäfig, um das weitere Verhalten des Bären zu beobachten. Dieser zog sich schließlich in eine hintere Ecke seines Käfigs zurück. Zufrieden legte er sich dort hin.

Das sollte sich für den Bären schon ab heute ändern. Er würde jeden Tag zweimal satt zu essen bekommen.

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Der heutige Tag verging wie im Flug. Sie waren noch nicht wieder lange zu Hause, als schon Herr Becker, der Bauunternehmer, auf den Hof gefahren kam. „Ich habe es schon etwas früher geschafft. Ich hoffe, dass ist für Sie in Ordnung.“ Sabine stand vor Herrn Becker. Sie reichte ihm die Hand: „Es ist sogar ganz toll, dass Sie schon so früh sind. Wir erwarten Sie mit großer Spannung.“

Auch Karin reichte Herrn Becker die Hand. „Danke dass Sie das so schnell einrichten konnten.“

Sabine und Karin zeigten Herrn Becker das Gelände, auf dem das Bärengehege entstehen sollte. Schon nach sehr kurzer Zeit war deutlich zu bemerken, dass sie mit Herrn Becker die richtige Wahl getroffen hatten. Er war sehr intensiv bemüht, alles gleich richtig zu planen. Die Besichtigung und die ersten Planungen nahmen mehrere Stunden in Anspruch.

„Ich habe auch noch eine ganz gute Nachricht für Sie. Letzte Woche ist ein Kunde, für den ein großer Bau geplant war, abgesprungen. Der war für die nächsten Wochen fest eingeplant. Wenn Sie möchten, könnten wir bereits morgen mit den ersten Arbeiten anfangen.“ Sabine konnte dieses Glück kaum fassen.“ Das ist wunderbar. Ich hatte schon befürchtet, dass ich wochenlang warten muss, bis es losgeht.“ „Das wäre auch der Fall gewesen, wenn der eingeplante Kunde nicht so kurzfristig abgesagt hätte. Morgen früh werde ich Ihnen drei Leute vorbeischicken, die mit der Arbeit beginnen. Morgen Nachmittag komme ich dann auch wieder vorbei. Das wird alles gut laufen.“

„Haben Sie eine Idee, wie lange es dauern wird, bis der Bär einziehen kann?“ „Rechnen Sie mit drei Wochen. Bis dahin sollte alles fertig sein. Ich bringe Ihnen morgen genaue Zeichnungen und einen Kostenvoranschlag mit.“ „Danke.“

Karin und Sabine begleiteten Herrn Becker zu seinem Auto. Als er gefahren war, sah Sabine ihre Freundin an. „Karin, es tut mir leid, dass wir jetzt so viel Stress haben. Ich hatte mir für deinen Urlaub hier eigentlich nur Ruhe vorgenommen. Davon ist jetzt nichts mehr übergeblieben.“ „Das ist doch überhaupt nicht schlimm. Ich finde es mehr als in Ordnung. Wann ist man schon einmal dabei, wenn ein Bär gekauft wird.“ „Ach je. Der Bär. Da müssen wir auch noch hin. Der braucht noch sein Futter. Wenn wir dann wieder hier sind, machen wir es uns aber nur noch gemütlich. Das verspreche ich dir.“ „Mach dir doch keine Sorgen wegen Stress. Es ist doch alles gut.

Der abendliche Besuch bei dem Bären verlief wieder sehr harmonisch. Kapitel 16

Auch für Snuffy schien der Besuch bei dem Bären keinen Stress mehr auszulösen. Entspannt stand er hinter der Absperrung und beobachtete, wie dem Bären durch die Gitterstäbe das mitgebrachte Futter gereicht wurde. Mit Genuss verschlang der Bär die ungewohnten Leckereien. Während kurzer Fresspausen sah er Sabine an. In seinen Augen war fast eine Dankbarkeit zu erkennen. Sabine freute sich schon sehr auf die vor ihr liegende Zeit mit dem Bären.

Eine so enge Bindung wie zu Snuffy würde nicht möglich sein. Dennoch glaubte sie ganz fest daran, dass auch zu dem Bären eine Freundschaft entstehen würde.
Nachdem sie sich von dem Bären verabschiedet hatte und zurück über die Absperrung geklettert war, sagte sie zu Karin: „Morgen früh sollten wir, nachdem wir den Bären gefüttert

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haben zu Dr. Meierling fahren.“ „Wer ist denn Dr. Meierling?“ „Der ist der Dorftierarzt. Wir sollten ihn fragen, ob er bereit ist, die anstehende medizinische Versorgung für den Bären zu übernehmen. Bestimmt hat er so ein Tier in seinem ganzen Leben noch nie behandelt.“ Nachdem die Frauen wieder zuhause angekommen waren, verbrachten sie den restlichen Abend im Garten sitzend. Der Tag war sehr anstrengend gewesen. An einen Spaziergang war nicht mehr zu denken. Auch Snuffy, für den spazieren gehen die größte Freude war, schien nicht enttäuscht zu sein, dass keine der Frauen einen Spaziergang plante.

Als am nächsten Morgen die Stallarbeit erledigt war, saßen Sabine und Karin noch eine Weile am Frühstückstisch. Sie hatten sich für heute vorgenommen, den Tag etwas ruhiger zu gestalten.
Karin hatte überlegt, ob es vielleicht besser wäre auf dem Hof zu bleiben, um die Bauleute, die heute Morgen mit der Arbeit beginnen wollten, in Empfang zu nehmen. Aber Sabine war sich sicher, dass diese ohne Anleitung zu Recht kommen würden. „Ich glaube, dass Herr Becker alles so geplant hat, dass keine Fragen auftauchen werden, bis wir zurück sind. Nach dem Bären fahren wir ja auch nur noch schnell bei Dr. Meierling vorbei. Das wird bestimmt alles nicht allzu lange dauern.“ „Schön, dann lass uns losfahren. Es wäre schade gewesen, wenn wir den Morgen nicht zusammen verbracht hätten.“

Als sie aus dem Haus kamen und auf das Auto zugingen, sahen sie, dass Snuffy bereits wartend neben dem Auto stand. Für ihn war klar, dass er wieder mit von der Partie sein würde. Snuffy war ein treuer Freund.

Kapitel 17

Schon wenige Momente später machten sich Sabine und Karin, begleitet von Snuffy, auf den Weg.

Sabine hatte einen großen Eimer mit Futter für den Bären dabei. „Hoffentlich mag er seine Portion heute auch. Ich habe reichlich Fisch mit in den Eimer gepackt. So wie ich Herrn Fischer einschätze, hat er sicherlich nur das billigste Futter bekommen, zu dem Fisch wohl nicht gehört.“ „Was ein großes Glück für den Bären, dass wir an dem Morgen einen Kaffee trinken wollten und ihm dabei begegnet sind. Weißt du eigentlich schon, wie du ihn nennen willst? Einen Namen hat er in dem Tierpark bestimmt nie bekommen. Da war er schließlich nur als Einnahmequelle gedacht. Und dafür braucht er keinen Namen.“ „Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Aber du hast natürlich Recht. Ich würd ihn schon gerne mit Namen ansprechen.“

Die nächsten Minuten versanken die Frauen in Schweigen. Sie machten sich, unabhängig voneinander, Gedanken über einen geeigneten Namen für den Bären. Karin brach schließlich das Schweigen. „Wie bist du auf Snuffys Namen gekommen?“ „Das war ganz einfach. Als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe, war er noch winzig klein. Gerade acht Wochen alt. Er sah aus wie eine riesige Wollkugel. Bei seinen Eltern war das allerdings auch kein Wunder. Seine Mutter war eine große Leonberger Hündin. Sein Vater ein langhaariger Schäferhund. Als ich so das erste Mal bei ihm stand und er mich sehr freundlich begrüßte, hatte ich seinen Namen, Snuffy, sofort im Kopf. Ich weiß bis heute nicht, wie ich darauf gekommen bin.“ „Vielleicht wird das mit dem Bären ebenso sein. Warten wir es doch einfach ab. Wenn ich jetzt nach einem Namen überlege, muss ich ehrlich zugeben, dass mir kein geeigneter einfällt.“ „Vielleicht ist es wirklich das Beste, in Ruhe an die Namensfindung zu gehen. Wer weiß, es könnte wirklich wie bei Snuffy sein. Plötzlich ist der richtige Name da.“

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Als sie bei dem Bärenzwinger ankamen, sah es aus, als warte der Bär wieder auf sie. Er saß direkt vorn an den Gitterstäben und sah ihnen entgegen. Als sie sich seinen Zwinger näherten, stand er auf und ging, soweit der enge Käfig es zuließ, ihnen entgegen.

Ohne auch nur das geringste Zögern kletterte Sabine über die Absperrung. Sie warf dem Bären die mitgebrachten Futterbrocken durch die Gitterstäbe. Anfangs schnupperte der Bär zögerlich an den unbekannten Futterstücken. Nachdem er das erste Stück Fisch probiert hatte, schien er hellauf begeistert. Gierig verschlang er die restlichen Stücke. Suchen untersuchte er den Betonboden, ob er nicht doch eine Köstlichkeit übersehen hatte. Aber er fand nicht mehr den kleinsten Krümel. Er setzte sich an die Gitterstäbe und sah Sabine an. „Der scheint dich zu fragen, ob er noch einen Nachschlag haben kann.“ Sabine stand direkt vor dem Bären. Sie sah ihn freundlich an. „Heute Abend bekommst du noch eine Portion Fisch. Das scheint dir gut geschmeckt zu haben.“ Eine Weile beobachtete Sabine den Bären noch. Aber schließlich sagte sie zu Karin, dass sie nun losfahren wollten. Sie wollten ja auch noch zu Dr. Meierling. Beide waren schon sehr gespannt, was dieser zu ihrem Anliegen sagen würde. Auf dem Parkplatz vor Dr. Meierlings Praxis standen einige Autos.

Sabine sah auf ihre Uhr. „Es ist gerade Sprechstunde. Hoffentlich müssen wir nicht zulange warten.“ Sie gingen, gemeinsam mit Snuffy, in das Wartezimmer. Dort saßen schon zwei Hunde und eine schwarze Katze, die in der Obhut ihrer Besitzer darauf warteten, in den Behandlungsraum zu kommen. Die einzelnen Fälle schienen zum Glück nicht besonders schwerwiegend zu sein. Schon nach einer knappen Stunde Wartezeit waren Sabine und Karin an der Reihe. Dr. Meierling sah Sabine freundlich an. „Guten Morgen Sabine, ist Ihr Snuffy krank?“ „Nein, zum Glück nicht. Wir hätten da eine etwas ausgefallene Frage.“ Karin lächelte verschmitzt. Sabine stellte Karin zuerst Herrn Dr. Meierling vor. Freundlich sah er sie an. „Na, wie gefällt Ihnen denn das Leben auf dem Hof Ihrer Freundin. Mit den vielen Tieren ist das ganz schön anstrengend, oder?“ „Ach was. Mir macht das gro0en Spaß. Da erlebt man Dinge, die man sonst in seinem ganzen Leben gewiss nicht erleben würde.“ Dr. Meiling sah Sabine fragend an. „Das hört sich aber ziemlich abenteuerlich an. Erzählen Sie mal. Da bin ich auch gespannt.“

Sabine konnte sich nun nicht mehr zurück halten. „Als wir letztens in der Stadt waren, wollten wir anschließend im Tierpark einen Kaffee trinken. Und dabei haben wir einen Bären kennengelernt, den ich ein paar Tage später gekauft habe. Und nun sind wir bei Ihnen, um Sie zu fragen, ob es für Sie in Ordnung wäre, sich den Bären einmal anzusehen und für den Transport zu mir ein geeignetes Narkosemittel ausfindig zu machen.“

Dr. Meierling sah Sabine schmunzelt an. „Von Tieren bekommen Sie scheinbar nie genug. Das hat auch Ihr Vater immer schon gesagt. Um was für einen Bären handelt es sich denn? Vielleicht ist gar keine Narkose nötig.“ „Ich fürchte doch. Es handelt sich um einen sehr großen Braunbären.“ „Was? Ich war von einem Waschbären oder etwas ähnlichem ausgegangen. Sind Sie sich sicher, dass Sie so eine Verantwortung auf sich nehmen wollen. Ist die Haltung von solchen Tieren im privaten Bereich überhaupt erlaubt?“ „Das haben wir alles schon geklärt. Es gibt zwar viele Auflagen, ist aber, wenn man diese erfüllt, möglich.“

„Eigentlich hätte ich mir auch gleich denken können, dass Sie sich mit einem kleineren Bären nicht zufrieden geben. So ein Tier habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht behandelt. Das wird bestimmt spannend.

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Ich bin gerade dabei, für meine Praxis einen Nachfolger zu suchen. Es gibt schon einen sehr interessanten Bewerber. Der wird bestimmt auch sehr erstaunt sein, wenn in dieser ländlichen Gegend ein Braunbär mit zu seinen Patienten gehört.“

„Sie wollen aus Ihrer Praxis fortgehen? Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Solange ich denken kann, waren Sie doch immer der Tierarzt.“ „Die Zeit vergeht so schnell. Ich kann mich auch noch gut an Ihre Kindheitstage erinnern. Aber so ist das nun einmal. Auf jeden Fall werde ich mich darum kümmern, Ihren Bären ordnungsgemäß zu versorgen.“

Sabine erzählte noch, dass bereits heute mit dem Bau eines Bärengeheges begonnen wurde. Sie verblieb mit Dr. Meierling so, dass dieser sich telefonisch bei ihr melden würde, sobald er Näheres über den Einsatz von Narkosemitteln bei Bären in Erfahrung gebracht hatte.

Kurze Zeit, nachdem Sabine, Karin und Snuffy die Praxis verlassen hatten, kam Monika aufgeregt in das Sprechzimmer.

„Kommen Sie bitte schnell ins Büro. Dr. Koch ist am Telefon. Er hat schon erzählt, dass alles sehr gut läuft. Er hat schon ab morgen Urlaub. Dann kann er schon ab Übermorgen hier sein. Aber das will er alles noch eben mit Ihnen besprechen.“

Während Monika das erzählt hatte, erreichten die beiden das Büro. Monika grifff zu dem auf ihrem Schreibtisch liegenden Telefonhörer. „Dr. Koch?! Ich verbinde Sie jetzt mit Dr. Meierling. Ich wünsche Ihnen für Übermorgen eine gute Anreise.“ Mit einem breiten Lächeln reichte sie den Hörer an Dr. Meierling weiter.

Meierling, Herr Dr. Koch. Monika hat gerade schon berichtet, dass Sie schon Übermorgen hier eintreffen. Ist die Dauer des Urlaubs auch genehmigt worden?“

Nachdem Carsten Koch das bejaht hatte, erzählte Dr. Meierling, dass er für die bevorstehende Zusammenarbeit eine ganz besondere Überraschung, nämlich einen Braunbären als Patienten habe. Nachdem Carsten Koch das ein wenig verwundert angenommen hatte, berichtete Dr Meierling noch, wie es zu diesem außergewöhnlichen Patienten gekommen war. „Das ist ja wirklich ein außergewöhnlicher Beginn. Mit so einem Patienten habe ich überhaupt nicht gerechnet.“

In den nächsten Minuten des Telefonates sprachen die beiden Tierärzte nicht mehr über den Bären. Es ging eher um die Planung der nächsten Tage, in denen Carsten Koch schon einige der Patienten kennen lernen sollte. „Wenn die Anreise nicht zu anstrengend wird, könnten wir nachmittags einige der anstehenden Termine zusammen erledigen. Das hätte den Vorteil, dass Sie auch gleich ein wenig die Gegend entdecken können.“ „Ich werde sehr zeitig losfahren. Dann steht den Terminen am Nachmittag sicher nichts im Wege. Ich fände es schön, wenn wir gleich am ersten Tag einige Besuche zusammen erledigen könnten“ Nachdem die beiden Männer das Telefonat beendet hatten, ging Dr.Meierling zu Monika. Er berichtete ihr von dem Gespräch mit Dr. Koch und sagte ihr, dass er für die nächsten Wochen ein sehr gutes Gefühl habe. „Ich glaube ziemlich sicher, dass der Kollege sich schnell in diesen neuen Aufgabenbereich einarbeiten wird. Er scheint genau der Richtige zu sein.“

Monika freute sich auch schon sehr auf die Zusammenarbeit mit Dr. Koch. Sie würde alles daransetzen, ihm die nächsten Wochen so angenehm wie möglich zu machen. Sie hatte schon

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darüber nachgedacht ihn zu fragen, ob er Lust dazu hatte, abends nach der Sprechstunde gemeinsam mit ihr auszureiten. Er hätte dabei die Möglichkeit, die Gegend genauer kennen zu lernen. Bestimmt würde es dabei auch dazu kommen können, sich ihm vertrauensvoll etwas anzunähern. Monika freute sich schon sehr auf diese Gelegenheiten. In den letzten Tagen war ihr immer klarer geworden, wie unbefriedigend ihre Beziehung zu Bernd war. Sobald sich zwischen ihr und Dr. Koch eine Annäherung herausstellte, war sie bereit sich von Bernd zu trennen.

Es war schon fast Mittag, als Sabine und Karin ihren Hof wieder erreichten. Auf dem Parkplatz standen zwei große LKWs. Hinter dem Haus waren deutliche Geräusche eines Baggers zu vernehmen. Die beiden Frauen machten sich, dicht gefolgt von Snuffy, auf den Weg um nachzusehen, wie die Bauleute voran kamen. Es war sehr erstaunlich zu entdecken, wie weit die Bauleute in den wenigen Stunden schon gekommen waren. Der Graben, der das gesamte Bärengehege umgab, war schon fast zur Hälfte ausgebaggert. Der Graben würde mit Beton ausgefüllt werden, in den dann die Vergitterung eingelassen werden würde.

Sabine ging zielstrebig auf einen der Bauleute zu. Sie reichte ihm die Hand und stellte Karin und sich selbst bei ihm vor. Sie sagte auch, wie erstaunt sie sei, dass in so kurzer Zeit schon so viel geschehen sei. Der Mann, der sich als Herr Berger vorgestellt hatte erwiderte, dass sie immer bemüht seien, die Wünsche der Kunden schnellstmöglich zu erfüllen. Und Herr Becker, der am Nachmittag auch noch vorbeischauen wollte, hatte gesagt, das es sich um eine schnelle Abwicklung handeln würde. Er habe gestern Abend noch alle Pläne und Zeichnungen vorbereitet. „Aber das wird er sicherlich nachher alles selbst mit Ihnen besprechen.“

Sabine fragte Herrn Berger, wie lange die jeweiligen Arbeitstage dauern würden. Als Herr Berger gesagt hatte, das die Tage in den Sommermonaten nicht selten bis 20.00 Uhr ausgenutzt wurden, „Das sind ja noch einige Stunden. Wir gehen dann erst mal ins Haus und kochen einen Kaffee. Dann können sie alle eine kleine Kaffeepause machen“ „Das ist aber nett. Da werden die Jungs sich freuen.“

Sabine und Karin gingen gemeinsam in die Küche, um alles vorzubereiten. Während der Kaffee durchlief, stellten die beiden Tassen und einige Kekse auf einem Tablett bereit. Sie waren gerade damit fertig, als auch schon die Kaffeemaschine ihren Dienst erfüllt hatte. Karin stellte die Kanne auf das Tablett. Gemeinsam gingen die beiden wieder in den Garten, um die Bauleute zu einer Pause zu bitten. Es dauerte auch nur wenige Minuten, bis die Kaffeepause beginnen konnte. Herr Berger stellte seine beiden Kollegen vor. Der schon etwas ältere, Herr Schmittmann, schien sehr freundlich zu sein. Er streichelte Snuffy, der wie immer mit dabei war, freundlich über den Kopf. „Was für ein wunderschöner Kerl. Ich habe noch ein paar Brote mit. Darf ich ihm von dem Wurstbrot etwas abgeben?“ „Aber sicher. Passen Sie nur auf, das er nicht alles alleine aufisst.“ Während Sabine das sagte, streichelte sie ebenfalls über Snuffys Fell.

Der dritte in der Runde wurde als Wolfgang vorgestellt. Herr Berger erklärte dazu, das Wolfgang im dritten Ausbildungsjahr bei ihnen sei.

Dieser Wolfgang schien ein sehr mürrischer Typ zu sein. Er hatte es nicht einmal für nötig gehalten, sich für die Kaffeepause zu bedanken. Ganz im Gegenteil. Er hatte sich einige Meter

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von allen andern entfernt auf einen Baumstamm gesetzt. Er war nicht daran interessiert, mit den anderen ein Gespräch zu führen. Snuffy, der begeistert mit Herrn Schmittmann dessen Brote teilte, sah kurz in Wolfgangs Richtung, als dieser plötzlich zu husten begann. Snuffy war so in die Brotstückchen, die ihm von Herrn Scnmittmann gereicht wurden, vertieft, dass er nicht mehr weiter auf Wolfgang achtete. Schon nach einer viertel Stunde war die Kaffeepause wieder vorbei. Die Männer begaben sich wieder an ihre Arbeit. Sabine und Karin brachten das benutzte Geschirr in die Küche. „Sollen wir noch mit Snuffy zum See gehen?“ Karin war von diesem Vorschlag sofort überzeugt. „Wenn wir heute Abend von dem Bären zurückkommen, sind wir dazu bestimmt auch wieder zu erledigt.“

Als die beiden Frauen den Weg zum See einschlugen, freute Snuffy sich sehr. Obwohl es immer noch sehr heiß war, sprang er freudig um sie herum. Natürlich war es auch für die Frauen eine sehr schöne Sache, einfach für die nächsten Stunden abzuschalten. Wenn sie später wieder auf dem Hof sein würden, wäre bestimmt schon Herr Becker da, mit dem sie weitere Einzelheiten für das Bärengehege besprechen mussten. Danach ging es dann auch wieder Richtung Tiergarten. Der Bär wartete dann bestimmt schon wieder auf sein Futter. Die nächsten Wochen die vor Sabine lagen, würden sehr aufwendig werden. Um den Bären täglich zu versorgen, würde sie jeden Tag zweimal zum Tiergarten fahren müssen. Dieser Aufwand würde sich mit dem Einzug des Bären auf Sabines Hof erledigen. Aber bis dahin lagen noch ein paar Wochen vor ihr. Karin fand es sehr schade, dass ihr Aufenthalt bei der Freundin in wenigen Tagen vorbei sein würde. Aber sie hatte sich ganz fest vorgenommen, Sabine in der Zukunft deutlich häufiger zu besuchen. Ein Jahrelanges Nichtbegegnen sollte es nie wieder geben. In den letzten Jahren wäre es nicht möglich gewesen die Kinder, die noch viel zu klein waren mit Georg allein zu Hause zu lassen. Das letzte Mal hatte sie Sabine zu Rolfs Beerdigung gesehen. Wie viele Jahre waren seitdem schon vergangen. Karin wäre in dieser Zeit so gerne an Sabines Seite gewesen, um der Freundin ein wenig in dieser schwierigen Situation zu helfen. Aber das war leider nicht möglich gewesen. Selbst die vielen Telefonate die sie in der Zeit geführt hatten, waren zeitlich immer begrenzt gewesen. In der Zukunft sollte das anders werden. Sie hatte schon überlegt, ob sie in den Herbstferien gemeinsam mit Georg und den Kindern zu Sabine fahren sollten. Sie hatte sich vorgenommen, ihre Idee bald nach ihrer Ankunft zuhause mit Georg zu besprechen.

Bis dahin hatte der Bär sich bestimmt schon gut in seinem neuen Gehege eingelebt. Sie freute sich schon sehr darauf, ihn in der neuen Umgebung zu beobachten.

Die beiden Frauen waren eine Weile schweigend nebeneinander hergegangen. Seit Sabine Karin am Bahnhof abgeholt hatte, war es das erste Mal das solange Schweigen zwischen ihnen herrschte. Sabine sah ihre Freundin an. „Worüber denkst du nach?“ Karin erzählte ihr von den Gedanken der letzten Minuten. „Das wäre so schön, wenn du in den Herbstferien mit Georg und den Kindern herkommen würdest. Dann wäre ein Wiedersehen nicht in weite Ferne gerückt.“

Auf dem weiteren Weg unterhielten sich die Frauen nun wieder sehr ausgiebig. Sie hatten noch viele Ideen für das Bärengehege. Sie stellten sich schon sehr intensiv vor, wie es für den Bären sein würde, wenn er dort ankam.

Ganz verträumt erzählte Sabine, wie sie sich vorstellte, mit dem Bären die Zeit zu verbringen. „Bestimmt wird es sehr schwierig, ihm die Langeweile zu vertreiben. Er kann zwar in dem

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Gehege, ganz anders als er es in seinem engen Zwinger kennt, hin und her laufen. Aber er ist dennoch allein.“ „Liebe Sabine, du denkst doch nicht etwa darüber nach, einen zweiten Bären zu kaufen?“ „Nein. Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Aber wo du das jetzt so sagst, die Idee wäre nicht schlecht.“ An dem nachfolgenden Gelächter wurde beiden klar, das diese Idee in keiner Weise ernst zu nehmen war.

Snuffy, der ein Stück voraus gelaufen war, schwamm bereits eine große Runde im See. Als er wahrnahm, das Sabine und Karin ebenfalls ins Wasser gingen, schwamm er freudig auf sie zu. Diese Pause kam wirklich wie gerufen. Gemeinsam mit Snuffy schwammen sie zwei große Runden durch den See. Wieder am Ufer angekommen, blieben sie alle drei im seichten Wasser sitzen.

„Mir ist gerade beim Schwimmen ein Name für den Bären eingefallen.“ Karin sah Sabine neugierig an. „Sag ihn, lass mich doch nicht so lange warten.“ „Wie findest du Jacco?“ „Der Name passt total. Wie bist du denn darauf gekommen?“ „Ich weiß nicht. Plötzlich war er da. Eigentlich hatte ich nicht an die Namenssuche gedacht. Aber wenn dir der Name auch gefällt, nennen wir ihn ab sofort Jacco.“ „Der Name ist einfach nur passend. Jacco.“

Es war unglaublich wie schnell die Zeit vergangen war. Aber jetzt mussten sich die Frauen schon wieder auf den Heimweg machen, um Herrn Becker nicht warten zu lassen.

Die Zeit war zwar begrenzt gewesen, aber es war sehr viel passiert. Karin hatte fest beschlossen, Sabine häufiger zu besuchen und Jacco hatte einen Namen bekommen.

Als sie wieder auf dem Hof eintrafen, war Herr Becker gerade angekommen. Sabine und Karin gingen ihm entgegen und begrüßten ihn.

„Sind Sie mit dem Arbeitseinsatz meiner Männer zufrieden? Es ist schon ein gutes Stück vorangegangen. Morgen früh werden die Gitter geliefert. Wir können dann gleich anfangen, sie in Beton einzulassen. Sabine sah Herrn Becker freundlich an. „Es ist einfach nur toll, wie schnell Ihre Leute arbeiten. Wenn das in dem Tempo weitergeht, kann ich mir kaum vorstellen, dass bis zur Fertigstellung drei Wochen benötigt werden.“

Herr Becker schmunzelte. „Es ist immer sinnvoller, zuerst einen etwas längeren Zeitraum anzugeben. Wenn wir alles schneller schaffen, ist es für den Kunden ein Grund zur Freude. Andersherum wäre der Ärger vorprogrammiert. Wir wollen schauen, wie sich der Bau des Geheges weitergestaltet. Ich kann aber versprechen, dass in spätestens drei Wochen alles fertig ist.“

Im weiteren Gespräch erzählten Sabine und Karin von den Ideen, die sie sich noch ausgedacht hatten. Am Ende sagte Herr Becker, dass der Bär sich kaum beklagen könnte, wenn er sein neues Gehege bezog.

Nachdem Herr Becker den Hof wieder verlassen hatte, machten sich Sabine, Karin und Snuffy auf den Weg zu Jacco. Sicherlich wartete er s chon auf sein Futter.

Als sie im Tierpark ankamen, saß der Bär wirklich schon wieder am vorderen Gitter und sah in die Richtung des Weges, aus der seine neuen Freunde kommen mussten.

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Sabine kletterte über die Absperrung. „Du lieber Freund. Ich habe einen Namen für dich. Ich werde dich Jacco nennen.“ Indem sie das zu dem Bären sagte, warf sie die mitgebrachten Futterstücke in seinen Käfig. Gierig machte der Bär sich über die mitgebrachten Leckereien her. Karin sagte, dass es erstaunlich sei, wie schnell Jacco sich an diese neue Situation gewöhnt habe. „Bei diesem geldgierigen Herrn Fischer hat er solche guten Stücke bestimmt nicht häufig bekommen. „Ich freue mich so sehr auf den Tag, an dem er zu mir zieht. Für Jacco wird ein neues Leben beginnen.

Fast eine halbe Stunde beobachteten Sabine und Karin ihren Bärenfreund, der, nachdem er alles aufgefressen hatte, sich wohlig in eine Ecke seines Käfigs zurückzog. Er sah sehr zufrieden aus.

Den nächsten Tag nutzte Carsten Koch, um einige Einkäufe zu tätigen und seine Sachen für die nächsten drei Wochen bei Dr. Meierling zu packen. Er wollte morgen sehr zeitig losfahren. Wenn dann schon alles gut vorbereitet war, würde es keine Verzögerungen geben. Er war sehr gespannt auf die vor ihm liegende Zeit. Er freute sich auf die Zusammenarbeit mit Dr. Meierling und Monika. Er hoffte, dass er bei den Patientenbesitzern gut ankommen würde. Der Aufgabenbereich war deutlich anders ausgerichtet als seine bisherige Tätigkeit, die fast ausschließlich im OP stattgefunden hatte.

Er hatte gestern noch ein langes Gespräch mit Herrn Prof. Lüning geführt. Der fand es nach wie vor sehr schade, dass er diesen Weg einschlagen wollte. Nachdem Carsten aber intensiv seine Beweggründe geschildert hatte, konnte Prof. Dr. Lüning ihn verstehen. Carsten hatte beteuert, dem Professor zu berichten, wie er in seinem neuen Bereich zu Recht kam.

Der Tag mit den ganzen Vorbereitungen war schnell herumgegangen. Als am nächsten Morgen in aller Frühe der Wecker rasselte, konnte Carsten kaum glauben, dass er nun gleich schon losfahren würde, um einen Einblick in sein neues Leben zu nehmen.

Ganz anders als am letzten Wochenende war die Autobahn sehr voll. Nach wenigen Kilometern war klar, dass diese Fahrt deutlich länger dauern würde. Carsten schätzte, dass er erst am späten Vormittag bei Dr. Meierling eintreffen würde. Aber gut. Auf ein paar Stunden kam es nicht an. Schließlich lagen noch drei ganze Wochen vor ihnen.

Kapitel 18

Nach einer endlos dauernden Fahrt kam Carsten Koch am späten Vormittag bei Dr.Meierling an. Nach einer freundlichen Begrüßung, während der Carsten von der anstrengenden Fahrt berichtet hatte, schlug Monika vor, zuerst mal eine ausgiebige Pause einzulegen. Diese Zeit könne unter anderem dazu genutzt werden, für den Nachmittag eine Liste der zu besuchenden Patienten zu erstellen. Die beiden Tierärzte gingen ohne Zögern auf Monikas Vorschlag ein.

Nachdem sie die von Monika vorbereitete Mahlzeit zu sich genommen hatten, berichtete Dr. Meierling, welche Patienten für den Nachmittag auf dem Plan standen.

„Wir werden zuerst zu Bauer Höppe fahren. Dort ist eine Kuh mit einer Euterentzündung. Wenn wir dort fertig sind, steht ein Pferd mit einer Lahmheit bei Familie Billing auf dem Programm. Danach folgt noch ein weiteres Pferd mit einer Hauterkrankung. Wenn wir dann noch genug Zeit bis zur Sprechstunde haben, fahren wir noch schnell bei Sabine Reckert

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vorbei. Das ist die Frau, die den Bären gekauft hat. Wir könnten mit ihr die weitere Vorgehensweise in diesem Fall besprechen.“ „Das hört sich alles sehr interessant an. Um wie viel Uhr beginnt die Sprechstunde?“ „Um 17.00 Uhr. Das offizielle Ende der Sprechstunde ist um 19.00 Uhr. Monika, die immer alles vortrefflich organisiert, sorgt fast immer dafür, das um 19.00 Schluss ist.“

In der nächsten Stunde machten die beiden Tierärzte sich gemeinsam auf den Weg, um die ersten Patientenbesuche zu machen. Auf der Fahrt zu Bauer Höppe war Carsten Koch von den Bildern der Landschaft sehr beeindruckt. „Gab es in Ihrem Leben auch mal Phasen, in denen Sie mit der Einsamkeit hier nicht zurecht gekommen sind?“ „Nein, ich war hier immer glücklich. Bis zur nächsten Stadt ist es nicht weit. Wenn ich abends oder am Wochenende das Gefühl hatte, etwas mehr Leben um die Ohren haben zu müssen, habe ich mich dorthin auf den Weg gemacht. Nach ein paar Stunden war ich aber immer froh, wenn ich nach Hause in die Stille zurück konnte.“ „Wenn ich in dieser Gegend oder auf Ihrem Hof bin, kann ich mir das gut vorstellen.“

Sie waren eine knappe halbe Stunde unterwegs gewesen, als sie den Hof von Bauer Höppe erreichten, der bereits auf den Tierarzt zu warten gehabt schien. Mit großen Schritten ging er dem Wagen von Dr. Meierling entgegen. „Die Schwellung ist schon deutlich zurückgegangen Die alte Klara ist fast wieder fit.“ „Das ist schön. Bevor wir zu Klara gehen, möchte ich Ihnen aber erst Herrn Dr. Koch vorstellen.“ Er machte die beiden Männer miteinander bekannt und erklärte, warum Dr. Koch dabei war. Bauer Höppe schien das nicht sonderlich zu interessieren. Sein einziger Kommentar dazu war, ob Dr. Meierling die Aufgabe seiner Leistungen nicht als ein wenig frühzeitig empfand. Nachdem Dr. Meierling das verneint hatte, gingen sie alle drei zu der Patientin. Dr. Meierling erklärte seinem Kollegen die Anzeichen, die Klara gezeigt hatte. Er bat Dr. Koch, die Nachuntersuchung vorzunehmen. Dr. Koch ließ sich sofort ohne Zögern oder Unsicherheit auf die Untersuchung ein. Er betastete den Euter der Kuh und maß anschließend die Körpertemperatur. „Unsere Patientin ist deutlich auf dem Weg der Besserung. Wir sollten ihr noch das entzündungshemmende Medikament injizieren. Damit müsste es dann überstanden sein.“

Dr. Meierling war von Carsten Kochs Vorgehensweise sehr beeindruckt. Es machte fast den Anschein, als hätte er solche Untersuchungen und Behandlungen schon immer durchgeführt,

Auch für den Bauern schien Dr. Kochs Vorgehensweise in Ordnung zu sein.

Nachdem Klara ihre Spritze bekommen hatte verabschiedeten sich die Tierärzte von dem Bauern.

Nachdem sie den Hof verlassen hatten, sagte Dr. Meierling, dass er sehr beeindruckt gewesen sei. Gemeinsam beschlossen sie, dass das Pferd der Familie Billing auch gleich zu Dr. Kochs Patienten werden sollte. Um Dr. Koch zu testen, sagte Dr. Meierling lediglich, dass es sich dabei um eine Lahmheit handelte. Schon eine viertel Stunde später war der Stall der Familie Billing erreicht. Dort standen insgesamt drei Pferde. Der große Schimmel in der mittleren Box war der Patient. Nach einem kurzen Vorstellen begann Dr. Koch mit der Untersuchung. Um ihm die nötige Ruhe zu verschaffen, verwickelte Dr. Meierling Frau Billing und deren Tochter in ein ausgiebiges Gespräch. Nach knapp zehn Minuten mischte sich Dr. Koch in das Gespräch. Er stellte eine sehr genaue Diagnose und teilte den Zuhörenden seine

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Behandlungsstrategie mit. Alle waren von seinem Plan überzeugt und stimmten der Behandlung zu. Auch hier war alles sehr zufriedenstellend gelaufen.Die Problematik des nächsten Pferdepatienten wurde ebenfalls von Dr. Koch mit Leichtigkeit bewältigt.

Für den ersten Tag war Dr. Meierling mit dem Einsatz seines jungen Kollegen zufrieden. Wenn das in den nächsten Tagen so problemlos weiterging, würde einer baldigen Übernahme der Praxis nichts mehr im Wege stehen. Nach einem kurzen Blick auf die Uhr sagte Dr. Meierling: “Wir liegen noch sehr gut in der Zeit. Da können wir ohne Eile noch bei Sabine Reckert vorbeifahren um mit ihr die weiteren Dinge in Bezug auf den Bären zu besprechen. Als Dr. Meierling auf Sabines Hof einbog, lief Snuffy dem Auto neugierig entgegen.
Staunend sah Dr. Koch den Hund an. „Das ist ja ein Riesentier! Der sieht auch fast wie ein Bär aus. Diese Frau scheint Bären sehr zu mögen.“ Carsten lächelte. Er war sehr gespannt, diese Frau kennen zu lernen. Als er aus dem Auto stieg, ging er freundlich auf Snuffy zu. „Na du Riese. Aber freundlich bist du doch?“ Er streckte Snuffy seine Hand entgegen und ließ ihn daran schnuppern. Sabine und Karin bogen in diesem Moment um die Hausecke. Sabine, die ihren Hundefreund beobachtete, lächelte. Dann wandte sie sich an Dr. Koch. „Wie schön dass Sie von Snuffy so freundlich begrüßt werden. Ich kann mich immer gut auf seine Einschätzung verlassen. Da Sie, wie Dr. Meierling berichtet hat, seine Praxis übernehmen werden, ist das für mich ein gutes Gefühl das Snuffy Sie zu mögen scheint.“ Carsten Koch
sah Sabine an und reichte ihr die Hand. Er war sehr erfreut über diese nette Begrüßung. Auch wenn bei den anderen Patienten alles gut gelaufen war, so freundlich hatte ihn keiner begrüßt. Während er Sabine die Hand schüttelte sagte er: “Snuffy ist wirklich ein sehr netter Hund.
Auf den können Sie stolz sein. In meinem Fall hoffe ich sehr, das Sie sich auf sein Urteil verlassen können.“ Dr. Meierling, der die beiden schmunzelnd beobachtet hatte, ergriff nun das Wort. „Wir sind hier um mit Ihnen zu besprechen, wie wir die Geschichte mit dem Bären meistern wollen. Wo ist er denn jetzt überhaupt?“ „Noch ist er in dem Tierpark in der Stadt. Sein Gehege hier muss ja erst mal fertig gebaut sein. Vorher wäre es glaub ich, nicht besonders schlau, ihn her zu holen.“ Zustimmend zu dieser Bemerkung lachten sowohl Karin als auch Dr. Meierling und Dr. Koch. „Aber zuzutrauen wäre Ihnen auch das“ bemerkte Dr. Meierling. „Wenn das für Sie nicht alles zu plötzlich kommt, wäre es schön, wenn Sie morgen früh mit Dr. Koch in den Tierpark fahren. Dann kann er sich den Bären schon einmal ansehen und ihn auf seinen gesundheitlichen Zustand begutachten.“ „Es wäre schön, wenn das so schnell klappt.“ Sie sah Dr. Koch an. „Wenn es Ihnen recht ist, holen wir Sie morgen früh um acht Uhr ab.“ „Kein Problem. Ich freu mich auf den Termin.“ Dr. Meierling sah auf die Uhr. „Ich will nicht drängeln, aber wir müssen in die Praxis zurück. Sonst kommen wir zu spät zur Sprechstunde.“ Nachdem sich alle voneinander verabschiedet hatten, fuhren die beiden Tierärzte vom Hof. Karin wandte sich umgehend Sabine zu. „Der macht aber wirklich einen netten Eindruck. Snuffy scheint ihn auch zu mögen.“ „Doch, ich bin gespannt, was er morgen zu dem Bären sagt.“ „Ist es vielleicht besser, wenn ich morgen früh nicht mitfahre“ „Quatsch, wieso das denn?“ Karin lächelte nur, sagte aber nichts mehr. Der restliche Nachmittag verging wieder sehr schnell. Sabine verbrachte die meiste Zeit bei den Bauleuten. Sie war sehr erstaunt, wie schnell die anfallenden Arbeiten von statten gingen. Karin kümmerte sich
darum, den arbeitenden Männern kleine Pausen zu verschaffen, in denen sie Kaffee, Kuchen und kalte Getränke bereitstellte. Der insgesamte Ablauf war einfach nur perfekt.

Am späteren Nachmitttag machten sich Sabine, Karin und Snuffy wieder auf den Weg, um Jacco sein Futter zu bringen. Als sie vor Jaccos Käfig standen und Sabine ihm sein Futter

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durch das Gitter warf, kam Herr Fischer des Weges. „Ich hätte nicht geglaubt, dass Sie an jedem Tag zweimal herkommen und Futter vorbeibringen. Ist das nicht zu viel Aufwand?“ „Das hatten wir doch so abgesprochen. Der Bär braucht schließlich sein Futter.“ „Da haben Sie schon recht. Aber bestimmt reicht das auch einmal am Tag.“ „Es ist nett, dass Sie sich Gedanken über unseren Aufwand machen. Aber das ist wirklich kein Problem.“

Gerade in diesem Moment kam ein junger Mann auf den Bärenzwinger zu. Herr Fischer stellte ihn vor. „Das ist Armin, mein Sohn. Vielleicht könnte er Ihnen bei der Versorgung auch helfen.“ Er wandte sich an seinen Sohn. „Das würdest du doch bestimmt gerne machen, oder? Ich habe dir auch schon von Frau Rechert, die den Bären gekauft hat, erzählt.“

Armin kletterte nun ebenfalls über die Absperrung und reichte Sabine die Hand. „Das ist kein Problem. Wenn Sie Geld genug für Futter und meinen Einsatz hier lassen, kümmere ich mich darum. Und wenn der Bär bei Ihnen zu Hause ist, kann ich ihnen dort auch noch etwas helfen.“ „Danke für Ihr Angebot, aber ich denke, dass wir alles hinbekommen. Wenn es mal Zeitknapp ist, rufe ich Sie an.“ Snuffy sah den jungen Herrn Fischer aufmerksam an. Zwar knurrte er nicht, sein Nackenfell war jedoch leicht gesträubt. Sabine, die das bemerkte, konnte Snuffys Abneigung gegen Armin Fischer gut verstehen. Ihr selbst war er auch unsympathisch. Nachdem sie über die Absperrung zurück geklettert war, streichelte sie Snuffys Fell. Da brauchte er sich keine Sorgen machen, dieser junge Mann kam als Hilfe in keiner Weise in Betracht. Ihr war auch aufgefallen, dass Jacco, der sonst nach seiner Mahlzeit immer darauf bedacht war, in Ruhe in einer hinteren Ecke seines Käfigs zu liegen, den jungen Herrn Fischer nicht aus den Augen gelassen hatte. Jacco hatte sehr grimmig gewirkt. Sicherlich hatte er in den vergangenen Jahren weder mit Herrn Fischer noch mit seinem Sohn gute Erfahrungen gemacht. Sabine sehnte den Tag immer mehr herbei, an dem Jacco bei ihr ein neues Zuhause fand.

Es war schon nach 20.00 Uhr, als Sabine und Karin wieder auf ihrem Hof eintrafen. Die Bauleute waren nicht mehr bei der Arbeit. Gemeinsam mit Snuffy gingen die beiden Frauen los, um zu sehen, wie weit die Bauarbeiten fortgeschritten waren. Zwar war noch sehr viel zu tun, aber es war ein gutes Gefühl zu sehen, wie schnell und gewissenhaft die Männer arbeiteten.

Eine Weile verbrachten sie noch bei dem Gehege. Ihnen kamen immer wieder neue Ideen, was sie verändern könnten, um dem Bären in seinem neuen Wohnbereich das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. Ich beneide dich um das Erlebnis, wenn Jacco hier einzieht. Es ist so schade, dass ich nicht dabei sein kann. Montag fährt mein Zug um 9.15 Uhr. Egal in welchem Tempo hier weiter gearbeitet wird – die Zeit ist zu knapp. “Schade, an deine Abreise darf ich auch nicht denken. Wir werden dich alle sehr vermissen. Der einzige Trost ist, das wir uns vielleicht schon in ein paar Monaten wieder sehen.“ „Ja, das muss gelingen.“

Den Rest des Abends verbrachten die Frauen wieder im Garten. Der Tag war wieder anstrengend gewesen. Es war sehr erholsam, den Abend hier zu verbringen.

Der nächste Morgen begann wie immer. Nach der Arbeit an den Ställen folgte ein kurzes Frühstück.

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Das Futter für Jacco wurde in einen großen Eimer gepackt. Sabine, die an diesem Morgen auffallend oft auf die Uhr sah, sagte schon sehr zeitig, das sie sich auf den Weg machen müssen, um Dr. Koch abzuholen. „Ich möchte nicht, das er auf uns warten muss.“ Karin lächelte. Vielleicht hatte Sabine Carsten Koch viel netter gefunden, als ihr selbst klar war.

Kaum hatten sie den Parkplatz auf Dr. Meierlings Hof erreicht, als Carsten Koch auch schon auf ihr Auto zukam. „Guten Morgen. Wäre es für Sie in Ordnung, wenn ich bei Ihnen mitfahre oder soll ich lieber mein eigenes Auto nehmen?“ „Natürlich nehmen wir Sie mit.“ Karin lächelte Dr. Koch an. „Ich setz mich auf die Rückbank zu Snuffy.“ „Nein, bleiben Sie ruhig vorne sitzen. Snuffy wird es doch sicherlich erlauben, das ich neben ihm sitze.“ Während er das sagte, öffnete er die hintere Tür des Autos und stieg ein. Snuffy begrüßte ihn freundlich. Er legte eine seiner Pfoten auf Dr. Kochs Oberschenkel, Sabine ermahnte ihn. „Snuffy, benimm dich.“

„Es ist doch sehr nett, wie er mich begrüßt.“ Er kraulte Snuffys Ohren, wofür der ihm zum Dank über die Hand leckte. Die beiden schienen sich gut zu verstehen. Auf dem Weg zum Tiergarten ließ sich Dr. Koch von Sabine erzählen, wie es zu dem Kauf des Bären gekommen war. Sie berichtete davon, wie traurig sie das Schicksal des Bären gefunden hatte. „Das ist bestimmt auch eine große finanzielle Belastung die da auf Sie zukommt. Ich hab gestern nur kurz gesehen, welche Vorkehrungen Sie für das Bärengehege treffen. Das ist bestimmt alles nicht günstig.“ „Nein, das ist schon richtig. Aber ehrlich gedagt, ist mir das der Bär wert.“

Jacco saß wieder an seinem Gitter und sah in ihre Richtung. Als Sabine über die Absperrung kletterte, sagte Dr. Koch, das sie nicht zu dicht an die Gitter gehen solle. Der Bär wäre wahrscheinlich in der Lage, sie mit seinen Krallen zu erreichen.

Karin, die neben Dr. Koch vor der Absperrung stand sah ihn von der Seite an. Flüsternd sagte sie zu ihm, dass er sich solche Warnungen sparen könnte. „ Als Sabine zum ersten Mal über die Absperrung geklettert ist, war ich auch in großer Sorge. Aber das siehr sie einfach anders. Für Sabine ist irgendwie klar, dass der Bär ihr nichts tun wird. „Ich finde ihr Vertrauen eigentlich auch gut. Aber man darf natürlich nicht vergessen, dass der Bär, auch wenn er schon viele Jahre hier in Gefangenschaft lebt, ein wildes Tier ist.“ Sabine drehte sich zu Karin und Dr. Koch um. „Worüber redet ihr?“ Karin ergriff das Wort. „Wir haben gerade darüber gesprochen, wie schön es ist, das du zu dem Bären in so kurzer Zeit so großes Vertrauen gefasst hast. Das ist wirklich etwas Besonderes.“

Eine Zeitlang standen sie noch vor Jaccos Käfig und beobachteten ihn. „Wir werden ihn für den Transport zu Ihnen in Narkose legen müssen. Das wird das Schwierigste an der ganzen Sache. Wir werden ihn mit Hilfe eines Narkosegewehres betäuben müssen. Da können wir nur hoffen, dass er Kreislaufmäßig alles gut übersteht.“ „Wie schwer schätzen Sie ihn?“ „Ich denke, eine halbe Tonne wird er ganz bestimmt wiegen.“ „Dann wird er für das Gewicht die Narkose bekommen?“ „Das sollte schon so sein. Ich mache mir aber vorher über alles noch genau Gedanken. Das wird schon alles gut gehen.“

Als Carsten Koch wieder auf Dr. Meierlings Hof eintraf, wartete Monika schon mit einem Kaffee und frischen Brötchen auf ihn.

„Heute waren Sie aber schon früh unterwegs.“ „Ich war mit den beiden Frauen im Tiergarten um den Bären zu begutachten.“ „Und, meinen Sie, dass es richtig ist, einen Bären privat zu

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halten?“ „Das wird bestimmt eine große Aufgabe. Ich glaube aber, dass Frau Reckert damit zu Recht kommen wird.“ „Das passt zu ihr. Sie ist eine arrogante, verwöhnte Ziege. Die meint, weil sie Bücher schreibt, könne sie machen was sie will.“ „Sie hat eigentlich einen sehr netten Eindruck auf mich gemacht.“ Das Dr. Koch das sagte, gefiel Monika überhaupt nicht. Sie hatte es schon nicht gut haben können, dass Dr. Koch mit den Frauen unterwegs war. Und jetzt noch so ein Kommentar. Sie wollte dafür sorgen, dass Dr. Koch Sabine nicht zu gut fand. „Die ist doch nur so freundlich, weil sie will, dass Sie sich möglichst gut um diesen blöden Bären kümmern. Wenn das geschafft ist, wird sie nicht mehr so freundlich sein.“ „Ach so.“

Dr. Koch schlug jetzt das Terminbuch auf, um nachzusehen, was heute noch alles auf dem Plan stand. Er fand Monika nett, hatte aber keine Lust, sich mit ihr über Sabine Reckert zu unterhalten. Er wusste zwar nicht warum, spürte aber deutlich, dass Monika auf Sabine Reckert nicht gut zu sprechen war.

Als Dr. Meierling das Büro betrat, waren diese Gedanken über Monikas Abneigung gegen Sabine Reckert sofort vergessen.

Die beiden Tierärzte begrüßen sich wie alte Freunde. „Sie haben den ersten Besuch für heute schon hinter sich. Wie war es denn bei dem Bären?“ Carsten Koch berichtete ausführlich über den Besuch. „Hoffentlich bekommen wir das mit der Narkose und dem Transport alles gut hin. So einen Fall hat man nicht häufig in seinem Berufsleben als Tierarzt.“ Dr. Meierling lachte. „Da haben Sie wohl Recht. Aber gemeinsam bekommen wir das schon hin.“

Zusammen gingen sie nun die Termine für den heutigen Tag durch. Der Vormittag war recht voll mit Patientenbesuchen. Dafür versprach der Nachmittag etwas ruhiger zu werden. Carsten freute sich auf diesen neuen Tag.

Monika hatte sich dicht neben Carsten Koch gestellt. „Wenn Sie Lust haben, könnten wir heute Abend nach der Sprechstunde noch ein wenig ausreiten. Ich zeig Ihnen dann ein wenig von der Gegend“ „Das wäre wirklich schön. Wenn der Tag nicht allzu anstrengend wird, können wir das machen.“

Indem er das sagte, verließ er das Büro und folgte Dr. Meierling, der bereits auf dem Weg zu dem Medikamentenlager war. Es dauerte nur noch wenige Minuten, bis die beiden sich auf den Weg zu den anstehenden Hausbesuchen machten.

Sabine und Karin hatten sich für den heutigen Tag vorgenommen, alles etwas ruhiger angehen zu lassen. Die letzten Tage waren doch recht anstrengend gewesen.

Da Jacco erst am späten Nachmittag wieder Futter brauchte, planten die beiden Frauen, den Tag gemeinsam mit Snuffy bei einem ausgedehnten Spaziergang zu verbringen. Während Sabine einen Rucksack mit diversen Leckereien für Mensch und Hund packte, bereitete Karin Kaffee und Getränke für die Bauleute vor, die wieder emsig bei der Arbeit waren.

Bevor die Frauen zu ihrem Ausflug aufbrachen, stellten sie noch die von Karin vorbereiteten Sachen für die Männer nach draußen. Sie sagten ihnen, dass sie in den nächsten Stunden nicht zu erreichen seien.

Bis zu der ersten Pause auf der Waldlichtung plauderten Sabine und Karin über ziemlich belanglose Themen. Aber dann wurden die Gespräche doch etwas tiefsinniger. Karin sah ihre

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Freundin ein paar Momente schweigend an. „Sag mal Sabine, wie findest du Dr. Koch. Irgendwie geht der mir nicht mehr aus den Gedanken.“ „Der ist ja auch wirklich nett. Und warum der als Tierarzt und nicht als männliches Modell arbeitet, verstehe ich auch nicht.“ „Sein Aussehen ist sehr auffallend. Für Dr. Koch ist es bestimmt nicht schwierig, verschiedene Treffen mit Frauen zu vereinbaren.“ „Das mag schon sein, aber so schätze ich ihn nicht ein. Nach den ersten Eindrücken macht er eher einen sehr engagierten, zuverlässigen Eindruck.“ „So schätze ich ihn auch ein. Wenn er in Kürze auf den Hof von Dr. Meierling zieht und falls er nicht verheiratet ist, könntest du dir vorstellen, dich vielleicht auch mal

privat mit ihm zu treffen?“ „Daran habe ich noch nicht gedacht. Sicher hat er auch genug anderes zu tun, als mit mir seine Freizeit zu verbringen.“ „Es hätte mich gewundert, wenn du anders gedacht hättest. Aber denk bitte darüber nach. Ich weiß nicht genau warum ich das denke, aber irgendwie finde ich, ihr würdet gut zueinander passen.“ „Warten wir doch einfach ab.“

Karin bemerkte, dass dieses Thema für Sabine nicht von großer Bedeutung war. Dr. Koch wäre für Sabine bestimmt eine gute Anregung gewesen, um endlich ihrem einsamen Leben zu entrinnen. Selbstverständlich akzeptierte sie aber die distanzierte Einstellung ihrer Freundin. Karin wünschte sich sehr, dass Sabine endlich über Rolfs Tod hinwegkommen würde ein etwas Neues beginnen könnte. Aber ihr blieb nichts anderes, als weiter abzuwarten.

Sabine, die ein anderes Thema suchte, fragte Karin, ob sie am Samstag, nachdem sie bei Jacco gewesen waren, in die Stadt fahren sollten um dort noch einige Sachen einzukaufen.

„Wir sollten unser letztes gemeinsames Wochenende so gemütlich wie nur möglich verbringen. Wenn wir dann aus der Stadt wieder da sind, könnten wir mit Snuffy zum See gehen, um dort noch eine schöne Zeit zu verbringen.“ „Das ist eine gute Idee. Da machen wir es uns dann so richtig schön gemütlich.“

Die nächsten Tage bis zum Wochenende vergingen weiter wie im Fluge. Herr Becker hatte angekündigt, dass seine Leute an dem Samstag bis zum frühen Nachmittag bei Sabine arbeiten würden.

An dem Samstagmorgen gingen Sabine und Karin den Tag sehr gemütlich an. Nachdem sie Jacco sein Futter gebracht hatten, führen sie weiter in die Stadt Snuffy hatten sie zuhause gelassen, um ihm Warterei im Auto oder vor den Geschäften zu ersparen. Als sie losgefahren waren, konnte er nicht verstehen, warum sie ihn nicht mitnahmen. Sie versprachen ihm beide sich zu beeilen und dann wäre er für den Rest des Tages auch ganz bestimmt dabei.

„Es fällt mir immer sehr schwer, Snuffy zuhause zu lassen. Wenn er bei mir ist, vergeht keine Minute, an der er nicht an meiner Seite ist. Er ist fast wie mein Schatten.“ „Da hast du wirklich einen sehr treuen Freund.“

In den Geschäften in der Stadt beeilten die beiden sich sehr. Es war auch für Karin kein gutes Gefühl gewesen, Snuffy nicht mitzunehmen.

Als sie wieder auf dem Hof ankamen, wurden sie freudig von Snuffy begrüßt. „So du lieber, jetzt stellen wir noch schnell einen Kaffee für die Bauleute nach draußen und dann gehen wir zum See.“

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Der Nachmittag verlief einfach nur schön. Zwischen den Ruhephasen auf der Decke standen Schwimmrunden und Tobereien mit Snuffy im Wasser auf dem Programm.

„Wenn wir heute Abend von Jacco wieder da sind, sollten wir den Rest des Abends bei einem Gläschen Wein im Garten verbringen.“ „Liebe Sabine, ich muss einfach zugeben, dass deine Einfälle bemerkenswert gut sind.“

Erst am späten Nachmittag kamen sie wieder zuhause an. Die Bauleute hatten schon Feierabend gemacht. Schnell wurde das Futter für Jacco vorbereitet – heute waren sie doch ein wenig später unterwegs als an den letzten Tagen.

Auf der Fahrt in den Tiergarten zogen dicke Wolken am Himmel auf. „Mit dem geplanten Gartenabend, dass könnte ins Wasser fallen.“ Karin stimmte der Freundin zu. „Das sieht nach einem heftigen Gewitter aus. Aber das macht nichts. Den Wein können wir auch im Haus trinken.“ Sabine bemühte sich, Jaccos Abendfütterung schnell abzuhandeln. Sie wollte gerne vor dem Ausbruch des Gewitters wieder zuhause sein. Trotz aller Eile gelang das nicht ganz. Sie hatten nur noch wenige Kilometer zu fahren, als heftiger Regen einsetzte. Auf dem Hof angekommen, fing es heftig an zu donnern. Die Frauen und Snuffy rannten vom Parkplatz aus ins Haus. Das schien ein heftiges Unwetter zu werden.

Sabine, die das Haus als Letzte betrat, schloss hinter sich die Tür. „Was ein Glück, dass wir das noch einiger maßen geschafft haben. Komm, wir machen es uns jetzt in der Küche gemütlich.“

Karin unterstützte Sabine bei der Vorbereitung des Abendessens. Sie hatten sich entschlossen, einen Topf Nudeln zu kochen. Dazu gab es eine leckere Sahnesoße. Steve und Trude, die beiden Katzen, schienen über diese Planung auch sehr erfreut. Sie hatten sich in Anbetracht der Wetterverschlechterung frühzeitig ins Haus zurückgezogen. Sie lagen beide auf der Couch im Esszimmer und beobachteten aufmerksam die Vorbereitungen für das Essen. Karin setzte sich einen Moment zu ihnen und streichelte sie. „Gut, das ihr im Haus seid. Das scheint ein heftiges Unwetter zu werden.“ Der Regen prasselte an die Fensterscheiben und in Abständen zuckten Blitze, vom Donner begleitet, am Himmel auf.

Nach einer halben Stunde war das Abendessen komplett fertig. Sabine und Karin setzten sich an den gedeckten Tisch.

„Der Regen war längst überfällig. Aber hoffentlich bleibt das in den nächsten Tagen nicht ständig so. Dann wäre für die Bauleute ein Weiterarbeiten bestimmt sehr schwierig.“ Während Sabine das gesagt hatte, entkorkte sie eine Flasche Wein und goss der Freundin etwas in ihr Glas. „Trink mal einen Schluck, magst du den?“ Karin kostete einen Schluck aus dem vollen Glas. „Den kann man sehr gut trinken. Lecker.“ Steve und Trude strichen um den Tisch. Sie waren der Meinung, dass sie lange genug gewartet hätten. Sabine füllte den beiden eine kleine Portion auf zwei kleine Tellerchen, die sie auf dem Tisch bereitgestellt hatte. Als Snuffy das Schmatzen der beiden Katzen vernahm, kam auch er an den Tisch. Sabine sah ihn lächelnd an. „Du hast doch erst vor einer viertel Stunde dein Abendessen bekommen. Hast du etwa schon wieder Hunger?“ Snuffy stand wedelnd vor ihr. Sabine füllte ihm eine kleine Portion der Nudeln auf einen kleinen Teller. Gierig verschlang er die Leckerei. Karin streichelte ihn. „Wir sollten so langsam auch anfangen zu essen, sonst ist gleich nichts mehr da.“ Sabine lachte und füllte der Freundin und sich selbst eine Portion auf den Teller. Beide

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waren von der Idee des ausgedehnten Abendessens sehr begeistert. Die Soße war besonders gut gelungen und beide Frauen aßen mit großem Appetit. „Wenn der Regen morgen aufgehört hat, könnten wir noch einmal eine schöne Runde spazieren gehen. Dann können wir auch dabei schauen, welchen Schaden der Sturm im Wald angerichtet hat.“ Nickend stimmte Karin Sabine zu. Nach einem Moment, nachdem sie alles runtergeschluckt hatte, sagte sie, dass sie das gut fände. „Aber jetzt esse ich erst mal in Ruhe weiter. „Das ist wirklich sehr lecker.“

Das Essen hatte sich über einen langen Zeitraum hingezogen. Draußen war es schon dunkel. Das Gewitter nahm immer weiter zu. Die Donnerschläge folgten in sehr kurzen Abständen. Und der Regen war auch noch erheblich mehr geworden.

Sabine schlug vor, sich zu Steve und Trude auf die Couch zu setzen. Die beiden hatten es sich sofort nach dem leckeren Essen dort wieder sehr gemütlich gemacht. Snuffy lag in der Küche unter dem Tisch und schlummerte entspannt vor sich hin. Alle machten einen sehr
zufriedenen Eindruck. „Da können wir den Abend in aller Ruhe ausklingen lassen. Aber lass uns noch schnell den Tisch abräumen und ein wenig Ordnung schaffen. Dann haben wir das weg.“

Sabine wäre es lieber gewesen sofort auf die Couch zu gehen. Aber natürlich hatte die Freundin Recht. In ein paar Minuten war dann alles wieder in Ordnung.

Es dauerte wirklich nicht lange, bis die Frauen sich zu den Katzen auf die Couch begeben konnten. Es war schön, in aller Gemütlichkeit dort zu sitzen und über alte Zeiten und natürlich auch über Jacco und die vergangenen Tage zu reden. Es war schon ziemlich spät und die Frauen überlegten gerade, dass es an der Zeit sei zu Bett zu gehen. Zwar hatte das Gewitter überhaupt noch nicht nachgelassen aber die Frauen waren jetzt so müde, dass sie das Donnern nicht mehr am Einschlafen hindern würde.

Gerade als sie aufstehen wollten, sprang Snuffy unter dem Tisch hervor und lief knurrend zur Tür. „Was hat er denn jetzt?“ Karin schaute die Freundin unsicher an. „Ich weiß nicht. Irgendetwas scheint er gehört zu haben.“ Mit gesträubtem Fell stand er an der Tür. Sabine sprach ihn an. „Snuffy, komm her.“

Nur sehr zögernd drehte Snuffy sich um und ging auf Sabine zu. Als er dort angekommen war, streichelte Sabine über seinen Kopf. „Vielleicht ist ihm das mit dem Gewitter jetzt doch zu viel geworden.“ „Das glaub ich eigentlich nicht. Er hat doch den ganzen Abend ganz ruhig unter dem Tisch gelegen.“ Karin schien das Verhalten des Hundes Angst zu machen. „Meinst du nicht, das es besser wäre irgendjemanden anzurufen?“ „Ich glaube nicht dass das nötig sein wird. Aber wenn dich das beruhigt, machen wir das. Es ist nur die Frage, wen wir anrufen.

Es ist schon ziemlich spät.“

Sie waren noch in der Überlegung, wen sie um Hilfe bitten könnten, als sie nach einem lauten Donnerschlag ein heftiges Gepolter aus dem hinteren Teil des Hauses hörten. Sabine hielt Snuffy, der kaum noch zu bändigen war, am Halsband fest.

Bevor die Frauen dazu kamen, einen Entschluss zu fassen was sie tun sollten, wurde die Tür aufgestoßen. Zwei maskierte Männer stürzten in den Raum. Karin schrie entsetzt auf.

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Laut knurrend stürzte Snuffy vor. Sabine hatte keine Chance, ihn festzuhalten. In großen Sätzen stürmte er den Eindringlingen entgegen. Alles ging so schnell. Der eine der Männer richtete seine Waffe, die die Frauen erst in diesem Moment wahrnahmen auf Snuffy. Sabine schrie auf „Nein“

Aber es war zu spät. Gerade als es draußen wieder heftig donnerte, fiel in dem Raum ein Schuss. Das Geräusch war ohrenbetäubend. Snuffy, der gerade zum Sprung angesetzt hatte, fiel krachend auf den Boden. Sabine schrie entsetzt auf „Snuffy bitte nein.“ Ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde zu warten, stürzte sich nun Sabine den Männern entgegen. Es war ihr einfach nicht möglich, auch nur eine einzige Sekunde über ihr aussichtsloses Tun nachzudenken. Sie sah nur ihren geliebten Snuffy am Boden liegen. Eine große Blutlache hatte sich um ihn herum gebildet. Wahrscheinlich war er tot. Sabine konnte das nicht aushalten. Sie wollte den Mann der das getan hatte vernichten. Sie stürzte sich auf ihn. Der Kampf war aussichtslos. Der Mann schmetterte Sabine seine Faust mitten ins Gesicht. Sabine brach neben Snuffy am Boden zusammen. Als sie dort lag, ging der Mann noch hinter ihr her und trat mit voller Wucht gegen ihren Kopf. Snuffy und Sabine lagen reglos nebeneinander auf dem Boden.

Karin weinte. Sie konnte nicht fassen, was soeben passiert war. Als der Mann auf sie zukam, versuchte sie, aus der Ecke in der sie gestanden hatte zu flüchten. Natürlich hatte auch sie keine Chance. Der Mann war schneller. Er gab ihr einen gewaltigen Stoß in den Rücken. Karin stürzte nach vorn auf die Knie.

In Angst und Entsetzen begann sie laut zu weinen. „Bitte, bitte nein“

Aber die Männer kannten keine Gnade. Der Eine, der sie zu Boden gestürzt hatte, hielt sie fest. Er kniete auf ihrem Rücken. Sie hatte nicht auch nur die kleinste Chance zu entkommen. Sie hörte Schritte dicht neben sich und wusste, dass auch der zweite Mann da war. In ihrem ganzen Leben hatte sie noch nie solche Angst gehabt.

Der zweite Mann der nun neben ihr stand griff in ihre Haare und riß ihren Kopf hoch. Karin schrie vor Schmerz auf. Genau in diesem Moment presste er ihr ein Tuch vor den Mund. Der Geruch war widerlich. Im ersten Moment dachte Karin, das er sie ersticken wollte. Dann schwanden ihre Gedanken und sie verfiel in einen tiefen Schlaf. Der Mann nahm den mit Äther getränkten Lappen von ihrem Gesicht und schleuderte ihn in eine Ecke.

„Los lass uns abhauen. Diese hier nehmen wir mit.“ Indem er das sagte beugte er sich zu der in tiefer Bewusstlosigkeit liegenden Karin, nahm sie auf und warf sie über seine Schulter. Schnellen Schrittes verließen die Männer das Haus und den Hof. Sie liefen den Weg entlang der zum See führte.

Geraume Zeit hatte Sabine leblos neben ihrem Snuffy gelegen. Wie in Zeitlupe erlangte sie ihr Bewusstsein wieder. Sehr verschwommen nahm sie Gegenstände in ihrer Umgebung war. Ganz langsam setzte die Erinnerung ein. Unter Schmerzen drehte sie sich auf die andere Seite. Snuffy lag direkt neben ihr. Er bewegte sich überhaupt nicht. Sabine legte ihre Hand auf sein Fell und begann zu weinen. Sie nahm jetzt in diesem Moment eine ganz leichte Atembewegung an Snuffys Brustkorb wahr. Er lebte. „Snuffy, Snuffy halt durch. Ich hole Hilfe.“

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Sehr mühsam und unter großen Schmerzen kroch Sabine los um zum Telefon zu kommen und Hilfe zu holen. Sie war schon zwei Meter weit gekommen, als sie an Karin dachte. Wo war ihre Freundin? „Karin, wo bist du?“ Erschöpft blieb sie liegen. Keinen Laut nahm sie von ihrer Freundin war.

Sie musste weiter um zum Telefon zu kommen. Zentimeter um Zentimeter robbte sie weiter. Der Schmerz in ihrem Kopf war unerträglich. Es dauerte noch geraume Zeit, bis sie endlich bei dem Telefon im Flur ankam. Mit der allerletzten Kraft zog sie sich an dem Schränkchen hoch, auf dem das Telefon stand. Mit zittrigen Fingern wählte sie die 110. Sie hörte das Freizeichen zweimal, bevor sich eine Stimme meldete. Ohne zu verstehen, mit wem sie sprach, flüsterte sie ins Telefon „Überfall, Hilfe. Tierarzt.“ Nachdem sie das gesagt hatte, fiel ihr der Hörer aus der Hand. Sie hörte die Stimme noch weitere Sachen fragen, konnte den Hörer aber nicht mehr aufnehmen. Aus ihrer Nase tropfte Blut.

Fast wie von einem Magneten angezogen kroch Sabine zu Snuffy zurück.

Herr Gering, der Polizeiwachtmeister, der an diesem Abend Dienst hatte, reagierte sehr sicher. Er hatte sofort bemerkt, dass die Frau am Telefon in großer Not zu sein schien. Er hatte die Telefonnummer die auf seinem Display erschienen war, sofort notiert. Umgehend setzte er sich mit seiner Zentrale in Verbindung und gab doet die Daten durch. In Anschluss informierte er sofort die Kollegen, die an diesem Abend mit dem Streifenwagen unterwegs waren. Schon nach drei Minuten erhielt er den Anruf aus der Zrntrale, auf den er gewartet hatte. Er bekam die Adresse, zu der die Telefonnummer gehörte. Das gab er sofort an seine Kollegen weiter. Dann verständigte er einen Krankenwagen. Der wurde sicher benötigt. Und was hatte die Frau noch gesagt? Sie hatte auch um die Hilfe eines Tierarztes gebeten. Das erschien Herrn Gering zwar nicht wichtig, dennoch suchte er die Telefonnummer von Dr. Meierling heraus. Der war ihm seit Jahren gut bekannt. Er behandelte die Katze seiner Frau. Schon nach fünfmaligem Läuten hatte er den Tierarzt am Apparat. „Gering von der Polizeidienststelle. Wir haben einen Notruf von dem Hof der Frau Reckert erhalten. Polizei und Krankenwagen sind schon unterwegs. Ich rufe Sie jetzt an, weil die Frau auch um die Hilfe eines Tierarztes bat. Genaueres kann ich noch nicht sagen, der Anruf hörte sich aber nicht gut an. Ich weiß auch nicht, ob Sie dort hin müssen, aber so habe ich es wenigstens gesagt.“ „Ist schon in Ordnung, ich mach mich gleich auf den Weg.“

Nachdem er aufgelegt hatte, wandte er sich an Carsten Koch. Er hatte gemeinsam mit ihm und Monika einen gemütlichen Abend bei einer Flasche Wein verbracht. „Das war Herr Gering von der Polizeidienststelle. Er sagte, er habe einen Notruf von dem Reckertschen Hof erhalten. Es wurde auch um die Hilfe eines Tierarztes gebeten. Kommen Sie mit?“ „Natürlich. Was ist denn da passiert?“ „Das wusste Herr Gering auch noch nicht.“

Gemeinsam liefen die beiden über den Hof zum Auto. Dr. Meierling, der die Strecke gut kannte, drückte ordentlich aufs Gaspedal.

Als sie auf dem Hof ankamen, standen ein Polizei- und ein Krankenwagen direkt vorm Haus. Die beiden Männer sprangen aus dem Auto und gingen schnellen Schrittes auf das Haus zu.

Im Flur standen ein Arzt und ein Sanitäter an einer Bahre. Sabine lag auf der Bahre. Sie sah entsetzlich aus. Ihr Gesicht und auch ihre Kleidung waren mit Blut verschmiert. Dr. Meierling blieb in einigem Abstand zu der Bahre stehen. Nicht so Carsten Koch. Er trat nah an die

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Bahre heran und beugte sich über Sabine. „Sabine, was ist passiert?“ Sie flüsterte nur sehr leise. Sie schien starke Schmerzen zu haben. „Überfall, Snuffy. Esszimmer.“ Erschöpft schloss sie die Augen. Dr. Koch nahm ihre Hand. Er drückte sie ganz leicht und sagte, dass er sich um Snuffy kümmern werde. Bevor er sich auf den Weg zum Esszimmer machte, sah er noch, dass Tränen über Sabines Wangen liefen. Hier musste etwas sehr Schlimmes passiert sein.

Dr. Meierling folgte ihm in das Esszimmer. Gemeinsam kamen sie bei Snuffy an. Der riesige Hund lag auf dem Fußboden in einer großen Blutlache. Kaum waren Atembewegungen wahrzunehmen. Carsten Koch beugte kniete dicht neben ihm. Er kraulte seinen Kopf und sprach beruhigend auf ihn ein.

Dr. Meierling, der hinter Carsten Koch stand und ihm über die Schulter blickte, räusperte sich. „Das ist wirklich schade. Ich glaube nicht, dass er eine Chance hat zu überleben. Wir sollten ihn einschläfern. Das wird ihm einige Qual ersparen. Wir sollten für Sabine dann schnellstens einen kleinen Welpen beschaffen, damit sie über Snuffys Tod hinwegkommt. Die Schultes im Dorf haben gerade einen Wurf Spitze. Da können wir morgen vorbeifahren. Ich geh jetzt zum Auto und hole die Spritze.“

„Nein, warten Sie. Snuffy hat nur eine sehr geringe Chance zu überleben, aber ich würde es sehr gerne versuchen ihn zu operieren.“ „Haben Sie eine Vorstellung, was das für ein Aufwand wird?“

„Ja, wir werden den Rest der Nacht am OP-Tisch stehen. Wir haben auch nur eine winzige Chance. Aber ich will es unbedingt versuchen.“ „Gut, wenn Sie meinen. Ich werde Ihnen assistieren. Solche schwierigen Operationen waren hier nie zu leisten. Da haben Sie sicher die größere Erfahrung. Aber ich glaube dennoch nicht, das er das schaffen kann.“

Gemeinsam hoben die beiden Männer Snuffy vom Boden auf und trugen ihn zum Auto. Snuffy jaulte leise. Er hatte sehr starke Schmerzen. „Ich werde ihn jetzt gleich an eine Infusion legen. Er hat sehr viel Blut verloren.“

Während des gesamten Rückweges saß Carsten Koch bei Snuffy auf der Rückbank. Er legte eine Infusion an und gab ihm starke Schmerzmittel. Er wollte es dem Hund so leicht wie möglich machen.

Ihm gingen die letzten Bilder von Sabine nicht aus den Gedanken. Er würde alles daran setzen, Snuffys Leben zu retten. Wenn Snuffy überleben würde, war das für Sabine bestimmt eine große Hilfe in dieser schwierigen Situation.

Als sie an der Praxis ankamen, brannte dort schon überall Licht. Dr. Meierling hatte Monika von unterwegs aus angerufen und sie gebeten, alles vorzubereiten.

Behutsam wurde Snuffy in die Praxis getragen und auf den OP-Tisch gelelgt. „Ich mache zuerst eine Narkose. Dann brauchen wir aber erst ein Röntgenbild, um zu sehen, wo die Kugel steckt.“ Dr. Meierling und Monika sahen Carsten Koch zu, der mit großer Sicherheit alle Vorbereitungen traf.

Als Snuffy eingeschlafen war, legten sie ihn auf eine Bahre und trugen ihn in den Röntgenraum. Sofort wurden Röntgenbilder erstellt und Snuffy wurde in den OP zurück

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gebracht. Während Monika die Vorbereitungen an Snuffy für die Operation traf, beschäftigten Carsten Koch und Dr. Meierling sich mit den Röntgenaufnahmen.

Dr. Meierling sah Carsten Koch fragend von der Seite an „Meinen Sie wirklich, dass eine Operation sich lohnen wird? Ich gebe zu, dass ich von solchen Sachen keine Ahnung habe, aber ich finde, dass ist vollkommen aussichtslos.“ „Ich werde es versuchen.“ Es war sehr offensichtlich, dass Carsten Koch einfach nicht locker lassen wollte. Also folgte er ihm kommentarlos in den OP. Snuffy lag, abgedeckt mit OP-Tüchern auf dem Tisch. Carsten Koch konnte sofort mit der Operation beginnen.

Fast zwei Stunden waren schon vergangen, bis endlich die Kugel aus Snuffys Körper entfernt werden konnte. Sehr intensiv verschloss Carsten Koch alle blutenden Gefäße. Snuffy hatte sehr viel Blut verloren. Während der gesamten Operation war eine Infusion nach der anderen gelaufen.

Nachdem die Hautwunden auch vernäht waren, wurde noch ein Verband angelegt. Ganz langsam kam Snuffy wieder zu Bewusstsein.

„Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass er das überleben kann.“ Carsten Koch lächelte Dr. Meierling an. „Über den Berg ist er auch noch lange nicht, aber ich habe weiter gute Hoffnung, dass er das schafft. Ich werde den Rest der Nacht hier unten bei ihm verbringen. Falls noch Komplikationen eintreten, kann ich ihm sofort helfen.“

„Ich finde es einfach nur bewundernswert, wie sehr Sie sich einsetzen. Aber seien Sie bitte nicht enttäuscht, wenn ich mich jetzt zurückziehe. Ich schlaf schon bald im Stehen ein.“

Gemeinsam mit Dr. Meierling verließ auch Monika die Praxis.

Dr. Koch war nun mit Snuffy allein. Der Hund lag auf einer Decke unter einer Rotlichtlampe. Carsten Koch saß bei ihm und kraulte seinen Kopf. „Du musst das schaffen, gib jetzt bloß nicht auf.“ Ganz langsam und sehr kraftlos leckte Snuffy ihm über die Hand.

Die restliche Nacht verbrachten Snuffy und Carsten Koch auf der Erde nebeneinander.

In dieser Nacht bekam Carsten Koch nur sehr wenig Schlaf. Hin und wider übermannte ihn die Müdigkeit und er nickte kurz ein. Doch die Sorge um Snuffy weckte ihn jedes Mal nach wenigen Momenten. Zum frühen Morgen hin war er zwar restlos müde, stellte bei Snuffy jedoch eine deutliche Verbesserung seines Gesamtzustandes fest. Der Hund hatte die Nachwirkungen der Narkose gut verkraftet. Natürlich hatte er noch starke Schmerzen, aber er reagierte wieder deutlich auf Carstens Worte die er an ihn richtete. Der Tierarzt freute sich sehr, als er wahrnahm, dass Snuffy leicht mit der Rute wedelte, als er ihn streichelte. Wenn sich alles so fortsetzte, würde Snuffy in ein paar Tagen wieder in der Lage sein sich mühelos zu bewegen und schon ein wenig in der Gegend herum zu laufen.

Zum Glück hatte er sich gestern Abend nicht auf Dr. Meierlings Vorschlag, Snuffy einzuschläfern, eingelassen. Die Operation war sehr schwierig gewesen. Und zu Beginn hatte das Vorhaben wirklich aussichtslos ausgesehen. Aber jetzt bestätigte sich das der Versuch es wert gewesen war.

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Carsten Koch würde an diesem Vormittag ins Krankenhaus fahren, um Sabine zu berichten, dass es Snuffy ziemlich gut gehe und das nicht mehr damit zu rechnen sei, dass er die Verletzung nicht überleben würde. Das hätte er sich anders auch nicht vorstellen können. Als er Sabine kennen gelernt hatte, war ihm sehr schnell klar geworden, wie eng die Bindung zwischen Snuffy und ihr war. Es wäre einfach undenkbar gewesen, ihr erzählen zu müssen, dass Snuffy gestorben sei.

Als er ein Auto auf den Hof fahren hörte, wunderte er sich. Heute war Sonntag. Er ging zum Fenster um zu sehen, wer da war. Es war Monika. Als sie ihn am Fenster erblickte, winkte sie ihm zu. Er ging zur Tür um sie hinein zu lassen. „Guten Morgen. Lebt der Hund noch?“ „Ja, es geht ihm stündlich besser. Er hat sogar schon ein wenig getrunken.“ „Als ich ihn gestern Abend gesehen habe, war mir eigentlich klar, dass der überhaupt keine Chance hat, das zu überleben. Das war wirklich eine sehr große Leistung von Ihnen, ihm das Leben zu retten. Ich bin hier, um Sie ein wenig zu trösten, weil ich dachte, das der Patient tot sei. Aber das ist jetzt nicht mehr nötig.

Wenn ich schon mal da bin, werde ich Ihnen einen Kaffee kochen und Frühstück machen. Zum Schlafen sind Sie bestimmt kaum gekommen, da wird Ihnen ein Frühstück gut tun.“ „Danke Monika. Ich finde es sehr lieb von Ihnen, wie Sie sich um mich kümmern. Das tut gut.“

Bevor Monika in die Küche ging, sah sie noch bei Snuffy vorbei. Sie war erstaunt, wie gut es dem Hund schon wieder ging. Gestern Abend hatte sie nicht geglaubt, dass er auch nur die winzigste Chance haben würde zu überleben.

Während des Frühstücks erzählte Carsten Koch Monika, dass er gleich ins Krankenhaus fahren wolle, um Sabine zu besuchen und ihr zu erzählen, dass es Snuffy schon etwas besser gehe. „Ich weiß das heute Sonntag ist und bestimmt hatten Sie den Tag ganz anders verplant, aber könnten Sie sich vorstellen in der Zeit in der ich nicht da bin bei Snuffy zu bleiben?“ „Aber natürlich. Da brauchen Sie sich keine Gedanken machen. Wie oft müssen denn die Infusionen gewechselt werden?“ „Das habe ich alles genau aufgeschrieben. Alle zwei Stunden bekommt er auch noch ein Schmerzmittel gespritzt. Wenn Ihnen während meiner Abwesenheit irgendetwas komisch vorkommen sollte, können Sie mich natürlich über mein Handy erreichen. Ich glaube zwar nicht, dass sich etwas verschlechtern wird, aber sicher ist sicher.“

Bevor sich Carsten Koch auf den Weg ins Krankenhaus machte, ging er noch einmal gemeinsam mit Monika zu Snuffy. „ Ich denke, Sie können in Ruhe fahren. Der sieht wirklich nicht danach aus, als würde es Komplikationen geben.“

Als Carsten Koch am Krankenhaus ankam, ging er zunächst zur Information, um zu erfragen, auf welchem Zimmer er Sabine Reckert finden würde. Die Dame an der Rezeption sah in einem Patientenbuch nach. „Frau Reckert liegt noch auf der Intensivstation. Sie müssen in den zweiten Stock. Die Station liegt am Ende des rechten Ganges.“

Carsten Koch ging in die ihm angewiesene Richtung. Als er auf der Intensivstation ankam, fragte er eine Krankenschwester nach dem Zimmer auf dem Sabine lag. Die Schwester zeigte ihm, zu welchem Zimmer er musste.

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Einen kleinen Moment verharrte er noch vor der Tür bevor er eintrat. Er ging zu Sabines Bett und sprach sie leise an. „Sabine, ich bin es, Carsten Koch. Wie geht es Ihnen?“ Sabine öffnete die Augen und sag ihn an. „Lebt Snuffy?“ Carsten lächelte sie an. „Die Verletzung war sehr schwer. Dr. Meierling und ich haben ihn einige Stunden operiert. Heute Morgen geht es ihm aber schon wieder ziemlich gut. Er wird wieder ganz der Alte werden. Um ihn brauchen Sie sich keine Sorgen machen.“ Sabine tastete nach seiner Hand. „Danke.“ Sie weinte. „Das ist alles so schlimm. Karin ist entführt worden. Keiner weiß wo sie ist und wie es ihr geht. Für Snuffy hatte ich keine Hoffnung mehr. Es war entsetzlich, ihn in der riesigen Blutlache liegen zu sehen. Ich habe geglaubt, dass er tot sei.“ Sabine fiel das Sprechen sehr schwer. Carsten hielt weiter ihre Hand. „Was ist denn überhaupt passiert? Wie schwer verletzt sind Sie selbst?“ „Es war ein so schöner Abend. Wir hatten uns ein gutes Essen gemacht und den Abend sehr gemütlich in der Küche verbracht. Trotz des heftigen Unwetters waren wir in guter, fröhlicher Stimmung. Gerade als wir beschlossen hatten ins Bett zu gehen, kamen zwei maskierte Männer ins Haus. Es ging alles so schnell. Snuffy hat den einen der beiden sofort angegriffen. Sofort danach fiel der Schuss.“ Wieder liefen Tränen über Sabines Wangen. „Wenn ich bloß wüsste, was mit Karin ist. Ich warte schon seit Stunden auf eine Nachricht von der Polizeistation. Aber es meldet sich niemand.“ „Ich werde gleich dort vorbeifahren. Vielleicht sagen die mir etwas. Auf dem Rückweg komme ich dann nochmal bei Ihnen vorbei.“ „Das ist sehr nett von Ihnen. Darf ich Sie noch um einen riesigen Gefallen bitten?“ „Aber natürlich.“ „Könnten Sie in dem Tiergarten vorbei fahren und dem Leiter, Herrn Fischer, sagen das ich in den nächsten Tagen mich nicht um den Bären kümmern kann. Ich hoffe sehr, dass er ihn dann füttert.“ „Wenn Sie möchten, kann ich die Fütterung übernehmen.“ „Das würden Sie wirklich tun?“ „Aber ja. Sie müssten mir nur sagen, wann ich was zu dem Bären hinbringen soll.“ Sabine erzählte, dass sie täglich zweimal zur Bärenfütterung war. „Das Futter ist in großen Mengen in einer Kühltruhe in meinem Keller.“ „Machen Sie sich darum keine Sorgen. Das bekomm ich alles hin.

Er merkte, wie anstrengend das Gespräch für Sabine war. Sie sah sehr erschöpft aus. „Ich fahre jetzt zur Polizeistation und anschließend zum Bären. Auf dem Rückweg komme ich schnell noch bei Ihnen vorbei und berichte, wie alles gelaufen ist.“

Kapitel 19

Karin fühlte sich noch sehr benommen. Nur ganz langsam konnte sie sich erinnern was passiert war. Sie lag jetzt in völliger Dunkelheit auf einem sehr harten, kalten Untergrund. Sehr mühsam richtete sie sich auf. Sie kroch durch den Raum und tastete die Wände ab. Es war stockfinster. Der Boden fühlte sich feucht an. Sie ertastete eine Tür. Im allerersten Moment hatte sie die Hoffnung, dass sie in die Freiheit flüchten könnte. Sehr schnell musste sie feststellen, dass es trotz der Tür kein Entrinnen aus ihrem Gefängnis geben würde. Die Tür war fest verschlossen. Sie ließ sich neben der Tür auf den Boden sinken und lehnte sich an der kalten Wand an. Tränen liefen über ihre Wangen. Sie hatte große Angst. Was war mit Sabine passiert? Sie hatte sich, nachdem einer der Männer Snuffy erschossen hatte, auf den Mann gestürzt. Ob ihre Freundin noch lebte?

Was würde mit ihr geschehen? Sie dachte an Georg und ihre Kinder. Wenn Sabine tot war, würden die bestimmt lange nichts von dem Überfall erfahren. Wie sehr hatte sie sich auf den Besuch bei Sabine gefreut. Und nun dieses Ende.

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Ihr war sehr kalt. Sie hatte Durst. Vielleicht hatten die Männer sie in dieses Verlies gesperrt, um sie hier sterben zu lassen.

Nach einer Weile schlief sie ein. Sie war restlos erschöpft.

Ein knarrendes Geräusch an der Tür weckte sie auf. Erschrocken schob sie sich an der Wand von der Tür weg. Und in diesem Moment öffnete sich die Tür. Licht fiel in den Raum. Einer der maskierten Männer betrat den Raum. Er sah in ihre Richtung und sprach sie an. „Ich bringe dir etwas zu essen und zu trinken. Schließlich soll es dir bei uns gut gehen.“ „Wo bin ich hier? Bitte lassen Sie mich gehen.“ „Das würde dir so passen. Du bleibst hier bis wir ein Lösegeld für dich haben. Wenn das nicht kommt, lassen wir dich hier verrecken. Bete dafür, dass deine Freundin zahlt. Sonst bist du tot.“ Ohne ein weiteres Wort verließ er den Raum. Er schloss die Tür und Karin saß wieder in der Dunkelheit ganz allein.

Sie kroch zu dem Beutel, den der Mann in den Raum gestellt hatte. Sie hatte so großen Durst. Als sie den Beutel erreicht hatte, fand sie darin eine Flasche, die mit Wasser gefüllt war. Sie trank in großen Schlucken. Das tat gut.

Was hatte der Mann gesagt? Sie solle beten das ihre Freundin zahle. Das konnte nur bedeuten, dass Sabine den Überfall überlebt hatte. In Gedanken flehte sie die Freundin an. „Sabine bitte hilf mir.“

Carsten Koch fuhr, nachdem er an der Polizeistation und bei dem Bären gewesen war, zunächst in die Praxis zurück um nach Snuffy zu sehen.

Als er in den Raum neben dem OP trat, hob Snuffy, der auf einer Decke lag, den Kopf. Als er ihn erkannte, begann er zu wedeln. Monika, die mit dem Hund im Raum saß, begrüßte Carsten Koch fröhlich. „Dem geht es schon viel besser als heute Morgen. Dr.Meierling war vorhin auch hier. Er sagte, dass das fast an ein Wunder grenzt, dass der Hund noch lebt.“

„Der sieht wirklich schon sehr gut aus. Da wird sich Sabine sehr freuen.“ „Wie geht es der denn?“ Carsten Koch berichtete Monika von dem Besuch bei Sabine. „Das hat sie alles sehr mitgenommen. Sie ist auch ziemlich verletzt. Aber am meisten beschäftigt sie das Wohlergehen ihrer Tiere und natürlich das ihrer Freundin Karin. Die ist spurlos verschwunden. Die Polizei hat noch nicht die leistete Vermutung.“ „Hoffentlich wird sie bald gefunden.“

„Ich wollte gleich noch einmal schnell ins Krankenhaus um Sabine zu berichten, wie alles weiter gegangen ist. Ich denke, es ist zu verantworten, Snuffy für die Zeit allein hier zu lassen. Dann haben Sie wenigstens auch noch etwas von dem Sonntag.“ „Gut. Ich komme aber am späten Nachmittag noch mal vorbei um nach Snuffy zu sehen.“

Nachdem Carsten Koch die Infusionen für Snuffy überprüft und ihm noch ein Schmerzmittel gegeben hatte, machte er sich wieder auf den Weg ins Krankenhaus.

Dort wurde er schon sehnsüchtig von Sabine erwartet. „Haben Sie bei der Polizei etwas über Karin herausgefunden? Wie geht es Snuffy? Waren Sie bei dem Bären?“

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Er setzte sich zu Sabine auf die Bettkante und nahm ihre Hand. „Von Karin gibt es keine Spur. Ich habe lange mit Herrn Gering geredet. Der hat in der letzten Nacht Ihren Notruf entgegen genommen. Er geht davon aus, dass in den nächsten Tagen eine Lösegeldforderung eingehen wird. Es gibt bis jetzt noch nicht die kleinste Spur wo Karin sein könnte. Es ist sehr traurig, dass wir ihr nicht helfen können.“ „Bitte sagen Sie Herrn Gering, dass ich das Lösegeld zahlen werde. Es ist vollkommen egal, um welchen Betrag es sich handeln wird.“

„Wenn auch die Nachricht über Karin alles andere als erfreulich ist, so kann ich von Snuffy und dem Bären etwas Gutes erzählen. Snuffy erholt sich sehr gut. Heute Abend werde ich ihn schon von der Infusion befreien können. Der erholt sich erstaunlich schnell. Dem Bären habe ich sein Futter gebracht. Sein Appetit ist mächtig. Ich habe auf dem Rückweg durch den Park einen Herrn Fischer getroffen. Er hatte mich bei der Fütterung beobachtet. Das ist ein etwas merkwürdiger Mensch. Ich habe ihm erzählt was passiert ist und das ich in den nächsten
Tagen die Fütterung des Bären übernehmen würde. Er sagte mir, dass er auch gerne bereit wäre etwas zu helfen und dem Bären sein Futter zu geben. Zunächst fand ich das nett. Aber
als er im nächsten Satz gleich anmerkte, dass er die Fütterung natürlich nicht umsonst machen könnte, war mir sehr klar, dass wir auf solche Hilfsangebote verzichten können.“ „Dieser Herr Fischer ist ein geldgieriger Mann. Er hatte mir auch schon angeboten dem Bären sein Futter

zu geben. Das ich das Futter bezahle war mir sowieso klar. Aber er wollte sich bezahlen lassen, es in den Käfig zu werfen.

Könnten Sie sich vorstellen, in den nächsten Tagen die Bärenfütterung zu übernehmen? Selbstverständlich brauchen Sie das nicht umsonst machen. Mir wäre damit eine große Last vom Herzen genommen.“ „Über die Versorgung des Bären brauchen Sie sich keine Sorgen machen. Bis Sie wieder richtig auf der Höhe sind, übernehme ich das gern.“ „Ich bin sehr froh dass Sie hier sind. Sie sind genau im richtigen Moment gekommen. Haben Sie sich schon fest entschlossen, die Praxis von Dr. Meierling zu übernehmen?“ „Ja. Ich glaube, ich werde mich in dieser Gegend mit den neuen Aufgaben sehr wohl fühlen.“ „Das ist schön. Ab wann werden Sie fest hier sein?“ „Das wird nur noch wenige Monate dauern.“

In den nächsten Minuten dachten sie darüber nach, ob es nicht doch eine Möglichkeit geben könnte, Karin zu helfen. Aber so sehr sie auch grübelten, ihnen viel dazu nichts ein.

„Ich werde jeden Tag an der Polizeistation vorbei fahren. Vielleicht gibt es bald etwas Neues.“ „Sie sind eine große Hilfe.“ Nachdem Carsten Koch Sabine versprochen hatte, ihr morgen zu berichten, wie alles weiter gelaufen war, verabschiedete er sich von ihr.

Am nächsten Morgen kurz nach der Visite stand Georg, Karins Mann, an Sabines Bett. Er machte einen sehr gereizten, angespannten Eindruck. „Ich habe von Anfang an gesagt, dass es keine gute Idee ist, in diese Gegend zu fahren. Aber Karin war nicht umzustimmen. Das Ergebnis haben wir jetzt. Es gibt nicht die geringste Spur von ihr. Ich war heute Morgen schon auf der Polizeistation. Die hatten mich gestern Abend angerufen. Ich bin sofort losgefahren nachdem ich zuhause alles geregelt hatte.“

Er sah Sabine vorwurfsvoll an. „Wie soll es jetzt weitergehen?“ „Ich weiß es nicht. Wenn ich wüsste wie ich Karin helfen könnte, hätte ich das ganz sicher schon getan.“ In den nächsten Minuten herrschte Schweigen zwischen Georg und Sabine.

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Für Sabine war Georgs Verhalten nicht zu verstehen. Er tat fast so, als hätte sie die Einbrecher bestellt. Ihr war klar, dass seine Sorge um Karin ihn so verändert erscheinen ließ. Früher war sie mit Georg sehr gut zu Recht gekommen. Zwar hatte er ihren Lebensstil nie nachvollziehen können, aber das war auch nicht wichtig gewesen. In der jetzigen Situation wusste sie nicht, wie sie mit ihm umgehen sollte. „Du kannst mir glauben, dass ich alles tun würde, um Karin zu helfen. Dr. Koch, das ist ein Tierarzt, der mich gestern besucht hat sagte, auf der Polizeistation gehe man davon aus, dass bald eine Lösegeldforderung gestellt würde.“ „Das haben die heute Morgen auch gesagt. Aber die Warterei macht einen wahnsinnig. Sabine, es tut mir auch leid, dass ich dich gerade so behandelt habe. Aber ich bin ziemlich fertig.“ „Ach Georg, mach dir doch darüber keine Gedanken. Ich kann dich so gut verstehen.“

Eine Weile blieb Georg noch an Sabines Bett sitzen. „Ich werde jetzt in die Stadt fahren und mir ein Zimmer suchen. Ich komme zum Abend hin wieder bei dir vorbei. Vielleicht gibt es bis dahin schon etwas Neues.

Zitternd vor Kälte saß Karin in dem dunklen Raum an die Wand gelehnt. Sie hatte überhaupt kein Zeitgefühl mehr. Sie wusste nicht, ob Tag oder Nacht war. Ihr kam es wie eine Ewigkeit vor, seit einer der Männer bei ihr gewesen war, um ihr etwas zu essen und zu trinken zu bringen. Sie hoffte so sehr, dass bald wieder jemand nach ihr sehen würde. Sie könnte dann um eine Decke bitten. Die Kälte in dem Raum war unerträglich.

Sie hatte an die Hitze in den vergangenen Tagen gedacht und ihr war klar geworden, das der Raum in dem sie gefangen gehalten wurde ein sehr tief liegender Keller sein musste. Das war die einzige Erklärung mit der sie die Kälte und die Feuchtigkeit in diesem Raum erklären konnte. Wenn sie doch wenigstens eine Lampe hätte. Und eine Uhr. Sie dachte an Sabine. Wie sehr hatte sie sich auf ein Wiedersehen gefreut. Die letzten zwei Wochen waren so schön gewesen. An dem letzten Wochenende war sie traurig gewesen, dass ihre Zeit bei Sabine fast um war. Würde es ein Wiedersehen geben? Karin war verzweifelt. Sie konnte einfach nur abwarten und hoffen. In traurigen Gedanken versunken und weinend saß sie an der Wand. Sie konnte nicht sagen, wie lange sie so gesessen hatte, als sie ein leises Brummen hörte. Da kam ein Auto. Und kurze Zeit später vernahm sie Geräusche an der Tür. Sie stand auf und tastete sich an der Wand entlang bis zu einer Ecke. Dort blieb sie stehen. Die Tür öffnete sich und ein Mann trat ein.

„Hier kommt wieder deine Verpflegung. Wir wollen gut auf dich aufpassen.“ Er stellte den mitgebrachten Beutel in die Mitte des Raumes. Als er schon wieder im Begriff war den Raum zu verlassen, nahm Karin all ihren Mut zusammen und sprach ihn an. „Könnte ich bitte eine Decke haben? Mir ist so kalt.“

„Du kannst froh und glücklich sein, dass ich dir was zu trinken und zu essen bringe. Werd mal nicht unverschämt.“ Ohne ein weiteres Wort verließ er den Raum. Karin hörte, wie er die Tür von außen wieder versperrte.

Sie fühlte sich kraftlos und leer. Sie hatte so gehofft, dass ihr kleiner Wunsch nach einer Decke erfüllt worden wäre. Von dem Mann, der sein Gesicht weiter unter einer Maske verbarg war kein Verständnis für ihre Situation da gewesen. Sie musste die Kälte weiter aushalten.

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Als Carsten Koch an diesem Abend Sabines Krankenzimmer betrat, saß bereits ein Mann an ihrem Bett. Sabine stellte ihn Carsten Koch als Karins Mann Georg vor. Zu Georg sagte sie nur, dass er der Tierarzt sei, der Snuffy operiert hatte. Von dem Bären wollte sie Georg nichts erzählen, Das würde er bestimmt auch nicht verstehen können.

„Snuffy geht es heute schon viel besser. Er hat heute Mittag schon ein wenig Futter bekommen. Das hat er bis auf den letzten Krümel vertilgt.“ Carsten Koch lächelte Sabine an.

„Das ist dir wohl die Hauptsache dass es dem blöden Köter wieder gut geht. Ich wünsche dir noch einen schönen Abend.“ Mit diesen Worten war Georg aufgestanden und war auf dem Weg zur Tür um das Zimmer zu verlassen. „Georg, bitte warte.“ „Ich komme morgen früh wieder vorbei.“ Er hatte auf Sabines Bitte nicht reagiert. Ohne ein weiteres Wort hatte er das Zimmer verlassen.

Carsten Koch sah Sabine an. „Vielleicht hätte ich von Snuffy besser nichts gesagt. Ich habe nicht darüber nachgedacht, dass es für Georg so erscheinen muss, als wäre Karin für uns völlig unwichtig.“ „Es tut mir leid, dass Sie das miterleben mussten. Danke, dass Sie den Bären nicht erwähnt haben.“ „Als Sie bei unserer Vorstellung auch nichts dazu gesagt haben hab ich mir gedacht, dass Georg davon nichts wissen soll.“

Carsten Koch erzählte Sabine, dass er bei der Polizeistation gewesen sei. „Da gibt es immer noch nichts Neues. Ihr Telefon und Ihre Posteingänge werden systematisch überwacht, weil man bald mit dem Eingang einer Lösegeldforderung rechnet. Aber erzählen Sie doch erst mal, wie es Ihnen geht?“

„Ich dränge auf eine baldige Entlassung. Ich habe zwar noch Schmerzen aber das ist auszuhalten.“ „Sie sollten die Zeit hier aushalten. Immerhin waren drei Rippen gebrochen und eine Gehirnerschütterung hatten Sie auch.“ „Woher wissen Sie denn so genau Bescheid?“ „Ich habe gestern Abend noch mit einem Arzt geredet. Ich hoffe, dass war für Sie in Ordnung?“ „Ja schon, aber Sie machen sich wirklich so viel Mühe.“

Nachdem Carsten Koch noch berichtet hatte wie er bei der Bärenfütterung zu Recht gekommen war, verabschiedete er sich von Sabine und versprach, morgen Abend wieder nach ihr zu sehen.

Sehr früh am nächsten Morgen, es war erst kurz nach acht Uhr, stand Georg mit Polizeiwachtmeister Kunze an Sabines Bett. Herr Kunze stellte sich bei Sabine vor und erzählte ihr, dass er die Hauptermittlung in dem Entführungsfall ihrer Freundin führte. Er begann gerade damit zu berichten, was bisher unternommen worden sei, um Karin zu finden. Georg verdrehte entnervt die Augen. „Das ist doch alles ergebnislos geblieben. Sie sollten Frau Reckert besser von der Lösegeldforderung berichten, die heute Morgen in ihrem Briefkasten lag.“ Sabine sah Georg fordernd an. „Was haben die Entführer geschrieben?“ „Wir haben ein ernsthaftes Problem. Sie verlangen 200000 Euro Lösegeld. Wenn wir das nicht zahlen, werden wir Karin nicht lebend wieder sehen.“ Herr Kunze, der zu diesem Thema auch gern etwas gesagt hätte, wurde jedoch von Georg unterbrochen, bevor er auch nur ein Wort sagen konnte. „Die Übergabe soll in den nächsten Tagen stattfinden. Die Entführer werden sich dazu noch melden. Es ist mir ein Rätsel, wie ich es schaffen soll, in so kurzer Zeit diese Summe aufzutreiben.“ Einen Moment sah Sabine ihn nachdenklich an. „Mach dir darum keine Gedanken. Unter diesen Umständen kann ich hier nicht länger liegen

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bleiben. Wir werden dann gleich gemeinsam zu meiner Bank fahren. Bis morgen früh steht uns das Geld zur Verfügung.“ Georg sah Sabine ungläubig an. „Meinst du, die werden dir so kurzfristig so viel Geld leihen?“ „Das wäre wahrscheinlich ein Problem. Aber das ist auch nicht nötig.“ Mehr sagte sie nicht dazu. Sie hatte Karin früher einmal darum gebeten, auch ihrem Mann Georg nichts von ihrer sehr guten finanziellen Situation zu erzählen. Offensichtlich hatte Karin das auch nie getan. Georg schien nicht zu wissen, wie viel Geld sie besaß.

Mühsam stand Sabine auf. Sie nahm ihre Sachen aus dem Schrank und ging ins Bad um sich anzuziehen.

Nach wenigen Minuten stand sie angekleidet wieder vor Georg. „Lass uns zur Bank fahren.“ Georg und auch Herr Kunze folgten ihr. Sabine ging am Schwesternzimmer vorbei um dort mitzuteilen, dass sie das Krankenhaus verließ. Die Schwester versuchte ihr zu erklären, dass sie sich durch ihr Handeln der Gefahr aussetzen würde, einen Kreislaufzusammenbruch zu bekommen. Doch auch diese Warnungen der Krankenschwester brachten Sabine von ihrem Vorhaben nicht ab. Gemeinsam mit Georg verließ sie das Krankenhaus. Herr Kunze ging kommentarlos zu seinem Auto und fuhr zur Polizeistation zurück. Offensichtlich wurde er weder von Georg noch von Sabine gebraucht. Sicher würden sie sich noch auf dem Revier melden, um zu besprechen, wie die Geldübergabe von Statten gehen sollte.

Das Gespräch mit dem Bankleiter dauerte nur sehr kurze Zeit. Georg, der auf Sabine im Auto gewartet hatte, stellte keine Fragen dazu. Als Sabine wieder eingestiegen war, sagte sie nur, dass sie das Geld morgen früh abholen könnten. „Könntest du mich jetzt erst mal nach Hause bringen? Ich würde mich gern etwas ausruhen.“ „Sollten wir nicht besser noch schnell bei der Polizei vorbeifahren um alles Weitere mit denen zu besprechen?“ „Du hast doch gesagt, dass die Entführer geschrieben haben, dass alles ohne Polizei ablaufen soll. Ich würde mich gerne an die Forderungen halten, um kein Risiko einzugehen.“ „Aber vielleicht besteht noch die Chance, die Entführer zu ertappen.“ Sabine dachte einen Moment über Georgs Worte nach. „Nein. Lass uns kein Risiko eingehen.“ „Aber dir ist hoffentlich klar, dass du dein Geld dann nie mehr wieder sehen wirst.“ „Das ist mir vollkommen egal. Hauptsache die lassen Karin frei.“

Georg hatte schweigend zugehört. Er sagte auch jetzt nichts. Er schien zufrieden, dass Sabine nicht das Geld in den Vordergrund stellte.

Sabine wies Georg den kürzesten Weg zu ihrem Hof. Weder Georg noch Sabine strebten ein Gespräch an. Erst, als sie die Zufahrt zum Hof erreichten, versuchte Georg, ein Gespräch zu beginnen. „Du wohnst wirklich sehr abgelegen. Ist dir nie in den Sinn gekommen, dass ein Alleinleben in dieser Abgeschiedenheit generell nicht ungefährlich ist?“ „Nein, ich hab mich hier immer sehr wohl gefühlt. Ich weiß allerdings noch nicht, wie das in der Zukunft aussehen wird.“ „Vielleicht solltest du besser in die Stadt ziehen.“ Dazu sagte Sabine nichts. Ihr war klar, dass sie das bestimmt niemals machen würde.

Bevor Georg fuhr, sagte er noch, dass er sich am späteren Nachmittag telefonisch melden würde. Dann verließ er den Hof.

Obwohl Sabine sehr erschöpft war und ziemlich starke Schmerzen hatte, ging sie dennoch um das Haus herum um zu schauen, wie weit die Bauarbeiten für das Bärengehege fortgeschritten

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waren. Sie war erstaunt, wie schnell die Bauleute mit den Arbeiten vorankamen. Sie begrüßte die drei arbeitenden Männer freundlich. „Guten Morgen. Das ist unglaublich, wie schnell Sie hier alles errichten. Ich werde Ihnen gleich schnell einen Kaffee kochen.“ „Das eilt nicht. Sie sollten sich besser einen Moment Ruhe gönnen. Sie sehen ziemlich erschöpft aus.“ „Das bin ich auch. Aber einen Kaffee bekomm ich noch fertig.“

Sie ging Richtung Haus. Auf dem Weg dorthin überlegte sie, dass es gut wäre, noch schnell Dr. Koch anzurufen um ihm zu erzählen, dass sie das Krankenhaus verlassen habe. Bis dahin wäre dann auch der Kaffee fertig.

Als sie in der Praxis anrief, hatte sie zunächst Monika am Apparat. Sie erzählte auf Sabines Frage von Snuffy, dem es schon wieder, den Umständen entsprechend, recht gut ging. Monika berichtete sehr ausführlich von Snuffys Befinden. Erst, als Sabine nach Dr. Koch fragte, wurde Monika deutlich zurückhaltender. „Dr. Koch ist nicht in der Praxis. Der wird auch länger unterwegs sein. Der Terminplan war sehr voll.“ „Würden Sie mir bitte seine Handy-Nr. geben? Ich muss ihn dringend sprechen.“ Nur sehr widerwillig gab Monika Sabine die verlangte Nummer. Die Verabschiedung der beiden Frauen ging dann sehr schnell und ohne freundliche Worte.

Nach dreimaligem Läuten ging Carsten Koch an sein Handy. „Guten Morgen, hier spricht Sabine Reckert. Ich habe das Krankenhaus verlassen und bin jetzt zuhause. Waren Sie schon bei dem Bären?“ „Der Bär ist versorgt. Snuffy geht es auch schon viel besser. Aber warum haben Sie das Krankenhaus verlassen? Wie geht es Ihnen?“ Sabine erzählte ihm von der Lösegeldforderung. „Unter diesen Umständen hätte ich es keine Minute mehr im Krankenhaus ausgehalten.“ Dr. Koch sagte ihr, dass er das sehr gut verstehen könne. „Wenn Sie möchten, bringe ich Ihnen heute Abend Snuffy vorbei. Er fühlt sich bei Ihnen bestimmt wohler als in der Praxis.“

Bevor sie auflegten, vereinbarten sie noch eine Uhrzeit, zu der Carsten Koch bei Sabine vorbeischauen wollte um Snuffy zu bringen. Sabine war sehr glücklich, dass Snuffy die Schussverletzung überlebt hatte. Es wäre undenkbar für sie gewesen, ihren lieben Hundefreund zu verlieren. Hoffentlich ging Karins Geschichte auch so gut zu Ende.

Sabine brachte den Kaffee für die Bauleute nach draußen. Sie fühlte sich sehr erschöpft und litt unter starken Schmerzen.

In den nächsten Stunden würde sie sich ausruhen und versuchen, ein wenig zu schlafen. Bevor sie sich hinlegte, nahm sie noch zwei Schmerztabletten. Bestimmt würde ihr es heute Nachmittag schon leichter fallen auf den Beinen zu sein.

Nach dem Telefonat mit Sabine war Monika ziemlich schlecht gelaunt. In ihren Träumen stellte sie sich eine traumhafte Zukunft vor. Sie war sich sicher, dass aus der Zusammenarbeit mit Dr. Koch mehr entstehen könnte. Sie hatte noch viel über die Beziehung zu Bernd, ihrem jetzigen Freund nachgedacht. Es war sehr unwahrscheinlich, dass sich etwas an seiner Einstellung ändern würde. Wie oft hatte er ihr schon versprochen, sich um Arbeit zu kümmern. Wie oft war sie enttäuscht worden. Wenn sie sich ein Zusammenleben mit Dr. Koch vorstellte, würde es ihr nicht schwerfallen, sich von Bernd zu trennen.

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Sie hatte sich alles so schön vorgestellt. Es passte ihr nicht, das, bevor ihre Geschichte mit Carsten Koch begann, sich Sabine zwischen sie stellte. Ihr war schon deutlich aufgefallen, das Carsten Koch sehr freundlich über Sabine redete. Noch weniger passte es ihr, dass er die Fütterung des Bären übernommen hatte. Sie würde gewaltig auf der Hut sein müssen, das da nicht mehr zwischen Sabine und Carsten entstehen würde. Sie würde alles dafür tun, um das zu verhindern.

Zitternd vor Kälte saß Karin in ihrem Verließ an die Wand gelehnt. Als sie das Geräusch eines Motors hörte, war sie sehr erstaunt. Zwar hatte sie überhaupt kein Zeitgefühl mehr, war sich aber sicher, dass der letzte Besuch des maskierten Mannes noch nicht lange genug her sein konnte, um ihr wieder Essen und Trinken zu bringen.

Sie presste sich an die Wand als sie hörte, dass die Tür von außen entriegelt wurde. Der Mann trat ein. Mit einer sehr starken Lampe leuchtete er in ihre Richtung. Er warf ihr eine große Tasche zu. „Hier hast du eine Decke und ein paar warme Sachen. Wir haben uns überlegt, dass wir dich nicht erfrieren lassen wollen. Dafür bist du auch zu wertvoll.“ Mit diesen Worten wandte er den Lichtstrahl von ihr ab und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum. Die Tür fiel krachend zu und Karin hörte, wie von draußen zugesperrt wurde.

Sie betastete die Tasche. Sie war aus Leinen und fühlte sich sehr vollgestopft an. Es dauerte noch eine Weile bevor sie den Reißverschluss fand, um die Tasche zu öffnen. Sie fühlte eine flauschige warme Decke in die sie sich umgehend einhüllte. Wenn sich an ihrer Gesamtsituation nicht wirklich etwas geändert hatte, so war sie doch sehr froh, dass der Mann ihr eine Decke gebracht hatte, die es ihr ermöglichte, sich gegen die Kälte zu schützen.

Ihr war klar, wie entsetzlich es war was passiert war. Wie viele Tränen hatte sie geweint. Allein wenn sie an Snuffy dachte. Dieser wundervolle Hund. Sabine würde nur sehr schwer über seinen Tod hinwegkommen. Und ihre eigene Situation war alles andere als erfreulich. Aber jetzt musste sie wenigstens die Kälte nicht mehr aushalten. Darüber war sie sehr froh. Ihr blieb die Hoffnung, dass die Männer, die anscheinend ein Lösegeld für sie forderten, weiter so mit ihr umgingen wie bei den letzten Besuchen. Sie wollte sich nicht vorstellen, dass sie den Männern schutzlos ausgeliefert war. Was immer sie wollten, sie hatte nicht die geringste Chance, sich ihnen zu widersetzen. Ihre Hoffnung war das Einzige. Sie musste alles weiter aushalten.

Die letzten Stunden hatte Sabine in ihrem Bett verbracht. Sie war eingeschlafen und nun war der Nachmittag schon weit fortgeschritten. Sie fühlte sich immer noch sehr schlapp und kraftlos. Es fiel ihr schwer aufzustehen. Erst nachdem sie ausgiebig geduscht und frische Sachen angezogen hatte, fühlte sie sich etwas besser. Zwar hatte sie immer noch starke Kopfschmerzen und ihre Rippen taten ihr weh, aber sie fühlte sich insgesamt etwas wacher. Zuerst ging sie zu den Ställen. Dort füllte sie Futter für die Tiere in die Schüsseln. Es wäre auch nötig gewesen die Ställe sauber zu machen. Dazu fühlte Sabine sich aber noch nicht in der Lage. Sie dachte an die letzten zwei Wochen, in denen sie diese Arbeiten gemeinsam mit Karin erledigt hatte. Die Zeit war so schön gewesen. Was war aus ihrer Freundin geworden? Sie wünschte sich sehr, dass die Entführer bald schreiben würden, wo und wann das Lösegeld übergeben werden sollte. Vielleicht könnte sie ihre Freundin dann bald wieder sehen. Sie gab die Hoffnung nicht auf, dass sich alles noch zum Guten wenden würde.

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Kurz vor Beginn der Sprechstunde trafen Dr. Meierling und Carsten Koch wieder in der Praxis ein. Sie waren zu einigen Hausbesuchen unterwegs gewesen. Dr. Meierling war von Carsten Kochs Vorgehensweise weiter sehr beeindruckt. Auf dem Rückweg hatte er ihm gesagt, dass er sich sehr gut vorstellen könnte, dass Carsten Koch hier auf Dauer gut im Geschäft sein würde. Carsten hatte sich über das offene Gespräch, das sich über den gesamten Rückweg erstreckte, sehr gefreut. Für ihn war nach dieser kurzen Zeit auch deutlich klar, dass die Aufgaben die sich ihm hier stellten, genau richtig für ihn waren.

Als sie die Praxis betraten, saßen bereits drei Patienten im Wartezimmer. Monika, die noch an der Anmeldung gesessen hatte, stand nun auf und ging gemeinsam mit den ersten Patientenbesitzern und deren Hund in das Sprechzimmer. Sie würde dort die Beschwerden und Symptome des Tieres auf die Karteikarte zu schreiben. Für die beiden Tierärzte blieb also bis zum Behandlungsbeginn noch ein Moment Zeit.

Carsten Koch, der schon auf dem Weg zum OP Bereich war, sagte noch im Weggehen, dass er noch kurz nach Snuffy sehen wollte.

Der Hund hatte die schwere Verletzung und die Operation erstaunlich gut überstanden. Dr. Meierling war sehr froh, dass Carsten Koch sich Snuffy angenommen hatte. Er selbst hätte den Hund eingeschläfert. Als er ihn an dem Abend gesehen hatte, war ihm sehr klar gewesen, dass der Hund keine Überlebenschance hatte. Zum Glück hatte Carsten Koch das anders gesehen. Dr. Meierling musste aber auch zugeben,, das er selbst nicht in der Lage gewesen wäre, diese Operation durchzuführen.

Operationstechnisch war sein junger Kollege ihm um einiges voraus. Aber auch das war kein Wunder. Im Alltag eines Landtierarztes kam es nur zu wenigen Operationen. An einer Hochschule standen täglich schwierige Eingriffe auf der Tagesordnung. Für die Zukunft konnten alle Patienten sehr sicher sein, dass Dr. Koch auch schwierige Operationen, die er selbst immer an einen Kollegen überwiesen hatte, allein durchführen konnte. Dr. Meierling war fest davon überzeugt, dass Carsten Koch genau der richtige Mann für seine Praxis war. Einen besseren Nachfolger hätte er sich nicht wünschen können.

Carsten Koch sah sehr zufrieden aus, als er von Snuffy zurück kam. „Das ist unglaublich, wie schnell sich unser Patient erholt. Ich werde ihn heute nach der Sprechstunde zu Sabine bringen. Es wird ihm gut tun, wieder zuhause zu sein. Er braucht noch ein paar Tage Infusionen und Schmerzmittel, aber ich fahre dann täglich bei ihm vorbei.“ Dr. Meierling konnte sich ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen. Er war sich sehr sicher, dass Dr. Koch das nicht für Snuffy allein tat. Bestimmt kam es ihm auch sehr gelegen, täglich Sabine zu besuchen.

Die beiden Tierärzte gingen in den Behandlungsraum, um mit der Sprechstunde zu beginnen. Nachdem alle Tiere an diesem Nachmittag erfolgreich behandelt waren, ging Carsten Koch wieder zu Snuffy, um diesen für den Transport zu Sabine vorzubereiten. Es war nicht zu übersehen das es Carsten Koch sehr wichtig war, möglichst schnell mit Snuffy zu Sabine zu fahren.

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Monika und Dr. Meierling setzten sich gemeinsam ins Büro. Nachdem Monika einen Tee gekocht und den Tisch gedeckt hatte, ging sie zur Tür um diese zu schließen. Dr. Meierling sah sie fragend an. „Monika, haben Sie Bedenken, dass uns jemand belauschen könnte? Wir haben doch keine Geheimnisse miteinander.“ „Meinen Sie nicht, dass wir Dr. Koch vor Sabine Reckert warnen sollten?“ „Aber wieso denn das? Die beiden scheinen sich sehr gut zu verstehen.“ „Finden Sie nicht, dass Sabine seit dem Tod ihres Mannes ziemlich eigenartig ist? Ich finde sie arrogant und berechnend. Es wäre doch schade, wenn Dr. Koch gleich zu Anfang eine unerfreuliche Erfahrung machen müsste.“ „Aber das ist doch nicht gesagt, dass Sabine sich aus Berechnung von Dr. Koch helfen lässt. In ihrer jetzigen Situation ist er ihr gewiß eine große Hilfe. Warten wir doch ab, was sich daraus entwickeln wird.“ „Ich habe kein gutes Gefühl dabei.“ Monika sah Dr. Meierling mürrisch an. „Wenn ich nicht wüsste, das Sie einen festen Freund haben, würde ich denken, Sie wären eifersüchtig.“ „Natürlich nicht.“ Monika, die leicht errötete, stand auf und begann den Tisch abzuräumen.

Sie sagte kein weiteres Wort mehr. Dr. Meierling hatte ihre Einwände nicht wirklich ernst genommen. Er machte sich keine weiteren Gedanken mehr zu dem Thema. Eigentlich fand er es schön, dass Carsten Koch sich für Sabine zu interessieren schien.

Als Carsten Koch auf Sabines Hof fuhr, stand diese schon an der Tür. Sie schien auf ihn und natürlich auf Snuffy gewartet zu haben. Als das Auto angehalten hatte, lief sie ihm entgegen und öffnete die hintere Tür. Tränen liefen ihr über ihr Gesicht. „Snuffy, ist das schön, dass ich dich wieder bei mir habe.“ Sie nahm den Hund in die Arme und kuschelte ihr verweintes Gesicht in sein Fell. Snuffy jaulte vor Freude auf. Er leckte ihr durchs Gesicht. „Da haben Sie wirklich einen außergewöhnlichen Freund.“ Carsten Koch lächelte sie an. „Warten Sie, ich helfe Snuffy beim Aussteigen. Er soll sich möglichst wenig bewegen.

Wir müssen ihm auch gleich noch seine Medikamente geben.“

Sabine stieg aus dem Auto und ließ Dr. Koch zu Snuffy. Behutsam half er dem riesigen Hund, das Auto zu verlassen. Wedelnd ging Snuffy sofort zu Sabine. Er sah noch sehr schwach und unsicher auf den Beinen aus. Aber das war auch kein Wunder nach der Verletzung. Sabine wusste, dass Carsten Koch Snuffy das Leben gerettet hatte. „Ich finde nicht die richtigen Worte um ihnen zu sagen, was Sie für Snuffy und mich getan haben. Ohne Sie hätte er kaum eine Chance gehabt, das zu überleben.“

Freundlich sah Carsten sie an. „Aber das ist doch selbstverständlich gewesen. Ich bin froh, dass ich Ihnen in dieser schweren Zeit ein wenig helfen kann.“

Gemeinsam mit Snuffy gingen Sabine und Carsten ins Haus. Snuffy legte sich sofort auf seine Decke in der Küche. Er war noch sehr erschöpft.

Carsten zeigte Sabine, welche Medikamente Snuffy am Abend und morgen früh bekommen musste. „Morgen Mittag komme ich wieder vorbei, um ihm noch eine Infusion zu geben. Sorgen Sie bitte dafür,, dass er sich ruhig verhält. Nach draußen darf er nur dreimal am Tag. Bitte nur für kurze Zeit. Spazieren gehen ist noch nicht erlaubt. Er braucht noch viel Schonung.“ „Machen Sie sich keine Sorgen. Ich werde gut auf ihn aufpassen.“

„Ich fahre jetzt noch schnell den Bären füttern. Morgen sehen wir uns gegen Mittag.“ „Danke, dass Sie das alles machen. Ich wird das irgendwie alles wieder gut machen. Danke.“

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Ohne noch weiter auf Sabines Worte einzugehen, verließ Carsten Koch den Raum. Er war zufrieden, dass er Sabine helfen konnte.

Am nächsten Morgen fühlte Sabine sich schon wieder ein wenig besser. Sie hatte in der Nacht gut geschlafen. Es war ein gutes Gefühl Snuffy wieder neben ihrem Bett liegen zu wissen. Auch Snuffy schien sich besser zu fühlen. Der Gang durch den Garten fiel ihm noch schwer, aber er interessierte sich wieder und schnüffelte an verschiedenen Stellen. Als Steve und Trude, die beiden Katzen den Weg entlang kamen, begrüßten die Tiere sich sehr innig. Als Snuffy beiden Katzen zur Begrüßung durch die Gesichter schleckte, waren sie nicht begeistert, ließen das aber ruhig über sich ergehen. Steve und Trude schienen bemerkt zu haben, dass Snuffy beinahe gestorben wäre.

Als sie wieder im Haus ankamen, legte Snuffy sich in der Küche auf seine Decke. Er beobachtete Sabine die dabei war, sein Futter zuzubereiten. Als Sabine die gefüllte Schüssel vor Snuffy auf die Decke stellte, begann der Hund ohne Zögern, den Napf zu leeren. Sabine freute sich über sein Verhalten. Wenn er wieder Hunger hatte, schien es ihm wirklich besser zu gehen.

Nachdem Sabine den Kaffee für die Bauleute vorbereitet hatte, ging sie nach draußen. Snuffy war enttäuscht, dass sie ihn nicht mitnahm. Das wäre bestimmt noch zu anstrengend für ihn. Dr. Koch hatte nicht ohne Grund gesagt, dass es wichtig sei, Snuffy zu schonen.

Die Bauleute waren schon wieder emsig bei der Arbeit. Sabine stellte den Kaffee auf den Gartentisch. Herr Berger, der Chef der Bautruppe winkte ihr zu. Er rief ihr einen guten Morgen und Danke für den Kaffee zu.

Sabine ging weiter zu den Ställen. Es wurde allerhöchste Zeit, dass sie hier Ordnung schuf. Vielleicht schaffte sie heute über den Tag verteilt das Gröbste zu erledigen.

Als sie wieder zum Haus ging, sah sie gerade noch, wie das Postauto den Hof verließ. Sabine ging sofort zum Briefkasten um nachzusehen, ob die Erpresser sich gemeldet hatten. Tatsächlich. Es lag ein großer Briefumschlag im Kasten. Sabine eilte in die Küche und setzte sich an den Tisch. Sie betrachtete den Briefumschlag. Ihre Adresse war maschinell auf die Vorderseite gedruckt. Sie betrachtete die Briefmarke. Der Brief war in der Nachbarstadt aufgegeben worden. Mit einem Messer schlitzte sie den Umschlag auf. Es kam ein großes weißes Blatt hervor. In großen Buchstaben, die offensichtlich aus einer Zeitung stammten und auf das Blatt aufgeklebt worden waren stand zu lesen: Die Geldübergabe wird in der Nacht zu Freitag stattfinden. Verpacken Sie die 200000 Euro in einen Leinenbeutel. Es muss sich ausschließlich um 50.- Euroscheine handeln. Sie werden das Geld um Mitternacht in den Mülleiner vor der Kapelle werfen. Danach verlassen Sie den Friedhof sofort wieder. Kommen Sie allein. Wenn jemand bei Ihnen ist oder Sie es wagen die Polizei einzuschalten, ist Ihre Freundin tot. Wenn die Übergabe erfolgreich verläuft, werden wir Ihre Freundin anschließend frei lassen.

Wieder und wieder las Sabine den Text. Sie würde sich an die Anweisungen der Erpresser halten. Auf keinen Fall wollte sie den Ablauf und damit Karins Freilassung gefährden.

Zunächst rief sie Georg über sein Handy an. „Guten Morgen, kannst du herkommen?“ „Ich fahre sofort los.“

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Es schien Georg klar zu sein, dass die Erpresser sich gemeldet hatten und das Sabine nicht am Telefon darüber reden wollte.

Schon nach 20 Minuten bog Georg auf den Hof ein. Er stürmte zu Sabine in die Küche die ihm wortlos das Blatt Papier mit den Forderungen reichte.

In den nächsten Minuten las er versunken den Text. Er las es einige Male, ähnlich wie Sabine, durch. „Warum denn erst Freitagnacht?“ „Die Frage kann ich dir leider nicht beantworten. Ich bin sehr froh, dass sie sich überhaupt gemeldet haben.“

„In der Nacht werde ich dich begleiten. Du kannst auf keinen Fall allein über den Friedhof laufen.“ „Aber du hast doch gelesen wie sie sich die Übergabe vorstellen. Wir sollten uns unbedingt daran halten.“ „Sabine ich danke dir sehr dass du dazu mutig genug bist.“ Sabine sagte nichts dazu. Für sie stand fest, dass sie alles daran setzen würde, um Karin zu helfen.

Georg sagte ihr, dass er Donnerstagabend zu ihr kommen werde. „Dann bin ich wenigstens an deiner Seite bis du losfährst. Vielleicht hilft dir das.“ „Das ist eine gute Idee. Dann kann ich anschließend sofort berichten, wie alles gelaufen ist.“

Kapitel 21

In der nächsten Stunde malten Georg und Sabine sich aus, wie es sein würde, wenn Karin erst wieder frei war. Georg versprach Sabine, noch ein paar Tage am Ort zu bleiben, damit die Frauen die Gelegenheit hatten, das Erlebte gemeinsam zu verarbeiten.

Kurz vor Mittag verließ Georg den Hof. Sie hatten vereinbart, dass er am Donnerstag gegen Abend wieder bei Sabine erscheinen würde.

Sabine war mit Snuffy im Garten, als sie ein Auto auf den Hof fahren hörte. Wenige Minuten später kam Carsten Koch um die Hausecke in den Garten. „Hab ich mir gedacht dass ich sie hier finde. Wie geht es Snuffy?“ „Er macht noch einen schlappen Eindruck. Aber heute Morgen hat er sein Frühstück mit gutem Appetit vertilgt.“ „Das ist ein gutes Zeichen. Schlapp und müde darf er auch noch sein. Diese Verletzung und die Operation hätten viele andere Hunde nicht einmal überlebt. Snuffy ist nach kurzer Zeit schon wieder ziemlich gut dabei.“ Sabine lächelte Dr. Koch an. „Aber das ist zum großen Teil auch Ihnen zu verdanken.“ „Wenn Snuffy nicht so gut mitgemacht hätte, wäre alle Mühe umsonst gewesen. Er ist ein großartiger Kämpfer.“

„Was werden Sie jetzt mit ihm machen?“ „Er bekommt noch eine Infusion zur allgemeinen Stärkung und ein paar Schmerzmittel.“

Sabine, Dr. Koch und Snuffy gingen gemeinsam in die Küche. Snuffy legte sich dort auf seine Decke und sah Sabine abwartend an. Freundlich sprach Dr. Koch den Hund an. „Da liegst du schon gut. Jetzt gibt es eine Infusion. Danach wirst du dich wieder stärker fühlen.“ An Snuffys Hinterbein stach er die Vene an und legte die Infusion an. Geduldig ließ Snuffy alles geschehen. Die ganze Zeit streichelte Sabine tröstend seinen Kopf. Snuffy war ein sehr geduldiger Patient.

Sabine sah Dr. Koch, der neben Snuffy kniete, an. „Eigentlich wollte ich es keinem Menschen

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erzählen, aber Ihnen sag ich es. Die Entführer haben sich gemeldet. Die Geldübergabe soll in der Nacht von Donnerstag auf Freitag stattfinden.“ Sabine erzählte Dr. Koch die weiteren Einzelheiten sehr ausführlich. Aufmerksam hörte er ihr zu. Er ließ sie erzählen, ohne sie auch nur ein einziges Mal zu unterbrechen. Als Sabine mit der Berichterstattung fertig war, ergriff er das Wort. „Sind Sie sicher, dass es nicht doch zu gefährlich ist, ganz allein loszugehen?“

„Es wäre eine glatte Lüge, wenn ich sagen würde, dass ich mich auf diesen Gang freue. Aber ich will auf gar keinen Fall Karins Leben gefährden. Es wird schon alles gut gehen.“ „Wenn ich bloß wüsste, wie ich Ihnen helfen kann.“
„Das wird ich alleine machen müssen. Aber ich finde es sehr nett, dass Sie sich solche Gedanken machen.“ „Würde es Ihnen helfen, wenn ich am Donnerstagabend hier her komme?“ „Grundsätzlich wäre das sehr schön. Allerdings hat Georg auch schon gesagt, dass er das machen will.“ Schweigend sahen die beiden sich an. Sabine hatte ein sehr vertrautes, anziehendes Gefühl, wenn sie in Carsten Kochs Augen sah. Nach Rolfs Tod war es das erste Mal, dass sie so etwas empfand. Sie war traurig, dass er in der Nacht nicht auf sie warten würde. Das hätte ihr geholfen, alles hinter sich zu bringen.

Aber sie konnte schlecht Georg bitten, nicht hier zu erscheinen. Es ging schließlich um seine Frau. Carsten, der sie aufmerksam beobachtet hatte, ergriff ihre Hand. „Ich werde darüber nachdenken, wie wir damit am besten umgehen. Geben Sie mir Georgs Handy Nummer. Ich werde ihn anrufen. Vielleicht ist er über ein wenig Ablenkung in der Nacht sogar froh.“ „Ich bin fast sicher, dass das eine gute Lösung ist, wenn Georg die Wartezeit hier in der Nacht nicht allein verbringen muss.“ Carsten Koch kümmerte sich wieder um Snuffys Infusion, welche schon fast durchgelaufen war. Er hatte Sabines Hand losgelassen.

Die Berührung hatte Sabine als sehr angenehm empfunden und fast war sie ein wenig traurig, dass Carsten sich nun wieder um Snuffy kümmern musste. Ohne noch weiter darüber nachzudenken, sprach sie Carsten Koch noch einmal an. „Sagen Sie, wäre es für Sie in Ordnung, wenn wir das lästige „Sie“ abschaffen?“ Er lächelte sie an. „Ich finde es sehr schön, dass du das ansprichst. Ich hab mir heute Morgen schon Gedanken darüber gemacht. Wie schön dass wir beim du angekommen sind.“

„Ich fahre nachher noch zu Jacco. Wenn du willst, nehme ich ihm sein Futter mit, dann kannst du dir den Weg zu ihm sparen.“ „Meinst du nicht, dass das noch zu anstrengend für dich ist?“ „Nein, das wird schon gehen. Ich möchte Jacco auch so gern wiedersehen. Bestimmt denkt er schon, ich hätte mich aus dem Staub gemacht.“ Carsten lächelte sie an und bemerkte, dass Jacco so etwas bestimmt nicht denken würde. „Du könntest mich nachher in der Praxis anrufen und sagen, ob alles geklappt hat.“ „Das mach ich.“

Die Infusion war nun durchgelaufen. Carsten zog die Nadel aus Snuffys Vene. Mit einem Tupfer drückte er fest auf die Einstichstelle, um ein Nachblutung zu verhindern. „Die Tabletten für Snuffy laß ich dir hier. Die kann er gleich mit einer Scheibe Wurst bekommen. Das wird er bestimmt besser finden, als sie von mir eingegeben zu bekommen.“ Sabine grinste Snuffy an. „Das glaube ich allerdings auch.“

Carsten und Sabine standen schweigend in der Küche. Sie wussten beide, dass ihre gemeinsame Zeit nun um war. Keiner machte Anstalten, das Beisammensein zu beenden. Ziemlich plötzlich wandte Carsten sich Sabine zu. Er trat nah an sie heran und nahm sie in den Arm. Er drückte sie fest an sich. Sabine schmiegte sich eng an ihn. „Du bist genau im richtigen Moment hier angekommen. Danke dass du da bist.“

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Am liebsten wäre es Sabine gewesen, die Umarmung hätte eine Ewigkeit angedauert. Carsten löste sich aus der Umarmung. Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Ich muss wieder in die Praxis. Ruf mich bitte nachher an.“ Sabine nickte nur. Sie war traurig, dass Carsten jetzt gehen musste. Sie begleitete ihn zur Tür. Als er in sein Auto gestiegen war und den Hof verließ, winkte sie ihm nach.

Als Monika an diesem Abend nach Hause kam, war Bernd nicht da. Sie ging durch die Wohnung. Bernd hatte es nicht einmal für nötig gehalten, den Abwasch zu erledigen. Die gebrauchten Kaffeetassen standen noch auf dem Küchentisch. Nicht einmal die Milch hatte er in den Kühlschrank gestellt. Und egal in welches Zimmer sie sah, es herrschte überall Unordnung. Heute Morgen hatte sie 50.- Euro für Einkäufe auf den Tisch gelegt. Den Einkaufszettel fand sie noch auf dem Tisch. Die fünfzig Euro waren nicht mehr da. Morgens hatte Bernd ihr versprochen, die Einkäufe zu erledigen. Wie jeden Morgen hatte er auch beteuert, dass er den Abwasch machen und alles aufräumen würde. Wie jeden Tag wurde Monika auch heute wieder enttäuscht. Es war ein starkes Stück, dass Bernd es offensichtlich nicht einmal mehr für nötig hielt da zu sein wenn sie nach Hause kam. Sie hegte noch die kleine Hoffnung, dass er in den nächsten Minuten mit den Einkäufen zuhause eintraf. Sie wurde wieder enttäuscht. Nachdem sie den Abwasch erledigt hatte, räumte sie in der Wohnung auf. Sie brachte den Müll runter und räumte alle herumliegenden Sachen in den Schrank. Bernd war immer noch nicht zu Hause. Obwohl schon fast zwei Stunden vergangen waren und Monika ziemlich müde war, nahm sie sich noch den Korb mit der Bügelwäsche vor. Sie konnte nicht glauben, dass ihr Bernd sie den ganzen Abend allein hier sitzen ließ.

Nachdem sie alle Bügelwäsche ordentlich gebügelt und zusammengelegt hatte, machte sie sich auf den Weg ins Bad, um dann ins Bett zu gehen.

Sie fühlte sich elend und auch wütend, als sie in ihrem Bett lag. Sie war es leid, ewig alle anfallenden Arbeiten allein zu erledigen. Im Grunde genommen unterstützte sie damit Bernds Faulheit. Er konnte sich immer darauf verlassen, dass sie alle Arbeiten ausführte. Er saß den ganzen Tag vor seinem PC oder sah Fernsehen. Monika war schließlich eingeschlafen. Sie war sehr müde gewesen. Schließlich hatte sie den ganzen Tag in der Praxis gearbeitet und dann noch die Hausarbeiten. Sie wurde von Bernd geweckt, der neben ihrem Bett stand. „Los Süße, mach die Beine breit. Ich hab Lust auf dich.“ Mit diesen Worten ließ sich Bernd in ihr Bett fallen und begann, sie fordernd zu streicheln.

Mir deutlicher Ablehnung wand Monika sich auf die andere Bettseite. „Spinnst du? Ich habe fest geschlafen. Wo kommst du her? Wo sind die Einkäufe?“ „Sei doch nicht so ruppig. Ich bin zu den Einkäufen nicht gekommen.“ „Ach nein? Wo warst du denn?“ „Ich war mit einem Kumpel in der Spielhalle. Stell dir vor, ich habe den fünfziger fast verdreifacht.“ Er sah sie begierig an. „Der Tag hat sich gelohnt. Hast du einen Wunsch?“ „Ich habe keine Lust mehr, alles allein zu machen. Wenn sich hier nicht bald grundlegend etwas ändert, kannst du dir eine andere suchen. “Bernd sah sie zornig an. „Ich hab echt gedacht, du würdest dich freuen. Schlaf weiter. Vielleicht bist du morgen früh freundlicher gestimmt.“ Mit diesen Worten verließ er das Schlafzimmer. Monika hörte, wie im Wohnzimmer der Fernseher eingeschaltet wurde. Sollte er sich doch mit der Kiste vergnügen. Sie war stinksauer. Monika konnte lange Zeit nicht mehr einschlafen. So wie die Situation jetzt war, konnte es einfach nicht bleiben. Sie hatte die Hoffnung aufgegeben, dass Bernd jemals wieder ein normales Leben, in dem er arbeiten ging und diverse Pflichten übernahm.

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Sie würde weiter versuchen, sich Carsten Koch anzunähern. In diesem Fall war es wichtig, ihn davon zu überzeugen, dass Sabine Reckert nicht die richtige für ihn war. Sie wusste zwar noch nicht, wie sie das machen sollte, aber da würde ihr schon noch etwas einfallen. Vielleicht konnte sie ihn morgen dazu überreden, nach der Sprechstunde mit ihr auszureiten. Dabei konnte er dann merken, dass sie die bessere Partnerin als Sabine Reckert für ihn war. Das würde schon gelingen. Als Carsten Koch heute Abend von Sabine angerufen worden war, hatte er einen sehr zufriedenen Eindruck gemacht. Bei der nächsten Gelegenheit würde sie ihm erzählen, dass Sabine fortwährend Männergeschichten hatte. Sicher würde ihn das abschrecken. Es musste einfach gelingen, ihn davon zu überzeugen, dass Sabine eine hinterhältige, berechnende Schlampe war. Wenn er das erst erkannt hatte, war der Weg für sie frei.

Heute war Donnerstag. Die Zeit bis hierher war Sabine endlos lange vorgekommen. Sie hatte sich für den heutigen Tag viel vorgenommen. Das würde helfen, die Zeit bis zum Abend schnell umgehen zu lassen.

Ihr körperlicher Zustand hatte sich verbessert. Zwar hatte sie immer noch leichte Kopfschmerzen und die Rippen taten noch weh, aber das hatte kaum noch eine Bedeutung. Wenn sie es schaffen würde Karin aus den Fängen der Erpresser auszulösen, wäre ihr Glück perfekt. Es war ein großes Glück mit anzusehen, dass es Snuffy jeden Tag besser ging. Wenn sie an Jacco dachte, fühlte sie eine innere warme Zufriedenheit. Erst gestern Abend, als sie ihm sein Futter brachte, hatte sie das Gefühl gehabt, er wäre ihr ein langbekannter, vertrauter Freund. Sie konnte nicht genau sagen, wie sie zu diesen Eindrücken kam. Das war schon sehr merkwürdig. Wenn Jacco sie ansah, hatte sie fast das Gefühl, er könne ihre Gedanken lesen. Wenn sie, wie jetzt, darüber nachdachte, musste sie fast ein wenig über sich selbst schmunzeln. Jacco war ein Bär. Sie konnte kaum erwarten, dass er in der Lage war, ihre Gedanken wahrzunehmen. Aber seltsam war es trotzdem. Sie war schon sehr gespannt, wie er sich verhalten würde, wenn er erst hier war.

Und dann Carsten. Sie musste sehr oft an ihn denken. Seit Snuffys letzter Infusion hatten sie sich nicht mehr gesehen. Allerdings telefonierten sie täglich mindestens zweimal. Er hatte in der Praxis sehr viel zu tun. Heute Abend würde sie ihn wiedersehen. Er hatte ihr erzählt, dass er mit Georg telefoniert hatte. Beide seien übereinstimmend zu dem Ergebnis gekommen, dass es gut sei, in der Nacht zusammen auf Sabines Rückkehr zu warten. Sie hatte nicht geglaubt, dass Georg den Vorschlag gut finden würde. Der erste Gang an diesem Morgen führte sie mit Snuffy in den Garten. Obwohl es Snuffy schon viel besser ging, war ihm immer noch deutlich anzumerken, dass er ziemlich geschwächt war.

Bei den Gängen durch den Garten wurde Snuffy jedes Mal von Trude und Steve, den beiden Katzen, begleitet. Es war schön mitzuerleben, wie eng verbunden die Tiere miteinander waren. Nach ein paar Minuten ging Snuffy wieder in Richtung Haus. Vor seiner Verletzung konnten ihm Spaziergänge nicht ausgedehnt genug sein. Zurzeit war er nach wenigen Minuten langsamer Bewegung so erschöpft, dass er freiwillig seinen Liegeplatz aufzusuchen bereit war. Bestimmt würde sich das auch bald wieder ändern. Wie sagte man so schön? Die Zeit heilt alle Wunden. Im Hinblick auf ihr eigenes Leben schien das auch geklappt zu haben. Sie hätte sich nach Rolfs Tod nicht einen Gedanken an einen anderen Mann vorstellen können. Jetzt dachte sie sehr häufig an Carsten. Es war ein gutes Gefühl. Sie war glücklich, dass sie ihn kennengelernt hatte. Natürlich war es noch viel zu früh um zu sagen, was sich aus ihnen

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entwickeln konnte. Aber das spielte auch noch keine Rolle. Zunächst war wichtig, dass sie sich beide mit der Situation miteinander sehr wohl fühlten. Sie bereitete den Kaffee für die Bauleute zu. Gleich würde sie sich auf den Weg zu Jacco machen. Sie hatte mit Carsten besprochen, dass sie ihm sein Futter wieder selbst bringen wollte. Sie hatte Carsten auch gesagt, dass es ihr guttat, bei ihrem Bären zu sein. Natürlich hatte Carsten sie verstanden. Sie solle aber keine Scheu haben, ihn zu fragen ob er das Füttern wieder übernehmen würde, falls es ihr doch zu schwer fiel. Aber sie ließ es sich nicht nehmen, Jaccos Fütterung wieder selbst zu übernehmen.

Als sie heute Morgen bei Jacco ankam, saß der Bär schon wieder wartend an den Gitterstäben. Er sah ihr aufmerksam entgegen. Als Sabine mit Mühe und unter Schmerzen über die Absperrung kletterte, hatte sie fast das Gefühl, als täte es Jacco leid, dass sie den Aufwand nur unter dieser Belastung schaffen könne. Sie sah Jacco lächelnd an. „Für dich mache ich das gern.“ Sie schob ihm seine Fleischstücke durch die Gitterstäbe. Ohne Anstrengung verschlang Jacco den ganzen Inhalt des Eimers. Als er damit fertig war, setzte er sich an die Gitterstäbe. Er sah Sabine an. Fast schien es, als wolle er sich bei ihr bedanken.

Auf dem Weg nach Hause hielt Sabine noch bei einem Supermarkt an. Sie kaufte verschiedene Lebensmittel und einige Knabbereien für den Abend, an dem Carsten und Georg auf sie warten würden. Wenn es doch schon so weit wäre.

Zuhause angekommen ging sie zunächst zu den Bauleuten. Wenn die Arbeiten in dem Tempo fortschritten, wäre das Gehege wahrscheinlich schon im Laufe der nächsten Woche fertig. Herr Berger stand gerade mit Wolfgang, dem Auszubildenden, im vorderen Bereich des Geheges. Er schien Wolfgang zu sagen, welche Arbeiten er als nächstes erledigen sollte. Wolfgang, der Sabine auf sie zukommen sah, zog sich in den hinteren Bereich des Geheges zurück. Der war ein scheinbar mürrischer Typ. Mit Herrn Berger und auch mit Herrn Schmittmann, dem anderen Bauarbeiter, hatte sie schon mehrmals kurze, freundliche Gespräche geführt. Wolfgang bekam kaum einen Morgengruß über die Lippen. Aber das war eigentlich auch egal. Hauptsache er verrichtete seine Arbeit gut.

Herr Berger kam ihr ein paar Schritte entgegen. „Wie geht es Ihnen? Sie sehen noch sehr blass aus.“ „Es geht schon wieder besser. Noch ein paar Tage dann bin ich wieder fit.“ „Nachher wollte Herr Becker noch herkommen. Er wollte schauen, wie weit unsere Arbeiten fortgeschritten sind und ob Sie zufrieden sind.“ „Zufrieden bin ich ganz bestimmt. Ich finde es bemerkenswert, wie schnell die Arbeiten fortschreiten.“ Herr Berger lächelte sie zufrieden an. „Dann wird ich auch schnell weiterarbeiten, damit Sie weiter zufrieden sind.“ Im Weggehen sagte Sabine noch, dass sie einen Kaffee auf den Gartentisch gestellt habe. Herr Berger bedankte sich bei ihr. Obwohl sie an diesem Tag ziemlich viel zu tun gehabt hatte, zog sich die Zeit bis zum Abend endlos lange hin. So oft wie heute hatte Sabine noch nie auf die Uhr gesehen.

Um viertel vor sieben kam Georg auf den Hof gefahren. Er begrüßte sie sehr freudig. „Bald haben wir es überstanden. Vielleicht ist Karin morgen schon wieder bei uns.“ „Das wäre so schön.“ Sabine bot Georg etwas zu Essen und Getränke an. Sie fragte ihn, ob es für ihn in Ordnung sei, dass Carsten Koch auch gleich komme. „Aber ja. Das scheint ein netter Kerl zu sein. Ich habe lange mit ihm telefoniert.“ Sabine lächelte. Georg sah sie etwas sorgenvoll an. „Wie fühlst du dich? Denkst du, dein nächtlicher Einsatz wird glücken? Hast du das Geld

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hier?“ „Ich bin mir sicher, dass alles gut gehen wird. Auch wenn ich immer noch etwas schlapp bin, werde ich in der Lage sein, dass Geld auf den Friedhof zu bringen. Hoffentlich halten sich die Erpresser an die Abmachung und lassen Karin frei.“ „Das können wir aus tiefstem Herzen hoffen. “Sabine goss Georg ein Glas Rotwein ein. Sie selbst schüttete sich ein Glas Orangensaft ein.

„Um weiche Zeit wirst du dich auf den Weg machen? Wann wird Dr. Koch hier sein?“ „Die Sprechstunde in der Tierarztpraxis geht bis neunzehn Uhr. Ich glaube nicht, dass er vor zwanzig Uhr hier sein kann. Ich werde gegen halb zwölf Uhr los fahren. Oder vielleicht ein wenig früher. “Sabine und Georg unterhielten sich wieder über Karin. Wenn alles gut ging, würde sie bald bei ihnen sein. Hoffentlich war sie nicht verletzt worden. Die beiden Männer hatten an dem Abend bewiesen, dass sie sehr gewalttätig waren. Es war jedoch beiden klar, dass das Wichtigste war, dass Karin aus der Gefangenschaft der Entführer frei kam. Alles andere würde sich finden.

Um viertel vor acht kam ein Auto auf den Hof gefahren. Carsten Koch schien sich sehr beeilt zu haben. So zeitig hatte Sabine noch nicht mit ihm gerechnet. Als er in die Küche kam, in der Georg und Sabine Platz genommen hatten, ging er zunächst auf Sabine zu. Er reichte ihr die Hand und erkundigte sich, wie es ihr gehe. Er bemühte sich in Georgs Gegenwart, sehr förmlich zu sein. Auch Georg schüttelte er die Hand. Sabine goss auch für Carsten ein Glas Rotwein ein.

Bevor sich Carsten mit an den Tisch setzte, ging er zu Snuffy. Der Hund begrüßte ihn freudig wedelnd. Carsten kraulte ihm seinen Kopf und besah sich während des Streichelns die Wunde. Er sah Sabine an. „Die Wunde sieht gut aus. Es sind nicht die kleinsten Entzündungszeichen zu sehen. Wie verhält er sich sonst?“ „Er ist immer noch sehr schwach. Aber ich finde, bei jedem Gang durch den Garten macht er einen kräftigeren Eindruck.“

Carsten setzte sich an den Tisch. Er nahm sein Glas in die Hand. „Vielleicht ist Karin bald wieder mit von der Partie. Ich hatte schon den Gedanken, dass die Entführer Karin nach der Lösegeldübergabe in der Nähe deines Hofes freilassen. Dann wäre sie schon in der Nacht wieder bei uns.“ Georg runzelte die Stirn. „Das wäre wirklich zu schön um wahr zu sein. Ich glaube allerdings nicht, dass die Entführer sie in der Nacht noch freilassen.“ Nachdem Georg das gesagt hatte stand er auf und ging in Richtung Toilette.

Sabine und Carsten saßen allein am Tisch. Carsten sah Sabine an. „Es wird alles gut gehen. Ich bin froh, wenn du nachher erst wieder hier bist.“ In seinem Blick und in seinen Worten lag wieder die große Vertrautheit. Sabine hätte sich am liebsten an ihn geschmiegt. Ihr war jedoch klar, dass das auf Georg wahrscheinlich keinen allzu guten Eindruck gemacht hätte. Schließlich mussten sie damit rechnen, dass er jeden Moment wieder in der Küche erschien.

Als Georg wieder am Küchentisch Platz genommen hatte, richtete er sich an Carsten. „Seit wann arbeiten Sie schon als Tierarzt in dieser Gegend?“ Carsten lächelte und erzählte Georg seine Geschichte. Georg verfolgte seinen Bericht staunend. Nachdem Carsten mit seiner Erzählung fertig war, herrschte insgesamt einen Moment Schweigen. „Sind Sie sich denn auch wirklich sicher, dass ein Wechsel für Sie das richtige ist?“ „Da bin ich mir sogar sehr sicher. Ich bin Tierarzt geworden, weil ich etwas für die Tiere tun will. Die Arbeit an der

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Hochschule ist gut, aber auf Dauer ist der Stress zu groß. In dieser Gegend werde ich etwas für die Tiere tun können, ohne selbst dabei vor die Hunde zu gehen.“

Eine Weile unterhielten sich die drei noch über dieses Thema. Die Uhr ging auf halb elf zu. Sabine stand auf. „Ich gehe noch einmal mit Snuffy in den Garten. Dann ist es auch schon bald soweit, dass ich losfahren kann.“ Snuffy, der Sabine beobachtet hatte, stand ebenfalls auf und ging zur Gartentür. Sabine öffnete die Tür und ließ Snuffy raus. Sie folgte ihm in den Garten. Snuffy trottete über die Wege. Sabine ging dicht hinter ihm. Plötzlich blieb der Hund stehen und sah in die Richtung des Sees. Sabine stand jetzt direkt neben ihm. Grollend begann Snuffy zu knurren. Sabine sah ihn ängstlich an. „Snuffy, was hast du denn?“ Sie erinnerte sich daran, dass er so ein Verhalten vor dem Überfall ein paar Mal gezeigt hatte. Sie hatte nicht wirklich darauf geachtet. Jetzt war sie in ziemlicher Alarmbereitschaft. Was konnte das bedeuten? Vielleicht schlichen die Männer wieder durch die Gegend um zu beobachten, ob sie sich wirklich allein auf den Weg zur Lösegeldübergabe machte. Sie rief Snuffy und eilte zurück zum Haus. Als sie in die Küche trat, stand ihr die Angst im Gesicht geschrieben, was Carsten sofort bemerkte. „Sabine, was hast du? Du siehst ganz blass und verschreckt aus.“ Sabine berichtete den beiden Männern, was soeben im Garten passiert war. Carsten hörte ihr besorgt zu. Georg stand auf und ging zur Tür. Er wurde von Carstens Worten aufgehalten. „Ich glaube nicht, dass es gut ist, hinaus zu gehen. Wenn die Typen wirklich hier herumschleichen, werden sie mitbekommen, dass Sabine hier nicht allein ist. Wenn sie dadurch zu sehr verunsichert werden, fällt unter Umständen die Lösegeldübergabe ins Wasser. Dadurch würden wir Karin gefährden.“ Georg sah Carsten nachdenklich an. Er ging zum Tisch zurück und setzte sich wieder hin. Anscheinend hatten Carstens Worte ihn überzeugt, kein Risiko einzugehen.

Georg ergriff Sabine zitternde Hände. „Ich kann so gut verstehen, dass du große Angst hast. Meinst du immer noch, dass du den Gang auf den Friedhof schaffen wirst?“ Sabine nickte nur ohne ein Wort dazu zu sagen. Ganz kurz blieb sie noch am Tisch sitzen. Dann stand sie entschlossen auf. „Ich werde mich jetzt auf den Weg machen. Es wird schon alles gut werden.“ Carsten stand ebenfalls auf. Es schien ihm egal zu sein, was Georg dachte. Er ging auf Sabine zu und nahm sie in den Arm. „Ich würde alles dafür geben, wenn ich dich begleiten könnte. Du kannst dir sicher sein, dass ich in Gedanken die ganze Zeit dicht bei dir bin. Vielleicht hilft dir das ein wenig.“ Einen Moment genoß Sabine noch seine Nähe. „Danke, dass wird mir helfen.“ Behutsam löste sie sich aus seiner Umarmung. Sie holte die Tasche mit dem Geld und verließ dann wortlos das Haus. Carsten und Georg sahen ihr schweigend hinterher.

Die Nacht war sternenklar. Als Sabine auf dem Parkplatz vor dem Friedhof angekommen war, stieg sie ohne Zögern aus dem Auto. Sie nahm die Tasche mit dem Geld und ging in Richtung Kapelle. Ein Käuzchen ließ in diesem Moment seinen lauten Ruf ertönen. Sabine bekam eine Gänsehaut. Zwar mochte sie die kleinen Eulenartigen Vögel gern leiden, aber das Geräusch in der jetzigen Situation war ihr doch ein wenig zu viel.

Ohne sich weitere Gedanken zu machen, ging sie weiter. Sie wollte der Angst die sie begleitete nicht durch Zögern die Chance geben, in letzter Sekunde doch noch Oberwasser zu bekommen. Wenn sie das zugelassen hätte, wäre sie zu ihrem Auto zurück gelaufen und hätte fluchtartig diesen Ort verlassen.

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Sie dachte an Karin. Hoffentlich hielten die Entführer ihr Wort und gaben Karin nach Erhalt des Lösegeldes frei. Sie stellte sich ein Wiedersehen mit Karin vor. Andere Gedanken ließ sie nicht zu.

Sie hatte den Friedhof überquert und war an der Kapelle angekommen. Ohne Umwege geng sie auf den Mülleimer zu. Sie legte die Tasche mit dem Geld hinein und drehte dann eilig um. Wieder vernahm sie das Rufen des Käuzchens. Am liebsten wäre sie im Sprint über den Friedhof gehetzt. Sie musste sich regelrecht dazu zwingen, ihr bisheriges Tempo beizubehalten. In wenigen Minuten würde sie an ihrem Auto sein. Fast hätte sie aufgeschrien, als sie das laute Rascheln dicht neben sich vernahm. Ihr Herz raste.

Die ganze Zeit hatte sie versucht, Ruhe zu bewahren. Als einen Meter vor ihr ein Fuchs aus dem Gebüsch sprang und ihren Weg kreuzte, konnte sie ihre Tränen nicht mehr aufhalten. Zu groß war die Anspannung. Sie hatte solche Angst. Als sie an ihrem Auto ankam, konnte sie es kaum glauben, dass sie es geschafft hatte. Sie stieg ein, ließ den Motor an und startete. Eilig fuhr sie los. Auf dem Weg nach Hause wurde sie wieder etwas ruhiger. Als sie auf den Hof fuhr, stürzten Carsten und Georg aus dem Haus. Georg riß die Autotür auf und Carsten nahm Sabine sofort in den Arm. „Ich bin so froh, dass du zurück bist. Ist alles gut gegangen?“ Die drei gingen gemeinsam ins Haus. Sabine berichtete, wie der Gang über den Friedhof verlaufen war.

Im Haus ging Sabine zuerst zu Snuffy. Sie nahm ihren treuen Freund in den Arm. „Es wäre viel leichter gewesen, wenn du bei mir gewesen wärest.“

Als sie wieder am Tisch saßen und ein Glas Wein tranken, war die Erleichterung von allen dreien deutlich wahrnehmbar, dass Sabine diesen Gang hinter sich hatte. Immer wieder sah Georg Sabine an. „Es ist gut, dass du diesen schweren Gang hinter dir hast. Das war sehr mutig von dir. Ich glaube nicht, dass es viele Frauen gibt, die nachts über den Friedhof laufen. Und schon gar nicht in der Situation.“ Sabine lächelte ihn an. „Wenn ich sagen würde, ich hätte keine Angst gehabt, wäre das eine glatte Lüge.“ In den nächsten Minuten saßen die drei schweigend am Tisch. Sie waren alle in Gedanken an Karin versunken. Wenn sie doch schon hier wäre. Nachdem sie in den nächsten zwei Stunden sehr intensiv über Karin geredet hatten, gaben sie die Hoffnung auf, sie in dieser Nacht noch wieder zu sehen. Georg und Carsten verließen gemeinsam den Hof.

Nachdem sie gegangen waren, fand Sabine lange Zeit keine Ruhe. Sie lag wach in ihrem Bett. An Schlaf war nicht zu denken. Die letzten Stunden waren zu aufregend gewesen. Bestimmt wäre es leichter gewesen abzuschalten, wenn Karin zurück gewesen wäre. Hoffentlich würde sie die Freundin morgen wiedersehen.

Karin saß in die Decke gehüllt an die Wand gelehnt, als sie Geräusche vernahm. Es kam ihr sehr lange vor, dass der Mann hier gewesen war. Sie zog sich automatisch etwas mehr zusammen, als die Tür aufgesperrt wurde. Karin merkte sofort, das der Mann nicht allein war.

Sie war entsetzt, als der eine der Männer sie unmittelbar nach deren Eintreten packte. Sie versuchte ihn zu treten, doch das wurde durch den zweiten Mann, der sich auf ihre Beine setzte, verhindert. Der Mann der sie zuerst gepackt hatte, griff nun in ihre Haare. Er riß ihren Kopf nach hinten. So war er auch an dem Abend mit ihr vorgegangen, bevor er ihr den Lappen mit Betäubungsmittel vor Mund und Nase gepresst hatte. Das wollte sie unbedingt

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verhindern. Was wollten diese Typen mit ihr machen? Sie wehrte sich so gut es ging. Aber es war nicht gut genug. Der Typ drückte ihr den ekligen Lappen wieder vor ihr Gesicht. Nach wenigen Sekunden war der Kampf vorbei. Karins Körper erschlaffte. „Das ging doch gut. Lass sie uns zum Auto tragen. Bald wird es schon hell werden.“ Gemeinsam trugen die Männer Karins schlaffen Körper zum Auto. Sie legten sie in den Kofferraum und fuhren los. Nach einigen Kilometern hielten sie wieder an. „Hier ist ein guter Platz um sie hinzulegen. Das ist einsam genug. Sie wird lange brauchen, bis sie einen Menschentrifft. Das klappt alles supergut.“

Die beiden Männer gingen zu dem Kofferraum und hoben Karin heraus. Sie legten sie ein paar Meter neben dem Weg unter einen Baum. Zufrieden schlugen sie ihre Hände gegeneinander. Sie gingen zum Auto, stiegen ein und fuhren davon.

Karin lag an einem sehr einsamen Platz. Hier würde bestimmt niemand nach ihr suchen. Wenn sie aufwachte, was noch eine Weile dauern würde, wäre sie allein auf sich gestellt.

Gemeinsam mit Monika und Carsten Koch saß Dr. Meierling am Frühstückstisch. Die beiden Tierärzte hatten sich angewöhnt, den Tagesablauf beim Frühstück zu besprechen. Nachdem sie mit dem Tagesplan fertig waren, erzählte Carsten von dem gestrigen Abend und der letzten Nacht. „Ich hoffe sehr, dass die Entführer nicht mehr zulange warten, bis sie Karin auf freien Fuß setzen. Die Warterei war in der letzten Nacht kaum zum Aushalten.“

Dr. Meierling sah Carsten mitfühlend an. „Ist es für Sie überhaupt machbar, den Praxistrubel und die Hausbesuche mitzumachen? Es wäre absolut in Ordnung, wenn Sie in den nächsten Tagen frei machen.“ „Danke, dass Sie das anbieten, aber ich glaube ein wenig Abwechslung tut mir ganz gut.“

Nachdem das besprochen war, machten sich die beiden Tierärzte auf den Weg zu den ersten Hausbesuchen. Monika blieb wie jeden Morgen allein in der Praxis zurück um alles für die Sprechstunde vorzubereiten. Ihr war deutlich klar geworden, dass Carsten mehr an Sabine interessiert war, als sie bisher angenommen hatte. Das war deutlich aus seiner Erzählung hervorgegangen. Sie durfte nicht mehr allzu lange warten, bevor sie dieses Thema mit ihm ansprach. Sie würde ihm gewisse Sachen über Sabine erzählen, die seine Sympathie für diese Frau ausbremsten. Ihr würde schon etwas Passendes einfallen.

Als Karin langsam erwachte, nahm sie zuerst die angenehm warme Temperatur wahr. Sie hörte Vogelgezwitscher. Als sie die Augen öffnete, war es zuerst fast schmerzhaft, in die Helligkeit zu sehen. Sie legte zum Schutz ihre Hand über die Augen. Sie sah sich in der Gegend um. Sie entdeckte nichts, was ihr bekannt gewesen wäre. Hier an diesem Platz war sie noch nie gewesen. Aber eines wurde ihr auch ganz klar. Die Entführer hatten sie freigelassen Sie konnte dieses Glück kaum fassen. Vorsichtig stand sie auf. Sie lehnte sich an den Baum, der direkt neben ihr stand. Sie hatte ein leichtes Schwindelgefühl und ein klein bisschen übel war ihr auch. Schmerzen verspürte sie keine mehr. Die Entführer hatten sie offensichtlich für ihre Freilassung nur betäubt.

Langsam, Schritt für Schritt, ging sie los. Ihr war vollkommen unklar, in welche Richtung sie gehen sollte. Aber eins stand fest: Sie wollte keine Minute mehr warten. Irgendwo würde sie schon einen Menschen treffen, den sie um Hilfe bitten konnte.

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Sehr zeitig an diesem Morgen kam Georg bei Sabine an. Er setzte sich zu Sabine an den Küchentisch und goss sich einen Kaffee aus der auf dem Tisch bereitstehenden Kaffeekanne ein. Er sah Sabine an. „Ich halte diese Warterei nicht mehr aus. Hast du schon irgendetwas von Karin oder den Entführern gehört?“ Sabine musste seine Frage verneinen. „Ich weiß überhaupt nicht, wie wir weiter vorgehen sollten. Ich fahre gleich eben schnell in die Stadt. Ist es für dich in Ordnung, hier solange zu warten?“ Sabine sagte ihm nicht, dass sie losfahren wolle, um den Bären zu füttern. Ein Stück weit war sie allerdings auch froh, etwas zu tun, was sie ablenken würde. Vielleicht gab es bis zu ihrer Rückkehr dann auch schon etwas Neues von Karin. Nickend hatte Georg ihre Frage bejaht. Ein paar Minuten saßen sie noch schweigend am Tisch. Dann stand Sabine auf, packte ein paar Sachen ein und ging zur Tür. „Ich brauche ungefähr eine Stunde.“ Sie verließ das Haus und ging zu ihrem Auto.

Jacco saß bereits wartend an seinen Gitterstäben. „Ich hab dir etwas Leckeres mitgebracht. Sabine kletterte über die Absperrung und warf einige Stücke Fleisch durch die Gitter. Jacco stürzte sich gierig auf das Futter. Der Bär machte einen zufriedenen Eindruck. Schon nach den wenigen Tagen der guten Fütterung war ihm deutlich eine Veränderung anzusehen. Sein Fell war nicht mehr ganz so stumpf. Sein Erscheinungsbild wirkte insgesamt kräftiger. Die eingefallenen Flanken wölbten sich ein wenig. Sabine hoffte sehr, dass Jacco in der nächsten Woche in sein neues Gehege ziehen konnte. Die Bauarbeiten schritten sehr gut voran. Eine Weile blieb Sabine noch vor dem Bärenkäfig stehen. Jacco hatte alles Futter restlos vertilgt. Er saß von innen direkt vor dem Gitter und leckte sich seine Schnauze. „Jetzt brauchst du nicht mehr lange auf dein neues Gehege warten. Da hast du viel Platz und kannst vieles neues entdecken.“ Während Sabine diese Worte an den Bären richtete, kletterte sie über die Absperrung auf den Weg zurück. Der Besuch bei dem Bären hatte Sabine gut getan. Auch wenn diese Ablenkung genau richtig gewesen war, so verspürte sie doch eine deutliche Unruhe. Sie machte sich auf den Heimweg. Ob Georg in der Zwischenzeit schon etwas von Karin gehört hatte? Sie war sehr gespannt. Ihre Hoffnung auf ein Lebenszeichen von Karin wurde enttäuscht. Georg war in ziemlicher Missstimmung. Die Zeit schritt immer weiter fort aber es gab nicht auch nur den kleinsten Hinweis auf Karins Verbleib.

Die Situation war einfach aussichtslos. Weder Sabine noch Georg hatten eine Idee, was sie weiter tun konnten. Ob es sinnvoll war, vielleicht doch die Polizei mit einzuschalten? Ob von dort ein brauchbarer Tipp zu erwarten war? Doch auch auf diese Frage fanden sie keine Antwort.

Karin folgte weiter dem Feldweg, auf den sie nach wenigen Metern gestoßen war. Sie war schon eine Weile unterwegs. Die Gegend war ihr vollkommen unbekannt. Hier war sie auf ihren Spaziergängen mit Sabine und Snuffy nicht gewesen.

Am unerträglichsten war der Durst. Was hätte sie nicht alles für einen Schluck Wasser gegeben. Es sah nicht erwarten, dass sie in der nächsten Zeit an einen Platz kam, an dem es etwas zu trinken gab. Die Gegend war sehr einsam.

Langsam, Schritt für Schritt, ging sie weiter. Irgendwann würde sie schon irgendwo einen Menschen treffen. Sie kam an einem Waldstück an. Hier würde sie noch ein Stück weiter gehen und dann eine Pauseinlegen. Sie war sehr erschöpft.

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Der Weg entlang an dem Wald zog sich sehr in die Länge. Es war sehr heiß. Karin beschloss, sich in den Schatten zu setzen und ein wenig auszuruhen.

Sie saß erst wenige Minuten, als sie in der Ferne ein sich näherndes Motorengeräusch wahrnahm. Ihr schossen viele Gedanken durch den Kopf. Vielleicht waren das wieder die Männer die nach ihr suchten. Wenn sie dem Motorengebrumm entgegenlief, wäre es für die ein leichtes Spiel. Aber eigentlich war das auch unwahrscheinlich. Die hätten sie kaum freigelassen, wenn nicht mit dem Lösegeld alles sicher gewesen wäre.

Ohne noch weiter darüber nachzudenken, stand sie auf und ging dem Gebrumm, welches lauter, also näher gekommen war, entgegen. Sie stellte sich mitten auf den Weg und winkte dem Fahrer zu. Kurze Zeit später hielt ein Auto direkt vor ihr an. Ein junger Mann stieg aus. „Guten Morgen, kann ich Ihnen helfen? Haben Sie sich verlaufen“ „Könnten Sie mich zu dem Hof von Sabine Reckert bringen?“ „Das ist aber ein gutes Stück zu fahren.“ Er betrachtete Karin und nahm deutlich ihren geschwächten Zustand wahr. „Aber ist egal, steigen Sie ein. Ich bring Sie hin.“ Karin ging um das Auto und stieg ein. Der Mann machte einen sehr vertrauenserweckenden Eindruck. „Da haben Sie aber wirklich großes Glück gehabt, dass ich heute Morgen hier vorbeigekommen bin. Bis zum nächsten Hof laufen Sie auf diesem Weg bestimmt noch 15 Kilometer. Verstehen Sie das nicht falsch, aber Sie sehen nicht so aus, als hätten Sie so eine Strecke ohne Mühe hinbekommen.“ Karin lächelte ihn an. Ihr war nicht klar, ob er ihre Geschichte glauben würde, aber sie begann trotzdem, sie ihm zu erzählen. Aufmerksam hörte er ihr zu. Als sie geendet hatte, fragte er sie, ob es nicht besser wäre, zuerst bei der Polizei vorbei zu fahren. Karin wollte das auf gar keinen Fall. Sie versuchte ihm klar zu machen, wie wichtig es für sie sei, zuerst zu ihrer Freundin zu kommen. Der Mann akzeptierte ihren Wunsch. Sie waren noch nicht allzu lange unterwegs, als die Gegend Karin bekannt vorkam. Hier war sie einige Male mit Sabine auf dem Weg zu dem Bären hergefahren. Es dauerte nicht mehr sehr lange, bis der Mann in die Einfahrt zu Sabines Hof einbog. Karin war sehr aufgeregt.

Sabine und Georg saßen gemeinsam bei einem Kaffee im Garten. Kurz nachdem Snuffy aufgestanden und um die Hausecke gegangen war, vernahmen die beiden Motorengeräusche. Beide standen auf und folgten Snuffy um zu sehen, wer da gekommen war. Als sich die Beifahrertür öffnete, konnten beide nicht glauben, was sie sahen. Karin stieg aus. Snuffy begrüßte sie aufgeregt. Karin beugte sich zu Snuffy und umarmte ihn. „Snuffy, du lebst. Ich habe nicht geglaubt, dass du den Überfall überlebt hast.“ Sie richtete sich wieder auf. Sabine und Georg waren jetzt auch bei ihr. Sie fielen sich alle in die Arme. Die Anspannung und die Freude waren so groß, dass keiner in der Lage war, ein Wort zu sagen. Die Umarmungen nahmen kein Ende.

Schließlich brach der junge Mann der Karin hergefahren hatte, das Schweigen. „Ich fahre dann mal wieder.“ Sabine sah ihn an. „Entschuldigen Sie, dass wir Sie nicht beachtet haben. Wir sind so froh, dass Karin wieder hier ist. Danke dass Sie Sie gebracht haben. Da sind auch noch so viele Fragen offen. Würden Sie mir Ihre Telefonnummer geben?“ „Das mach ich gern. Ihre Freundin hat unterwegs ein wenig erzählt, was ihr passiert ist. Ich wusste auch gerne, wie es weitergeht.“ Indem er das sagte, schrieb er seine Telefonnummer auf einen kleinen Zettel. Am besten erreichen Sie mich abends.“ Er stieg in sein Auto und verließ den Hof.

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Eng umschlungen gingen Sabine, Karin und Georg zurück in den Garten. Sabine eilte in die Küche um etwas zu trinken und zu essen für Karin zu holen. Karin stürzte sich auf die bereitgestellten Sachen. Sie leerte das Glas in einem Zug aus. Erst fetzt fiel ihr auf, dass sie auch fast verhungert war. Das hatte sie vor lauter Durst unterwegs kaum gespürt.

Als Karin mit dem Essen fertig war, begann sie zu erzählen. Sabine hatte bei ihrem Bericht Tränen in den Augen. Wenn sie sich vorstellte, wie es der Freundin ergangen war, konnte sie nur Weinen.

Immer wieder lagen sich Sabine und Karin in den Armen. Sie waren restlos glücklich, dass nun alles doch noch ein gutes Ende gefunden hatte.

Es gab noch so viel zu erzählen. Die drei saßen einige Stunden am Gartentisch und genossen ihr Beisammensein.

Georg räusperte sich und wandte sich Sabine zu. „Solltest du nicht eben Carsten anrufen und ihm sagen, dass Karin wieder da ist.“

Sofort stand Sabine auf und ging zum Telefon.

Karin kehrte sich an Georg. Sie umarmte ihn. „Hast du gerade von Carsten Koch gesprochen?“ Georg erzählte seiner Frau, dass Carsten in der letzten Nacht auch hier war. „Das ist ein netter Kerl. Der hat sich auch große Sorgen um dich gemacht.“ Karin lächelte Georg an.

Bei der nächsten Gelegenheit würde sie Sabine nach Carsten Koch fragen. Georg konnte nur erzählen, dass er hier gewesen war. Da gab es bestimmt noch andere Hintergründe. Sie war sehr gespannt was Sabine zu berichten hatte.

Sabine musste nur einen kleinen Augenblick waren, bis sie Carsten am Telefon hatte. „Hallo Carsten, Karin ist wieder bei uns. Sie ist heute Morgen von einem jungen Mann hergebracht worden, den sie unterwegs getroffen hatte.“ „Das ist super. Geht es ihr gut? Wie ist sie von den Entführern behandelt worden?“ „Sie hat alles ziemlich gut überstanden. Ich bin so froh, dass sie wieder hier ist.“ „Sollten wir nicht heute Abend das Wiedersehen feiern?“ „Es wäre schön, wenn du vorbeikommst.“ „Ich bin nach der Sprechstunde bei euch.“

Es gefiel Sabine gut, dass sie Carsten heute noch wiedersehen würde. Sie ging zurück zu Karin und Georg. Karin sah sie forschend an. Sabine würde ihr bald erzählen, dass sie Carsten sehr nett fand.

Obwohl die Bauleute heute nur zu zweit waren, schritten die Arbeiten an Jaccos Gehege gut voran. Wolfgang, der Auszubildende, hatte sich heute krank gemeldet.

Herr Berger hatte das Sabine heute Morgen erzählt. Er schien ziemlich ärgerlich über das Nichterscheinen seines Lehrlings zu sein. „Das ist ein mürrischer Kauz. Wenn dem etwas nicht gefällt, meldet er sich krank.“ Sabine versuchte, Herrn Berger etwas sanfter zu stimmen. „Vielleicht geht es ihm wirklich nicht gut.“ Ein paar Minuten sprachen sie noch über

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Wolfgangs Verhalten. Herr Berger war nicht zu überzeugen, dass der Auszubildende krank war. Er war fest davon überzeugt, dass er nur keine Lust hatte zu arbeiten.

Am Nachmittag schlug Georg vor, zu der Polizeidienststelle zu fahren. Gemeinsam machten sich Sabine, Karin und Georg auf den Weg.

Sie wurden von dem diensthabenden Beamten sehr freundlich empfangen. Er hörte sich sehr genau Karins Bericht an. Zu Sabine sagte er vorwurfsvoll, dass es nicht richtig gewesen sei, den Entführern das Lösegeld ohne die Hilfe der Polizei zu übergeben. „Vielleicht hätte es eine kleine Chance gegeben, die Burschen doch zu ertappen. Jetzt ist das sehr aussichtslos. Es ist fraglich, ob Sie Ihr Geld jemals wiedersehen.“ „Das allerwichtigste ist, dass meine Freundin wieder bei uns ist.“ Mit diesen Worten wandte sich Sabine von dem Beamten ab. Sie hatte keine Lust, weitere Vorwürfe über ihren Leichtsinn anzuhören. Für sie zählte einzig und allein, dass Karin in Freiheit war.

Die Sprechstunde verlief an diesem Nachmittag sehr ruhig. Carsten hatte Dr. Meierling und Monika erzählt, dass Karin unversehrt bei Sabine angekommen war. Dr. Meierling freute sich sichtlich über diese Nachricht. Monika hingegen hörte sich alles ziemlich unbeteiligt an.

Nachdem Dr. Meierling das Büro verlassen hatte, sprach Monika Carsten Koch lächelnd an. „Was halten Sie davon, wenn wir heute Abend nach der Sprechstunde die Pferde satteln und einen kleinen Ausritt starten?“ „Heute Abend habe ich keine Zeit. Ich werde mich im Anschluss auf die Sprechstunde auf den Weg zu Frau Reckert machen. Wir wollen den guten Ausgang der dramatischen Geschichte mit ihrer Freundin ein wenig feiern.“ „Das ist natürlich wichtiger.“ „Monika, seien Sie bitte nicht enttäuscht. Den Ausritt werden wir nachholen.“

Monika verließ das Büro, ohne Carsten noch eines weiteren Blickes oder gar Wortes zu würdigen. Carsten fand Monika nett. Er arbeitete gerne mit ihr zusammen. Es war gut mitanzusehen, wie sie den Ablauf der gesamten Praxisangelegenheiten in Griff hatte. Allerdings war es ihm wichtiger, den Abend mit Sabine zu verbringen. Er dachte häufig an Sabine. Er war froh, sie gleich zu Anfang seines Hierseins kennengelernt zu haben. Er war bemüht, die Verbindung zu Sabine zu vertiefen. Er mochte sie sehr gerne leiden.

Als Monika an diesem Abend nach Hause kam, wurde sie von Bernd schon erwartet. Er saß nicht wie gewöhnlich vor seinem Computer, sondern kam ihr schon im Flur entgegen. „Entschuldige, dass ich dich in der letzten Zeit nicht gut behandelt habe. Mir ging es selbst nicht gut und deine Vorwürfe konnte ich nicht gut gebrauchen.“ Er nahm sie in seine Arme und drückte sie an sich. Monika war über sein Verhalten sehr verwundert. An dem Nachmittag war sie über Carsten Kochs Verhalten recht ärgerlich gewesen. Sie konnte Bernds Verhalten umso besser genießen. „Wie ist es denn zu dieser Einsicht gekommen?“ „Ich habe mir viele Gedanken über unsere Zukunft gemacht. Ich will dich nicht verlieren. In der nächsten Zeit werde ich mich intensiv bemühen, eine Arbeit zu finden. Ich war heute nochmal mit meinem Kumpel in der Spielbank. Ich habe wieder gewonnen. Es ist ein gutes Gefühl, Geld zu haben. Dauerhaft werde ich nicht spielen sondern arbeiten.“

Monika lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Sie umarmte ihn. „Es ist wunderbar, dass du jetzt so darüber denkst. Vielleicht sollten wir einen neuen Beginn wagen.“

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Bernd küsste sie. „Ich möchte dich heute Abend zum Essen einladen. Dann können wir auch noch weiter bereden, wie es werden soll. Zieh dir was nettes an. Wir fahren dann gleich los.“

Monika freute sich über die Aussicht, einen netten Abend mit ihrem Bernd zu verbringen. Vielleicht würde doch noch alles gut werden. Sie ging ins Schlafzimmer und zog ein buntes Sommerkleid an. Nach wenigen Minuten war sie fertig. „Ich bin soweit. Wir können los.“ Bernd umarmte sie noch einmal. „Du siehst gut aus. Wir werden einen netten Abend haben.“ Monika folgte ihrem Freund zum Auto. Gerade nach dem heutigen Tag tat es ihr sehr gut, einen schönen Abend zu verbringen. Sie hatte sich den restlichen Tag mit Arbeiten in der Wohnung und schlechter Laune vorgestellt. Mit so einem Ausklang des Tages hatte sie nicht gerechnet.

Bernd war an diesem Abend sehr spendabel. Er hatte ihr nicht gesagt, wie hoch seine Gewinne in der Spielbank gewesen waren. Doch seiner Großzügigkeit war zu entnehmen, dass sein Gewinn groß gewesen sein musste. Sie fragte ihn nicht danach sondern genoß den Abend. Sie kamen erst ziemlich spät nach Hause. Der gemeinsame Abend hatte beiden gut getan. Liebevoll kümmerte sich Bernd um Monika. Sie gab seinem Drängen nach. Sie war froh, dass sie den Abend mit Bernd verbracht hatte. Wenn er weiter diesen Weg verfolgen würde, hatte er noch eine Chance verdient. Sabine und Karin saßen gemeinsam im Garten. Snuffy lag dicht bei ihnen. Georg war zu seinem Hotel gefahren, um noch einige Dinge zu erledigen.

Den beiden Frauen tat es gut, ganz ungestört miteinander reden zu können. Sie erinnerten sich an den Abend des Überfalls und die darauffolgenden Stunden und Tage. Für beide war es ein schlimmes Erlebnis gewesen. Sabine hatte in gewisser Weise den Vorteil gehabt, in Freiheit zu bleiben, doch auch ihr Erlebtes war sehr schockierend gewesen. Als sie Karin von Snuffys Verletzung und seiner Operation erzählte, rollten dicke Tränen über ihre Wange. „Ich hatte so große Angst das er es nicht überlebt. Ohne Carstens Hilfe hätte er wahrscheinlich keine Chance gehabt.“

„Wie ist es mit Carsten insgesamt weiter gegangen?“ „Er hat mir sehr geholfen. Ich hätte es mir nicht vorstellen können, aber ich bin sehr gerne in seiner Nähe. Er ist der erste Mann nach Rolfs Tod, an den ich gerne und häufig denke.“ Karin sagte nichts, sie lächelte ihre Freundin nur an. Mit der Zeit würden sich Sabines Gefühle für Carsten bestimmt noch verstärken. Sie hoffte das für ihre Freundin. „Wie weit sind die Bauleute mit dem Errichten des Bärengeheges weitergekommen?“ „Die arbeiten sehr schnell und zuverlässig. Wahrscheinlich wird das Gehege im Laufe der nächsten Woche fertig werden.“ „Georg hat vorhin gesagt, dass wir noch ein paar Tage bleiben wollen. Vielleicht sind wir noch hier, wenn Jacco bei dir einzieht.“ „So schlimm die letzte Woche auch war, aber das wäre ein schöner Abschluss. Du wolltest so gerne dabei sein.“ Gerade als Sabine und Karin mit Snuffy eine Runde durch den Garten drehten, kam Georg auf den Hof gefahren. Nur wenige Minuten später war auch Carsten da. Nach den Anspannungen der letzten Tage waren alle sehr vergnügt. Es wurde ein schöner Abend.

Die nächsten Tage verbrachte Sabine gemeinsam mit Karin und Georg auf ihrem Hof. Karin war es gelungen, Georg davon zu überzeugen, dass sie die wenigen Tage die sie noch mit Sabine hatte, komplett in ihrer Nähe und nicht in einem Hotel verbringen wollte. Es war Georg deutlich anzumerken gewesen, dass er von Karins Wunsch nicht begeistert gewesen

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war. Nach kurzer Überlegung hatte er Karins Bitten nachgegeben. Ihm war klar, wie wichtig die gemeinsame Zeit mit Sabine für seine Frau war.

Die Zeit verging für Sabine und Karin wie im Flug. Es tat beiden gut nach dem schauderhaften Erlebnis die Tage miteinander zu verbringen. Georg, der die beiden viel allein ließ, um sie bei ihrem Austausch nicht zu stören, hatte schon nach dem ersten Tag bemerkt, dass Karin einen entspannteren Eindruck machte. Er war froh, dass sie über das Erlebte leicht hinwegzukommen schien.

An dem Morgen der Abreise saßen Sabine, Karin und Georg gemeinsam am Frühstückstisch. Carsten hatte eben angerufen und den beiden eine gute Heimreise gewünscht.

Als alle drei am Auto standen, fiel es schwer, sich zu trennen. Karin versprach Sabine, dass sie sich in den Herbstferien wiedersehen würden. Die beiden Frauen umarmten sich. Das hätte bestimmt noch lange gedauert, wenn nicht Snuffy sich zwischen die beiden gedrängt hätte. Karin beugte sich zu ihm und nahm nun Snuffy in den Arm. Der Hund leckte über ihre Hände. Karin war zu Tränen gerührt. Georg sah seine Frau liebevoll an. „Wir sollten losfahren. Das wird hier immer trauriger. In ein paar Wochen sehen wir uns schon wieder. Ihr könnt doch auch täglich miteinander telefonieren.“ Er schob Karin ins Auto und schloss die Tür. Ganz kurz umarmte er Sabine. „Pass gut auf dich auf. Bis bald.“ Er ging schnell um das Auto herum und stieg ein. Ohne weiteres Zögern startete er den Motor und führ los. Sabine winkte ihnen nach.

„Lieber Snuffy, jetzt wohnen wir wieder ganz allein hier.“ Snuffy lehnte sich dicht an Sabine. Sie war sehr glücklich, dass Snuffy den Überfall nicht mit seinem Leben bezahlt hatte. Für die Zukunft nahm sie sich fest vor, mehr auf seine Zeichen zu achten.

Sabine ging zu den Bauleuten, die kurz vor Abschluss ihrer Arbeiten waren. Das Gehege sah gut aus. Bestimmt würde Jacco sich hier wohlfühlen. Wie würde es für ihn sein, Erde und keinen Beton unter seinen Pfoten zu spüren? Herr Berger kam auf Sabine zu. „Wie gefällt es Ihnen? Sind Sie mit unserer Arbeit zufrieden?“ „Ich bin mehr als zufrieden.“ Sie sah Herrn Berger lächelnd an. Herr Berger sah sehr zufrieden aus. In diesem Moment hörten sie Snuffy vorm Haus bellen. Kurz danach vernahmen sie ein Autogeräusch. „Das wird unser Chef sein. Der hat sich für heute angekündigt.“

Schon eine halbe Minute später bog Herr Becker, dicht gefolgt von Snuffy um die Hausecke. Er kam auf Herrn Berger und Sabine zu und reichte beiden die Hand. „Sind Sie mit den Arbeiten zufrieden?“ „Genau das hat mich Herr Berger auch gerade gefragt. Auch ihm habe ich gesagt, dass ich mehr als zufrieden bin. In so kurzer Zeit hätte ich mir nie vorstellen können, dass es möglich ist, so ein großes Gehege so sicher zu errichten.“ „Schön dass Sie zufrieden sind. Wie soll denn die Inneneinrichtung werden? Das sieht alles noch etwas kahl aus.“ „Würden Sie mir dabei auch noch helfen?“ „Aber natürlich. Das ist auch in einem Tag fertig. Ich hab schon ein paar gute Ideen. Ich hoffe, dass Ihr Bär damit einverstanden ist.“ Herr Becker lachte vergnügt. Er berichtete Sabine von seinen Ideen. Das hörte sich alles sehr gut an. Sabine freute sich schon auf den nächsten Tag. Morgenabend würde das Gehege von innen ganz anders aussehen. Sabine war sehr sicher, dass es Jacco gefallen würde.

Nachdem Sabine Herrn Becker und die Bauleute verabschiedet hatte, ging sie ins Haus. Sie griff zum Telefon. In den letzten Tagen hatte sie nir wenig von Carsten gehört. Er hatte sich

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sehr rar gemacht. Wahrscheinlich wollte er ihr die Zeit mit Karin lassen. Jetzt war es an der Zeit ihn anzurufen und ihm zu berichten, dass der Bärenumzug übermorgen stattfinden könne. Sie wählte seine Handynummer. Es dauerte nur kurz, bis er sich meldete. „Hallo Carsten, hier spricht Sabine. Ich wollte nur schnell Bescheid sagen, dass das Gehege morgen fertig wird. Es sind nur noch einige Innenarbeiten zu erledigen. Übermorgen könnte Jacco dann einziehen. Würde das bei dir passen?“ „Natürlich. Wäre es für dich in Ordnung, wenn ich heute Abend zu dir komme? Wir könnten dann alles genau besprechen.“ Sabine freute sich über seinen Vorschlag. Es wäre schön, heute Abend nicht allein zu sein. „Kommst du nach der Sprechstunde? Ich freu mich auf dich.“ Sie verabredeten eine Zeit und legten dann auf.

Den restlichen Nachmittag verbrachte Sabine mit Snuffy im Garten. Auch wenn es beiden deutlich besser ging, so tauchten sie noch viele Stunden, in denen sie sisch erholten. Und so war es auch heute. Sabine genoss die Zeit in ihrem Liegestuhl. Snuffy, der neben ihren Liegestuhl im Gras lag, schien auch keine Lust zu verspüren, den gemütlichen Platz zu verlassen.

Als Carsten abends kam, waren sowohl Sabine als auch Snuffy wieder fit. Sabine hatte einen Salat vorbereitet, den sie im Garten servierte. Carsten nahm Sabine zur Begrüßung in den Arm. Er schien ein wenig unsicher zu sein, ob sein Verhalten das Richtige sei. Sabine legte ihren Kopf an seine Schulter. Nach dieser Gegenreaktion wurde seine Umarmung fester. Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Danke, dass du dir noch Zeit für mich nimmst. In den letzten Tagen habe ich dich sehr vermisst.“ „Ich dich auch. Mir war es wichtig, die Zeit mit Karin zu verbringen. Das hat uns beiden sehr geholfen.“ „Ich weiß. Deshalb habe ich mich auch nicht mehr gemeldet.“ „Das hatte ich mir so gedacht. Es ist lieb von dir, dass du uns die Zeit gegeben hast. Wollen wir uns in den Garten setzen? Ich hab uns einen Salat gemacht.“ Carsten begrüßte Snuffy, der schon die ganze Zeit wedelnd neben ihm gestanden hatte. „Es ist eigentlich nicht zu glauben, wie gut er alles überstanden hat.“ Carsten streichelte über Snuffys Kopf. „Er wird von Tag zu Tag mehr der Alte. Wir gehen jeden Tag ein Stückchen weiter spazieren. Er macht alles fröhlich mit.“

Sabine und Carsten setzten sich im Garten an den Tisch. Sabine füllte Salat und Brot auf beide Teller. Sie goss Carsten ein Glas Wein ein. Während des Essens berichtete sie Carsten von Herrn Beckers Ideen für die Inneneinrichtung. Carsten hörte aufmerksam zu. „Das hört sich alles sehr gut an. Ich hatte mir auch überlegt, dass Jacco vielleicht ein paar Baumstämme in seinem Gehege haben sollte, über die er klettern kann. Aber Herr Becker scheint an alles zu denken.“

Nachdem sie ihr Essen beendet hatten, gingen sie um das Haus herum zu dem Bärengehege. Carsten sagte staunend, dass er nicht geglaubt hätte, dass es in so kurzer Zeit fertig geworden wäre. „Die haben gute Arbeit geleistet.“ „Das habe ich ihnen heute auch gesagt. Sie werden auch alle drei von mir ein gutes Trinkgeld für die gute Arbeit bekommen.“ „Darüber werden sie sich bestimmt freuen. In der Baubranche verdient man bestimmt nicht viel Geld.“ Nach der Besichtigung des Geheges gingen sie noch ein kleines Stückchen mit Snuffy spazieren. Während des Spaziergangs hielt Carsten Sabines Hand eng umschlungen. Sie erwiderte den Druck und beide gingen eng aneinander geschmiegt hinter Snuffy her. Erst als sie am Haus ankamen, ließ Carsten Sabines Hand los. Sie gingen gemeinsam ins Haus und nahmen auf der Couch im Wohnzimmer Platz. Sabine lehnte sich eng an Carsten. „Glaubst du, dass mit Jaccos Transport alles gutgehen wird?“ „Die Betäubung und der Transport eines Bären stehen

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zwar nicht auf der Tagesordnung eines Tierarztes, ich glaube aber trotzdem, dass alles gut gelingen wird. Jacco darf an dem Morgen kein Futter bekommen. Für die Narkose muss er nüchtern sein. Bestimmt wird er darüber nicht erfreut sein. Andererseits kann er abends sein Futter in seinem neuen Zuhause genießen.“ „Wie wirst du ihm das Narkosemittel verabreichen?“ „Mit Hilfe eines Narkosegewehres. Das sieht schlimm aus, ist es aber nicht. Wahrscheinlich wird Jacco das nicht einmal spüren. Eine andere Wahl bleibt uns leider nicht.“

Carsten beugte sich zu Sabine und streichelte über ihr Haar. „Das wird alles gelingen. Mach dir keine Sorgen.“ Er zog sie enger an sich. Nachdem er sie eine Weile gestreichelt und auch geküsst hatte, bemerkte er, dass ihre Wangen Tränennass waren. Er sah sie nachdenklich an. „Geht es dir nicht gut? Bin ich zu weit gegangen?“ „Nein, es ist alles gut. Es ist viele Jahre her, dass so etwas passiert ist. Ich war einmal verheiratet. Mein Mann ist tödlich verunglückt. Ich habe Rolf sehr geliebt. Ich glaube, dass ich jetzt gerade dabei bin, mich neu zu verlieben. Das ist so schön. Die Tränen fließen nicht, weil ich traurig bin.“ Carsten nahm sie wieder ganz fest in die Arme. „Ich glaube, wir sind in derselben Situation.“ Er lächelte sie an und hielt sie fest umschlungen. In diesem Moment stand Snuffy auf und kam zu der Couch, auf der Sabine und Carsten saßen. Er stand wedelnd vor ihnen. Er leckte zuerst über Sabines, dann über Carstens Hand. Carsten streichelte über seinen Kopf. „Snuffy scheint es auch zu gefallen, dass wir uns mögen.“

An diesem Abend erzählten sich die beiden viel aus ihrem bisherigen Leben. Beide waren sehr glücklich.

Es ging schon auf zwei Uhr zu, als Carsten sich auf den Weg nach Hause machte. Es fiel ihm schwer, sich von Sabine zu trennen. Sie vereinbarten noch, morgen Mittag miteinander zu telefonieren. Dann führ Carsten los.

Der nächste Tag war für Sabine sehr ausgefüllt. Auf dem Weg von Jacco nach Hause führ sie bei der Polizeistation vorbei. Leider gab es noch keine Hinweise, die die Entführer entlarvt hätten. Es wäre für Sabine ein gutes Gefühl gewesen zu wissen, wer ihr so übel mitgespielt hatte. Doch es sah nicht danach aus, als wäre das herauszufinden.

Sie war erstaunt, in welcher Geschwindigkeit der Innenausbau des Bärengeheges Gestalt annahm. Das würde für Jacco ein schönes neues Lebensgefühl werden. Wahrscheinlich würde er zunächst mit dem Angebot seines neuen Quartiers überfordert sein. Mit der Zeit würde er sich aber bestimmt gut eingewöhnen und ein zufriedenes Bärenleben führen.

Sie konnte es kaum abwarten, bis Jacco endlich hier einziehen würde.

Steve und Trude, die beiden Katzen, saßen inmitten des Geheges und sahen den Bauleuten bei der Arbeit zu. Sabine würde sehr darauf achten müssen, dass die Katzen diesen Bereich nicht mehr betraten, nachdem Jacco eingezogen war. Wenn sie auch für ihren Bärenfreund eine große Sympathie empfand, so war ihr doch klar, dass er ein wildes Tier war. Mit Leichtigkeit würde er in der Lage sein, eine Katze zu töten. Bei diesen Gedanken kamen Sabine zum

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ersten Mal Zweifel, ob ihre Entscheidung, Jacco hierher zu holen, richtig gewesen sei. Auf keinen Fall wollte sie das Leben einer ihrer Tiere in Gefahr bringen. Sie würde sehr gut aufpassen müssen.

Als Monika an diesem Abend nach Hause kam, erwartete sie ein heilloses Chaos. Von Bernd fehlte jede Spur. In den letzten Tagen hatte es so ausgesehen, als wäre er im Begriff, auf einen guten Weg zurückzufinden. Nun schienen alle guten Vorsätze vergessen zu sein. In der Wohnung war nicht ein Handschlag getan. Nicht einmal das Geschirr von dem gemeinsamen Frühstück hatte er abgeräumt. Monika war wütend und maßlos enttäuscht. Sie hatte Bernd vertraut, als er ihr beteuerte, sich nun endlich zu ändern.

Sie hatte geglaubt, dass nun unter den Voraussetzungen doch noch eine gemeinsame Zukunft vor ihnen liegen würde. Anscheinend hatte sie sich wieder getäuscht. Wie oft hatte er ihr das schon versprochen? Als sie dabei war in der Wohnung Ordnung zu schaffen, war ihr klar, dass sie einen endgültigen Schlussstrich unter die Beziehung zu Bernd ziehen musste. Die letzten Tage waren wunderschön gewesen. Sie hatte sich keine Gedanken mehr über eine Zukunft mit Carsten Koch gemacht. Das sah nun wieder anders aus. Sie hoffte, dass sie nicht wertvolle Zeit für dieses Unternehmen verloren hatte. Aber ihr würde schon noch eine Lösung einfallen.

Sie machte sich während des Aufräumens viele Gedanken über ihre Vorgehensweise. Im schlimmsten Fall würde sie Carsten Koch ein paar Geschichten über Sabine erzählen. Es war nicht unbedingt wichtig, dass diese Geschichten der Wahrheit entsprachen. Wichtig war einzig und allein, dass sie es schaffte, ihn für sich zu gewinnen. Ohne auch nur einen Zweifel daran ob ihr Verhalten das Richtige sei, würde sie ihr Ziel tatkräftig verfolgen. Dazu war sie fest entschlossen.

Sobald Bernd wieder hier eintreffen würde, war es an der Zeit, ihn vor die vollendete Tatsache zu stellen, dass sie nun endgültig die Nase von ihm und seinen Versprechungen voll hatte. Er musste möglichst bald aus ihrer Wohnung ausziehen. Es war ihr egal, wo er bleiben würde. Das war nicht mehr ihr Problem.

In der Wohnung hatte Monika alle anfallenden Arbeiten erledigt. Es war schon fast Mitternacht, als sie beschloss, ins Bett zu gehen. Von Bernd fehlte weiter jede Spur. Monika war sehr wütend. Eine Weile lag sie schon schlaflos im Bett. Sie wälzte sich hin und her, fand aber nicht zur Ruhe. Sie sehnte sich danach, dieses Kapitel ihres Lebens bereits hinter sich zu haben. Als sie im Treppenhaus Geräusche vernahm, zeigte ihr ein Blick auf die Uhr, dass es auf ein Uhr zuging. Wo hatte Bernd sich so lange herumgetrieben? Sie stand auf, um ihm im Flur zu begegnen. Mit viel Lärm betrat er die Wohnung. Er war nicht allein. Ein junger Mann ging hinter ihm.

„Hallo Schatz, du bist noch auf? Ich habe meinen Freund Wolfgang mitgebracht. Wir wollen noch ein wenig zusammen sitzen.“ Monika fiel sofort auf, dass Bernd offensichtlich ziemlich viel Alkohol getrunken hatte. Er konnte nicht einmal mehr gerade stehen. Monika packte nun endgültig die Wut. „Was fällt dir ein? Ich habe die Nase von deinen ewigen Versprechungen auf eine bessere Zeit satt. Spätestens morgen wirst du ausziehen.“

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Sie drehte sich um und ging zurück ins Schlafzimmer. Bernd starrte ihr hinterher. Wolfgang sah ihn betreten an. „Soll ich lieber wieder gehen? Deine Alte scheint ziemlich sauer zu sein.“ „Das kommt nicht in Frage. Schließlich wollten wir noch gemütlich einen trinken.“

Bernd schob Wolfgang vor sich her ins Wohnzimmer. Er holte zwei Gläser und eine Flasche Whisky. Die beiden Männer setzten sich auf die Couch.

„Hat die das öfter? Der solltest du mal zeigen, dass sie so nicht mit dir umgehen kann. Wenn das meine wär, würd ich die gleich richtig durchknallen, damit sie weiß, wo es langgeht. Mit Frauen darf man nicht zu zaghaft umgehen.“ Bernd nickte ihm zustimmend zu. Vielleicht war Wolfgangs Idee gar nicht so verkehrt. Er hatte von diesem ewigen Genörgel genug. Wahrscheinlich musste er ihr wirklich einmal zeigen, wer der Herr im Haus war.

In der nächsten Stunde schnitten die beiden das Thema Monika nicht mehr an. Sie unterhielten sich über sehr belanglose Dinge. Schließlich sagte Wolfgang, dass er nun nach Hause wolle. „Es ist schon ganz schön spät. Morgen früh werde ich mich krankmelden. Ich hab keine Lust auf Malochen. Treffen wir uns morgen?“ „Ich bin um fünf in der Spielhalle. Kommst du dahin?“ „Klar, wir sehen uns morgen.“

Stolpernd und schwankend verließ Wolfgang die Wohnung. Bernd stand allein im Flur. Er dachte über Monikas Verhalten und über Wolfgangs Kommentar dazu nach. Er grinste vor sich hin. Zu wirklich klaren Gedanken war er nicht mehr im Stande.

Er ging ins Schlafzimmer. Auf dem Weg dorthin streifte er seinen Pullover ab. Er stand vor Monikas Bett. Gierig betrachtete er sie. Er dachte an Wolfgangs Worte. Wenn sie es nicht anders wollte, dann eben so.

Nachdem Monika noch eine Zeitlang wach in ihrem Bett gelegen hatte, fand sie endlich den ersehnten Schlaf. Jetzt erwachte sie langsam. Sie sah Bernd unbekleidet direkt vor ihrem Bett stehen. „Was soll das? Du kannst im Wohnzimmer schlafen. Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben.“ Sie hatte damit gerechnet, dass Bernd sofort reumütig das Zimmer verlassen würde. Mit seiner jetzigen Reaktion hatte sie ganz sicher nicht gerechnet. „Das würde dir so passen. Du wirst jetzt lernen, dass du mich mit Achtung und Respekt zu behandeln hast.“ Ohne auch nur ein weiteres Wort zu sagen, stürzte er sich auf sie. Er umfasste ihre Handgelenke und presste sie auf die Matratze.

Entschlossen setzte Monika sich zur Wehr. „Lass mich in Ruhe.“ Sie versuchte, nach ihm zu treten. Ohne Vorwarnung schlug er ihr ins Gesicht. Monika schrie auf. So hatte sie Bernd noch nie erlebt. Seine Absicht war klar. Er wollte sie zwingen, mit ihm zu schlafen. Monika empfand Ekel. Sie wollte alles – aber keinen Sex mit Bernd. Weiter versuchte sie sich entschlossen zu wehren. Er schlug ihr mit der geballten Faust unter ihr Kinn. Monika verlor das Bewusstsein. Als sie wieder zu sich kam, waren ihre Hände an die Bettpfosten gefesselt. Ihr Mund war mit einem Schal umwickelt. Ihre Aussicht die Situation abzuwenden war aussichtslos. Bernd beugte sich über sie und knetete gewaltsam ihre Brüste. Er spreizte ihre Beine und drang in sie ein. Sie konnte sich nicht wehren. Tränen rannen über ihre Wangen. Aber auch das beeindruckte ihn nicht.

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Als er fertig war, rollte er von ihr herunter und blieb auf seiner Bettseite liegen. „Du hast es nicht anders gewollt. Beim nächsten Mal überleg dir gut, was du zu mir sagst. Sonst bist du wieder fällig. Ich habe dein ewiges Genörgel satt.“ Er drehte sich zu ihr und band sie los.

Monika blieb regungslos liegen. Zu entsetzlich war das Erlebte gewesen. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Wenige Augenblicke später war Bernd fest eingeschlafen. Sie vernahm seine regelmäßigen Atemzüge. Ihr war schlecht. Sie stand auf und ging ins Bad. Dort stellte sie sich unter die Dusche. Sie wollte alles von sich abwaschen. Wie würde sie Bernd loswerden?

Sie hatte lange unter der heißen Dusche gestanden. Es ging ihr etwas besser. Ihr Entsetzen und die Übelkeit hatte sie überwunden. Sie hasste Bernd. Für sie war nur noch wichtig, das Zusammenleben mit ihm zu beenden. So etwas wie in dieser Nacht dürfte nie wieder geschehen.

Sie legte sich ins Wohnzimmer auf die Couch. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Sie machte sich viele Gedanken, wie sie weiter vorgehen konnte.

Es war kurz vor acht, als Sabine, Carsten und Dr. Meierling sich bei Jacco trafen. Der Bär sah Sabine eindringlich an. Er schien auf sein Futter zu warten. Sabine redete leise auf ihn ein. Carsten erklärte ihr und Dr. Meierling, wie er vorgehen wollte. Er stellte sich mit dem Narkosegewehr im Anschlag dicht an die Gitter. Grimmig sah Jacco ihn an. Er schien zu spüren, dass ihm eine Gefahr drohte. Langsam zog er sich in eine hintere Ecke seines Käfigs zurück. Als Carsten abgedrückt hatte und die Nadel Jacco traf, war kaum eine Reaktion des Bären zu spüren. „Jetzt brauchen wir nur noch ein paar Minuten warten, bis das Narkosemittel wirkt.“ Aufmunternd lächelnd sah Carsten Sabine an. Er merkte deutlich, dass Sabine kurz davor war, in Tränen auszubrechen. Jaccos Schicksal ging ihr offensichtlich sehr nah.

Nach zehn Minuten lag Jacco lang ausgestreckt in seinem Käfig. Mit einer langen Eisenstange berührte Carsten ihn. Er drückte die Stange fest gegen Jaccos Bauch um festzustellen, ob der Bär noch reagierte. Von Jacco kam keine Reaktion. Carsten fuhr das Auto mit dem Anhänger hinter Jaccos Gehege. Sabine war losgegangen, um einige Mitarbeiter des Tierparks zu holen. Das war vorher so abgesprochen gewesen. Allein hätten Carsten, Sabine und Dr. Meierling den Bären niemals in die Transportbox gehoben bekommen.

Schon nach wenigen Minuten war Sabine mit fünf kräftig aussehenden Tierpflegern zurück an Jaccos Käfig. Der Anhänger war dicht vor dem hinteren Eingang zu dem Käfig postiert. Einer der Pfleger schloss mit einem passenden Schlüssel die Tür des Käfigs auf. Zuerst ging Carsten zu dem schlafenden Bären. Mit einem mitgebrachten Stethoskop hörte er Jaccos Herz ab. „Alles in Ordnung. Es kann losgehen.“

Mit gemeinsamen Kräften wurde Jacco in die Box des Anhängers gelegt. Sabine war die ganze Zeit dicht an Jaccos Seite. Sie streichelte sein dichtes Fell. „So dicht komm ich bestimmt nie wieder an ihn heran.“ Sie lächelte.

Als Jacco schlafend in der Box lag, wurde die Tür fest verschlossen. Carsten ging zur Fahrertür des Autos und stieg ein. Dr. Meierling war zu seinem Auto gegangen. Sabine

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drückte noch jedem der Männer einen Zwanzig Euro Schein in die Hand. Sie bedankte sich herzlich dafür, dass die Männer geholfen hatten.

Dann rannte sie schnell um das Auto herum und stieg auf der Beifahrerseite ein. Sofort fuhr Carsten los. „Der erste Teil ging doch schon mal sehr gut. Es ist sehr nett, dass dein Bauunternehmer seine Leute zur Verfügung stellt, um Jacco wieder auszuladen.“ „Hoffentlich sind die gleich schon da. Wie lange wird das Narkosemittel wirken?“ „Mit einer guten Stunde können wir rechnen. Falls die Leute noch nicht da sind, werde ich etwas von dem Mittel nachinjizieren. Nicht das Jacco zu früh aufwacht. Dann hätten wir nämlich ein Problem.“

Den Rest des Weges redeten sie nicht mehr. Die Anspannung war ziemlich groß. Hoffentlich ging alles Weitere auch noch so gut wie der Beginn.

Als sie auf dem Hof ankamen, waren Herr Becker und die älteren zwei Bauleute schon da. Herr Becker ging auf den Anhänger zu. Als Sabine und Carsten ausstiegen, begrüßte er sie freundlich. „Dann wollen wir sehen, dass wir das nette Tierchen in sein Gehege bekommen. Eigentlich wollten wir heute Morgen zu viert kommen. Aber unser Lehrling Wolfgang hat sich schon wieder krank gemeldet. Auf den ist einfach kein Verlass. Wenn das so weiter geht, kann er seine Ausbildung bei mir nicht weiter machen.“

Die Männer gingen gemeinsam zu dem Anhänger. Sie öffneten die Tür und begannen, den schlafenden Bären aus der Box zu heben. Das war kein leichtes Unterfangen aber mit viel Mühe und großem Kraftaufwand gelang es schließlich. Sie trugen Jacco in sein neues Gehege. Ohne dort noch länger zu verweilen verließen sie das Gehege. Nachdem die Tür verschlossen war, nahmen alle außerhalb der Vergitterung Platz. Sie waren sehr gespannt, wie lange das Narkosemittel seine Wirkung noch aufrechterhalten würde. Wann würde Jacco aufwachen? Lange brauchten sie nicht mehr warten. Langsam begann Jacco sich zu bewegen. Er streckte seine Pfoten aus. Schon kurze Zeit später hob er ein wenig seinen Kopf. Sein Blick war noch sehr verschleiert. Die Tiefschlafphase hatte er überwunden. Es würde allerdings bestimmt noch eine Zeit in Anspruch nehmen, bis er in der Lage war aufzustehen oder gar herum zu laufen. „Dr. Meierling und ich werden uns jetzt verabschieden. Jacco ist soweit durch die Narkose, dass es keine Komplikationen mehr geben kann. Eine Zeit wird es noch dauern, bis er wieder fit ist, aber passieren kann nichts mehr. Ich werde heute Abend nach der Sprechstunde noch einmal nach ihm sehen.“ Nur wenige Minuten, nachdem Carsten und Dr. Meierling gefahren waren, verabschiedeten sich auch Herr Becker und sein Team. Sabine saß allein mit Snuffy vor dem Bärengehege. Sie war sehr gespannt, wann Jacco aufstehen würde. Bestimmt würde sein neues Gehege ihn zunächst verunsichern.

Kapitel 22

Sie so früh störe, aber ich bin krank. Ich werde heute nicht arbeiten können.“ „Wir kom Es war noch sehr früh am Morgen, als Monika Carsten Kochs Handy-Nummer wählte. Sie wusste, dass am heutigen Morgen der Umzug des Bären stattfinden sollte. Schon aus diesem Grund war Carsten Koch bestimmt auf den Beinen. Das Handy läutete nur kurz bis er sich meldete. „Guten Morgen, hier spricht Monika. Es tut mir leid, dass ich men schon klar. Machen Sie sich darüber keine Sorgen. Können wir etwas für Sie tun? Soll ich heute Mittag

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kurz bei Ihnen vorbei schauen? „Das ist sehr nett, aber ich denke, ich werde den Tag schlafend im Bett verbringen. Ich melde mich heute Abend. Bestimmt bin ich bis morgen wieder fit.“ „Wenn Sie in der Zwischenzeit irgendetwas brauchen, melden Sie sich. Gute Besserung.“

Wenn sich Monika sicher gewesen wäre, dass Bernd bis zum Mittag die Wohnung verlassen hätte, wäre sie gern auf Dr. Kochs Vorschlag, sie mittags zu besuchen, eingegangen. Da sie jedoch noch nicht wusste, wie sich alles entwickeln würde, war es besser, auf einen Besuch von ihm zu verzichten. Gewiss würde es nicht mehr lange dauern, bis sie ihn hier empfangen konnte. Für sie stand ihre Zukunft fest.

Sie hatte sich gerade erst fertig angezogen, als sie hörte, dass Bernd aufgestanden war. Es dauerte keine fünf Minuten mehr, bis er zu ihr ins Wohnzimmer kam. Er sah sie sehr verlegen an. „Monika, bitte verzeih mir. In der letzten Nacht war ich nicht ich selbst. Es tut mir so leid. Ich verspreche dir, dass so etwas nie wieder geschehen wird.“ „Was hast du mir in den letzten Monaten nicht alles versprochen? Was hast du davon gehalten? Nichts. Aber auch rein Garnichts. Wie könnte ich dir jetzt noch vertrauen? Wenn du das nächste Mal einen über den Durst getrunken hast, passiert es wahrscheinlich wieder. Fast müsste ich dir dankbar sein. So machst du mir meine Entscheidung mich endgültig von dir zu trennen, einfacher. Es gibt für mich keinen Grund mehr, es noch länger mit dir auszuhalten. Ich will, dass du deine Sachen packst und verschwindest. Und das möglichst schnell.“

„Aber wo soll ich denn bleiben?“ „Das ist mir egal. Frag doch deinen Freund ob du bei ihm einziehen kannst.“

Bernd machte einen sehr bekümmerten Eindruck. Monika wusste, dass er im nüchternen Zustand nie mit ihr umgegangen wär wie in der letzten Nacht. Aber das spielte keine Rolle mehr. Sie wollte nur noch, dass er so schnell wie möglich aus ihrem Leben verschwand.

Bernd warf sich vor Monika auf die Knie. „Bitte Monika, gib mir noch eine einzige Chance.“ Flehend sah er sie an. Es sah fast aus, als würde er in Tränen ausbrechen wollen.

Monika drehte sich um und verließ das Wohnzimmer. Im Gehen sagte sie nur noch sehr energisch „Pack deine Sachen und hau ab. Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben.“ Die Tür fiel hinter ihr zu und Bernd stand allein in dem Raum. Er griff zu seinem Handy und wählte Wolfgangs Nummer. Es dauerte eine Weile, bis dieser sich endlich verschlafen meldete. „Hier spricht Bernd. Kann ich für ein paar Tage bei dir wohnen? Monika hat mich raus geworfen. Dein Ratschlag für die letzte Nacht ist nach hinten losgegangen.“ „Das kann ja wohl nicht wahr sein. Klar, pack deine Sachen und komm her. Die wird sich schon wieder beruhigen.“ „Danke. Ich bin in einer Stunde bei dir.“ Bernd legte auf. Es war gut, dass er für die nächsten Tage zu Wolfgang ziehen konnte. Dann konnte Monika erst mal zur Ruhe kommen. Vielleicht gab es doch noch eine Chance für ihn, dass er zu ihr zurückkehren konnte.

Er ging in das gemeinsame Schlafzimmer und fing an, seine Sachen in zwei große Taschen zu packen. Monika zeigte sich nicht ein einziges Mal. Sie saß in der Küche, rührte sich aber nicht.

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Er hatte den größten Teil seiner Sachen verstaut. Er ging zu ihr in die Küche. Sie saß bei einer Tasse Kaffee am Tisch. Er stellte sich neben sie. „Ich werde jetzt gehen. In den nächsten Tagen kann ich bei Wolfgang wohnen. Sollen wir uns nächste Woche einmal treffen?“ „Ich glaube nicht, dass ich dazu Lust haben werde. Ich packe alle Sachen die ich noch finde und die dir gehören in eine Kiste. Wenn du mir sagst wo Wolfgang wohnt, bring ich sie vorbei.“

Bernd legte seinen Wohnungsschlüssel auf den Küchentisch. Wortlos verließ er die Küche. Wenig später hörte Monika die Wohnungstür ins Schloss fallen. Bernd war gegangen. So einfach hatte sie sich das nicht vorgestellt. Sie war froh, dass er auf all ihre Forderungen kommentarlos eingegangen war. Gut das er weg war. Sie hatte für ihr Leben Ziele, um die sie sich jetzt kümmern konnte. Wenn ihr auch die Demütigungen der letzten Nacht noch schwer im Magen lagen, so schaute sie doch zuversichtlich nach vorn. Sie wollte Carsten Koch an ihrer Seite haben.

Sabine hatte sich einen Kaffee und ein paar Kekse geholt. Wieder saß sie dicht neben Snuffy vor den Gittern des Bärengeheges. Jacco saß mittlerweile aufrecht, bewegte sich aber keinen einzigen Schritt. Die ganze Zeit sah er in Sabines Richtung. Sie hatte fast ein Gefühl als würde Jacco sie anlächeln und Danke sagen. Aber das bildete sie sich wohl nur ein.

Sie freute sich sehr, dass sie heute Abend nicht losfahren mußte um Jacca zu füttern. Sie war sehr gespannt wie er sich verhalten würde, wenn sie ihm hier sein Futter brachte. Ob er dann aufstehen würde? Sie würde ihn füttern bevor Carsten kam. Jacco sollte seine erste Mahlzeit in seinem neuen Gehege ohne Störungen erleben.

Sie freute sich darüber, dass Carsten sich für den heutigen Abend angemeldet hatte. Er hatte zwar gesagt, dass er nach dem Bären sehen wollte, aber das war gewiss nur ein Vorwand gewesen um nicht vor allen Zuhörenden zu erwähnen, dass er wegen ihr kam. Verträumt lächelte sie vor sich hin.

Schon wieder war eine Stunde vergangen. Sabine beschloss, ihren Leptop zu holen, um im Garten an ihrem Buch weiter zu schreiben. Genau in dem Moment als sie das dachte, stand Jacco auf. Er war noch ein wenig unsicher auf den Beinen, kam aber sehr zielstrebig auf den Platz zu, an dem Sabine und Snuffy saßen. Dicht vor den Gitterstäben setzte er sich direkt gegenüber von Sabine hin. Er sah sie direkt an. Sabine war fast zu Tränen gerührt. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Jacco nach wenigen Stunden ihre Nähe suchte. Snuffy sah Jacco an. Er wedelte und ein leises freundliches Jaulen drang aus seiner Kehle. Sofort in Anschluss leckte er über Sabines Hand. Sie streichelte ihn. „Danke dass ich meine wundervollen Tiere an meiner Seite habe.“

Eigentlich hatte Sabine sich vorgenommen zu arbeiten. Aber sie hätte es für kein Geld in der Welt fertig gebracht, ihren Platz zu verlassen. Es war ihr so wichtig, bei Jacco und Snuffy zu sein. Alles andere konnte warten.

Den gesamten Nachmittag verbrachte sie vor Jaccos Gehege sitzend. In seiner Nähe fühlte sie sich sehr sicher. Es tat ihr gut, die Zeit in seiner Nähe zu verbringen.

Es ging schon auf siebzehn Uhr zu, als Sabine aufstand und zum Haus ging. Sie hatte vorher zu Jacco gesagt, dass sie nun sein Futter hole. Als sie wieder mit einem gefüllten Eimer aus dem Haus kam, bekam sie einen großen Schreck. Snuffy stand direkt vor den Gitterstäben.

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Auf der Innenseite des Geheges stand Jacco. Die beiden hielten fast ihre Nasen gegeneinander. Entsetzt schrie Sabine auf. „Snuffy, komm sofort her.“ Snuffy drehte sich wedelnd zu ihr um und trottete ihr entgegen. In diesem Moment war ein leises Grollen aus Jaccos Richtung zu vernehmen. Anscheinend war er verärgert, dass sie um Snuffy in Sorge gewesen war. Ihr geliebter Hundefreund hätte keine Chance gehabt, wenn Jacco es darauf angelegt hätte, ihn zu verletzten oder gar zu töten. Sabine wunderte sich sehr, dass Snuffy in dieser Situation keine Gefahr erkannt hatte. Ansonsten nahm ihr Snuffy kleinste Gefahrenquellen wahr. Sie würde besser aufpassen müssen.

Gerade als sie das dachte, kamen Steve und Trude, die beiden Katzen, des Weges. Augenblicke später nahmen sie Jacco wahr. Steve machte sofort einen Buckel und sträubte sein Fell. Trude fauchte sehr ungehalten und wütend in Jaccos Richtung. Beruhigend redete Sabine auf ihre beiden Stubentiger ein. „Ihr braucht euch nicht fürchten. Jacco ist in seinem Gehege. Wenn ihr nicht zu ihm hinein geht, kann euch nichts passieren.“ Sie streichelte den beiden übers Fell.

Schon nach wenigen Minuten hatten sie sich beruhigt. Aufmerksam beobachteten beide den großen Bären. Sie gingen zwar nicht näher an die trennenden Gitter heran, schienen aber keine Angst mehr zu haben. Mit dieser Entwicklung war Sabine sehr zufrieden. Ihr war es am Wichtigsten, dass keines ihrer Tiere zu dicht an Jacco heran ging.

Sabine warf Jacco einige große Fleischstücke zu. Ohne Mühe fing der Bär die Stücke mit seinen Pranken auf. Er hatte großen Hunger. Snuffy war sehr interessiert. Er schnüffelte aufgeregt in Jaccos Richtung. Sabine warf auch Snuffy ein Stück Fleisch zu. Zwar schien er nicht sonderlich begeistert, fing aber dennoch an, den Bissen zu verzehren.

Es tat Sabine gut, inmitten ihrer tierischen Freunde die Zeit zu verbringen. Sie fühlte sich geborgen. Für den gemeinsamen Abend mit Carsten hatte sie etwas zu essen vorbereiten wollen. Die letzten Stunden waren so schnell vergangen, dass sie nicht mehr dazu gekommen war. Nun war es schon kurz nach sieben.

Sie wählte Carstens Handynummer. Nachdem er sich gemeldet hatte, erzählte sie ihm, dass sie den ganzen Nachmittag bei Jacco verbracht hatte. „Ich habe es nicht mal geschafft, etwas Essbares für den Abend vorzubereiten. Wäre es für dich in Ordnung, wenn du uns einen Salat vom Pizzabäcker mitbringst?“ „Mach dir darüber keine Gedanken. Ich bring was mit. Die Sprechstunde ist vorbei. Länger als eine halbe Stunde werde ich nicht mehr brauchen bis ich bei dir bin. Ich freu mich schon.“

Als Carsten auf den Hof fuhr, saß Sabine wieder vor Jaccos Gehege. Snuffy lief freundlich wedelnd Carstens Auto entgegen. Carsten stieg aus und begrüßte Snuffy mit ausgiebigem Streicheln und Kraulen. Er ging anschließend zu Sabine. Er nahm sie in den Arm und drückte sie fest an sich. Sie legte ihren Kopf an seine Schulter. „Schön dass du da bist. Ich habe mich sehr auf dich gefreut.“ Sie schmiegte sich noch ein wenig mehr an ihn. Er sah sie liebevoll an. „Sollen wir hier bei Jacco essen? Ich hol eben die Sachen aus dem Auto.“ „Das wäre schön. Ich hole Besteck und Geschirr aus der Küche.“ Nach wenigen Minuten trafen sich die beiden wieder an Jaccos Gehege. Sabine hatte Teller, Gläser und eine Flasche Wein auf ein Tablett gestellt. Sie baute alles auf dem Boden vor dem Gehege auf. Carsten packte Salat und Pizza

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aus. Sie setzten sich dicht nebeneinander und begannen mit dem Essen. Carsten erzählte von seinem Tag in der Praxis. „Am liebsten wäre es mir, wenn ich nicht nach Hannover zurück müsste. Es wird mir schwerfallen, alles hier für eine Zeitlang verlassen zu müssen. Die vorübergehende Trennung von dir wird mir am Schwersten fallen.“ „Darüber darf ich auch nicht nachdenken. Gibt es keine Möglichkeit, die Zeit in Hannover zu umgehen?“ „Ich fürchte nicht. An den Vertrag werde ich mich halten müssen. Aber die Zeit bekommen wir auch um.“ Sie lehnte ihren Kopf an ihn. Er nahm sie in den Arm und küsste sie. Sie fühlten beide ein starkes Verlangen nacheinander. Sabine stand auf. „Lass uns ins Haus gehen. Es ist auch fast schon dunkel.“ Sie nahm seine Hand und zog ihn zu sich. Hand in Hand, dicht gefolgt von Snuffy, gingen sie zum Haus.

Wortlos gingen sie in Sabines Schlafzimmer. Sie legte sich auf ihr Bett. Carsten kniete neben ihr und streichelte sie. Die Vertrautheit, die sie füreinander empfanden, war sehr groß.

Am nächsten Morgen erwachte Sabine sehr zeitig. Carsten lag noch schlafend neben ihr. Leise stand Sabine auf und ging ins Bad. In den letzten Jahren, seit Rolfs Tod, war es ihr unvorstellbar gewesen, einen Mann an ihrer Seite zu haben. Durch Carsten hatte sich alles verändert. Sie konnte endlich wieder Freude und Glück erleben. Sie war sehr glücklich. Wenn sie an die Zeit dachte, in der Carsten in Hannover sein würde, fühlte sie sich traurig und

allein. Wenn er doch nur schon wieder hier wäre.

Sie war froh, dass sie ihre Tiere hatte. Die würden ihr helfen, die Zeit ohne Carsten zu überstehen. Als sie von ihrer Morgenrunde mit den Tieren ins Haus zurückkehrte, hatte Carsten in der Küche bereits den Frühstückstisch gedeckt. Er nahm sie in den Arm und küsste sie. „Guten Morgen, wie hast du geschlafen? Geht es dir gut?“ Sie lächelte ihn an. „Ich habe sehr gut geschlafen. Die Nacht war so schön. Danke dass es dich gibt.“ Nachdem sie gemeinsam gefrühstückt hatten, machte sich Carsten auf den Weg in die Praxis. Sabine fütterte Jacco, der sie schon hungrig erwartete.

Sie ging mit Snuffy eine kleine Runde durch die Felder. Nachdem sie alle weiteren Arbeiten erledigt hatte, ging sie mit ihrem Laptop hinaus zu Jaccos Gehege.

Wie schon am Vortag kam Jacco in ihre Nähe. Er legte sich ihr gegenüber an die Gitterstäbe. Es fiel Sabine nicht leicht, sich auf ihre geschriebene Geschichte einzulassen. Sie brauchte längere Zeit, bis sie den Anschluss daran fand. Aber schließlich siegte doch ihre Phantasie, gebannt an ihrem Buch weiter zu schreiben. Gelegentlich sah sie zu Jacco, der gemütlich an die Gitterstäbe gelehnt lag. Es ging eine große Ruhe von dem Bären aus.

Snuffy, der dicht neben ihr lag, machte ebenfalls einen sehr entspannten Eindruck. Sabine würde den Tag nutzen, um an ihrem Buch ein gutes Stück weiter zu kommen.

Für den Nachmittag hatte sie einen Einkauf in der Stadt geplant. Wenn Carsten abends herkam, wollte sie ihn mit einem guten Essen überraschen. Sie freute sich schon sehr auf den Abend.

Der Abend und die nächsten Tage verliefen für Sabine sehr zufriedenstellend. Die Zeit, die sie bei Jacco verbrachte, vermittelte ihr ein besonderes Gefühl. Wenn sie über ihn nachdachte, durchströmte sie ein tiefes Gefühl von Freundschaft. In seiner Nähe fühlte sie sich sicher.

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Jeden Abend traf sie sich mit Carsten. Sie schienen wie für einander geschaffen zu sein. Sie redeten sehr viel miteinander. Sabine hatte ihm von Rolf und dem tragischen Ende ihrer Ehe erzählt. Carsten war nach der Erzählung sehr ergriffen. Er nahm Sabine in den Arm und tröstete sie. Sie war dankbar für seine Anteilnahme und sein Verständnis. „Ich hätte nicht geglaubt, dass es in meinem Leben noch einmal eine so tiefe Liebe wie zu Rolf geben könnte. Durch dich habe ich sie gefunden.“

Carsten erzählte sehr offen über seine gescheiterte Ehe. Sabine verstand nicht, dass Carstens Ex-Frau diesen Mann hatte gehen lassen. Das sagte sie Carsten auch. Schmunzelnd fügte sie hinzu, dass sie dafür aber auch dankbar sei. Wenn Carsten noch verheiratet wäre, hätten Sabine und er ihre Liebe nicht finden können.

Die Wochen, die vor ihnen lagen, wenn Carsten in Hannover war, waren für beide nur schwer auszuhalten. Schon in wenigen Tagen würde sich Carsten auf den Weg machen müssen.

Sie hatten sich fest vorgenommen, täglich zu telefonieren. Aber das würde ihr Beisammensein kaum ersetzen können.

Seit Karins Besuch bei Sabine verging kaum ein Tag, an dem die beiden nicht auch längere Zeit miteinander telefonierten.

Voller Freude berichtete Karin, dass in den Herbstferien ein Besuch bei Sabine geplant war. „Ich freue mich sehr darauf, Jacco in seinem neuen Gehege zu beobachten. Hat er schon alles ausgekundschaftet?“ Sabine erzählte ihr, mit wie viel Spaß sie bei ihm am Gehege saß. „Jeden Tag geht er mindestens einmal in den kleinen See. Er zieht große Kreise in seinem Gehege. Sehr imposant sieht es aus, wenn er sich an den Bäumen scheuert. Selbst die großen Bäume geraten dann in Bewegung. Jacco scheint sehr viel Kraft zu haben.“

Die Frauen malten sich aus, wie schön es erst wäre, wenn sie ihn gemeinsam beobachten könnten.

An diesem Sonntag saßen Dr. Meierling und Monika gemeinsam mit Carsten Koch am Frühstückstisch. Es war Monikas Idee gewesen, vor Dr. Kochs Abreise nach Hannover noch einmal zusammen zu sitzen. Dr. Meierling sah seinen jungen Kollegen an. „Es ist unglaublich, wie schnell die Zeit vergangen ist. Mir ist es, als wären Sie gestern erst hier angekommen.“ „Es ist nicht einfach, nach Hannover zurück zu kehren. Ich bin sehr froh, wenn ich die vor mir liegenden Wochen hinter mir habe. Es wäre schön, wenn sie genauso schnell umgehen würden, wie die Wochen hier. Ich fürchte allerdings, dass die Zeit sich deutlich länger ziehen wird.“ „Während Ihrer Abwesenheit werde ich schon mein neues Zuhause einrichten. Wenn Sie wieder da sind, findet dann hier die offizielle Übergabe der Praxis mit allem was dazu gehört statt. Dann beginnt mein ruhiges Leben.“

„Stellen Sie sich das nicht zu ruhig vor. Ich werde bestimmt noch des Öfteren um Ihre Hilfe bitten.“ „Das können Sie immer tun. Ich stehe Ihnen gerne mit Rat und Tat zur Seite.“ Kurz nach dem Frühstück machte sich Carsten auf den Weg zu Sabine. Im graute davor, sich von ihr zu verabschieden. Sie waren beide auf diesen Moment vorbereitet. Dennoch fiel es beiden sehr schwer, mit der Situation zu Recht zu kommen. Sie umarmten sich lange und beteuerten

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ihre Liebe. Als Carsten fuhr, winkte Sabine ihm lange Zeit nach. Sie wusste nicht, wie sie die nächsten Wochen ohne ihn überstehen sollte. Ihr Schmerz war kaum auszuhalten. Snuffy schmiegte sich eng an ihre Beine. Weinend ging sie mit ihm zu Jaccos Gehege. Sofort nahm auch der Bär ihre Stimmung wahr. Er setzte sich ruhig an die Gitterstäbe und sah sie eindringlich an. Durch die Anwesenheit der beiden Tiere versiegten Sabines Tränen. In ihrer Nähe fühlte sie sich getröstet. Sie war glücklich, ihre treuen Freunde an ihrer Seite zu haben. Sie würde es schon schaffen, die nächsten Wochen ohne Carsten zu überstehen.

Der nächste Morgen begann für Sabine sehr frühzeitig. Nachdem sie die Arbeit in den Ställen erledigt hatte, Jacco sein Futter bekommen und sie eine kleine Runde mit Snuffy gegangen war, begann sie, an ihrem Buch weiter zu schreiben. Sie hatte sich vorgenommen, die Wochen ohne Carsten mit Arbeit ausgefüllt zu verbringen. Bestimmt würde das helfen, die Zeit besser zu überstehen. Heute Abend würde sie wieder, wie schon gestern, mit ihm telefonieren. Darauf freute sie sich schon sehr.

Monika war es nicht entgangen, dass sieh die Beziehung zwischen Carsten und Sabine deutlich vertieft hatte. Trotzdem war sie überzeugt, dass sie es schaffen konnte, die beiden wieder auseinander zu bringen. Für sie war klar, dass eine gemeinsame Zukunft mit Dr. Koch vor ihr lag. Sie musste es nur schaffen, ihn davon zu überzeugen, dass er bei ihr besser aufgehoben wäre. Sie würde sich etwas einfallen lassen. Die Mittel, die sie zu ihrem Ziel führten, waren ihr egal. Für sie war wichtig, dass am Ende sie die glückliche Siegerin war.

In den nächsten Tagen würde sie Dr. Koch anrufen und ihm beiläufig erzählen, dass Sabine sich offensichtlich die Zeit seiner Abwesenheit mit einem anderen Mann tröstete. Sie war gespannt, wie er darauf reagieren würde. Es schien ihr wichtig, zunächst sein Vertrauen in Sabine ein wenig ins Wanken zu bringen.

Durch ein paar Unwahrheiten musste es zu schaffen sein, die beiden auseinander zu bringen. Dann würde ihrem Glück nichts mehr im Weg stehen.

Als Sabine am Morgen aus der Tür trat, traf sie fast der Schlag. Steve und Trude, ihre beiden geliebten Katzen, saßen in Jaccos Gehege dicht bei dem Bären. Kein Meter trennte sie voneinander. Für Jacco wäre es ein Leichtes, mit nur einem einzigen Prankenhieb das Leben beider Katzen auszulöschen. Vor Entsetzen blieb Sabine die Luft weg.

Als Steve sie bemerkte, stand er auf und ging seelenruhig, gefolgt von Trude auf sie zu. Auch Jacco erhob sich. Langsam folgte er den Katzen. Sabine konnte nicht glauben, was sie sah. Steve und Trude schienen nicht die geringste Unsicherheit in Jaccos Nähe zu verspüren. Jacco unternahm keinen Versuch, den beiden Katzen in irgendeiner Form einen Schaden zuzufügen. Es sah fast aus, als wären die drei miteinander befreundet. Die Katzen gingen durch die Gitterstäbe mit großer Selbstverständlichkeit auf Snuffy zu. Freudig leckte dieser durch Trudes Gesicht. Die Katze war von dieser Begrüßung wenig angetan. Sie fauchte Snuffy an, der unbeeindruckt sein Tun fortsetzte. In diesem Moment stellte Jacco sich auf seine Hinterbeine und brummte Snuffy energisch an. Der Hund hörte sofort auf, Trude zu belästigen. Wedelnd ging er in Jaccos Richtung. Der Bär ließ sich wieder auf seine vier Pfoten herab. Er ging bis an die Gitterstäbe und sah Snuffy an. Zwischen den Tieren schien nicht die kleinste Spannung zu herrschen. Es machte fast den Anschein, als hätte Jacco Trude aus der stürmischen Begrüßung durch Snuffy heraushelfen wollen.

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Sabine war über das Verhalten des Bären sehr verwundert. Sie hatte keine Erklärung dafür. Als Steve und Trude um ihre Beine strichen, beugte Sabine sich zu ihnen herunter und streichelte sie. „Das war sehr unvorsichtig von euch. Der Bär ist ein wildes Tier. Wenn er gewollt hätte, wäret ihr jetzt beide tot. Macht das nicht noch einmal.“

Sabine sah Jacco an. „Danke dass du ihnen nichts getan hast.“ Kaum das sie diese Worte gesprochen hatte, fuhren ihr blitzartig Gedanken durch den Kopf. „Mach dir keine Sorgen. sie sind meine Freunde.“ Sabine sah Jacco verwundert an. „Was war das denn? Ich hatte gerade das Gefühl, als hättest du mit mir geredet. So langsam werde ich etwas eigenartig.“ Sie lächelte. Auf dem Weg zu den Ställen hatte sie das seltsame Erlebnis schon fast wieder vergessen.

Während der Stallarbeit hing sie verträumt verschiedenen Gedanken nach. Sie dachte intensiv an Carsten. Noch vor wenigen Wochen hätte sie sich nicht vorstellen können, wieder einen Mann an ihrer Seite zu haben. Sie lächelte. Sie konnte die Trennung von ihm nur mühsam aushalten. Zu intensiv waren die letzten Tage und auch Nächte vor seiner Abreise gewesen. Welch wunderschöne Zeit lag vor ihr, wenn er wieder zurück war.

Schade nur, dass noch einige Wochen ohne ihn vor ihr lagen. Ganz insgeheim hatte sie sich Gedanken darüber gemacht, ihn an einem Wochenende in Hannover zu besuchen. Ihr war klar, dass es sehr schwierig werden würde, jemanden zu finden, der ihre Tiere während ihrer Abwesenheit versorgte. Vielleicht würde sie Dr. Meierling fragen, ob er sie für zwei Tage vertreten könnte. Wenn sie ihm erzählte, dass sie an dem Wochenende zu Carsten nach Hannover wollte, konnte sie sich gut vorstellen, dass er die Versorgung der Tiere in ihrer Abwesenheit gerne übernehmen würde. Es wäre ausreichend, wenn er zweimal täglich zum Füttern vorbeikam. Snuffy würde sie ohnehin nach Hannover begleiten, so das sich um Spaziergänge nicht gekümmert werden musste. Sie würde das alles noch einmal genau überdenken, bevor sie Dr. Meierling ansprach.

Sie war mit der Stallarbeit fast fertig, als sie an das vorhin Erlebte mit Jacco dachte. Vielleicht war es so gewesen, das die Gedanken, die ihr durch den Kopf geschossen waren, reines Wunschdenken gewesen waren. Komisch war es dennoch gewesen. Sie konnte es nicht erklären, aber diese Gedanken hatten sich einfach nicht wie ihre eigenen angefühlt. Vielleicht konnte sie nachher Karin anrufen und ihr von dieser komischen Begebenheit erzählen. Bestimmt hatte die Freundin eine passende Erklärung auf Lager, mit der sie etwas anfangen konnte. Karin hatte einfach immer die Möglichkeit, Verschiedenes sehr sachlich zu betrachten.

Nachdem die Stallarbeit verrichtet war, ging Sabine in Richtung Wald, um Snuffy die Gelegenheit zu geben, etwas durch die Gegend zu laufen. Es verging kein Tag, an dem ihr nicht ganz klar bewusst war, wie dankbar sie sein konnte, dass Snuffy noch an ihrer Seite war. Wenn Carsten nicht bei Dr. Meierling gewesen wäre, hätte es für Snuffy keine Überlebenschance gegeben. Umso schöner war es, Snuffy zu beobachten, wie der fröhlich durch die Gegend lief. Zwar war er noch nicht wieder ganz der Alte, aber seine Einschränkungen waren kaum zu bemerken. Es würde nur noch wenige Wochen dauern, bis ihm nichts mehr anzumerken war.

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Als sie wieder auf dem Hof angekommen waren, ging Snuffy sehr zielstrebig in Richtung Bärengehege. Dieser kluge Hund schien zu wissen, dass Sabine die nächste Zeit auch dort verbringen würde. Es war ein gutes Gefühl, täglich einige Stunden in Jaccos Nähe zu verbringen. Solange das Wetter es zuließ, würde sie auch an dieser Gewohnheit festhalten.

Nachdem sie all ihre Unterlagen zu dem Gehege getragen hatte, begann sie, an ihrem Buch weiter zu schreiben. Jacco lag sehr dicht bei ihr in seinem Gehege. Snuffy hatte sich zu ihren Füßen ein wohliges Plätzchen gesucht. In dieser entspannten Atmosphäre fiel es ihr leicht, ihren Gedanken freien Lauf zu lassen. Wenn alles so weiter ging, würde es ihr nicht schwerfallen, ihr Buch in den nächsten Wochen fertig zu stellen.

Eine gute Weile später legte sie eine Schreibpause ein. Jacco, der dieses sofort zu bemerken schien, stand auf und trottete näher an die Gitterstäbe heran. Unmittelbar vor ihr setzte er sich hin. Er sah sie aufmerksam an. Sabine erwiderte seinen Blick. Freundlich sprach sie ihn an. „Lieber Jacco, ich bin sehr froh, dass du da bist.“ Der Bär sah sie sehr eindringlich an. Fast schien es, als überlege er sein weiteres Vorgehen. Wie schon am Morgen kamen Sabine plötzlich wieder Gedanken in den Kopf. Es fühlte sich an, als spräche Jacco zu ihr. „Bestimmt wirst du nicht glauben können, was jetzt passiert. Du wirst gleich nach Erklärungen dafür suchen. Ich bin auch sehr froh, hier zu sein. Die letzten Jahre in dem Tierpark waren die reinste Hölle. Die ersten Jahre meines Lebens habe ich frei in der Wildnis gelebt. Ich hatte eine wundervolle Bärenpartnerin. Doch dann kam der Tag an dem wir gefangen wurden. Ich habe noch versucht, einen der Männer die uns gefangen hatten zu töten. Doch leider konnte ich unser Schicksal nicht abwenden. Ich habe meine Bärenfreundin nie mehr wieder gesehen. Ich wurde in einen kleinen Käfig verfrachtet und landete schließlich in dem Tierpark. Ich habe alles dort gehasst. Aber es gab keine Möglichkeit zu entkommen. All die Jahre musste ich es aushalten. Ich erinnere mich noch sehr genau an den Tag, als du vor meinem Käfig standest. Vom ersten Moment an spürte ich, dass du anders warst als alle Menschen, die täglich vor meinem Käfig standen. In all den Jahren bist du der erste Mensch gewesen, in dessen Gedanken ich sehen konnte. Ich hätte allerdings nicht im Traum daran gedacht, dass du mich tatsächlich befreien würdest. Danke.“

Vollkommen irritiert sah Sabine den Bären an. Das konnte doch nicht wahr sein. Sie fühlte sich zu Jacco sehr hingezogen. Aber es konnte doch nicht sein, dass der Bär zu ihr sprach. Oder besser gesagt war es so, dass sie seine Gedanken in ihrem Kopf hatte. Dafür musste es eine Erklärung geben.

„Du kannst aufhören, nach Erklärungen zu suchen. Es ist so, dass ich meine Gedanken an dich senden kann. Und du verstehst mich. Wenn du willst, beweise ich es dir.“

Sprachlos und auch sehr misstrauisch sah Sabine den Bären an.

„Du kannst deine Hand durch die Gitterstäbe strecken und mich berühren. Ich werde dir nichts tun. Du weißt, dass ich dich mit Leichtigkeit schwer verletzen könnte. Aber vertrau mir, es wird dir nichts geschehen. Vielleicht kannst du dann glauben, dass ich wirklich mit dir meine Gedanken austausche.“

Sabine trat näher an das Gitter heran. Sie fühlte sich fast benommen. Nicht eine einzige Sekunde dachte sie über ihr Verhalten nach. Sie streckte ihre Arme durch die Gitter und legte ihre Hände auf Jaccos Kopf. Sanft streichelte sie über sein Fell. Ohne auch nur die kleinste Abwehrbewegung ließ Jacco sie gewähren. Ganz langsam hob er den Kopf. Vorsichtig

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begann er, über Sabines Unterarme zu lecken. Sabine konnte einfach nicht glauben, was da geschah. „Lieber Jacco, du bist ein wundervoller Freund.“

Einige Minuten ruhten Sabines Hände auf Jaccos Kopf. Der Bär hatte seine Schnauze auf Sabines Unterarm gelegt.

Snuffy, der dicht neben Sabine stand, beobachtete sie und auch Jacco sehr aufmerksam.

Als Sabine ihre Arme durch die Gitterstäbe zurückzog, konnte sie kaum glauben, was da eben geschehen war. Sie setzte sich ruhig auf den Boden und dachte über das Erlebte nach. Ihr wurde bewusst, dass Jacco keineswegs in Worten zu ihr gesprochen hatte. Sie hatte Bilder und Gefühle von ihm empfangen, die sie automatisch sofort in Worte umgewandelt hatte.

Ebenso klar war ihr, dass es nicht besonders schlau sein konnte, mit einem Menschen darüber zu reden. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass ein anderer Mensch glauben konnte was sie zu berichten hatte. Vielleicht wäre das selbst für Karin zu viel. Sie beschloss, dass es ein Geheimnis zwischen Jacco, Snuffy und ihr bleiben sollte. Tief in Gedanken versunken überdachte sie noch einmal die Botschaften, die sie von Jacco erhalten hatte. Ob es möglich war herauszufinden, wo seine Bärenfreundin geblieben war? Sie würde versuchen die Spur zu verfolgen. Das wäre bestimmt für Jacco die allergrüßte Freude wenn seine Gefährtin wieder bei ihm sein könnte. Natürlich war Sabine klar, dass dieser Weg bestimmt nicht einfach werden würde. Für Jacco wäre es alle Mühe wert. Nur sehr schwerlich konnte sich Sabine auf ihre Arbeit einlassen. Immer wieder kamen ihre Erinnerungen an den gedanklichen Austausch mit Jacco in den Sinn.

Wolfgang und Bernd saßen gemeinsam in Wolfgangs chaotischer Küche bei einer Flasche Bier beisammen. „Ich habe die Schnauze gestrichen voll von dieser blöden Malocherei auf dem Bau. Ich bin kurz davor, alles hinzuschmeißen.“ Bernd sah seinen Freund nachdenklich an. „Das wäre aber sehr unklug. In den nächsten Monaten hast du deine Ausbildung hinter dir. Dann hast du wenigstens einen Beruf. Leider kann ich aus Erfahrung sagen, dass das der bessere Weg ist.“

Bernd dachte an Monika. Wenn er alle angefangenen Arbeiten nicht aufgegeben hätte, wäre es wahrscheinlich nie zu einer Trennung zwischen ihnen gekommen. In der letzten Zeit dachte er häufig über die Fehler, die er gemacht hatte, nach. Er hatte schon einige Male versucht, Monika zu erreichen. Leider immer vergeblich. Er hatte sogar schon überlegt ihr einen Brief zu schreiben und sich noch einmal zu entschuldigen und ernsthaft zu versprechen, dass er sich ändern würde. Er hoffte sehr, dass sie ihm noch einmal verzeihen würde. Er würde sich dann auch sehr bemühen, sie nicht wieder zu enttäuschen. Es war gut gewesen, bei Wolfgang einen Unterschlupf zu finden. Auf der anderen Seite musste er sich eingestehen, dass er ohne Wolfgang nie in diese Situation gekommen wäre. Er liebte Monika Er dachte an die letzte gemeinsame Nacht mit ihr. Was er ihr da angetan hatte, war unverzeihlich. Wenn Wolfgang ihn nicht so aufgestachelt hätte, wäre so etwas nie passiert.

Alle Streitigkeiten, die es bis zu diesem Punkt gegeben hatte, waren aus dem Weg zu räumen gewesen. Ob es jetzt noch eine Möglichkeit der Aussöhnung gab, wagte selbst Bernd zu bezweifeln.

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Kapitel 23

Für diesen Abend hatte Monika sich fest vorgenommen, Carsten Koch anzurufen. Den ganzen Nachmittag über war sie schon sehr aufgeregt. Und nun war es endlich soweit. Sie hatte sich auf dieses Gespräch sehr gut vorbereitet. Es gab für sie einfach keinen Zweifel mehr. Sie würde es schaffen, Zweifel und Mißtrauen gegenüber Sabine in Carsten Kochs Gedanken zu säen. Zu Beginn ihres Planes hatte sie schon noch darüber nachgedacht, ob ihr Verhalten wirklich richtig war. Sie war zu dem Ergebnis gekommen, dass sie jetzt an der Reihe war, in Glück und Zufriedenheit zu leben. Was hatte sie mit Sabine zu tun?

Ohne noch weiter darüber nachzudenken, wählte sie entschlossen Carsten Kochs Handynummer.

Sie hatte deutlich sein Bild vor ihrem inneren Auge. So einen Mann fand man nur einmal in seinem Leben. Seine blauen Augen, das dunkle Haar, sein durchtrainierter Körper. Allein das wäre schon Grund gewesen. Aber dann auch noch sein freundliches Wesen. Es passte einfach alles.

Sie hatte fast mit allem gerechnet, aber nicht, dass die Leitung besetzt war. Das konnte doch wohl nicht wahr sein. Mist. Sofort wählte sie noch einmal. Wieder das Besetzzeichen.

Um diese Uhrzeit! Wahrscheinlich konnte das nur Sabine sein.

Sie wartete einige Minuten. Wieder mit dem Ergebnis, dass die Leitung belegt war. Monika konnte ihre Wut und ihre Enttäuschung kaum noch zügeln.

In den nächsten beiden Stunden versuchte Monika alle zehn Minuten erneut, Carsten Koch zu erreichen. Es blieb wie es war. Besetzt, besetzt, besetzt! Für diesen Abend musste sie sich geschlagen geben. Aber das sollte ihr nicht noch einmal passieren. Morgen würde sie deutlich früher versuchen, Carsten an die Strippe zu kriegen.

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Vielleicht war es so gewesen, dass bis vorhin doch noch der eine oder andere Zweifel an ihrem Tun dagewesen war. Wenn sie die Situation des heutigen Abends jetzt betrachtete, war es sogar von Vorteil gewesen, dass er solange mit Sabine telefoniert hatte. Sie würde alles daran setzen, dass das nicht noch einmal vorkam. Nach den jeweiligen Versuchen des vergeblichen Erreichens hatte sie auch immer Sabines Telefonnummer gewählt. Mit dem gleichen Ergebnis. Besetzt. Sie konnte sich also sicher sein, dass Carsten und Sabine miteinander telefonierten.

An diesem Abend schmiedete Monika noch viele Pläne, die sie mit Leichtigkeit an ihr Ziel bringen würden. Ihr kam sogar der Gedanke, ob es nicht von Nutzen sein könnte, Carsten Koch in Hannover zu besuchen. Bei dem Gedanken lief ihr ein Kribbeln über die Haut. Sie würde ihr Ziel erreichen. Um jeden Preis.

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Seit Carstens Abreise war kein Tag vergangen, an dem er nicht sehr ausführlich mit Sabine telefonierte. Auch wenn das kein richtiger Trost für die beiden war, so war es dennoch eine große Hilfe. Nicht selten dauerten diese Gespräche 2-3 Stunden. Sie hatten sich fest vorgenommen, dass für die Zeit der Trennung jeder an des anderen Leben teilhaben sollte.

Ein wenig hatte Sabine schon ein schlechtes Gewissen. Es verging kein einziges Gespräch, in dem Carsten sich nicht auch nach Jacco erkundigte. „Er macht sehr gute Fortschritte. Es vergeht kein einziger Tag, an dem ich nicht für eine längere Zeit an seinem Gehege sitze.“ Von dem Gedankenaustausch zwischen Jacco und ihr erzählte Sabine nichts. Das war auch kaum zu glauben. Sie wollte einfach nicht riskieren, dass Carsten sie für ein wenig übergeschnappt hielt. Das zu berichten hatte Zeit, bis Carsten wieder bei ihr war. Dann konnte sie ihm auch gleich die eine oder andere Vertrautheit zwischen ihr und dem Bären zeigen. Bestimmt würde Carsten ihr dann viel leichter glauben können.

Auch zu Karin, mit der sie ebenfalls täglich telefonierte, hatte sie mit keinem Wort erwähnt, was sie mit Jacco erlebte. Wenn sie ganz ehrlich sein sollte, war das ja auch wirklich nicht zu glauben.

Wenn sie an die Herbstferien dachte, freute sie sich schon sehr. Karin hatte ihr erzählt, dass es schon fest eingeplant war, sie mit Georg und ihren beiden Töchtern in dieser Zeit zu besuchen. Das würde eine schöne Zeit werden.

Karin hatte die Schrecken ihres letzten Besuches offensichtlich sehr gut verarbeitet. Insgesamt konnten sie alle von Glück sagen, dass nichts Schlimmeres passiert war. Natürlich war Karins Entführung auf gar keinen Fall unter den Teppich zu kehren. Dennoch, von dem großen Schrecken und dem Entsetzen abgesehen war ihr nichts geschehen.

Die beiden Frauen hatten noch viele Gespräche über dieses Ereignis geführt. Es tat beiden sehr gut, darüber reden zu können. Nach einiger Zeit verblasste das Erlebte aber immer mehr. Es gab zuviele Dinge, über die es wichtiger schien sich zu unterhalten. Eine sehr große Rolle dabei spielte natürlich Jacco. Karin erzählte voller Freude, wie sehr sie schon darauf warte, Jacco endlich wieder zu sehen. Sabine berichtete der Freundin häufig von ihrem Bärenfreund. Die winzige Begebenheit des Gedankenaustausches ließ sie aber auch hier weiter unter den Tisch fallen. Wenn sie es der Freundin hätte erklären wollen, hätten ihr auch sowieso die Worte gefehlt. Wie sollte man auch so etwas in Worte fassen?

Wenn Sabine das nicht selbst miterlebt hätte, es wäre für sie auch unglaublich gewesen.

Auch wenn es Sabine klar war, dass es kaum zu schaffen sein würde, wollte sie trotzdem nichts unversucht lassen. Das war Jacco ihr wert. Sie wollte heute Morgen Herrn Fischer anrufen um herauszufinden, wo dieser Jacco gekauft hatte. Vielleicht bestünde so eine kleine Chance zu erfahren, wo Jaccos Bärenfreundin gelandet war.

Nachdem sie alle täglich anfallenden Arbeiten erledigt hatte, griff sie zum Telefon. Die Zeit sprach dafür, dass sie Herrn Fischer, der den Tag immer etwas später begann, erreichen konnte. Nachdem sie der Frau die ans Telefon gegangen war von ihrem Anliegen erzählt hatte, wurde sie mit Herrn Fischer verbunden.

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„Guten Morgen Frau Reckert. Wie geht es Ihnen. Schön von Ihnen etwas zu hören. Wie hat der Bär sich eingelebt?“

„Es ist alles in allerbester Ordnung. Jacco fühlt sich hier sehr wohl. Können Sie sich noch daran erinnern, wo Sie ihn gekauft haben?“

Einen Moment schwieg Herr Fischer. Er schien zu überlegen. „Warum wollen Sie das denn wissen?“ Natürlich erzählte Sabine ihm nichts von Jaccos Gedanken die sie wahrgenommen hatte. „Das fiel mir nur einfach mal so ein. Vielleicht gab es einen Bären, der gemeinsam mit Jacco gelebt hat. Da könnte man vielleicht versuchen, die beiden wieder zusammen zu bringen. „Sie haben vielleicht Nerven. Ist Ihnen denn einer noch nicht genug? Der verschlingt doch ein Vermögen!“

Einen weiteren Moment überlegte Herr Fischer noch. Dann nannte er ihr die Anschrift eines Tierhändlers. „Der hat das damals alles organisiert. Wenn, dann kann der Ihnen helfen.“

Sabine hatte alle Daten die Herr Fischer durchgab, notiert. Sie bedankte sich noch einmal für seine Mühen und beendete dann das Gespräch.

Ohne noch länger darüber nachzudenken, gab Sabine die von Herrn Fischer eben erhaltenen Daten ins Internet ein. Unmittelbar öffnete sich eine Seite mit vielen Bildern wilder Tiere und vielen Texten, die über diese informierten, Bei den Kontaktdaten fand sie eine Telefonnummer. Sie notierte diese auf einem bereitliegenden Zettel.

Jacco lag lang ausgestreckt und wohlig brummend in seinem Gehege am Zaun. Er schien bereits auf Sabines Erscheinen zu warten. Er war sehr glücklich hier zu sein. Die Jahre die er in dem Tiergarten verbracht hatte, waren die reinste Hölle gewesen. Er hätte sich nicht mehr vorstellen können, jemals diesem Schicksal zu entrinnen. Er erinnerte sich nur widerstrebend an diese Zeit. Jetzt war er glücklich und zufrieden. Die Menschen und auch die Tiere, die hier lebten, waren alle sehr freundlich. Natürlich war ihm klar, dass Sabine immer noch Bedenken hatte, ihre Tiere mit ihm zusammen zu lassen. Er würde weiter versuchen, sie zu überzeugen, dass von ihm keine Gefahr drohte. Auch wenn er in den Jahren seiner Einkerkerung in dem Tiergarten sich gerne gerächt hätte. Sabine und ihre Tierfamilie waren eine große Ausnahme. Er würde alles daran setzten, Sabine nie zu enttäuschen.

Sofort, als er Sabine bemerkte, stand er auf. Sie strahlte ihn an. Wie selbstverständlich sprach sie ihn an. „Ich habe die ersten Schritte auf der Suche nach deiner Bärenfreundin getan. Ich werde alles daran setzten, dass wir auch sie befreien.“ Jacco sah sie eindringlich an. Sabine spürte deutlich seine Freude. Sie ging nahe an die Gitterstäbe heran. Behutsam legte sie ihre Hände auf seinen Kopf. Ohne Zögern oder einen Schritt zurück zu weichen nahm Jacco ihre Streicheleinheiten entgegen. Er sah ihr tief in die Augen. Für Sabine war es ein Gefühl, als würde er bis in den letzten Winkel ihrer Seele schauen. Und da war es wieder. Sie spürte sehr deutlich Jaccos Gedanken. Er zeigte ihr Bilder und Gefühle, die sie sofort in Worte umwandeln konnte. „Danke. Ich kann nicht ausdrücken, was das für mich bedeuten würde.“ Sabine sah Jacco lange an. Eine Weile blieb sie noch bei ihrem Bärenfreund sitzen.

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Vor Carsten Koch lag ein anstrengender Tag. Seit er die Zeit bei Dr. Meierling verbracht hatte, fiel es ihm deutlich schwerer, die restliche Zeit in der Klinik abzuarbeiten. Zwar waren die abendlichen Telefonate mit Sabine ein kleiner Trost, er vermisste sie dennoch sehr. Ihm fehlte ihre Nähe. Wenn die Zeit doch schon um wäre. Aber da trennten ihn noch viele Wochen. Oft malte er sich seine gemeinsame Zukunft mit Sabine aus. In der kurzen Zeit ihres Beisammenseins war ihm sehr klar geworden, dass Sabine eine ganz besondere Frau war. Er freute sich darauf, die nächsten Jahre mit ihr gemeinsam zu verbringen.

Es war kurz vor Dienstende, als sein Handy läutete. Mit Sabine telefonierte er immer erst frühestens um halb acht. Wer mochte das sein? Er war nicht wenig überrascht, Monikas Stimme zu vernehmen. „Hallo Dr. Koch. Ich wollte Sie einfach nur kurz sprechen und Ihnen erzählen, wie hier alles läuft.“

Zwar wäre es eine echte Lüge gewesen zu sagen, dass er sich über ihren Anruf freue. Dennoch sagte er höflich dass es nett sei, das sie ihn auf dem Laufenden halte. „In der Praxis läuft alles ziemlich reibungslos. Sie haben ja miterlebt, wie das hier so ist.“ „Die Praxis fehlt mir sehr. Nach so kurzer Zeit hätte ich das kaum für möglich gehalten. Aber der Stress hier in der Klinik ist kaum auszuhalten. Aber egal, die Zeit bekomm ich noch um.“

„Als ich heute Mittag kurz im Dorf zum Einkaufen war, traf ich übrigens Sabine Reckert. Mit ihrem Bären scheint alles gut zu laufen. Eigentlich ist es schade, dass die Tiere sich ständig an neue Männer gewöhnen müssen. Aber das wird sich wohl kaum ändern.“ Mit dieser Aussage hatte sie ihn offensichtlich ziemlich verunsichert. Es dauerte einen Moment, bis er wieder das Wort ergriff. „Ich hatte den Eindruck, als würde Frau Reckert sehr zurück gezogen auf ihrem Hof leben.“ „Ich finde es eigentlich nicht gut, dass wir gleich jetzt über diese Frau reden. Aber natürlich ist mir nicht entgangen, dass Sie sich mit ihr angefreundet haben. Wenn Sie sich erinnern, habe ich oft den Vorschlag gemacht, dass wir zusammen ausreiten. Ich hätte Ihnen dann viele Geschichten von dieser Frau erzählen können. Vielleicht hätte Sie das vor einer Dummheit bewahrt.“

Carsten Koch sagte nichts mehr. Monika stellte sich bereits die Frage, ob sie doch ein wenig zu weit gegangen sei.

„Ich hoffe sehr, dass Sie mir nicht übel nehmen, dass ich Ihnen das erzähle. Aber die hat schon so viele Männer enttäuscht und an der Nase herumgeführt. Durch ihre Art scheint sie immer nett und freundlich. Aber ich könnte Ihnen Geschichten erzählen, die würden Sie nicht glauben wollen. Hier auf dem Dorf bekommt man fast alles mit. Auch wenn der andere versucht, seine Episoden zu verheimlichen. Das gelingt hier nicht.“

Carsten Koch hatte mit allem gerechnet. Aber weder mit einem Anruf von Monika noch mit dem, was sie ihm erzählte. Das konnte doch einfach nicht wahr sein. Er sagte nichts mehr.

Monika, der sein Schweigen natürlich nicht entging, ergriff wieder das Wort.

„Ach, lieber Dr. Koch, ich hoffe sehr, dass ich Sie mit meinen Erzählungen nicht verstimmt habe. Aber Sie sollen auch wissen, dass Sie hier eine gute Zeit haben sollen, die nicht sofort mit Herzweh beginnen soll. Dafür sind Sie für die Praxis zu wichtig. Ich werde mich in den

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nächsten Tagen wieder bei Ihnen melden. Hoffentlich habe ich nichts Falsches gesagt. Mit diesen Worten beendete sie das Gespräch.

Triumphierend rieb sie sich ihre Hände. Sie hatte sich kaum vorstellen können, dass es so leicht werden würde. Sie schien mitten ins Schwarze getroffen zu haben. Erst mal ziemlich egal, wie es jetzt weiter gehen würde. Sie hatte es offensichtlich geschafft, Misstrauen zu säen. Alles Weitere würde sich finden.

Sie hatte sich auch überlegt, auf der Gegenseite, also bei Sabine, ein wenig Misstrauen zu säen. Wenn sie mit den beiden fertig war, würde es zwisschen denen kein Gespräch mehr geben, in dem sich alles aufklären würde. Monika war sehr zuversichtlich, dass ihr Plan gelang.

Carsten Koch verließ sehr verunsichert die Klinik. Auf dem Weg zu seinem Auto ließ er das Gespräch mit Monika noch einmal Revue passieren. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass er sich so in Sabine getäuscht hatte. Er nahm sich vor, dieses Thema bei einem ihrer nächsten Telefonate anzusprechen.

Auf der anderen Seite fragte er sich natürlich auch, warum Monika Grund haben sollte, ihm solche Unwahrheiten zu erzählen. Er hatte Monika in der Praxis als sehr freundlich und auch ehrlich erlebt. Was konnte nur dahinter stecken? Er würde Sabine ziemlich direkt darauf ansprechen.

Es dauerte nicht mehr lange, bis sein Handy erneut schellte. Sabine. Sie begrüßte ihn sehr lieb und teilte ihm sofort mit, wie sehr sie ihn vermisse. Es dauerte nur einen kleinen Augenblick, bis Carsten auf sie einging. Es konnte doch auch einfach nicht wahr sein. So konnte sich niemand verstellen. Monika musste sich getäuscht haben.

Sabine erzählte Carsten von den Tieren und ihrer Arbeit an ihrem Buch. Ihre Berichte über Jacco hörten sich sehr vertrauensvoll an. Mit keinem Wort erwähnte sie allerdings die Gespräche zwischen Jacco und ihr. Sie hatte vor dem Gespräch mit Carsten noch lange darüber nachgedacht, ob sie ihm nicht doch davon berichten solle. Aber sie konnte ja selbst kaum verstehen was da geschah. Wie sollte Carsten sie dann verstehen? „Wie läuft es bei Dir in der Klinik? Kommst Du mit dem Stress wieder etwas besser zurecht?“ „Ich weiß nicht, wie ich die letzten überstanden habe. Mir fehlt die ländliche Ruhe ganz gewaltig. Ich bin froh, wenn die Zeit hier vorbei ist.“

Eine kurze Zeit schwiegen beide. Sabine spürte, dass irgendetwas zwischen ihnen zu stehen schien. Angestrengt überlegte sie. Gerade als sie Carsten noch einmal erzählen wollte, wie sehr sie ihn vermisste, begann er zu reden. „Gibt es eigentlich sonst noch irgendetwas, was Du mir erzählen möchtest?“ Sabine war froh, dass Carsten ihr nicht gegenüber saß. Sie errötete leicht. Für sie war vollkommen klar, dass er auf die Gespräche mit Jacco anspielte. Sie wusste zwar nicht, woher er davon wusste – ihr war aber klar, dass er nur das meinen konnte. Sie räusperte sich. „Wie meinst Du das?“ Er bemerkte deutlich, dass sie sich ertappt fühlte. Sollte es wirklich so sein, dass Monika sich nicht vertan hatte? Er konnte das einfach

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nicht glauben. Wieder schwiegen beide. „Wenn du wieder hier bist, werde ich es dir ausführlich erzählen. Wenn du sowieso schon davon weißt, kannst du bestimmt gut verstehen, dass ich das nicht am Telefon mit dir bereden will. Ich kann es selbst nicht verstehen.“

Carsten fühlte sich fast wie vom Blitz getroffen. Er hatte damit gerechnet, dass Sabine ihm eine Erklärung geben würde. Wenn sie wirklich einen neuen Mann an ihrer Seite hatte, war es kaum verwunderlich, dass sie sich zu diesem Thema nicht am Telefon auslassen wollte. Es war ihm unbegreiflich, das er sich so sehr in ihr getäuscht hatte. „Auf dem Diensttelefon kommt gerade ein Anruf aus der Klinik. Ich muss auflegen. Bis Morgen.“

Ohne eine Antwort von Sabine abzuwarten, legte er auf. Natürlich hatte das Handy nicht geläutet. Er wollte das Gespräch mit Sabine möglichst schnell beenden um erst mal in Ruhe über alles nachzudenken.

Sehr betroffen hielt Sabine den Telefonhörer noch in der Hand. Das war wirklich ein sehr abruptes Ende ihres Telefongespräches gewesen. Ihr war natürlich klar, dass Carsten sich um die Belange in der Klinik kümmern musste. Hätte er nicht trotzdem schnell ein liebes Wort sagen können? Ein wenig traurig war Sabine darüber schon. Aber vielleicht war es auch so gewesen, dass Carsten zu viel Stress in der Klinik gehabt hatte. Bestimmt war ihm das auch alles zu viel. Mit diesen Erklärungen versuchte sie sich zu beruhigen. Morgen war bestimmt wieder alles in Ordnung.

Am nächsten Morgen stand Sabine sehr zeitig auf. Sie versorgte ihre Tiere, ging ein Stück mit Snuffy und verrichtete im Haus alle anfallenden Arbeiten. Als sie damit fertig war, nahm sie ihren Notizzettel mit den Daten des Tierhändlers zur Hand. Sie wählte die angegebene Nummer. Es dauerte nur einen winzigen Moment bis sich eine Frau meldete. Sabine stellte sich vor und berichtete von ihrem Anliegen. Die junge Frau an der Leitung war sehr freundlich. Sie hörte sich Sabines Geschichte geduldig an. Nachdem Sabine mit der ganzen Geschichtedurch war, sagte die Frau, dass es wahrscheinlich sehr schwer werden würde herauszufinden, wo die Bärin hingekommen sei. „Ich werde in den alten Unterlagen nachforschen, ob ich es vielleicht herausfinden kann. Ich notiere mir Ihre Rufnummer. Sobald ich etwas über den Verbleib weiß, werde ich mich bei Ihnen melden.“ „Vielen Dank. Ich finde es sehr nett von Ihnen, dass Sie sich dieses Problems annehmen. Danke.“ „Das mach ich gern. Das ist doch endlich auch mal ein gutes Werk für die Tiere. Ich melde mich bei Ihnen, sobald ich etwas weiß.“

Nachdem die Frauen sich voneinander verabschiedet hatten, blieb Sabine noch einen Moment an ihrem Schreibtisch sitzen. Sie war sehr glücklich darüber, diese Frau gesprochen zu haben. Wie es schien, würde sie sehr bemüht sein heraus zu finden, wo Jaccos Bärenpartnerin geblieben war. Das war ein gutes Gefühl.

Sie ging, dicht gefolgt von Snuffy zu Jacco. Der Bär kam sofort an die Gitterstäbe. Snuffy lief ihm entgegen und leckte durch die Absperrung über seine Schnauze. Noch gestern hätte Sabine ihren Snuffy dafür sehr getadelt. Heute sah sie ihm lächelnd zu. Sie war sich sicher, das Jacco sich ihren Tieren gegenüber weiterhin freundlich verhalten würde. Nachdem sie Jacco über den Kopf gestreichelt hatte, berichtete sie ihm von dem eben geführten

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Telefongespräch. Der Bär machte einen sehr zufriedenen Eindruck. Sie war sich sehr sicher, das diese Geschichte gut ausgehen würde.

Nur wenig später hörte sie ein Auto auf den Hof fahren. Wer mochte das sein? Snuffy lief dem Geräusch freudig entgegen. Er schien schon zu wissen, wer da zu Besuch kam. Sie folgte Snuffy. Vir dem Haus stiegen gerade Herr Dr. Meierling und Monika aus dem Auto. „Guten Morgen Sabine, wir waren gerade in der Nähe zu einem Hausbesuch unterwegs und da wollten wir mal eben bei Ihnen vorbei schauen. Monika würde so gerne auch einmal Ihren Bären kennenlernen.“ „Das ist doch nett. Kommen Sie, wir gehen zu ihm.“Auf dem Weg zu dem Bärengehege sandte Sabine ein Stoßgebet nach dem anderen los. Hoffentlich hielt Snuffy sich zurück. Er durfte unmöglich Jacco so berühren, wie er es vorhin getan hatte. Wie sollte sie das erklären?

Aber ihre Besorgnis war umsonst. Beim Gehege angekommen, setzte sich Snuffy mit einem Meter Abstand vor die Gitter. Er schien genau zu wissen, wie er sich jetzt verhalten sollte.

Dr. Meierling und Monika standen ebenfalls mit einem Meter Abstand vor dem Gehege. Es fiel Sabine sofort auf, wie Jacco Monika fixierte. Ohne Vorwarnung vernahmen sie plötzlich ein lautes Brummen. Jacco fletschte die Zähne und baute sich sehr dominant vor dem Gitter auf. Er stellte sich auf seine Hinterbeine und sah Monika weiter an.

Sabine konnte nicht verstehen, warum er sich so verhielt. So hatte sie ihn noch nie erlebt. Wenn sie an die innige Vertrautheit dachte, die zwischen ihr und Jacco herrschte, lief ihr fast ein Schauer über den Rücken. Fast hatte sie schon vergessen, dass er win wildes Tier war. Vielleicht war sie doch zu unvorsichtig.

„Der scheint sich hier schon prächtig eingelebt zu haben. Dem möchte ich nicht allein ohne eine Absperrung begegnen.“ Dr. Meierling lächelte Sabine an. „So hat er sich bisher auch überhaupt noch nicht benommen. Eigentlich macht er immer einen sehr freundlichen Eindruck.“

Monika grinste sie an. „So kann man sich vertun. Da denkt man, er wäre ein guter Freund und schon geht es ganz anders.. Wie im richtigen Leben.“ Monika lächelte.

„Wollen Sie mit ins Haus gehen? Ich wollte auch gerade einen Kaffee trinken. Dann können Sie mir Gesellschaft leisten.“

Dr. Meierling und Monika stimmten freudig zu.
„Wir liegen heute sehr gut in der Zeit. Da ist eine Pause drin.“ Zu dritt, gefolgt von Snuffy gingen sie ins Haus.

Mit wenigen Handgriffen deckte Sabine den Tisch und goß Kaffee ein. Dr. Meierling ergriff das Wort. „In der Praxis läuft es gut. Ich muss aber ganz ehrlich sagen, das Dr. Koch uns gewaltig fehlt. Allein wenn ich Ihren Snuffy betrachte…. Ohne Dr. Koch würde er nicht mehr unter den Lebenden weilen. So eine Operation hätte ich mir nicht zugetraut.“ „Ich weiß, dass Sie ein guter Tierarzt sind. In all den Jahren waren Sie immer mit Leib und Seele bei der Arbeit. Snuffys Verletzung war ein ganz besonders schlimmer Fall. Ich bin auch sehr

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dankbar, das Dr. Koch ihm das Leben gerettet hat.“ Monika hörte dem Gespräch der beiden aufmerksam zu. Sie sagte nichts und trank schweigend ihren Kaffee.

Eine Weile plauderten sie noch. Schließlich sagte Monika mit einem Blick auf die Uhr, das es nun Zeit war wieder in die Praxis zu fahren. Bestimmt stehen die ersten Patienten schon vor der Tür. Dr. Meierling und Monika verabschiedeten sich von Sabine. Sie gingen zu dem Auto und verließen den Hof.

Sabine, die gemeinsam mit Snuffy Monika und Dr. Meierling zu dem Auto begleitet hatte, schlug nun den Weg zu Jaccos Gehege ein. Snuffy eilte ihr voraus uns begrüßte Jacco wieder sehr freudig. Die Tiere schienen genau zu wissen, wann sie sich mit Abstand begegnen mussten und wann nicht.

Sabine zögerte, ihre Hände durch das Gitter zu strecken und Jacco zu berühren. Zu deutlich stand ihr noch sein Gebären von Vorhin vor Augen. Der Bär nahm sofort ihr Zögern war. Und da war es wieder. Sabine nahm seine Gedanken deutlich wahr.

„Du brauchst keine Sorge zu haben. Ich werde dich niemals bedrohen. Diese Frau von vorhin hatte eine sehr ungute, falsche Ausstrahlung. Von der solltest du dich fern halten. Ich kann nicht sagen was, aber irgendetwas führt sie im Schilde.“

Schon während Sabine Jaccos Gedanken spürte, schob sie ihre Arme durch die Gitter. Behutsam kraulte sie Jaccos Ohren. „Du bist ein treuer Freund. Danke.“

Die nächsten Stunden verbrachte Sabine schreibend am Bärengehege. Von Zeit zu Zeit wandte sie sich beobachtend Jacco zu. Sie war sehr dankbar, Jacco in ihrem Leben zu haben. All ihre Tiere bedeuteten ihr sehr viel. Aber Jacco war etwas ganz besonderes.

Als sie an das letzte Telefonat mit Carsten dachte, wurde sie ziemlich traurig. Hoffentlich war es dann wieder wie in den letzten Tagen. Sie konnte die Veränderung nicht verstehen. Ob es doch besser wäre, ihm von den Erlebnissen mit Jacco zu erzählen? In dieser Situation war sie sehr unsicher. In ihrem ganzen Leben hatte sie immer wieder sehr beeindruckende Erlebnisse mit den Tieren gehabt. So etwas wie jetzt mit Jacco war ihr noch nie passiert. Und sie hatte auch noch nie davon gehört, dass Tiere in solcher Form Kontakt zu Menschen aufnehmen.

Das war einfach unglaublich. Wie sollte sie das Carsten erklären`? Wie sollte er, wenn sie es nicht einmal selbst schaffte, verstehen? Vielleicht wäre es besser abzuwarten, bis Carsten wieder bei ihr war.

Der Tag war schon weit fortgeschritten, als sie Karins Nummer wählte. Nachdem die beiden Frauen sich begrüßt hatten, berichtete Karin sehr freudig. „Stell dir vor, unser Besuch bei dir in den Herbstferien ist schon richtig fest mit eingeplant. Die Mädchen sind schon sehr gespannt auf dich und natürlich auf deine Tiere. Hier vergeht kein Tag mehr, an dem wir nicht ausführlich darüber reden. Georg war anfangs nicht begeistert. Jetzt, wo er die Aufregung der Kinder sieht, scheint er sich auch auf unsere Reise zu freuen. Die Zeit vergeht so schnell. Bald

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ist es schon so weit. Wie geht es denn mit Jacco? Hat er sich gut eingelebt? Und Snuffy? Ist er wieder ganz der Alte oder merkt man noch Zeichen der Verletzung?“

Es war Sabine kaum möglich, auf Karins Fragen zu antworten. Sie freute sich, dass ihre Freundin in Gedanken an die bald bevorstehende Reise so aufgekratzt war.

„Ich freue mich schon riesig. Du hast ja recht, die Zeit bis dahin dauert nicht mehr sehr lang. Wenn man die Wochen noch vor sich hat, zieht es sich dennoch lange hin.“

„Wenn du die Wartezeit bis zu unserem Besuch hinter dir hast, ist Carsten auch bald wieder bei dir.“ „Darauf freue ich mich schon sehr. Ich hätte mir nicht denken können, dass so etwas in meinem Leben noch einmal passiert. Ich erinnere mich noch sehr genau an den Tag als wir am See waren und ich dir von Rolf erzählt habe. Nicht im Entferntesten hätte ich mir vorstellen können, dass ich einen Mann treffe, der es schafft, die eisige Stimmung um mich herum aufzulösen.“ „Ich bin sehr froh, dass du Carsten getroffen hast.“ In den nächsten Minuten redeten die beiden über belanglose Sachen, bevor sie auflegten.

Sabine hätte Karin sehr gerne über die Erlebnisse mit Jacco berichtet. Aber auch da wusste sie nicht, wie sie das erklären sollte. Zunächst würde es ein Geheimnis zwischen Jacco und ihr bleiben.

Als Monika an diesem Abend nach Hause kam, hätte sie beim Blick in den Briefkasten mit Allem gerechnet. Nicht aber mit einem Brief von Bernd. Er schien immer noch nicht begriffen zu haben, dass ihre Zeit der Vergangenheit angehörte. Sollte er doch mit seinem Kumpel und seinem Chaos glücklich werden. Er sollte bloß nicht glauben, dass sie auch nur einen Hauch an Überlegung hätte, es noch einmal mit ihm zu versuchen.

Achtlos legte sie den ungeöffneten Brief auf ein Regal in ihrem Wohnzimmer. Sie verspürte nicht die geringste Lust des Lesens. Vielleicht würde sie ihn später öffnen. Das wusste sie noch nicht. Sie war auch gerade dabei gewesen, sich über ihr weiteres Vorgehen in Bezug auf Carsten Gedanken zu machen. Das erschien ihr in jeglicher Form wichtiger, als sich Bernds Brief auseinander zu setzen.

Sabine hatte schon einige Minuten wartend neben dem Telefon verbracht. Es war das erste Mal, dass Carsten sich verspätete. Nach ihrem gestrigen Gespräch hatte Sabine ein ziemlich ungutes Gefühl. Was konnte es bedeuten, dass Carsten sich nicht meldete?

Gerade als sie bei diesen Überlegungen war, läutete das Telefon. Sie nahm den Hörer und meldete sich.

„Guten Abend Sabine, hattest du einen schönen Tag?“ „Ich habe den ganzen Tag fast ausschließlich an Jaccos Gehege verbracht. Heute Morgen waren Dr. Meierling und Monika zu einem kurzen Besuch hier. Dr. Meierling erzählte, dass er dich in der Praxis sehr vermisse. Das war ein schönes Beispiel. Da stehe ich mit meinen Gefühlen nicht ganz allein da.“

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Es dauerte einen Augenblick, bis Carsten antwortete. „Das fühlt sich wirklich gut an. Bist du dir sicher, dass du mich vermisst?“ „Aber Carsten, wie kannst du denn so eine Frage stellen? Es vergeht keine Minute am Tag, in der ich nicht an dich denke.“ Nachdem Sabine das gesagt hatte, nahm sie eine Veränderung wahr. Es war fast, als erreiche sie eine Welle von Liebe und Zuneigung von Carsten. Sie lächelte still vor sich hin und war sehr dankbar für den Verlauf des Gespräches.

Carsten erlebte die Veränderung sehr ähnlich. Er hatte den gesamten Tag immer wieder darüber nachgedacht, ob es wirklich stimmen konnte, dass er sich so in Sabine getäuscht hatte. In diesem Moment war er sich sicher, dass aus welchem Grund auch immer, sich Monika vertan haben musste. Er wollte diese Geschichte einfach auf sich beruhen lassen. Vielleicht würde er das einmal ansprechen, wenn er wieder bei Sabine war. Das sollte auf jeden Fall ihre jetzige Stimmung nicht stören.

Er erzählte Sabine von seinem heutigen Tagesablauf. In der Klinik war sehr viel zu tun. „Ich habe es aber dennoch geschafft, immer wieder an dich zu denken.“ Darüber freute Sabine sich sehr. Gleichermaßen erzählte auch sie genau, wie sie den Tag verbracht hatte. Alles schien wieder in allerbester Ordnung zu sein. Sabine schien sich einfach viel zu viele Sorgen und Gedanken gemacht zu haben. Es war offensichtlich wirklich so gewesen. Dass Carsten gestern einen sehr anstrengenden Tag gehabt hatte. Sicher war das der Grund für sein seltsames Verhalten gewesen. Sie war jetzt wieder ganz beruhigt.

Das Gespräch dauerte wieder fast zwei Stunden. Als sie aufgelegt hatten, ging es nicht nur Sabine sehr gut. Auch Carsten war sich sehr sicher, dass alles nur auf einem Missverständnis beruhte. Entschlossen wollte er diese Erkenntnis fest halten.

Snuffy, der dicht bei Sabine lag, stand plötzlich auf. Er hatte die ganze Zeit während des Telefonats sehr in Sabines Nähe gelegen. Er machte insgesamt einen sehr zufriedenen Eindruck. Bestimmt konnte auch Snuffy spüren, dass Sabine jetzt in einer sehr guten Stimmung war.

Sabine wunderte sich über Snuffys Verhalten. Er ging langsam lauernd auf die geschlossene Tür zu. Sabine lief ein Schauer über den Rücken. Zu deutlich erinnerte sie sich an den Einbruch. Sie dachte an Snuffys Verhalten vor diesem Geschehen. Damals hatte sie die Vorzeichen nicht ernst genommen. Als dann der Einbruch geschah, bei dem Snuffy fast sein Leben gelassen hätte, Als Sabine danach wieder klar denken konnte, hatte sie sich fest vorgenommen, Situationen in denen Snuffy sich argwöhnisch verhielt, ernst zu nehmen. So eine Situation schien jetzt tun? Snuffy stand direkt vor der Tür. Sein Fell war leicht gesträubt. Ein leises Knurren drang aus seiner Kehle.

Sabine fühlte sich vollkommen hilflos. Sie griff zum Telefon und wählte, ohne lange darüber nachzudenken, die Rufnummer der Polizei im Ort. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sich jemand meldete. Sabine nannte ihren Namen und schilderte das Problem. „Sind Sie nicht die Frau, auf deren Hof erst kürzlich ein Einbruch stattgefunden hat?“ „Ja, ich bin auch wirklich nicht sehr ängstlich, aber alles ist noch so frisch und ich fürchte mich davor, dass so etwas noch einmal passieren könnte.“ „Ich werde Ihnen sofort einen Streifenwagen schicken. Die sollen sich mal bei Ihnen umsehen. Sollte wirklich ein Ganove in Ihrer Gegend rumlungern,

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wird ihn das abschrecken.“ „Danke.“ Sabine legte auf. Sie ging zu Snuffy und streichelte über sein gesträubtes Fell. „Sei ganz ruhig. Gleich kommt Hilfe. Wir werden uns nicht noch einmal überraschen lassen.

Es dauerte keine viertel Stunde, als Sabine einen Wagen auf den Hof fahren hörte. Erleichtert ging sie zur Haustür und öffnete diese. Zwei Beamte kamen ihr entgegen. „Sie wohnen aber auch wirklich sehr einsam. Wir sind zügig gefahren, aber schneller war das nicht zu schaffen.“ Sabine sah die beiden Männer dankbar lächelnd an. „Danke dass Sie gekommen sind. Vor dem letzten Einbruch verhielt mein Hund sich sehr ähnlich wie heute Abend. Ich bin mir nicht sicher, ob wirklich eine Gefahr lauert. Auf der anderen Seite möchte ich aber auch kein Risiko eingehen. Ich bin sehr froh, dass Sie da sind.“ „Wir werden uns ein wenig auf Ihrem Hof umschauen. Falls hier irgendein Mensch ist, wird ihn das bestimmt verschrecken.“

Die beiden Männer gingen im Schein ein sehr starken mitgebrachten Taschenlampe los. Sie leuchteten in jede Ecke. Als der Lampenstrahl genau auf Jacco traf, fuhr der eine der Männer entsetzt zurück. „Was ist das denn? Ich hätte vor Schreck fast einen Infarkt bekommen.“ Sein Kollege lachte ihn aus. „Ich war vorgewarnt. Ich hatte schon davon gehört, dass auf diesem Hof so ein Untier wohnt.“ „Wenn der hier frei durch die Gegend laufen würde, käme garantiert kein Einbrecher auch nur in die Nähe.“

Die beiden zogen weiter große Kreise über das am Haus liegende Grundstück. Nach einer halben Stunde waren sie wieder bei Sabine und Snuffy an der Tür. „Hier ist nichts Verdächtiges. Wir haben in alle Winkel geleuchtet und alles überprüft. Schließen Sie die Tür und alle Fenster. Das ist dann bestimmt auch für Sie ein beruhigendes Gefühl. Wenn noch irgendetwas verdächtig sein sollte, melden Sie sich. Wir machen uns dann wieder auf den Weg.“ Sabine bedankte sich noch einmal herzlich bei den beiden Männern. Sie sah ihnen nach als sie in das Auto stiegen und den Hof verließen. Schnell ging sie noch gemeinsam mit Snuffy zu Jacco. Der Bär machte einen sehr ausgeglichenen Eindruck. Wenn hier noch irgendjemand in der Nähe wäre, würde er sich bestimmt aufgebracht und unruhig verhalten. Aber er schien sehr ruhig. Sabine kraulte ihn noch hinter den Ohren und ging dann beruhigt zurück zum Haus. Sie schloss die Tür und schob den Riegel davor. Es war ein gutes Gefühl, dass Snuffy auch wieder entspannt zu sein schien. Ohne Umwege schlugen die beiden den Weg zu Sabines Schlafzimmer ein.

Vielleicht hatte sich Snuffy aus einem ganz anderen Grund so verhalten. Sie hatte zwar keine Idee, was das gewesen sein mochte, aber immerhin könnte das auch sein. Sie war trotzdem froh, dass die beiden Polizeibeamten hier gewesen waren. So konnte sie sicher sein, dass keine Gefahr drohte. Entspannt legte sie sich auf ihr Bett. Es dauerte nicht lange, bis sie Schlaf fand.

Der nächste Morgen und die nächsten Tagen verliefen reibungslos. Sabine telefonierte jeden Tag mit Carsten. Sie hatte ihm von dem Ereignis des Abends erzählt. Carsten war beunruhigt. Sabine schaffte es aber, ihm seine Sorgen zu nehmen. Alles schien in bester Ordnung zu sein.

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Die Vertrautheit zu Jacco wurde jeden Tag mehr. Sabine fragte sich, wie er sich verhalten würde, wenn Karin mit ihrer Familie zu Besuch kam. Sie war sich sicher, dass Jacco sich vorbildlich und freundlich verhalten würde.

Auch Snuffy verhielt sich in den letzten Tagen sehr ausgeglichen. Sabine machte sich keine Sorgen mehr, beobachtet zu werden. Ansonsten hätte sich Snuffy ganz anders verhalten.

Sabine hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, als an einem Morgen der ersehnte Anruf kam. Es war die Angestellte des Tierhändlers. „Schönen guten Morgen Frau Reckert. Es war nicht ganz einfach das herauszufinden. Aber ich habe gute Nachrichten für Sie.“ Sabine war sehr aufgeregt. „Das ist aber wirklich sehr nett von Ihnen. Was haben Sie denn herausgefunden?“ „Der Bär, der an Herrn Fischer nach Deutschland verkauft worden ist, wurde gemeinsam mit einer Bärin eingefangen, die in einem Schweizer Tiergarten gelandet ist. Ich habe Ihnen die Anschrift des Tiergartens herausgesucht. Das ist alles schon eine Zeit her. Aber vielleicht haben Sie Glück. Rufen Sie doch dort einfach an und fragen Sie.“ „Ganz herzlichen Dank für Ihre Mühen.“

Die Frau gab Sabine alle Daten durch. Sabine notierte alles sehr gewissenhaft. Sie war sehr gespannt, ob sie es schaffen würde, die Bärin, die Jacco so viel bedeutete, zu befreien.

Schon wenige Augenblick nach Beendigung des Gespräches wählte sie die angegebene Rufnummer. Es dauerte einen Moment, bis sich eine Frau meldete. Sabine stellte sich vor und fragte, ab die Frau einen genauen Überblick über den Tierbestand in dem Park hätte. „Aber natürlich. Mein Mann und ich leben schließlich von den Einnahmen des Tierparks. Was möchten Sie denn wissen?“ „Es geht um eine Bärin. Ich habe von dem Tierhändler, der diese vermittelt hat erfahren, dass sie bei Ihnen lebt.“ „Ja, im Moment lebt sie noch. Es ist aber vorgesehen, sie in den nächsten Tagen einzuschläfern. Sie ist schon seit vielen Jahren bei uns. Jetzt ist sie nichtmehr besonders schön. Sie sieht struppig und vergrämt aus. Da lohnt es sich nicht, so ein Tier weiter zu füttern. Da guckt keiner mehr hin. Wenn die Tiere nur noch Geld kosten, ist es besser, man trennt sich.“ Sabine war entsetzt. Das konnte doch nicht wahr sein. „Könnten Sie sich vorstellen, die Bärin an mich zu verkaufen?“ „Aber was wollen Sie denn mit so einem Vieh machen? Haben Sie Geld zu viel?“ „Nein, sicher nicht. Aber ich habe bereits den Bären der dazugehört. Ich werde versuchen, in den nächsten Tagen bei Ihnen vorbei zu kommen. Wir können dann alles Weitere besprechen. Ich wäre sehr dankbar, wenn Sie mir ein paar Tage Zeit geben. Ich werde mich umgehend bei Ihnen melden, sobald ich weiß, wann ich zu Ihnen kommen kann.“ „Das wird sich machen lassen. Was sind Sie denn bereit auszugeben?“ „Dazu würde ich gerne erst etwas sagen, wenn ich das Tier gesehen habe. Ich kann Ihnen aber jetzt schon versichern, dass Sie Ihre Entscheidung nicht bereuen werden. Für das Einschläfern müssten Sie noch Geld bezahlen. Von mir werden Sie etwas bekommen und Sie haben mit der ganzen Abwicklung nichts zu tun.“ Nachdem Sabine das Gespräch beendet hatte, lief sie sofort zu Jacco.

Sie war sehr aufgeregt. Jacco befand sich im hinteren Teil seines Geheges. Ohne das kleinste Zögern öffnete Sabine die Tür und trat in Jaccos Bereich. Der Bär beobachtete sie. Langsam trottete er ihr entgegen. Sabine kniete sich vor ihn. „Lieber Jacco, stell dir vor, ich weiß jetzt, wo deine Bärenpartnerin ist.“ Sie streichelte über seinen Kopf. Jacco sah sie neugierig an. Die

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ganze Geschichte sprudelte aus Sabine hervor. „Und nur, weil sie jetzt nicht mehr schön und gesund aussieht, sollte sie umgebracht werden. Ich werde das verhindern.“ Und dann geschah es wieder. Sabine vernahm deutlich Jaccos Gedanken. „Ich kann nicht sagen, wie viel es mir bedeuten würde, sie wieder zu sehen. Es ist solange her. Wie wird es weiter gehen?“ Da diese Situation für Sabine schon sehr bekannt, und keineswegs mehr verwunderlich war, antwortete sie ihm sofort. „Ich werde zu Dr. Meierling fahren und ihn bitten, euch alle während meiner Abwesenheit zu versorgen. Mit zwei Tagen müsste ich auskommen um alles zu klären. Ich werde dann den Transport deiner Bärin organisieren. Es wird nur noch wenige Wochen dauern, bis sie bei dir ist.“ „Ich weiß noch nicht wie, aber das werde ich dir vergelten.“ „Jacco, allein dadurch das du bei mir bist und das du dich uns allen so freundlich gegenüber verhältst, ist das schon Dank genug.“ Sie lächelte den Bären liebevoll an.

Nur wenige Momente später verließ sie das Gehege. „Komm Snuffy, wir fahren zu Dr. Meierling.“ Snuffy lief freudig wedelt vor ihr her zum Auto. Als sie die Tür öffnete, sprang er sofort hinein. Sabine startete den Wagen und schlug den Weg zu Dr. Meierlings Praxis ein. Hoffentlich würde er ihre Tiere in ihrer Abwesenheit versorgen.

Als sie bei der Praxis ankam, standen nur zwei Autos auf dem Parkplatz. Wie schön, sie würde nicht lange warten müssen. Gemeinsam mit Snuffy bettrat sie das Wartezimmer. Sie ging zur Anmeldung und erzählte Monika, dass sie mit Dr. Meierling reden wollte. Denn genauer Grund nannte sie Monika nicht. Seit Jaccos Verhalten ihr gegenüber war sie ein wenig auf der Hut. Monika war immer sehr freundlich und nett. Aber irgendeinen Grund musste das gehabt haben. Sie war lieber vorsichtig.

Sabine nahm mit Snuffy im Wartezimmer Platz. Geduldig wartete sie, bis sie an der Reihe war. Dr. Meierling begrüßte sie freundlich. „Guten Morgen Sabine, ist mit Snuffy etwas nicht in Ordnung?“ „Nein, dem geht es super gut. Er ist wieder ganz der Alte. Ich habe ein ganz anderes Anliegen.“ Einen Moment zögerte sie. „Raus mit der Sprache. Was kann ich für Sie tun?“ Dr. Meierling lächelte sie aufmunternd an. „Ich habe herausgefunden, wo die Bärin die mit Jacco zusammen eingefangen wurde, lebt. Ich würde sie auch sehr gerne zu mir holen. Das Dumme ist nur, sie lebt in der Schweiz in einem Tiergarten. Ich werde bestimmt zwei Tage brauchen, bis ich dort alles erledigt habe. Könnten Sie sich vorstellen, in dieser Zeit meine Tiere zu versorgen?“ Er dachte einen Moment nach. Sabine befürchtete schon, dass er ihre Bitte ablehnen würde.

„Sind Sie sich denn wirklich sicher dass Sie das tun wollen? Ein Bär ist schließlich ein anderes Kaliber als ein Kaninchen.“ „Ja, ich möchte das unbedingt tun.“ „Ich komme Morgen bei Ihnen vorbei und Sie zeigen mir, wer was und wie viel bekommt. Ich helfe Ihnen gern.“ „Das ist wirklich sehr lieb von Ihnen. Danke. Damit helfen Sie mir sehr.“

Die beiden verabredeten für den morgigen Tag eine Zeit. Sabine verabschiedete sich und dann verließ die Praxis.

Wenn sie morgen einen genauen Termin mit Dr. Meierling vereinbart hatte, würde sie die Frau aus dem Tiergarten anrufen. Das lief alles sehr gut.

Als sie wieder zu Hause ankam, berichtete sie sofort Jacco von dem Verlauf. Auch der Bär schien sehr zufrieden.

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Zum Abend dieses Tages, als kein Patient mehr im Wartezimmer war, trafen Dr. Meierling und Monika sich im Büro. Den gesamten Tag hatte sie darauf spekuliert das er ihr sagen würde, weshalb Sabine hier gewesen war. Aber er hatte nichts gesagt.

„Weshalb war eigentlich Sabine Reckert heute Morgen bei Ihnen? Ist Snuffy krank?“ „Nein nein. Der ist richtig gut dabei. Es ging darum, dass sie für zwei Tage jemanden braucht, der ihre Tiere versorgt. Sie will in die Schweiz um noch einen Bären zu kaufen.“ „Noch einen. Die kriegt wohl nie genug.“ „Sabine hat einfach ein zu gutes Herz für Tiere. Es handelt sich um den Bären, der vor vielen Jahren gemeinsam mit dem, den sie jetzt hat, eingefangen wurde. Sie will die beiden wieder zusammenbringen.“ „Wie nett von ihr.“

Auch wenn Monika das sagte, sie dachte etwas ganz anderes. Wie bescheuert musste man denn sein, um das Geld mit vollen Händen aus dem Fenster zu werfen. Die bekam wohl immer was sie wollte.

Als Monika auf dem Weg nach Hause war, dachte sie nochmals an Sabine. Den Bären gönnte sie ihr ja noch. Oder besser gesagt, das war ihr egal. Sie dachte weiter an Carsten Koch. Den gönnte sie ihr nicht. Das würde sie zu verhindern wissen. Vielleicht kam die Abwesenheit Sabines wie gerufen. Sie würde Carsten dazu eine Geschichte erzählen.

Es schien einfach alles so zu laufen, als solle sie endlich mal Glück haben. Sie überlegte sich genau, was sie Carsten erzählen wollte. Das musste gelingen.

Als Monika zuhause angekommen war, fiel ihr der Brief von Bernd wieder ein. Was konnte der wollen? Sie ging zu dem Regal und nahm den Brief heraus. Dann setzte sie sich in einen Sessel und öffnete ihn.

Liebe Monika,

sicher hast du bemerkt, dass ich schon des Öfteren versucht habe, dich telefonisch zu erreichen. Leider ist mir das nicht gelungen. So wähle ich nun diesen Weg. Ich wollte dir einfach noch einmal sagen, wie leid mir alles tut. Du kannst dir nicht vorstellen, was ich alles tun würde, um das ungeschehen zu machen.

Ich denke so oft an unsere glückliche Zeit. Ich habe alles kaputt gemacht. Glaubst du, dass wir noch einmal neu beginnen könnten? Ich würde alles tun. Bitte gib mir ein Zeichen.

Ich liebe dich Bernd

Monika konnte kaum glauben was sie da las. Wie konnte Bernd auch nur im Entferntesten denken, dass sie das alles vergessen könnte. Natürlich hatten sie eine schöne Zeit zu Anfang gehabt. Aber die war ja nun einfach vorbei. Sie legte den Brief zur Seite und griff zum Telefon. Sie wählte Carstens Rufnummer.

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Natürlich. Wie sollte es auch anders sein. Besetzt. Zur Kontrolle wählte sie Sabines Nummer. Mit dem gleichen Ergebnis. Besetzt. Das konnte doch wieder nur bedeuten, dass die beiden miteinander redeten.

Hatten ihm ihre Andeutungen noch nicht gereicht? Anscheinend nicht. Sabines Ausflug zu der Bärin kam ihr wirklich wie gerufen. Dieses Mal würde sie eine Geschichte erzählen, die ihn nicht so schnell wieder zur Ruhe kommen lassen sollte.

Jetzt war sie an der Reihe ihr Glück zu finden. Der Preis dafür war ihr egal.

Am nächsten Nachmittag war Sabine gerade von einem Spaziergang mit Snuffy wieder da, als Dr. Meierling auf den Hof gefahren kam. Er wurde freundlich von Snuffy begrüßt, der ihn zum Bärengehege begleitete. Sabine begrüßte ihn sehr freudig. „Danke, dass Sie da sind. Ich werde Ihnen jetzt alles zeigen. Da kommt eine Menge Arbeit auf Sie zu.“ Er grinste. „Da wollen wir doch mal schauen. Das wird schon gelingen.“

Sabine ging mit ihm durch die Ställe. Sie zeigte ihm das Futterplätzchen der Katzen. Als Hilfe hatte sie einen Notizblock mit, auf dem sie alles vermerkte. Als sie wieder beim Bärengehege angekommen waren, erklärte sie noch genau, wann Jacco wie viel Futter bekam.

„Wenn der wüsste, wie gut er es bei Ihnen getroffen hat, würde er Ihnen bestimmt die Füße küssen.“ Sabine lächelte. „Ich glaube schon, das er das weiß. Er ist mir ein guter Freund geworden.“ Genaueres dazu erzählte sie nicht. Dr. Meierling hätte sie bestimmt auch für verrückt erklärt. Das Risiko wollte sie nicht eingehen. „Wann wollen Sie denn eigentlich losfahren?“ „Das hängt davon ab, wann Sie Zeit haben.“

„Das würde sehr gut zum Anfang der nächsten Woche passen. Ist das noch früh genug?“ „Aber ja. Wenn das alles passt, könnten Sie dann auch an einem Tag mit mir gemeinsam dort hinfahren um die Bärin abzuholen?“ „Wenn das an einem Wochenende sein kann, sehe ich kein Problem. Besser wäre es natürlich, wenn Dr. Koch wieder hie wäre. Aber das dauert wohl ein wenig zu lange.“ „Solange würde ich wirklich nur ungern warten. Der Bärin scheint es sehr schlecht zu gehen.“ „Das kriegen wir schon hin.. Sagen Sie mir noch genau Bescheid, wann ich nun ganz genau hier sein soll?“ „Aber ja, wahrscheinlich werde ich Sie schon morgen anrufen. Dann weiß ich bestimmt schon Genaueres.“

Eine Weile redeten die beiden noch über belanglose Sachen. Schließlich machte Dr. Meierling sich auf den Rückweg. „Ich erwarte Ihren Anruf. Bis morgen.“

Sabine winkte ihm nach. Sie freute sich sehr darüber, dass alles so gut zu gelingen schien.

Als Sabine Karin am Telefon von ihrem Vorhaben berichtete, fiel diese fast aus allen Wolken. „Das glaub ich nicht. Hast du es wirklich geschafft heraus zu finden, wo seine Bärin gelandet ist? Das ist wirklich kaum zu glauben. Denkst du, dass die beiden sich noch erkennen werden?“ „Ja, davon bin ich fest überzeugt.“ Sabine hätte der Freundin gerne erzählt, warum sie sich bei dieser Frage so sicher war. Aber natürlich hielt sie sich mit der Erklärung dafür

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zurück. „Hast du schon wieder etwas von Carsten gehört?“ „Ja, wir telefonieren jeden Abend.“

Nachdem die beiden Frauen noch eine Weile über dies und das geplaudert hatten, beendeten sie das Gespräch.

Sabine wählte nun gleich die Rufnummer des Schweizer Tiergartens. Nach wenigen Augenblicken war sie mit der Frau, die sie schon beim letzten Anruf gesprochen hatte, verbunden.

„Ich habe hier soweit alles geregelt. Ich werde mich kommenden Montag zu Ihnen auf den Weg machen. Ich denke, ich werde am frühen Nachmittag bei Ihnen eintreffen. Ist das für Sie so in Ordnung?“ „Aber ja. Wir sind schon recht gespannt. Wie stellen Sie sich das denn eigentlich mit dem Transport vor?“ „Ich nehme das an dem darauffolgenden Wochenende in Angriff. Das habe ich auch schon mit meinem Tierarzt besprochen.“

Sabine spürte sehr deutlich, dass die Frau noch gerne mehr Einzelheiten, wahrscheinlich bezüglich der Summe, die sie bereit war zu zahlen erfragt. Aber das wollte sie erst zur Sprache bringen, wenn sie die Bärin gesehen hatte. Sie sagte, dass sie jetzt ein wenig in Eile sei und beendete das Gespräch.

Dr. Meierling und Monika standen gemeinsam im Büro. „Zum Anfang der nächsten Woche wäre es schön, wenn wir keine festen Termine vereinbaren. Da werde ich nämlich die Tiere von Sabine versorgen.“ „Dann wird sie also schon losfahren um das nächste Bärengeschäft zu erledigen?“ „Ja, sie sagt morgen noch genau Bescheid wann das stattfinden wird.“

Monika tat vollkommen unbeteiligt. In Gedanken formte sie bereits die nächste Geschichte, die sie Carsten Koch erzählen wollte. Sie würde ihn heute Abend anrufen.

Sabine war erstaunt, wie schnell die Zeit verging. Sie hatte sich große Sorgen gemacht, dass die Zeit ohne Carsten sich endlos lang hinziehen würde. Es passierte so viel Neues, dass die Zeit wie im Flug vorbeiging.

Kaum war sie aufgestanden, da war es schon wieder Zeit, Carsten anzurufen. Der ganze Tag schon wieder vorbei. Sie war noch ein Stück mit Snuffy spazieren gewesen, bevor sie zum Hörer griff. Sie freute sich schon sehr darauf, Carsten von der Neuigkeit zu erzählen. Schade, es war besetzt. Da musste sie wohl noch ein paar Minuten warten.

Carsten war nicht im Ansatz darüber erfreut gewesen, als zu der Zeit die er für Sabine und sich eingeplant hatte, schon wieder Monika am anderen Ende der Leitung war. Er würde versuchen, sie möglichst schnell wieder los zu werden.

„Ich dachte, ich ruf Sie noch mal an. Wie geht es Ihnen? Ich glaube, unser letztes Gespräch hat Ihnen recht stark zugesetzt.“ „Ja, das können Sie wohl sagen. Mittlerweile bin ich aber sicher, dass es sich um ein Missverständnis gehandelt haben muss.“ „Ach ja? Da machen Sie sich etwas vor. Eigentlich wollte ich das Thema nicht mehr anschneiden. Aber ich kann einfach nicht mit ansehen, wie Sie in ihr Unglück rennen. Nehmen wir doch nur die nächste Woche. Da wird Ihre liebe Sabine gemeinsam mit ihrem Neuen zwei Tage wegfahren. Wussten Sie das schon?“

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Carsten schwieg. Monika deutete sein Schweigen richtig. „Hab ich mir gedacht, dass diese feine Lady Ihnen das nicht erzählt hat. Sie war heute in der Praxis und hat Dr. Meierling gefragt, ob er ihre Tiere versorgt. Was sagen Sie denn nun?“

Es fiel Monika viel leichter als sie geglaubt hatte, diese Lügengeschichten über Sabine zu erzählen. Ihr war schon klar, dass das nie herauskommen durfte. Aber im Moment zählte nur, dass sie Carsten und Sabine auseinander brachte. Und zwar endgültig. Ihrem eigenen Glück würde dann nichts mehr im Wege stehen.

Carsten war immer noch sprachlos. Das konnte doch einfach nicht sein. In den letzten Tagen war er sich wieder so sicher gewesen. Die Telefongespräche mit Sabine hatten ihm so gut getan. Er hatte wieder das Gefühl gehabt, ihr vollkommen vertrauen zu können. Und nun schon wieder so eine Enttäuschung.

Er konnte einfach nicht mehr glauben, dass Monika die Unwahrheit sagte. Welchen Grund sollte sie auch dafür haben? Er hatte sie in der Praxis als gewissenhafte, ehrliche Mitarbeiterin kennengelernt. Warum sollte sie ihn belügen?

Sabine war ziemlich enttäuscht, als bei ihrem fünften Versuch immer noch das Besetztzeichen ertönte. Mit wem mochte Carsten zu ihrer Zeit solange telefonieren? Sie legte den Hörer wieder an die Seite. Diese Zeit war doch eigentlich immer für Carsten und sie vorgesehen.

Snuffy streckte sich wohlig vor ihren Füßen aus. Sie streichelte verträumt sein Fell. Er genoß diese Zuwendung sehr.

Wenn doch alles so unkompliziert laufen würde wie mit ihren Tieren. Bei denen war alles so einfach.

Wieder griff sie zum Telefon und wählte die Carstens Rufnummer. Endlich. Es war frei. Als er sich meldete, spürte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. „Guten Abend Carsten. Wie geht es dir?“ „Fragst du das wirklich allen Ernstes? Ich glaube nicht, dass es gut ist, wenn wir telefonieren. Ich will dir auch nicht im Weg stehen.“ Sabine wusste überhaupt nicht, was sie sagen sollte. Sie konnte sein Verhalten nicht verstehen. Was war bloß geschehen? In den letzten Tagen war doch einfach alles so wundervoll gewesen. „Aber was ist denn passiert?“ „Ach Sabine, lass uns nicht am Telefon darüber reden. Wir können vielleicht noch einmal sprechen, wenn ich zurück bin.“

Ohne eine Antwort von ihr abzuwarten, legte er auf. Sabine verstand die Welt nicht mehr. Den Hörer hielt sie immer noch in der Hand. Sie konnte nicht verstehen, was gerade passiert war. Was sollte sie tun? Sie dachte angestrengt darüber nach. Ihr fiel keine Lösung ein.

Vielleicht war es doch nicht richtig gewesen, sich auf Carsten einzulassen. Der Schmerz, den sie jetzt hatte, war fast unerträglich. Sie vergrub ihr Gesicht in Snuffys Fell und weinte. In all den Jahren seit Rolfs Tod war ihr kein Mann mehr nahe gekommen. Carsten war der Erste gewesen. Sie hatte geglaubt, dass sie mit ihm ein neues Leben aufbauen könnte. Anscheinend hatte sie sich vertan. Wenn er wenigstens gesagt hätte, was ihn so verärgert hatte. Dann hätte sie vielleicht erklären können, dass er irgendetwas falsch verstanden hatte. Aber dazu hatte er ihr keine Gelegenheit gegeben. Sie weinte vor sich hin. Snuffy spürte natürlich sofort, dass es

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ihr nicht gut ging. Er leckte über ihre Hände. Sabine war glücklich, dass Snuffy bei ihr war. Er war ihr lieber Freund.

Am nächsten Morgen, nach einer fast durchwachten Nacht, rief Sabine in Dr. Meierlings Praxis an. Sie wollte sagen, dass sie für Montag und Dienstag einen Termin in dem Schweizer Tiergarten hatte.

Auch wenn das gestrige Gespräch mit Carsten sie sehr tief betrübt hatte, es musste alles weitergehen. Allein Jacco war sie es schuldig, dass sie sich auf den Weg machte.

Monika war umgehend am Telefon. Sabine meldete sich und fragte, ob Monika Dr. Meierling bitte ausrichten würde, dass die Termine am Montag und Dienstag feststanden. Monika nahm deutlich Sabines Stimmung wahr. Scheinheilig fragte sie, ob Sabine krank sei. „Nein, nein. Es ist alles gut.“ Im Inneren rieb Monika sich die Hände. Ihr Plan schien aufzugehen. Wahrscheinlich hatte Carsten Koch gestern noch mit Sabine telefoniert. Monika grinste zufrieden. „Ich werde es dem Doktor sagen. Er hatte gestern schon so etwas angedeutet.“ „Danke.“ Sabine legte auf.

Sie wollte heute mit keinem Menschen mehr etwas zu tun haben. Begleitet von Snuffy ging sie zu Jacco. Steve und Trude, die beiden Katzen, saßen mit der absoluten Selbstverständlichkeit dicht bei Jacco. Sabine lächelte. Wie groß war ihr Entsetzen beim ersten Mal gewesen. Sie wusste, dass sie Jacco vertrauen konnte. Er würde ihren beiden Kätzchen kein Haar krümmen. Da konnte sie sich sicher sein.

Als Sabine an den Gittern stand kamen Jacco, gefolgt von Steve und Trude zu ihr heran. Wenn ihr vor Jaccos Ankunft irgendjemand erzählt hätte, dass die Tiere sich so verhalten würden, hätte sie das niemals glauben können.

Die nächsten Stunden verbrachte Sabine sehr in Jaccos Nähe. Es tat ihr gut so dicht bei ihm zu sein. Durch seine Anwesenheit empfand sie Trost.

Am Nachmittag rief sie Karin an. Sie erzählte ihr von dem gestrigen Telefongespräch mit Carsten. „Das gibt es doch nicht. Hat er denn überhaupt nicht gesagt, warum er sich so verhält?“ Karin konnte sein Verhalten nicht verstehen. Es war so schön gewesen zu beobachten, wie gut Carsten und Sabine zusammen passten. „Hast du vielleicht irgendetwas gesagt, was ihn verärgert hat? Oder findet er die Idee mit der Bärin nicht gut?“ „Ich bin nicht einmal dazu gekommen, ihm davon zu erzählen. Ich glaube, dass hätte ihn auch eher gefreut. Aber er war von Anfang an sehr komisch.“

Im Stillen hatte Karin die Idee, Carsten anzurufen. Ihr war klar, dass Sabine damit nicht einverstanden sein würde. Vielleicht hatte sie damit auch Recht. Darüber würde sie noch mal in Ruhe nachdenken.

Die nächsten Tage verliefen für Sabine recht traurig. Sie fühlte sich allein und war sehr enttäuscht. Sie versuchte, Carsten aus ihren Gedanken zu verbannen. Das gelang ihr nicht.

Schon sehr früh an diesem Montag hatte Sabine alle Arbeiten erledigt. Sie packte noch einige Sachen zusammen die sie auf die Fahrt in die Schweiz mitnehmen wollte. Snuffy, der schon wartend am Auto stand, bellte sie fröhlich an. Er schien zu ahnen, dass etwas Besonderes auf

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dem Plan stand. Als Sabine zum Auto kam und ihre Sachen einlud, sprang Snuffy aufgeregt auf den Rücksitz. Es dauerte nur noch wenige Minuten bis die beiden aufbrachen.

Die Fahrt bis zu dem Schweizer Tiergarten zog sich endlos in die Länge. Sabine machte zwei längere Pausen, in denen sie mit Snuffy spazieren ging und ihm zu trinken gab.

Wenn das mit der Bärin alles klappen würde, wäre es bestimmt eine große Aufgabe, sie über diese Strecke zu transportieren.

Es war bereits früher Nachmittag, als das Ziel endlich erreicht war. Sie suchte auf dem Parkplatz ein schattiges Plätzchen an dem sie ihr Auto parkte.

Am Kassenhäuschen stellte sie sich der Frau die dort saß vor. „Wie schön dass Sie da sind. Mein Mann und ich haben nicht wirklich daran geglaubt das Sie kommen würden.. Ich bin übrigens Marina Steinert. Ich rufe meinen Mann an, der wird Sie zum Bärenzwinger begleiten.“ Sie griff zum Telefon.

Es dauerte nur wenige Minuten, bis der Mann zur Stelle war. Freudig begrüßte er Sabine. „Steinert. Hatten Sie eine gute Fahrt?“ Er stellte sich direkt neben Sabine. Unaufgefordert hakte er seinen Arm unter ihren. Sabine wich zurück. Aber in diesem Moment drängte schon Snuffy den Mann mit einem energischen Knurren zurück. „Der scheint aber sehr gut auf Sie aufzupassen.“ Er unterließ weitere Versuche sich Sabine zu nähern. „Dann kommen Sie mal mit. Ich wird Ihnen die Gute zeigen.“

Forschen Schrittes ging er Sabine voraus. Verschiedenste Tiere saßen links und rechts des Weges in sehr kleinen Käfigen. Es war sehr traurig, diese Tiere zu sehen. Es war ein sehr trostloser Anblick.

Herr Steinert plauderte die gesamte Zeit fröhlich vor sich hin. Sabine hörte kaum zu. Sie war zu sehr mit dem Anblick der Tiere beschäftigt.

Schon nach knapp zehn Minuten blieb Herr Steinert stehen. „So, da wären wir.“ Er blieb vor einem kleinen Käfig stehen. Sabine erinnerte sich noch sehr deutlich an Jaccos Käfig. Gegen das was sie hier sah, war der allerdings fast feudal gewesen. Für das darin eingesperrte Tier blieb kaum die Möglichkeit, sich umzudrehen. Der Boden bestand einzig und allein aus Beton. An einer Seite war ein Liegebrett. Nicht der kleinste Unterschlupf. In der hintersten Ecke saß die Bärin.

Sabine war restlos entsetzt. Sie überlegte sogar, ob es nicht besser sei, dieses Tier wirklich einzuschläfern. Aber nein. Sie wollte die Bärin aus diesem Elend befreien. Wenn sie Jacco wieder traf, würde sie sich schon erholen. Sabine trat sehr dicht an die Absperrung heran. Voller Mitgefühl betrachtete sie die Bärin. Was für ein Leben hatte dieses Geschöpf hinter sich? Ganz sanft und leise sprach sie auf das zurückgezogene Tier ein. „Deine Zeit hier ist nun fast vorbei. Du wirst schon in den nächsten Tagen deinen Bärenfreund wieder sehen. Der lebt jetzt bei mir. Ihr werdet euer Leben gemeinsam in Zufriedenheit und ohne Qualen leben können.“ Sie lächelte die Bärin an. Das Tier hatte den Kopf gehoben und sah sie an. Es war ihr bestimmt lange, oder vielleicht sogar noch nie passiert, dass ein Mensch so mit ihr redete.

Sabine wandte sich Herrn Steinert zu. „Haben Sie sich nie Gedanken darüber gemacht, wie sich dieses Tier wohl fühlen mag?“ „Das ist doch nur ein Tier. Die können das schon

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aushalten. Das wäre ja wohl auch noch schöner, wenn man sich darum auch noch Gedanken machen sollte. Sie hat all die Jahre ihr Futter bekommen. Aber jetzt ist ihre Zeit hier um. Nach einem alten lustlosen Tier guckt sowieso keiner mehr.“

Sabine war über diese Einstellung entsetzt. Wie konnte es bloß sein, dass die Menschen die Tiere einzig und allein als Einnahmequelle sahen? Für solche Menschen gab es alles, aber keine Entschuldigung. Und auf gar keinen Fall Verständnis.

„Ich werde die Bärin am kommenden Wochenende, also am Samstag gegen Mittag abholen. Ich werde einen Tierarzt mitbringen, der sie für den Transport betäuben wird.“ „Das ist schön. Aber da wäre noch eine Kleinigkeit zu klären. Was haben Sie für eine Vorstellung, was so ein Tier kostet! Sie glauben hoffentlich nicht, dass ich Tiere zu verschenken habe.“ Sabine war fast sprachlos. Ihr war klar gewesen, dass dieser Typ die Bärin nicht kostenlos abgeben würde. Aber jetzt schien es so. als wolle er noch ein richtiges Geschäft mit der Bärin machen. Sabine holte tief Luft und versuchte, sich zu sammeln. „Es ist mir sehr klar, dass Sie dieses Tier nicht verschenken wollen. Ihre Frau hatte bereits gesagt, dass die Bärin eingeschläfert werden sollte. Was wollen Sie für das Tier haben?“ „Wären Sie mit 3000.- Euro einverstanden?“ Fast hätte Sabine ohne jegliche Überlegung mit einem JA geantwortet. Glücklicherweise besann sie sich aber noch. „Finden Sie das nicht ein wenig unverschämt? Haben Sie nicht in all den Jahren genug Geld an diesem Geschöpf verdient? Ich zahle Ihnen die Hälfte. 1500.- Euro. Sie können jetzt entweder zustimmen oder ich fahre wieder.“ Sabine staunte fast über ihre Entschlossenheit. Natürlich würde sie die Bärin kaufen. Der Preis war ihr egal. Aber das musste dieser geldgierige Kerl nicht wissen. Herr Steinert überlegte. Nach einer knappen Minute entspannten sich seine nachdenklichen Züge. „Also gut. Da machen Sie ein gutes Geschäft.“ „Ich komme gleich in Ihr Büro. Da können wir einen Kaufvertrag erstellen und ich bezahle auch sofort.“ Ohne auch nur ein Wort dazu zu sagen drehte Herr Steinert sich um und zog von dannen.

Sabine wandte sich wieder der Bärin zu. „Ich werde gleich noch in die Stadt fahren. Dann wirst du ein gutes Essen bekommen. In den nächsten Tagen kannst du dann schon davon träumen, wie es für dich in Zukunft sein wird.“ Es schien fast so, als würde die Bärin ihr aufmerksam zuhören.

Nachdem Sabine alles mit Herrn Steinert geregelt hatte, machte sie sich auf den Weg in einen größeren Einkaufsmarkt, um dort für die Bärin einzukaufen. Sie erinnerte sich bei diesem Gang sehr deutlich an die Zeit, in der sie diese Einkäufe für Jacco getätigt hatte. In diesem Zusammenhang musste sich auch an Carsten denken. Als Jacco noch in dem Zwinger im Tiergarten saß, hatte sie diese wundervolle Zeit mit Carsten noch vor sich gehabt. Nun diese Wende. Wenn er doch bloß gesagt hätte, was passiert war. Sie hatte noch sehr viel darüber nachgegrübelt. Aber ihr war immer noch sehr unklar, wie es dazu kommen konnte, dass Carsten sich so von ihr abgewendet hatte. Sie hatte unzählige Male überlegt, ob sie ihn einfach noch einmal anrufen sollte und um ein klärendes Gespräch bitten. Aber auch das hatte sie nicht getan. Zu deutlich war ihr noch in Erinnerung, wie es beim letzten Mal gelaufen war. Es würden noch viele Wochen vergehen, bis er wieder zurück war. Ob er sich dann bei ihr melden würde? Gesagt hatte er das. Vielleicht war aber dann auch schon zu viel Zeit verstrichen. Sie wusste nicht, was sie tun sollte.

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Zunächst verdrängte sie all diese Gedanken sehr energisch. Jetzt wollte sie nur für die Bärin da sein. Sie stand bereits an der Kasse und verstaute alles in einem mitgebrachten Korb. Die Bärin würde sich wundern, was für feine Leckereien es gab.

Als Sabine wieder zum Auto kam, wurde sie freudig von Snuffy begrüßt. Sie war sehr glücklich, dass sie Snuffy mitgenommen hatte. Es war ein gutes Gefühl, diesen treuen Freund an ihrer Seite zu haben.

Sie machte sich auf den Rückweg zum Tierpark. Bevor sie sich auf den Weg zu der Bärin machte, ging sie ein Stück mit Snuffy durch die Gegend. Als sie wieder am Auto ankamen
und Sabine alle Sachen für die Bärin zusammensuchte, machte Snuffy einen sehr aufmerksamen Eindruck. Er schien genau zu wissen, was sie jetzt tun wollten. Zielstrebig gengen die beiden durch den Park Richtung Bärenzwinger. Die Bärin saß nach wie vor in der hinteren Ecke. Sie schien sich nicht ein winziges Stück bewegt zu haben. Sabine trat dicht an die Absperrung heran. Sie nahm einige Stück Fleisch und warf sie der Bärin zu. Es dauerte
nur einen kleinen Moment, bis diese sich ergab und auf das Fleisch zuging. Argwöhnisch beschnupperte sie die Brocken. Aber dann siegte doch ihr Verlangen, diese Leckereien zu probieren. Sabine konnte sich ein zufriedenes Grinsen nicht verkneifen. Sie warf ihr weitere Stücke zu. Schritt für Schritt näherte sich das Tier an die Absperrung heran. Sabine war von dem Anblick der Bärin ziemlich entsetzt. Sie konnte sie nun genauer betrachten. Ihr Fell war struppig und an einigen Stellen kahl. Sie sah sehr mager und gebrechlich aus. Sie sah ihr in
die Augen. Diese waren stumpf und glanzlos. Sabine fühlte sich zu diesem Wesen sehr hingezogen. Ganz plötzlich, ohne darüber nachgedacht zu haben, fiel ihr ein Name für die Bärin ein. Sie lächelte, dann sprach sie die Bärin an. „Ich würde dich gerne Stina nennen. Das ist mir gerade in den Kopf gekommen. Wärst du damit einverstanden?“ Natürlich bekam sie keine Antwort. Damit hatte sie aber auch nicht gerechnet. „Morgen früh werde ich noch einmal bei dir vorbei sehen und dir ein paar Sachen mitbringen. Dann sind es nur noch wenige Tage, die du hier aushalten musst. Wir werden dich Samstag abholen. Wenn du den Transport überstanden hast, wirst du bei deinem Freund in Sicherheit sein.“ Eine Weile blieb Sabine noch bei Stina sitzen. Schließlich machte sie sich aber auf den Weg zu ihrem Auto. Sie

musste für die Nacht noch ein geeignetes Quartier suchen.

Carsten fühlte sich ziemlich elend. In den letzten Tagen hatte er sehr viel gearbeitet. Zweimal hatte er noch mit Monika telefoniert. Eigentlich waren ihm diese Telefonate zuwider. Sie versuchte zwar bei jedem Gespräch ihn zu trösten und ihm Mut zu zusprechen, aber er hatte nur sehr wenig Lust, sich darauf einzulassen. Zu groß war seine Sehnsucht nach Sabine. Er hatte einige Male darüber nachgedacht, sie anzurufen. Aber der Abstand zwischen ihnen schien schon zu groß geworden zu sein. Bei den Telefonaten mit Monika hatte diese auch immer wieder erzählt, wie Sabine sich immer schon in Männergeschichten verstrickt hatte. „Selbst in der Zeit als sie verheiratet war, war so etwas keine Ausnahme.“ Carsten erinnerte sich an die Nacht, als Sabine von Rolf erzählt hatte. Sie war in Tränen aufgelöst gewesen und er hatte sie getröstet. War das wirklich alles nur gespielt gewesen? Er konnte es kaum glauben. Wenn er allerdings Monika zuhörte, kamen ihm Zweifel an Sabines Glaubwürdigkeit. „Das pfiffen doch sozusagen die Spatzen von den Dächern. Und für Sabine schien das alles in Ordnung zu sein.“ Monikas Worte klangen ihm noch in den Ohren. Wenn er wieder zurück war, würde er mit Sabine ein Gespräch führen, indem er sie gezielt zur Rede

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stellen würde. Am Telefon konnte sie ihm viel erzählen. Er hatte dabei keine Chance das Gesagte zu überprüfen. Wenn sie sich gegenüber saßen, gäbe es für ihn sicher eine bessere Gelegenheit, zu bemerken, ob sie die Wahrheit sprach. Vielleicht würde es so sein, dass sie dann auch alles zugab. Er wusste es nicht. Nicht ein einziges Mal dachte er darüber nach, ob Monika ihn anlog. Das konnte er sich einfach nicht vorstellen. Welchen Grund sollte sie auch dafür haben? Vielleicht würde er das auch alles mal mit Dr. Meierling besprechen. Bei ihm hatte er das Gefühl gehabt, das er sich über das Zusammenfinden von Sabine und ihm gefreut hatte. Wäre es nicht wahrscheinlich gewesen, dass dieser auch etwas zu Sabines Männergeschichten erzählt hätte? Er wusste es nicht. Er würde die Zeit abwarten.

Am nächsten Morgen rief Sabine Karin an. „Stell dir vor, ich habe sie gekauft. Einen Namen hat sie auch schon.“ „Erzähl doch. Ich bin total gespannt.“ „Kannst du dich noch an Jaccos Unterkunft erinnern?“ „Natürlich. Es ist mir immer noch ein Rätsel, wie man so etwas machen kann.“ „Die Bärin, ich habe sie Stina genannt, hat es noch viel schlechter. Ihr Käfig ist winzig. Sie sieht sehr schlecht aus.“ „Die wird sehr froh sein, wenn sie bei dir ist.“ Sabine erzählte der Freundin noch genau, wie die nächsten Schritte sein sollten. Karin hörte der Freundin aufmerksam zu. „Wenn doch bloß schon Herbstferien wären. Ich kann die Wartezeit bis dahin kaum aushalten.“ „Aber das sind ja wirklich nur noch ein paar Wochen. Es ist doch einfach wunderbar, dass Georg und deine Kinder mit der Reise einverstanden sind.“ „Ja, aber das Warten ist trotzdem nicht einfach.“

Später machte Sabine sich auf den Weg in den Tiergarten. Sie hatte für Stina wieder einen Eimer mit den schönsten Leckereien bei sich. Bevor die Bärin die nächsten Tage wieder in dem alten Trott verbringen musste, wollte sie ihr noch eine Freude machen.

Als Sabine an dem Käfig ankam, saß Stina wieder teilnahmslos in einer hinteren Ecke. Sofort sprach Sabine freundlich, doch sehr behutsam und leise auf die Bärin ein. Nach einem sehr kurzen Moment stand Stina auf und kam näher zu Sabine heran. Das war fast unglaublich. Mit so einem Verhalten hätte Sabine nicht gerechnet. Sie reichte dem Elend wirkenden Tier die mitgebrachten Leckereien. Stina stürzte sich gierig darauf. „Liebe Stina, heute ist schon Dienstag. Samstag werden wir dich abholen. ES sind nur noch drei Tage, die du hier aushalten musst. Wenn Jacco bei uns wäre, könnte er dir das genau erklären. Aber vertrau mir. Ich komme in wenigen Tagen wieder.“ Eine Weile verbrachte Sabine noch vor dem Bärenzwinger. Dann machte sie sich gemeinsam mit Snuffy auf den Rückweg. Vor ihnen lagen einige Stunden Autofahrt. Auch wenn das nicht zu Sabines Lieblingsbeschäftigung gehörte, für Stina nahm sie es gerne in Kauf.

Obwohl Sabine sich sehr nach ihren Tieren sehnte, schlug sie zuerst den Weg zu Dr. Meierling ein. In der Praxis schien es noch sehr ruhig zu sein. Es standen keine Autos auf dem Parkplatz. Sabine lud Snuffy aus und ging zum Wartezimmer. Kein einziger Mensch war dort zu erblicken. Sie hatte schon einige Minuten gewartet, als Monika den Raum betrat. „Hallo, sind Sie schon von Ihrer Reise zurück?“ „Ja, ich bin eben wieder angekommen. Wäre es möglich, Dr. Meierling kurz zu sprechen?“ „Bestimmt. Ich schau mal, wo er steckt.“ Mit diesen Worten verließ sie das Wartezimmer. Monika konnte es sich kaum verkneifen, Sabine auf Dr. Koch anzusprechen. Sie hätte zu gerne gewusst, wie Sabine mit der Situation umging. Vielleicht würde sie ihr gleich erzählen, dass sie in den nächsten nach Hannover zu fahren gedacht, um ihn zu besuchen. Das war bestimmt spannend zu sehen, wie Sabine darauf

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reagierte. Sie würde gleich versuchen, Sabine noch kurz allein zu sprechen. Es war nicht gut, wenn Dr. Meierling dabei war. Der durfte von all dem nichts wissen.

Sabine musste keine fünf Minuten warten, bis Dr. Meierling zu ihr kam. „Sabine, so früh hatte ich Sie noch gar nicht zurück erwartet. Als allerstes: Ihren Tieren geht es allen gut. Das ist wirklich eine entzückende Bande. Aber jetzt berichten Sie erst mal. Wie ist es gelaufen? Haben Sie die Bärin gekauft?“ „Natürlich. Sie können sich nicht vorstellen, in welchem Zustand dieses arme Wesen ist. Jacco sah schon schlimm aus, aber dieses Tier ist bei weitem schlechter dran. Ich habe mit dem Tiergartenbesitzer besprochen, das wir Stina am Samstag abholen.“ „Haben Sie ihr den Namen gegeben oder hieß sie schon so?“ „Den Namen hat sie von mir bekommen. Das fiel mir einfach so ein. Heute Morgen hat sie mich sogar schon recht freundlich begrüßt. Ich freue mich sehr darauf, wenn sie hier ist.“ „Ich werde dann für Samstag alles vorbereiten. Einschließlich Anhänger und Narkosemittel. Da haben wir gewaltig etwas vor uns.“ „Ich finde es unbeschreiblich nett von Ihnen, dass Sie mich da unterstützen.“ Nachdem die beiden noch eine genaue Zeit für Samstag ausgemacht hatten, verabschiedete Sabine sich und fuhr nach Hause. Monika stand hinter der Gardine im Büro und beobachtete sie. Das war aber wirklich ärgerlich gewesen, das ihr Chef so schnell zur Stelle war. Bestimmt würde sich bald eine neue Gelegenheit für sie ergeben. Vielleicht wäre das auch gar nicht gut gewesen, Sabine jetzt schon zu viel Druck zu machen. Es könnte schließlich sein, das am Samstag auf der langen Fahrt auch das Gespräch auf Carsten Koch kam. Es war besser, zurzeit noch nicht zu viel zu tun. Ihre Gelegenheit würde kommen.

Sabine war froh, wieder zu Hause zu sein. Ihre Tiergefährten schienen alle schon auf sie gewartet zu haben. Ihr erster Weg führte sie zu Jacco. „Ich habe sie gefunden. Sie sieht ziemlich krank und ausgemergelt aus. Wenn sie erst eine Zeit hier ist, wird sie sich erholen. Am Samstag fahre ich mit Dr. Meierling los um sie abzuholen.“ Jacco sah sie lange und sehr intensiv an. „Danke. Ich werde immer alles für dich tun was ich kann. Ich hätte in meinem Leben nicht mehr daran geglaubt, sie wieder zu sehen. Danke.“

Monika war an diesem Abend erst spät zu Hause. Sie hatte noch die Abrechnung für den letzten Monat gemacht. Sie parkte auf dem Parkplatz vor ihrem Haus und ging auf die Haustür zu. Kaum drei Meter davor trat Ihr ein Mann in den Weg. Monika sprang ein Stück zur Seite. Sie hatte sich sehr erschrocken. Aber dann gab der Mann sich zu erkennen. Es war Bernd. „Monika, hast du meinen Brief nicht bekommen? Ich habe so gehofft, dass du dich meldest.“ „Ich wüsste nicht, warum ich mich bei dir melden sollte. Zwischen uns ist alles gesagt. Denk an die letzte Nacht die du hier verbracht hast zurück. Glaubst du, ich könnte das vergessen?“ „Ich würde alles tun, um das ungeschehen zu machen. Monika, ich liebe dich. Bitte verzeih mir.“ Monika sah ihn schweigend an. Sie überlegte, wie sie ihn loswerden konnte. Sie hatte keine Lust, sich auf ihn einzulassen. „Selbst wenn ich dir das verzeihen würde, wäre es zu spät. Es gibt einen anderen Mann in meinem Leben, dem du sowieso nicht das Wasser reichen kannst.“ Es war dunkel. Dennoch spürte Monika Bernds Betroffenheit. Es war nicht nötig ihm ins Gesicht zu sehen. Seine Stimmung war auch so deutlich wahrnehmbar. „Wer ist es denn? Kenne ich den?“ „Das geht dich nichts an.“ Entschlossen ging Monika an Bernd vorbei. Er hielt sie nicht auf. Als sie in ihrer Wohnung war, beruhigte sie sich ein wenig. Zu Bernd wollte sie nie wieder Kontakt haben.

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Sabine konnte kaum glauben, wie schnell die Tage vergingen. Morgen früh würde sie sich mit Dr. Meierling treffen. Morgen Abend um diese Zeit würde Stina schon bei ihnen sein. Sie war sehr gespannt auf Jaccos Reaktion, wenn er seine Bärin wieder bei sich hatte.

Pünktlich um halb sieben fuhr Dr. Meierling auf den Hof. Sabine war gerade mit ihrer Morgenarbeit fertig geworden. Sie holte den vorbereiteten Korb, der ein komplettes Frühstück enthielt, aus der Küche. „Wenn es für Sie in Ordnung ist, können wir losfahren. Ich habe alle Tiere versorgt. Snuffy war auch schon ein Stück spazieren.“ „Dann lassen Sie uns aufbrechen. Umso schneller sind wir wieder hier.“ Dr. Meierling öffnete die hintere Klappe seines Kombis, um Snuffy einsteigen zu lassen. Und schon ging es los. Eine weite Strecke lag vor ihnen. Welch Glück, das sie sich beim Fahren abwechseln konnten. So würde es für beide nicht allzu anstrengend werden.

Sabine war sehr erleichtert darüber, dass Dr. Meierling sie begleitete. Da sie die gesamte Zeit gut miteinander reden konnten, kam ihr die Zeit nicht lang vor. Natürlich war auch Carsten Koch Gesprächsthema. Sabine wäre nicht davon angefangen. Aber Dr. Meierling fragte nach ihm. „Wie stehen Sie denn in Verbindung zu Dr. Loch? Was sagt er denn zu dem neuen Bärenzuwachs?“ „Er weiß noch Garnichts davon. Unser Kontakt ist abgebrochen.“ „Das ist aber komisch. Ich hatte das Gefühl, als wären sie füreinander bestimmt.“ „Das hatte auch für mich den Anschein. Aber anscheinend habe ich mich geirrt.“ „Es geht mich ja eigentlich nichts an, aber was ist denn passiert?“ „Wenn ich das wüsste. Es war von einem Tag auf den nächsten vorbei. In der ersten Zeit haben wir jeden Abend telefoniert. Es war alles gut. Und dann plötzlich diese Veränderung. Ich weiß es wirklich nicht.“ Dr. Meierling strich Sabine über ihren Arm. „Das wird sich bestimmt aufklären, wenn er wieder hier ist. Das sind nur noch einige Wochen.“ Sabine sah ihn dankbar an. Es tat gut, wie viel Anteil er nahm.

Den weiteren Weg mieden beide das Gespräch nochmals auf Carsten Koch zu bringen.

Kurz nach Mittag hatten sie ihr Ziel erreicht. „Ich bin gespannt, ob das alles gut gehen wird. Ich habe schon eine Ewigkeit nicht mehr mit einem Narkosegewehr gearbeitet.“

Als sie an dem Bärenzwinger ankamen, wurden sie bereits von Herrn Steinert erwartet. Sabine stellte die beiden Männer einander vor. Dr. Meierling betrachtete sie Bärin, die wieder in einer Ecke hockte, aufmerksam. Bei seinem Anblick war es nicht schwer, seine Gedanken zu erraten. Er murmelte nur leise, kaum hörbar vor sich hin. „Die sieht aber schlimm aus.“ Mehr sagte er nicht. Er bereitete alles für die Narkose vor. Er sah Sabine an. „Ich kann ihnen nicht versprechen, ob sie die Narkose und den Transport überleben wird. Aber das ist offensichtlich ihre einzige Chance. Hier sind ihre Tage auch gezählt.“ Sabine sah ihn traurig an. Sie sagte nichts. Sie wusste, das Dr. Meierling alles versuchen würde, die Narkose so schonend wie möglich zu machen.

Stina sah ihn aufmerksam aber sehr misstrauisch zu. Soweit es ging, verkroch sie sich in der Ecke des Zwingers. Sabine redete beruhigend auf sie ein. Alle Vertrauensseligkeit, die Stina in den ersten beiden Tagen gezeigt hatte, war verflogen. Als Dr. Meierling das Gewehr anhob und zielte, bleckte sie die Zähne. Ein tiefes Grollen entrann ihrer Kehle. Das nützte ihr natürlich nichts. Der Narkosepfeil traf sie. Es dauerte keine fünfzehn Minuten, bis sie zu Boden ging. Sie warteten noch eine kleine Weile. Als sie sich ganz sicher waren, das Stina schlief, betraten sie den Zwinger. Dr. Meierling tastete die schlafende Bärin behutsam ab.

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„Man kann tatsächlich jeden Wirbel an ihrem Rücken tasten. So ein mageres Tier habe ich selten gesehen.“ Er holte aus dem Anhänger eine dicke Decke, auf die er Stina rollte. Gemeinsam mit Herrn Steinert zogen sie die schlafende Bärin zum Anhänger. Da sie ziemlich leicht war, kostete es nicht allzu viel Kraft, sie zu verladen. Ohne sich noch länger um Herrn Steinert zu kümmern, stiegen Sabine und Dr. Meierling in das Auto. Sie drehten an der nächsten Möglichkeit und verließen dann auf dem schnellsten Wege den Tiergarten. Dr. Meierling sah Sabine an. „Sabine, ich kann wirklich nur hoffen, dass sie das überlebt. Wir werden unterwegs einige Pausen machen um nach ihr zu sehen.“

Bei der ersten Pause, fast war schon eine Stunde um, war es fast ein beruhigendes Bild, die Bärin zu sehen. Sie lag tief schlafend auf der Decke im Anhänger. Ihr Atem ging regelmäßig. Und auch ihre Herztätigkeit, Dr. Meierling hatte sie mit einem Stethoskop abgehört, war zufriedenstellend. Umgehend machten sie sich auf den weiteren Weg Richtung Heimat.

In den nächsten drei Stunden folgten zwei weitere Stopps. Aber auch dabei gab es keinen Grund, über Stinas Befinden in Sorge zu geraten.

Erst beim letzten Halt, sie waren nur noch knappe 100 Kilometer von zu Hause entfernt, war Dr. Meierling bei Stinas Anblick etwas unruhig. „Es sieht so aus, als würde das Narkosemittel an Wirkung verlieren. Schauen Sie mal.“ Er tippte mit seiner Zeigefingerkuppe auf Stinas Auge. Die Bärin zuckte. Zwar unternahm sie weiter noch keine Bewegungen, um die Berührung abzuwehren. „Die nächste Stunde, und solange werden wir sicher noch brauchen, wird sie zur Besinnung kommen lassen. Sie mag ja ein freundliches Tier sein, aber das möchte ich trotzdem nicht miterleben.“ „Werden Sie das Mittel nachdosieren?“ „Mir bleibt leider keine andere Wahl.“ Kurzentschlossen holte er aus seiner Medikamententasche das Mittel. Er gab Stina eine Spritze unter ihr Fell. „Wir sollten jetzt zügig weiter fahren. Noch eine Nachdosierung sollten wir ihr ersparen.“

Der restliche Weg zog sich in die Länge. Je näher sie ihrem Ziel kamen, so langsamer schienen die Uhren zu ticken. Dr. Meierling und Sabine sprachen nicht mehr zusammen. Sie hatten sich die ganze Fahrt über sehr gut unterhalten. Jetzt war einfach die Anspannung der beiden zu groß. Es musste gelingen, ihr Ziel rechtzeitig zu erreichen.

Endlich, endlich war es soweit. Dr. Meierling bog in Sabines Hofeinfahrt ein. Er fuhr sehr dicht an Jaccos Gehege heran. „Wir sollten sie umgehend ausladen. Wie werden wir es schaffen, den großen Bären in Schach zu halten?“ „Darum brauchen Sie sich nicht kümmern. Aber bitte vergessen Sie das, was Sie jetzt sehen.“ Sabine lächelte ihn an. Er verfolgte sie mit den Blicken. Als Sabine wie selbstverständlich die Tür zu Jaccos Gehege öffnete und hinein ging, traute er seinen Augen kaum. Was machte sie denn da? War sie verrückt geworden?

Sabine ging auf Jacco zu. Sie kniete vor ihm nieder. „Sie ist bei uns. Wir müssen sie aber in Ruhe ausladen können. Ich muss dich solange einsperren. Komm mit.“ Sie stand auf und ging auf das Bärenhaus zu. Jacco folgte ihr. Als er in dem Haus verschwunden war, schloss Sabine die Tür. Sie drehte sich um und lief durch den Auslauf auf die Tür zu. Sie öffnete sie und stand dann wieder vor Dr. Meierling. Sprachlos sah er sie an. „Was war das Denn? Sind Sie verrückt geworden? Der hätte sie umbringen können.“ „Bitte sagen Sie nichts dazu. Jacco ist mein Freund. Ich vertraue ihm. Wir sollten jetzt Stina ausladen, bevor sie doch noch aufwacht.“ Dr. Meierling sagte nichts mehr. Er schüttelte nur ungläubig den Kopf. Die beiden

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gingen zu dem Anhänger. Dr. Meierling öffnete die Klappe und sah sich Stina an. Die Zeit schien gerade noch zu passen, um sie in das Gehege zu tragen. „Meinen Sie, Sie kriegen das hin? Ganz so leicht ist sie doch nicht. Wir sind schließlich nur zu zweit.“ „Na klar. Das wird schon gehen.“ Unter Einsatz all ihrer Kräfte schafften es Sabine und Dr. Meierling, die Bärin aus dem Anhänger zu hieven. Bis zum Gehege waren es nur noch wenige Meter, die sie sie auf der Decke zogen. Das ging alles reibungslos. Es war geschafft. Stina lag im Gehege auf der Decke. „Bitte verlassen Sie das Gehege. Ich werde Jacco wieder freilassen. Ich weiß nicht, was er machen würde, wenn er Sie in seinem Bereich entdeckt.“

Das ließ Dr. Meierling sich nicht zweimal sagen. Er verspürte keine Lust, dem großen Bären ohne das trennende Gitter zu begegnen. Wenn Sabine gleich wieder bei ihm war, würde er ihr auch noch einmal ins Gewissen reden. Das konnte doch nicht sein, dass sie so unvorsichtig mit dem Bären umging.

Sabine ging zu Jaccos Bärenhaus und öffnete die Tür. Der Bär beachtete sie nicht. Er ging zu auf der Decke liegenden Bärin. Sabine störte ihn nicht. Sie ging durch das Gehege auf den Ausgang zu. Dr. Meierling öffnete ihr die Tür. Die beiden stellten sich dicht an das Gitter und beobachteten Jacco. Sabine konnte zwar keine Gedanken von ihm wahrnehmen, spürte aber dennoch die Ergriffenheit des Tieres. Zunächst beschnüffelte er die Bärin ausgiebig. Dann legte er sich dicht neben sie. Er begann, ihr über ihr Gesicht zu lecken. Sehr sorgfältig und auch sehr vorsichtig setzte er dieses Tun fort. Stina lag noch sehr regungslos auf ihrer Decke, Sie blinzelte kaum wahrnehmbar mit ihren Augen. Sabine umklammerte Dr. Meierlings Arm. „Sie hat geblinzelt. Ich habe es deutlich gesehen.“ „Ja, sie scheint nicht mehr weit davon entfernt zu sein, ihr Bewusstsein wieder zu erlangen. Gott sei Dank das das geglückt ist.“ Er drehte sich zu Sabine und nahm sie in den Arm. „Herzlichen Glückwunsch. Er ist alles gut.“ Voller Freude erwiderte Sabine diese Umarmung. Sie hatte in Dr. Meierling einen wirklich guten Freund.

Es dauerte nur noch ein paar Minuten, bis Stina den Kopf hab. Sie sah sich argwöhnisch um. Jacco hockte sehr dicht neben ihr. In diesem Moment drehte er sich zu Sabine herum. Er sah sie lange an. Sabine nahm seine Gedanken und auch seine Freude deutlich wahr. „Danke.“ Sie lächelte ihn an. Dr. Meierling betrachtete das, was zwischen Jacco und Sabine ablief sehr genau. Zwar konnte er keine Gedanken von Jacco wahrnehmen und dennoch spürte er, dass da etwas ganz Besonderes zwischen Sabine und dem Bären ablief. „Sind Sie schon öfters so wie vorhin in seiner Nähe gewesen? Es mag sein das Sie eine ganz besondere Freundschaft zu diesem Tier haben. Wenn man sie beobachtet, ist das auch deutlich zu erkennen. Ich finde es trotzdem sehr riskant. Sie dürfen nicht vergessen, dass er ein wildes unberechenbares Tier ist. Machen Sie das bitte nicht mehr.“ „Lieber Dr. Meierling, Sie sind der einzige Mensch, der das anschauen durfte. Bitte sagen Sie auch nichts mehr dazu. Mir ist schon klar, dass das sehr wagemutig und unvorsichtig erscheinen muss. Aber bitte glauben Sie mir, es ist so in Ordnung. Irgendwann werde ich Ihnen vielleicht einmal die ganze Geschichte erzählen.“ Er sah sie fragend an. „Was ist denn sonst noch passiert?“ „Bitte drängen Sie mich nicht. Ich weiß noch nicht wann ich Ihnen das erzählen kann.“ Er sah sie schweigend an. Dann drehte er sich wieder den Bären zu. Stina versuchte bereits, sich aufzurichten. Das gelang aber noch nicht. Jacco war die ganze Zeit sehr in ihrer Nähe. Sie nahm ihn auch schon deutlich wahr. In seiner Nähe schien sie sich sehr behütet zu fühlen. „Ich fahre ins Dorf und besorge uns etwas zu essen. Das haben wir uns verdient. Bis ich wieder hier bin, haben Sie dann auch bestimmt

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schon alle anderen Tiere versorgt.“ Er drehte sich um und ging zu seinem Auto. Sabine sah ihm nach, als er den Hof verließ. Es fiel ihr schwer, sich von dem Anblick der Bären zu trennen. Aber es gab schließlich noch viele Tiere, um die sie sich kümmern musste. Sie ́ging zuerst in die Küche und bereitete das Futter für Trude und Steve vor, die schon wartend in der Küche saßen. Als nächstes ging sie mit Snuffy in Richtung Waldwiese zu den anderen Tieren. Da schien alles in allerbester Ordnung zu sein. Alle Tiere standen friedlich grasend gemeinsam auf der Wiese. Sie ging mit Snuffy ein Stück in Richtung See. Immer wenn sie hier vorbeikam, dachte sie an die schöne Zeit mit Karin zurück. Bald würde ihre Freundin wieder bei ihr sein. Snuffy lief schnuppernd ein Stück vor ihr her. Manchmal blieb er stehen, drehte sich um und sah sie wedelnd an. Ohne irgendwelche Anzeichen blieb er plötzlich stehen, sträubte sein Fell und knurrte leise. Sabine erschrak. Er schien zu spüren, dass hier irgendetwas nicht in Ordnung war. Sabine sprach ihn leise an. „Ist ja gut. Sei ganz lieb. Lass uns zurückgehen.“ Mit diesen Worten drehte sie um. Snuffy folgte ihr. Auf dem Rückweg sah er sich noch einige Male um. Sabine war sehr froh, dass Dr. Meierling gleich wieder bei ihr sein würde. Ob sie ihm von Snuffys Verhalten erzählen sollte? Ich wusste nicht, wie sie sich richtig verhalten sollte.

Als sie an dem Bärengehege ankam, war Stina aufgestanden. Sie saß sehr dicht neben Jacco. Zu weiteren Erkundungen des Geheges schien sie noch zu schwach. Sabine saß erst einige Minuten am Gitter, als Dr. Meierling wieder am Hof ankam. Er hatte sehr leckere Essenssachen gekauft, die er vor Sabine ausbreitete. Eine Flasche Wein stellte er auch auf den Tisch. „Wir haben uns das mehr als verdient.“ „Sekunde, ich hole schnell Geschirr und Gläser.“

Den restlichen Abend verbrachten sie gemeinsam vor dem Bärengehege. Sie waren jedes Mal begeistert, wenn Stina einige Schritte weiter in das Gehege ging. „Da hat sie eine Menge zu erkunden. Ich bin gespannt, wie sie sich morgen verhalten wird. Wenn es Ihnen recht ist, komme ich morgen Vormittag noch einmal vorbei.“ „Sie sind uns jederzeit herzlich willkommen. Es wäre schön, wenn Sie morgen wieder nach Stina schauen. Bestimmt ist sie dann auch wieder richtig fit. Bis dahin müssten alle Narkosenebenwirkungen wohl abgeklungen sein.“

Kapitel 24

Den gesamten Abend verbrachten Sabine und Dr. Meierling noch bei den Bären.

„Snuffy war vorhin bei unserem Spaziergang wieder sehr merkwürdig. Wir waren in Richtung See unterwegs. Er blieb plötzlich stehen und hat geknurrt. Vor dem Überfall hat er sich sehr ähnlich verhalten. Ich habe mir fest vorgenommen, solche Anzeichen sehr genau zu beachten. Aber ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll.“ „War dass das erste Mal? Oder hat er das schon öfter gezeigt?“ „Vor ein paar Tagen war er abends hier sehr knurrig. Ich habe dann bei der Polizeidienststelle angerufen. Die haben mir auch einen Streifenwagen mit zwei Polizisten hergeschickt. Die haben hier alles untersucht aber nichts Bedrohliches gefunden.“ „Könnten Sie sich vorstellen, in der nächsten bei mir auf dem Hof zu übernachten? Dort ist ausreichend Platz. Das würde keine Mühe machen.“ „Das ist lieb das Sie das anbieten. Aber ich glaube nicht dass das gut für mich wäre. Ich warte erstmal ab, wie sich das hier entwickelt. Es dauert auch nur noch kurze Zeit bis Karin mit ihrer Familie hier ist. Es ist gut, wenn das hier dann etwas belebter ist.“

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Dr. Meierling blieb noch eine gute Weile. Es war bereits dunkel als er fuhr. „Wir sehen uns morgen wieder. Passen Sie gut auf sich auf.“ Sabine winkte ihm nach als er den Hof verließ. Dann setzte sie sich wieder zu den Bären. Sie war noch zu aufgekratzt, um jetzt schon ins Bett zu gehen.

Sie konnte die beiden Bären optisch nicht mehr wahrnehmen, es war schon zu dunkel, sie spürte ihre Anwesenheit dennoch sehr deutlich. Sie war gespannt darauf, wie sich Stina morgen benehmen würde. Aus ihrer weiten Vergangenheit mit Jacco kannte sie die unbegrenzte Freiheit. Die letzten zehn Jahre ihres Lebens hatte sie ganz allein in einem keinen Käfig verbracht. Auch wenn die Freiheit hier nicht unbegrenzt war, so war es doch eine große Bereicherung für diese Tiere.

Die Nacht verbrachte Sabine fast schlaflos. Der Tag war zu aufregend gewesen. Sie fand keine Ruhe. Snuffy lag entspannt vor ihrem Bett. Er zeigte keine Anzeichen, die sie beunruhigen sollten. Es schien alles in Ordnung. Dennoch schaffte sie es nicht abzuschalten. Sie dachte viel an Carsten. Wie schöne wäre es gewesen, ihm von dem heutigen Tag berichten zu können. Er fehlte ihr sehr. Wie schon unzählige Male, dachte sie intensiv über diese Situation nach. Wenn sie wüsste, was ihn so verstimmt hatte, könnte sie versuchen, eine Erklärung zu finden. Aber er wollte nicht mehr mit ihr reden. Wie sollte sie da einen Weg finden?

Als sie am Morgen aufgestanden war, fühlte sie sich nicht gut. Sie war noch sehr müde. Ihre Laune war nicht die Beste. Das änderte sich schnell, als sie aus der Tür trat. Zuerst sah sie nach Jacco und Stina. Die beiden saßen dicht beieinander in ihrem Badeteich. Stina tauchte ihren Kopf unter Wasser. Als sie wieder an die Oberfläche kam, prustete sie laut und schüttelte sich. Snuffy lief auf die Absperrung zu und bellte. Daraufhin drehte Jacco sich sofort um und ging Snuffy entgegen. Stina folgte ihm ein wenig zögerlich. Sie konnte scheinbar nicht verstehen, dass Jacco sich von dem Hundegebell angezogen fühlte. Als Jacco an der Absperrung angekommen war, senkte er seinen Kopf Snuffy entgegen. Dieser leckte dem Bären sofort freundlich über die Schnauze. Es gab keinen Zweifel. Jacco und Snuffy waren Freunde. Stina war einen Meter hinter Jacco stehengeblieben. Die traute sich noch nicht weiter in Snuffys Nähe. Das würde sich bestimmt bald ändern.

Sabine warf einige Stücke Fleisch, etwas Obst und ein paar Knochen in das Bärengehege. Sie freute sich darüber, dass auch Stina sofort begann, ihr Frühstück zu verputzen. Wenn das so weiterging, würde sie sich schnell erholen.

Es fiel Sabine nicht leicht, sich von diesem Anblick loszueisen. Aber sie musste schließlich noch die Arbeit in den Ställen verrichten und alle anderen Tiere versorgen. Mit Snuffy wollte sie auch noch ein Stückchen spazieren gehen.

Als sie all die anfallenden Pflichten erledigt hatte, setzte sie sich mit einer Tasse Kaffee an das Bärengehege. Die beiden lagen lang ausgestreckt und sehr zufrieden wirkend in der Sonne. Wenn sie da so nebeneinander lagen, sah es aus, als wäre Jacco fast doppelt so groß wie Stina. Das war schon ein großer Unterschied,

Sabine, die ihr Telefon neben sich hatte, wählte Karins Rufnummer. Es dauerte keine Sekunde, bis Karin sich meldete. „Ich habe schon auf deinen Anruf gewartet. Erzähl, wie ist es gegangen?“ Sabine erzählte der Freundin ausführlich von der Fahrt, von dem Verladen von Stina und dem Rückweg. „Stell dir vor, sie benimmt sich heute schon sehr heimisch. Jacco kümmert sich rührend um sie. Er ist immer ganz dicht bei ihr.“ „Ach wenn ich doch schon bei

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dir sein könnte. Ich habe mir heute Morgen überlegt, ob ich nicht mit meiner Familie bespreche, ob ich schon eine Woche vor Ferienbeginn zu dir fahre.“ „Das wäre eine super Idee. Aber meinst du, dass Georg das erlauben wird?“ „Mal sehen. Aber ein Versuch ist es allemal wert.“

Sabine hatte nicht sie geringsten Zweifel daran, dass es einfach nur schön wäre, wenn das gelingen würde.

„Georg wird gleich aufstehen. Ich bereite ihm ein schönes Frühstück. Dann werde ich ihn fragen was er von meiner Idee hält.“ „Ruf mich bitte sofort an, wenn du eine Antwort von ihm hast.“ Es fiel beiden Frauen schwer, das Telefonat zu beenden. Ihnen war aber klar, dass jetzt erstmal Georg an der Reihe war. Von seiner Antwort auf Karins Frage hing schließlich eine Menge ab.

Kaum war das Gespräch beendet, als Dr. Meierling auf den Hof einbog. „Was machen die beiden? Das sieht ja schon sehr harmonisch aus, wie die da so liegen.“ „Stina scheint sich ganz gut einzugewöhnen. Sie hat schon ein großes Frühstück gehabt. Jacco weicht nicht von ihrer Seite.“

Sabine genoss eine Tasse Kaffee für Dr. Meierling ein. Die beiden saßen beobachtend am Gehege. „Wie war die Nacht? Hat Snuffy sich ruhig verhalten oder hatten Sie das Gefühl, dass sich hier irgendjemand rumtreibt?“ „Ich habe ziemlich schlecht geschlafen. Aber dadurch kann ich sagen, das Snuffy sehr entspannt war. Er hat die ganze Nacht vor meinem Bett gelegen.“ „Zum Glück. Vielleicht war das dann gestern beim Spaziergang doch ein Fehlalarm von ihm.“ „Hoffentlich!“

„In der nächsten Woche wollte ich Dr. Koch anrufen. Ist es für Sie in Ordnung, wenn ich ihm erzähle, dass wir gemeinsam Stina aus der Schweiz geholt haben?“ „Natürlich, das ist kein Geheimnis. Wenn wir noch Kontakt hätten, wüsste er das auch.“

Dr. Meierling schien ein wenig verlegen. “Soll ich ihm sonst noch irgendetwas sagen?“ „Ich glaube nicht, dass er sonst noch etwas von mir wissen will.“ „Ich finde das einfach nur schade. Da muss ein riesiges Missverständnis sein.“

Sabine sagte nichts mehr dazu. Und auch Dr. Meierling schwieg.

So saßen sie noch geraume Zeit vor dem Bärengehege und beobachten die beiden Bären. Sie hatten noch längere Zeit still auf der Erde liegend in der Sonne verbracht. Gemeinsam gingen sie nun durch das ganze Gehege. Stina war noch sehr verhalten. Aber sie folgte Jacco in jede Ecke. Es war ihr deutlich anzumerken, wie sehr sie die Weite und die vielen Besonderheiten in ihrem neuen zuhause genoss. „Es ist gut, dass in den meisten Zoos schone solche großen Gehege für die Tiere gebaut werden. Man müsste nur dafür sorgen, dass diese Quälerei in den kleineren Tiergärten aufhört.“ Sabine sah Dr. Meierling an und nickte zustimmend. „Ja, das ist wohl wahr. Ich möchte überhaupt nicht wissen, wie viele Tiere so ein elendes Leben führen müssen.“ „Als Trost kann man da nur sagen, dass Sie wenigstens zwei Tieren aus diesem Elend herausgeholfen haben.“ Sabine lächelte.

Der Nachmittag war schon weit fortgeschritten, als Dr. Meierling sich verabschiedete. „Ich werde in den nächsten Tagen immer mal wieder vorbei schauen.“ „Danke, es ist lieb von Ihnen das Sie sich so kümmern.“

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Sabine saß nun wieder allein vor dem Gehege. Von Karin hatte sie nichts mehr gehör. Ob sie die Freundin einfach noch schnell anrufen sollte? Gerade als sie bei diesem Gedanken war, läutete ihr Telefon. Sie hatte kaum die Möglichkeit sich zu melden, denn am anderen Ende sprudelte Karin sofort los. „Er hat JA gesagt. Zuerst war er nicht begeistert. Umgestimmt wurde er eigentlich auch erst von meinen Töchtern. Die waren voll auf meiner Seite. In drei Wochen werde ich schon bei dir sein. Ich kann überhaupt nicht sagen, wie sehr ich mich freue.“ „Ich hätte nicht geglaubt, dass das wirklich gelingt. Super!“

Es verging noch fast eine Stunde, in der die Freundinnen schon sehr genau die Zeit verplanten, in der Karin bei Sabine sein würde.

Als sie auflegten, war es bereits dämmrig. Sabine ging ins Haus, um eine Jacke für sich zu holen. Zum Abend hin wurde es schon ganz schön kühl. Sie rief Snuffy. „Snuffy komm. Wir drehen noch eine Runde.“ Fröhlich sprang der Hund auf sie zu. Und dann hörte Sabine Jacco. „Nimmst du mich mit? Du brauchst keine Angst haben. Ich werde mich sehr anständig verhalten.“ Sabine sah Jacco ungläubig an. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihm wirklich soweit vertrauen sollte. Die Entscheidung fiel, als Snuffy zu der vergitterten Tür lief. „Was soll denn mit Stina werden?“ „Die wird hier auf uns warten. Sie weiß schon Bescheid.“

Sabine ging zur Tür und öffnete diese. Ohne auch nur das kleinste Zögern tappte Jacco in die Freiheit. Er sah Sabine an. Ganz nah kam er zu ihr und schmiegte sich an sie. Sie gingen los. Sabine war nicht ganz wohl in ihrer Haut. Das durfte nie irgendjemand mitbekommen. Kein Mensch würde das verstehen können. Das musste ein Geheimnis zwischen ihr und den Tieren bleiben.

Snuffy lief in Richtung Wald. Der Bär folgte ihm schnellen Schrittes. Gemeinsam durchstöberten die beiden die Gegend. Sabine hatte noch große Zweifel, ob sie wirklich das Richtige getan hatten. Jacco kam auf sie zugelaufen. Er sah sie an. „Vertrau mir. Du brauchst dir keine Sorgen machen. Du verstehst mich.“ Sabine streichelte über seinen Kopf.

Eine Zeit saßen sie am See. Jacco ging in das Wasser. Er fing zwei Fische. Sabine war erstaunt, mit welchem Geschick er das machte. „Fische sind erlaubt. Du darfst keinem anderen Tieren etwas tun.“ „Mach dir keine Sorgen.“

Sabine saß still und nachdenklich am Ufer. Sie konnte sich mit Jacco unterhalten wie mit einem Menschen. Wenn Karin bei ihr war, würde sie ihr das erzählen. Karin war wahrscheinlich er einzige Mensch, der das verstehen konnte. Wenn überhaupt.

Sabine stand auf und rief die Tiere. Sofort kam Snuffy zu ihr. Gerade stockte ihr schon der Atem, weil sie dachte, Jacco überhöre das einfach. In diesem Moment drehte der Bär sich um und folgte ihr. Sabine lächelte. Auf dem Hof angekommen, ging Jacco ohne Umwege zu der Tür seines Geheges. Sabine stellte sich neben ihn und öffnete die Tür. Sofort ging Jacco in sein Gehege. Stina lief auf ihn zu und beschnupperte ihn. Er leckte durch ihr Gesicht.

Für Sabine stand fest. Das war nicht der letzte Spaziergang gewesen, den sie gemeinsam mit Jacco gemacht hatte. Wann immer es möglich sein würde, käme er mit.

Die folgenden Wochen verliefen für Sabine ohne besondere Vorkommnisse. Sie telefonierte jeden Tag mit Karin. Von Carsten hörte sie nichts mehr. Jacco und Stina kamen sehr gut miteinander zurecht. Es verging kaum ein Abend, an dem Jacco Sabine bei ihren Spaziergängen

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nicht begleitete. Für beide war es nun vollkommen normal, Gespräche miteinander zu führen. „Es wird nur noch kurze Zeit dauern, bis Karin hier sein wird. Ich weiß noch nicht, wie ich ihr das erklären kann. Zu Beginn werde ich dich auch zu den Spaziergängen nicht mitnehmen können.“ Jacco saß wieder ihr im Gras und sah sie an. „Sie wird das bestimmt nicht glauben können. Aber wir werden es beweisen.“ Er stand auf und ging ein Stück in den Wald. Sabine wusste aus Erfahrung, dass das Gespräch für Jacco beendet war.

Monika war mit ihrem Erfolg bei Carsten Koch ein wenig unzufrieden. Wenn sie ihn anrief, hatte er meist immer einen Vorwand, um das Gespräch möglichst schnell zu beenden. Sie hatte noch zweimal versucht, das Gespräch in Richtung Sabine zu bringen. Aber offensichtlich hatte er kein Interesse, sich Geschichten über diese Frau anzuhören. Aber so entmutigend die letzten Gespräche mit ihm auch waren, Monika hielt sich daran fest, dass er bald erkennen würde, wer die passende Partnerin für ihn war. Nämlich sie.

Das letzte Gespräch hatte Monika ziemlich enttäuscht. Sie hatte sich schon einen genauen Plan gemacht. „Ich werde in der nächsten Woche sehr in Ihrer Nähe sein. Wäre es nicht schön, wenn wir uns dann treffen?“ Monika hatte Herzklopfen. Carsten brauchte einen Augenblick, bis er seine Sprache wieder fand, „Ich glaube nicht, dass die Idee besonders gut ist. Ich könnte mich nicht vernünftig um Sie kümmern. Aus der Klinik kommen andauernd Anrufe. Da muss ich dann jedes Mal schnell hin.“ „Aber haben Sie nicht auch mal Feierabend?“ „Darauf kann man sich in der Klinik nie verlassen.“ Monika hörte deutlich heraus, dass er nur kein wirkliches Interesse hatte, sich mit ihr zu treffen. Wenn er das gewollt hätte, wäre es bestimmt möglich gewesen.

Er sollte nicht denken, dass sie ihn aufgab. Er würde schon noch merken, wie gut sie für ihn war. Spätestens, wenn er wieder hier war, würde sie mit Nachdruck daran arbeiten. Gut, dass sie bei Sabine noch kein Wort über einen Besuch bei ihm hatte fallen lassen. Das wäre sehr peinlich gewesen.

Das Gespräch mit Dr. Meierling hingegen war für Carsten sehr nett gewesen. Er freute sich über den Anruf. „Wie geht es Ihnen denn in der Klinik? Wir vermissen Sie hier sehr.“ „Ich würde lieber heute als morgen wieder bei Ihnen. Dieses ewige Gehetze hier ist kaum mehr auszuhalten. Was gibt es in der Praxis Neues?“ „Hier ist alles beim alten. Aber stellen Sie sich vor, Sabine hat noch einen Bären. Sie hat herausgefunden, wo die Bärin ist, die vor Jahren mit Jacco eingefangen wurde. Wir waren zusammen in der Schweiz und haben sie dort abgeholt.“ Dr. Meierling vernahm nur ein Räuspern in der Leitung. Keiner sagte ein Wort. Dr. Meierling war sich schon sehr unsicher ob es richtig gewesen war, Carsten von dieser Geschichte zu erzählen. Doch dann ging das Gespräch weiter. „Wie geht es Sabine?“ Carsten fiel es nicht leicht, diese Frage zu stellen. Dr. Meierling hörte deutlich, dass diese Frage für Carsten nicht einfach war. Er schien ziemlich betroffen. „Soweit machte sie einen guten Eindruck. Dr. Koch, ich weiß das es mich nichts angeht, aber ich glaube es würde Sabine sehr freuen, wenn Sie sie anrufen.“ Carsten sagte nichts dazu. Für Dr. Meierling war das Gespräch nicht einfach. Als er Sabine und Carsten hier zusammen erlebt hatte, schien alles nur gut zu passen. Er hätte die beiden gerne wieder näher zueinander gebracht. Aber scheinbar war Carsten dazu nicht bereit. Was mochte da nur geschehen sein? Hoffentlich fänden sie wieder zusammen, wenn Carsten erst wieder hier wäre. Wenn Dr. Koch zurück war, würde er das noch einmal von Angesicht zu Angesicht mit ihm besprechen. Das war dann wohl der bessere Weg.

Heute war es endlich soweit. Um zehn Uhr würde Karin mit dem Zug ankommen. Sabine freute

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sich riesig. Morgens, als sie alle ihre Tiere versorgte, war sie in aller besten Stimmung. Snuffy war schon einige Male zum Auto gelaufen. Anscheinend konnte er es auch nicht mehr abwarten. Er spürte deutlich Sabines Unruhe. Als es dann endlich soweit war, rannte er freudig bellend zum Auto. Er stand wedelnd vor der Heckklappe. Sofort als Sabine diese öffnete, sprang er mit einem Satz hinein. Sabine war einige Minuten zu früh am Bahnhof. Ungeduldig am Bahnsteig wartend trat sie von einem Fuß auf den anderen. Endlich die Durchsage das der Zug in wenigen Augenblicken eintreffen würde. Die Sekunden zogen sich wie Kaugummi. Aber dann war es doch soweit! Der Zug hielt und Karin verließ als erste das Abteil. Die beiden Frauen flogen sich entgegen und umarmten sich. Dann war Snuffy an der Reihe. Karin kraulte und streichelte ihn ausgiebig. „Lass uns fahren. Ich bin so gespannt auf die Bären. Ich habe gestern noch zwei Fische im Supermarkt gekauft. Die dürfen sie doch gleich haben?“ „Aber natürlich. Da werden sie sich freuen.“ Die Fahrt zum Hof verging wie im Fluge. Die beiden Frauen redeten ohne Unterlass. Es war deutlich spürbar, wie gut beiden das Treffen tat.

Als sie ankamen, sprang Karin sofort aus dem Auto und lief zum Bärengehege. Sabine konnte der Freundin kaum folgen, so schnell war Karin unterwegs. Sie standen gemeinsam vor der Absperrung. „Jacco hat sich in den paar Wochen riesig gut gemacht. Die kleine Bärin sieht aber noch sehr elend aus.“ „Wenn du die in den ersten Tagen gesehen hättest, wärest du entsetzt gewesen. Die hat sich auch schon gut gemacht.“ Jacco saß direkt vor dem Gitter und sah Sabine an. Karin beobachtete die beiden. „Der schaut dich an, als wollte er dir etwas sagen.“ Sabine sagte nichts. Wenn die Freundin geahnt hätte, wie richtig ihre Vermutung war, hätte sie das kaum glauben können. „Wo hast du denn die Leckereien für die beiden?“ „Warte einen Moment, die hol ich schnell.“ Karin lief zum Auto zurück. Es dauerte keine Minute, bis sie wieder neben Sabine stand. Sie packte die beiden Fische aus. „Darf ich sie ihnen zuwerfen?“ „Aber ja. Die warten doch schon.“ Karin warf jedem Bären einen Fisch zu. Die beiden waren sehr erfreut über diesen Leckerbissen. „Ist das schön anzusehen.“ Karin trat nah an Sabine heran und umarmte sie noch einmal. „Ich bin so froh hier zu sein.“

„Wollen wir mit Snuffy zum See gehen?“ „Darauf freue ich mich schon die ganze Fahrt.“ Dicht nebeneinander gingen die beiden Frauen los. Snuffy folgte ihnen. Sie gingen in den Wald und folgten dem Weg zum See. Als sie dort ankamen, nahmen sie in der Nähe des Ufers Platz. Der Boden war sehr sandig. Karin betrachtete die riesigen Fußabdrücke, die dort zu sehen waren. „Guck mal, hier muss ein riesengroßes Tier gewesen sein. Das sieht aber beeindruckend aus. Hoffentlich begegnen wir dem nicht.“ Sabine sah die Freundin nachdenklich an. Ob es jetzt schon der richtige Zeitpunkt war der Freundin von den Spaziergängen mit Jacco zu erzählen? „Was hast du?“ Karin spürte die Nachdenklichkeit der Freundin. „Ich wollte dir das erst in den nächsten Tagen erzählen. Aber egal. Du kennst das Tier, dem diese Fußabdrücke gehören. Es ist Jacco.“ „Was? Aber wie kommen die hierhin?“ „Abends geht Jacco mit Snuffy und mir gemeinsam spazieren.“ „Das gibt es doch nicht. Sabine, er ist ein wildes, gefährliches Tier.“ Sabine sah Karin schweigend an ehe sie die Freundin ansprach. „Karin, bitte glaub mir, wenn ich das nicht selbst erleben würde, könnte ich das auch nicht glauben. Zwischen Jacco und mir besteht eine sehr enge Verbindung. Ich habe grenzenloses Vertrauen zu ihm.

Aber das ist längst noch nicht alles. Wir reden miteinander als wäre er ein Mensch. Ich verstehe alles. Das ist auch schon seit einiger Zeit so. Ich habe es dir am Telefon nicht erzählt, weil ich nicht wusste, wie ich dir das erklären soll. Glaubst du jetzt, dass ich übergeschnappt bin?“ „Ich kann das zwar nicht glauben, aber für verrückt halte ich dich eigentlich nicht.“ „Danke. Wenn wir heute Nachmittag vor dem Gehege sitzen, werde ich versuchen, dir einen Beweis zu liefern.

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Wie gesagt, Ich könnte das auch nicht glauben.“ „Schauen wir mal. Wir werden eine Erklärung finden.“

Sabine war sehr klar, dass die Freundin ihre Aussage nicht ernst nehmen konnte. Sie würde sich ganz auf Jacco verlassen. Dem würde etwas einfallen, um bei Karin alle Zweifel auszulöschen.

Snuffy war sehr erfreut, als sich an die Pause am See noch ein größerer Spaziergang anschloss. Sabine und Karin hatten sich so viel zu erzählen. Sie hätten noch Stunden gehen können. Der Gesprächsstoff wäre nicht ausgegangen.

Schließlich kamen sie wieder am Hof an. „Ich mache schnell eine Kleinigkeit zu Essen für uns.“ Mit diesen Worten lief Sabine zum Haus. Es dauerte nur wenige Minuten, bis sie wieder neben der Freundin stank. Auf dem großen Tablett, das Sabine auf den Tisch stellte, waren Brote, Obst und Getränke. Die beiden nahmen am Tisch Platz. Snuffy lag zu ihren Füßen. Nachdem sie sich ausreichend gestärkt hatten, griff Sabine das Thema Jacco wieder auf. „Was könnten wir tun, damit du meine Geschichte glauben kannst?“ Karin überlegte. „Das ist nicht so einfach.“ Weitere Minuten stillen Überlegend folgten. „Jetzt habe ich eine Idee. Er kann dir doch einfach sagen, was er als nächstes tun wird.“ „Ja, vielleicht geht das.“ Sabine sprach Jacco an. Bei ihrer Unterhaltungen fiel kein einziges Wort. Das war immer so. Sie verständigten sich rein gedanklich. „Jacco, wir wollen Karin beweisen, dass wir uns verstehen. Sag bitte etwas, was du als nächstes machen wirst.? „Ich gehe mit Stina zum Teich.“ Sabine sah Karin an. „Er wird jetzt mit Stina zum Teich gehen.“ Kaum hatte sie das gesagt, erhob sich Jacco. Stina folgte ihm sofort. Die beiden trotteten Richtung Badeteich. Karin sah Sabine verwundert an. „So ein Zufall.“ „Ich werde mich zweimal im Kreis drehen und dann einige Meter auf meinen Hinterpfoten laufen.“ Wieder übersetzte Sabine. Kaum war das geschehen, fing Jacco an sich zu drehen. Auch die Meter aufrechten Ganges folgten. Das verschlug Karin die Sprache. Sie flüsterte nur leise: „Das gibt es doch nicht.“ Karin war restlos irritiert. „Ich möchte, dass du ihm sagst, er soll auf mich zulaufen und mich anknurren. Das überzeugt mich dann.“ Sabine nahm wieder Kontakt zu Jacco auf. Es vergingen nur Momente, bis der Bär sich in Karins Richtung umdrehte und in gewaltigen Sprüngen auf sie zulief. Er stand ihr am Gitter direkt gegenüber. Plötzlich riss er sein Maul auf und brüllte sie knurrend an. Wütend schlug er mit seinem Kopf hin und her. Karin wich entsetzt einige Schritte zurück. „Er soll aufhören.“ Wieder vergingen nur Sekunden und Jacco sah Karin friedlich an. „Ich weiß nicht wie ihr das macht, aber alle meine Zweifel sind aus dem Weg geräumt.“ Karin umarmte die Freundin. „Es war eigentlich vom ersten Moment eures Begegnens zu spüren, dass da etwas ganz Besonderes zwischen euch ist. Aber das ist ja unglaublich. Seid mir bitte nicht böse, wenn ich mit keinem Menschen darüber rede.“ „Das verstehe ich sogar sehr gut. Du bist der erste Mensch, dem ich das erzähle.“ Wieder umarmten sich die beiden Frauen.

Den restlichen Nachmittag verbrachten sie bei den Bären am Gehege. Karin warf immer mal wieder einen verstohlenen Blick auf Jacco. Sie hatte selbst miterleben dürfen, dass Sabine Jaccos Gedanken wahrnahm. Es war ihr aber immer noch ein Rätsel, wie das funktionierte. Sie würde noch eine Weile brauchen, bis sie das verstehen konnte.

Die nächsten Tage waren für beide Frauen ein großes Geschenk. Wie schon bei Karins letztem Besuch erledigten sie die anfallenden Arbeiten gemeinsam. Morgens trafen sie sich im Stall zu den Stallarbeiten. Im weiteren Tagesverlauf unternahmen sie Spaziergänge mit Snuffy oder saßen am Bärengehege. Die abendlichen Spaziergänge mit Jacco lirß Sabine ausfallen. Sie wollte der Freundin nicht zu viel zumuten.

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Karin war nun schon drei Tage bei Sabine. An einem Nachmittag, sie saßen am Bärengehege, brachte Karin das Gespräch auf Carsten. „Hast du von Carsten überhaupt nichts mehr gehört?“ „Nach dem letzten Telefongespräch ist unsere Verbindung wie abgeschnitten. Ich habe so oft und so lange überlegt, was er haben könnte. Ich habe keine Erklärung.“ „Meinst du nicht, dass es vielleicht richtig wäre, ihn anzurufen. Dann könntest du ihn ganz konkret fragen.“ „Das habe ich häufig überlegt. Aber ich glaube nicht, dass das gut wäre. Er hat schließlich ganz klar gesagt, dass wir darüber reden, wenn er wieder hier ist.“ „Aber das dauert noch einige Wochen. Kannst du das aushalten?“ „Das werde ich müssen. Die Zeit mit Carsten war wunderschön. Aber ich habe mir auch schon oft die Frage gestellt, ob diese Zeit es wert war. Seit dem Tag an dem Rolf gestorben ist, gab es nicht mehr einen solchen Schmerz.“ „Carsten wird sich einen sehr guten Grund für sein Verhalten einfallen lassen müssen. Das hätte ich von ihm nicht erwartet. Für mich war klar, dass eine gemeinsame Zukunft vor euch liegt.“ „So hatte ich mir das auch vorgestellt. Aber leider nein. Es ist auch müßig, dass wir uns darüber unterhalten. Das ändert nichts.“

In den nächsten Minuten saßen die beiden Frauen schweigend nebeneinander. Karin hätte ihrer Freundin gerne etwas Tröstendes, Aufmunterndes gesagt. Aber sie spürte sehr deutlich, dass es keinen Trost für diese Situation gab. Sie konnte nur hoffen, dass es ein klärendes Gespräch zwischen Sabine und Carsten geben würde.

Für Sabine war es an diesem Abend ziemlich schwierig, aus der betrübten Stimmung, die das Gespräch über Carsten bei ihr verursacht hatte, heraus zu kommen. Karin, die Sabine sehr gut verstehen konnte, bemühte sich sehr um die Freundin. Um Sabine abzulenken, stellte sie verschiedene Fragen zu den Bären. „Wie ist das denn eigentlich mit Stina? Hast du von der auch schon Gedanken empfangen?“ „Nein. Bisher noch nicht. Sie ist eher sehr zurückhaltend. Bei Jacco hat das auch eine Zeitlang gedauert. Ich habe aber schon den Eindruck, als verfolge sie den Austausch zwischen Jacco und mir sehr aufmerksam. Wenn das mit ihr auch gehen sollte, braucht sie aber auf jeden Fall noch ein wenig Zeit.“

Karin sah die Freundin an. „Ich finde es übrigens sehr rücksichtsvoll von dir, dass du darauf verzichtest hast, Jacco zu den abendlichen Spaziergängen mitzunehmen. Ich wäre damit überfordert gewesen.“ „Das ist doch auch nicht schlimm. Zwischen Jacco und mir ist klar, dass es wieder gemeinsame Spaziergänge geben wird, wenn ihr nicht mehr hier seid. Bis dahin ist er sehr geduldig. Es erweckt nicht den Anschein, als wäre er darüber erzürnt. Mach dir darüber keine Gedanken.“ „Vielleicht bin ich im nächsten Jahr, wenn ich dich wieder besuche, soweit. Danke für die Zeit.“ „Übermorgen kommen auch Georg und deine Kinder. Da wäre das doch sowieso nicht gegangen. Wie wollen wir die Zeit mit denen verbringen?“ „Meine Mädels sind sehr gespannt auf deine Tiere. Wenn sie die Tage mit denen verbringen können, werden sie schon zufrieden sein. Für Georg wird das auch gehen. Wir haben lange Gespräche über dich geführt. Ich glaube, ich konnte ihm sehr gut begreiflich machen, was du für mich bedeutest. Georg ist ein sehr lieber Mensch, der das gut verstanden hat.“

Dr. Meierling und Carsten Koch hatten sich angewöhnt, pro Woche ein ausführliches Telefonat zu führen. Dr. Meierling berichtete dabei, welche Patienten er in der Praxis wie behandelt hatte. Er wollte versuchen, Carsten Koch während seiner Abwesenheit auf dem neuesten Stand zu halten. Wenn der Kollege dann wieder hier war, würde er mit den meisten Fällen vertraut sein. So wie Dr. Meierling ihn kennengelernt hatte, war ihm aber klar, dass Dr. Koch keine Schwierigkeiten haben würde, sich wieder einzuarbeiten. Das hatte er schon bei seinem kurzen Aufenthalt hier bewiesen.

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An diesem Abend waren sie schon fast am Ende des Gespräches, als Carsten die Frage stellte, auf die Dr. Meierling schon gewartet hatte. „Waren Sie noch mal bei Sabine und den Bären?“ „Ich fahre alle paar Tage bei ihr vorbei und sehe nach dem Rechten.“ Dr. Meierling grinste zufrieden. Er spürte, dass Carsten sehr gerne noch etwas mehr wissen würde. Es freute ihn sehr, dass er den Mut fand, das anzusprechen. „Carsten, ich finde es richtig gut, dass Sie nachfragen. Ich hatte Ihnen auch schon gesagt, dass ich es sehr schade finde, dass Sie keinen Kontakt mehr zu Sabine haben.“ „Es ist schön, dass ich mit Ihnen darüber reden kann. Ich habe sehr viel darüber nachgedacht. Sie kennen Sabine schon sehr lange nicht wahr?“ „Das kann man wohl sagen. Ich habe sie kennen gelernt, als sie noch ein kleines Mädchen war. Schon damals war sie sehr zurückgezogen. Es war ihr immer das Wichtigste, dass es ihren Tieren gut ging.“ Carsten Koch zögerte. „Können Sie etwas über Sabines Umgang mit Männern erzählen?“ „In ihrem Leben gab es eigentlich nur einen Mann, der eine Rolle spielte. Das war ihr Rolf. Nach seinem Tod, er ist tödlich verunglückt, war sie noch zurück gezogener. Warum fragen Sie das?“ „Sie haben nicht den Eindruck, dass es viele Männerbekanntschaften in Sabines Leben gibt oder gab?“ „Nein. Ganz sicher nicht. Wie kommen sie denn darauf?“ Carsten zögerte bevor er antwortete. „Das war nur so ein Gedanke. Danke dass wir so offen darüber reden konnten.“ „Dafür brauchen Sie sich nicht extra bedanken. Das habe ich sehr gerne gemacht. Ich hoffe, ich konnte Ihnen helfen.“ Carsten Koch sagte nichts mehr dazu. Einige Momente telefonierten die beiden Tierärzte noch miteinander.

Carsten lag auf seinem Bett. Er freute sich riesig über das, was er soeben von Dr. Meierling erfahren hatte. Er konnte überhaupt nicht mehr verstehen, dass er sich so von Monika hatte beeinflussen lassen. Warum hatte sie ihm das erzählt. Er hatte immer noch keine Erklärung dafür. Monika hatte ihm das so glaubhaft erzählt, das für ihn keine Zweifel geblieben waren. Es hatte sich eindeutig so angehört, als habe Sabine nur ein Spiel mit ihm gespielt. Wie sollte er sich jetzt verhalten? Er hatte keine Zweifel daran, dass er Sabine mit seinem Verhalten sehr getroffen hatte. Bis zu einem Wiedersehen würden noch neun lange Wochen vergehen. Solange wollte er nicht warten. Ihm fehlte aber auch der Mut, sie einfach anzurufen. Er würde sie verstehen können, wenn sie zu ihm keinen Kontakt mehr haben wollte. Natürlich würde er ihr erzählen, wie es dazu gekommen war. Aber auch wenn sie das verstehen würde, blieb für ihn der Vorwurf, warum er nicht mit ihr geredet hatte. Dazu hatte er ihr keine Gelegenheit gegeben. Er hatte Monika einfach vertraut. Ihm klangen die Anschuldigungen die Monika über Sabine erzählt hatte, noch deutlich im Ohr. Wie sehr hatte ihn das enttäuscht. Auch wenn das keine wirkliche Entschuldigung für ihn war, so konnte man doch sagen, dass er so verletzt gewesen war, dass er einfach nicht mehr klar denken konnte. Er konnte nur hoffen, dass Sabine ihm noch eine Chance geben würde. Er stand auf und ging zu seinem Terminbuch. Er war die ganze Strecke doch schon einmal für nur einen Tag gefahren. Die Zeit, die endlos vielen Kilometer, für Sabine würde sich das unbedingt lohnen. Er war überzeugt, dass es so vielleicht gelingen könnte, Sabine zu bitten, ihm noch eine Chance zu geben. Alles andere war wahrscheinlich von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Das übernächste Wochenende hatte er frei. Für ihn stand fest, dass er sich dann auf den Weg zu Sabine machen würde. Hoffentlich würde das gelingen. Monika rief alle paar Tage bei ihm an. Wenn er sonst immer fast ein wenig entnervt von diesen Anrufen gewesen war, so freute er sich auf den Nächsten. Er würde ihr sehr klar zu verstehen geben, dass er ziemlich ärgerlich auf sie war. Sie hatte es, aus welchem Grund auch immer, ausgenutzt, wie gutgläubig er war.

Gerade in dem Moment als er diesen Gedanken hatte, schellte sein Telefon. Monika. Er nahm

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den Hörer ab und meldete sich. Er ging jetzt zu seinem Schreibtisch. In der untersten Schublade lagerten einige Weinflaschen. Er nahm eine heraus, öffnete sie und goss sich ein Glas ein. Er wollte für das Gespräch mit Monika eine gute Atmosphäre für sich schaffen.

„Wie schön, dass Sie zuhause sind. Wie geht es Ihnen?“ Monika rechnete damit,, dass er sich vielleicht schon ein wenig von seinen Enttäuschungen mit Sabine erholt hatte. Sich wollte ihm an diesem Abend erzählen, wie sehr sie sich auf seine Rückkehr freue. Sie schmiedete schon Pläne, was sie alles mit ihm unternehmen wolle. Sie hätte mit allem gerechnet, aber nicht mit dem was jetzt geschah.

„Mir geht es ziemlich gut.“ Monika lächelte zufrieden. Es schien, als käme sie ihrem Ziel näher. „Das ist schön. Es lohnt sich auch nicht, wegen so einer Frau wie Sabine lange durch zu hängen.“ „Monika, ich fände es sehr nett von Ihnen zu erzählen, warum Sie mir diese Geschichten über Sabine erzählt haben.“ „Um Sie zu warnen. Oder um Sie zu behüten vor einer solchen Person.“ „Es ist sicher nett gemeint, mich beschützen zu wollen. Woher wussten Sie all diese Geschichten?“

Monika war verunsichert. Noch vor wenigen Augenblicken hatte sie gedacht, ihr Ziel wäre in greifbare Nähe gerückt. Jetzt spürte sie deutlich den Argwohn von Carsten Koch.

„Ich hatte doch schon erwähnt, dass das im Dorf allgemein bekannt war. Jeder hat darüber geredet.“ „Es tut mir wirklich leid, aber ich kann Ihnen das nicht mehr glauben. Aus sicherer Quelle habe ich erfahren, dass an Ihren Geschichten nicht das Geringste wahr zu sein scheint. Warum haben Sie das erzählt?“ „Aber mit wem haben Sie denn geredet? Sie können mir glauben, was ich erzählt habe, ist die Wahrheit.“ Monika war ein wenig ins Stottern geraten. Carsten spürte, dass sie sich in ihrer Haut nicht mehr wohl fühlte. „Ich wüsste gerne den Grund, warum Sie mir das überhaupt erzählt haben.“ Monika war den Tränen nahe. Sie sagte nichts mehr. „Monika, sind Sie noch da?“ Dann brach es aus ihr heraus. „Sie haben überhaupt nichts gemerkt. Ist Ihnen in den Wochen in denen Sie hier waren nicht aufgefallen, wie gerne ich etwas mit Ihnen unternommen hätte? Für Sie gab es immer nur Sabine, Sabine, Sabine. Ich halte das nicht mehr aus.“ Monika weinte haltlos los. Carsten Koch hatte mit allem gerechnet, damit nicht.

„Ich hatte mir eine gemeinsame Zukunft mit Ihnen vorgestellt. Nicht nur in der Praxis. Das hätte so gut gepasst. Aber immer war diese Sabine im Weg. Was hätte ich denn sonst tun sollen? Mir Ihre Liebe mit ihm Ansehen sollen? Diese Frau bekommt doch immer alles was sie will. Und ich? Ich finde, ich hätte auch mal ein wenig Glück verdient.“ Mit diesen Worten beendete sie das Gespräch. Sie hatte einfach aufgelegt. Carsten wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er hätte alles geglaubt, aber nicht so etwas. Wenn er an die Zeit zurück dachte, war es schon so gewesen, dass Monika oft angeboten hatte, mit ihm auszureiten. Aber dem hatte er nie eine besondere Bedeutung beigemessen. Sie hatte doch auch einen Freund. Wie hätte er ahnen sollen, dass mehr dahinter steckte. Er hatte Monika auch ganz nett gefunden, aber eine Beziehung mit ihr einzugehen, war nicht sein Fall. Sie war nicht sein Typ. Nicht in seinen kühnsten Träumen hatte er etwas von Monikas Bestreben geahnt.

Wenn er jetzt an Sabine dachte, überkam ihn eine große Traurigkeit. Was hatte er ihr angetan. Wie hatte das passieren können? Die wenige Zeit die sie zusammen verbracht hatten, war perfekt gewesen. Er erinnerte sich jetzt daran, als sie ihm von Rolf erzählt hatte. Allein diese Geschichte hätte ihn überzeugen müssen, dass sie nichts von lockeren Männerbekanntschaften

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hielt. Aber er war Monika voll auf den Leim gegangen. Wieso hatte er es nicht geschafft, wenigstens einmal richtig darüber nachzudenken? Er hatte Sabine nicht die geringste Chance gelassen. Es fiel ihm nicht gerade leicht, aber er musste sich eingestehen, dass er ein echter Idiot war. Hoffentlich würde er das wieder hinbekommen.

Bei seinem nächsten Gespräch mit Dr. Meierling würde er ihn fragen, ob ihm jemals der Gedanke gekommen sei, dass Monika sich gedanklich auf dem Weg befand, eine Beziehung mit ihm anzustreben. Er konnte nur hoffen, dass das Dr. Meierling auch entgangen war.

Wenn Carsten an die nächsten vierzehn Tage dachte, war es ihm ein Rätsel, wie er die überstehen sollte. Sein Wunsch wäre gewesen, sich umgehend auf den Weg zu Sabine zu machen. Aber da sprach sein Dienstplan gegen. Wenn die Zeit doch bloß schon um wäre.

Karin freute sich zwar auf ihre Familie, war aber dennoch etwas betrübt, dass die gemeinsame Zeit mit Sabine so verflogen war. Sie hätte gerne noch ein paar Tage mit der Freundin allein gehabt. In wenigen Stunden würden Georg und die Kinder hier sein.

Sabine, die die trübselige Stimmung der Freundin bemerkte, was auch nicht wirklich schwierig war, sagte zu ihr: “Karin, bitte guck doch nicht so traurig. Es ist ganz bestimmt für deine Familie nicht nett, wenn sie dich so sehen. Spätestens im nächsten Jahr werden wir wieder ein paar Tage für uns ganz allein haben. Es ist doch auch wirklich super lieb von Georg, dass er einem Besuch bei mir überhaupt zugestimmt hat.“ „Da hast du Recht. Ich weiß auch, dass es nicht richtig ist, so missmutig zu sein. Ich freue mich auch auf Georg und die Mädchen. Dennoch wäre es nicht schlecht, wenn wir noch ein paar Tage mehr gehabt hätten.“ „Ja, aber so war es doch auch schon sehr schön.“ „Die Zeit ist für uns immer zu kurz.“

Es waren keine drei weiteren Stunden mehr vergangen, als Georgs Auto auf den Hof einbog. Gemeinsam mit Snuffy gingen Karin und Sabine dem Auto entgegen. Sabine hielt sich mit Snuffy etwas abseits. Sie wollte der Familie die Gelegenheit geben, sich ungestört begrüßen zu können. Es war schön, miterleben zu können, wie herzlich diese Begrüßung war. Die Kinder fielen der Mutter um den Hals. Auch Georg umarmte Karin herzlich. Dann kamen sie alle gemeinsam zu Sabine und Snuffy. Karin stellte Sabine ihre Kinder vor. „Das ist Martina. Sie ist meine älteste. Nächsten Monat wird sie sechzehn. Und hier ist unser Nesthäkchen Kerstin. Sie wird nächstes Jahr im Mai vierzehn.“ Die beiden Mädchen gaben Sabine schüchtern die Hand. Beide Mädchen schauten ohne Unterlass nur auf Snuffy. Karin lachte. „Das hab ich mir gedacht. Ihr habt nur Augen für Snuffy.“ Sabine trat etwas näher mit Snuffy an die Kinder heran. „Snuffy hat es sehr gerne, gekrault zu werden. Wen ihr mögt, dürft ihr das gerne machen.“

Die beiden Mädchen schienen nur auf diese Erlaubnis gewartet zu haben. Sofort knieten sie neben Snuffy nieder und begannen ihn zu streicheln. Snuffy benahm sich vorbildlich. Er legte sich auf den Boden und genoss die Streicheleinheiten. Die Mädchen waren begeistert. „Mama, der ist wunderbar. Wir wollen auch so einen Hund haben“ sagte Martina. Sofort stimmte Kerstin ihr zu.

„Das glaub ich euch sofort. Aber ein Hund will auch oft spazieren gehen. Er muss regelmäßig sein Futter bekommen. Und sein Fell muss auch täglich gekämmt werden. Was meint ihr denn, wer das alles machen sollte?“ „Das würden wir immer tun. Bitte erlaubt uns das.“ Die Mädchen sahen Karin und Georg flehentlich an. „Darüber reden wir ein andermal. Es wäre doch jetzt schöner, wenn ihr erst mal alle anderen Tiere begrüßt. Kommt, wir gehen mit euch eine Runde.“ Mit diesen Worten hakte sich Karin bei Sabine unter. Georg, Martina und Kerstin schlossen sich

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der Führung an. Natürlich war auch Snuffy ganz dicht bei ihnen.

Wie gerufen kamen Steve und Trude aus dem Stall auf die Gruppe zu. Die Mädchen waren begeistert. Karin sah Georg an. „Pass auf, gleich wollen sie auch unbedingt eine Katze haben.“ Georg lächelte. Die beiden Katzen gingen schnurstracks auf die Mädchen zu. Sie strichen an ihren Beinen entlang und ließen sich streicheln. Nach ein paar Minuten ging es dann aber weiter. Sie gingen in Richtung Bärengehege. Georg sah seine Töchter an. „Die nächsten Tiere werden aber nicht gestreichelt. Sonst fehlt euch gleich eine Hand.“ Für Georg war natürlich klar, dass die beiden Bären wilde Bestien waren. Sabine und Karin sahen sich an. Sie sagten beide nichts. Alle anderen sollten ruhig glauben, dass diese Tiere wild und böse waren. Wenn sie ihnen erzählt hätten, welche Erlebnisse Sabine und mittlerweile auch Karin schon mit Jacco gemacht hatten, hätte das sowieso keiner geglaubt. Fast ehrfurchtsvoll betrachteten Georg, Martina und Kerstin die Bären. Als Jacco sich direkt hinter dem Gitter aufrichtete, wichen alle drei erschrocken zurück. „Kann der auch bestimmt nicht herauskommen?“ fragte Georg. Sabine warf Karin einen zwinkernden Blick zu. „Nein, solange die Tür zu ist, kann er nicht raus.“ „Das ist beruhigend. Dann werden wir denen draußen nicht begegnen.“ Bevor Georg weiter reden konnte, hakte Karin ihn unter und zog ihn mit. „Kommt, wir machen einen kleinen Spaziergang. Da lernt ihr dann die anderen Tiere kennen.“ Snuffy, Sabine und die Mädchen folgten ihnen.

Als sie an der Waldwiese ankamen, auf der die Ponys, die Esel, die Ziegen und die Schafe friedlich nebeneinander grasten, waren die Mädchen endgültig restlos begeistert. Sabine ging mit ihnen ganz nahe zu den Tieren heran. Georg und Karin warteten an dem Waldweg. Sie setzten sich auf einen Baumstamm. Diese Gelegenheit konnten sie nutzen, um ungestört miteinander zu reden.

Martina sah verlangend zu den Ponys. „Kann man auf den Pferden auch reiten?“ „ Natürlich. Das mache ich zwar nicht oft, aber gefallen lassen sie sich das. Habt ihr Lust, in den nächsten Tagen einen Ausritt zu machen.“ „Unbedingt, wann können wir das denn machen?“ „Wenn ihr wollt, nehmen wir uns das für morgen früh vor.“ Ohne noch etwas zu sagen, rannten die beiden Mädchen zu Georg und Karin. Sie konnten es nicht abwarten, ihnen diese Neuigkeit zu erzählen. Sabine folgte ihnen langsam. „Jetzt kennt ihr alle meine Tiere. Wir sollten nach Hause gehen. Da haben wir nämlich heute Vormittag ein Essen vorbereitet. Bestimmt seid ihr hungrig und wollt auch ein wenig von der anstrengenden Fahrt ausruhen.“ Also machten sie sich auf den Rückweg. Die ersten Stunden mit Karins Familie waren sehr harmonisch verlaufen. Wenn das so weiter ging, hatten sie eine gute Zeit vor sich.

Monika war restlos verzweifelt und entmutigt. Sie hatte so sehr gehofft dass ihre Pläne die sie an Carsten Kochs Seite bringen sollten, gut ausgedacht und sicher sein würden. Da hatte sie sich offensichtlich gewaltig vertan.

Vor zwei Stunden hatte sie das Gespräch mit ihm beendet. Er hatte gemerkt, dass sie ihn belogen hatte. Das war wohl das Ende von ihrem Traum. Was sollte sie jetzt tun? Mit ihren Lügen war sie aufgefallen. Sie konnte sich nicht vorstellen wie es weiter gehen sollte. Wie sollte sie mit Carsten Koch gemeinsam arbeiten? Das war undenkbar. Wahrscheinlich würde er das auch nicht wollen. Aber wie stand sie jetzt da? Alle mussten denken, dass sie eine verlogene intrigante Person war. Und das war sie doch nicht. Sie hatte doch einfach auch nur einmal Glück und Zufriedenheit erleben wollen.

Mit wem mochte Carsten Koch geredet haben. Ihr klangen seine Worte noch deutlich im Ohr.

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„Ich habe das aus sicherer Quelle.“ Wenn sie darüber nachdachte, war ihr ziemlich klar, wer diese sichere Quelle war. Carsten hatte hier doch außer zu ihr nur zu Dr. Meierling Kontakt. Vor Scham würde sie am liebsten im Erdboden versinken. Wahrscheinlich hatten die beiden Männer ganz offen darüber geredet. Was sollte sie bloß machen? Wie stand sie jetzt vor Dr. Meierling da? Morgen würde sie sich erst mal krank melden. Sie konnte nicht in die Praxis fahren und so tun, als wäre nichts geschehen. Was sollte sie denn sagen, wenn Dr. Meierling ihr Vorhaltungen machen würde? Ihr war schon klar, dass er sie auch nicht verstehen konnte.

Sie dachte an Bernd. Erneut brach sie in Tränen aus. Erst vor wenigen Tagen hatte sie ihn weggeschickt. Sie hatte ihm gesagt, dass sie bereits eine neue Beziehung habe. Auch ihn hatte sie belogen. Vielleicht wäre es auch nie zu einer Trennung zwischen Bernd und ihr gekommen, wenn nicht Carsten Koch in ihrem Herzen und in ihrem Kopf eine so große Rolle gespielt hätte. Eigentlich war ihr klar, dass die Gedanken die sie hatte, nicht richtig waren. Für sie war es aber klar, dass Carsten Koch nicht unschuldig an der Trennung zwischen Bernd und ihr war. Warum sie ihn letztendlich rausgeschmissen hatte, diese Erinnerung verdrägte sie komplett. Dazu war es schließlich auch nur gekommen, weil sie sich so reserviert verhalten hatte. Ihrem Bernd konnte sie nicht mehr wirklich die Schuld daran geben.

Morgen würde sie Bernd anrufen und ihm sagen, dass sie sich alles noch einmal überlegt habe. Wenn er bereit war, mit ihr den Ort zu verlassen, würde sie ihm noch eine Chance geben. Sie würde die Praxis dann einfach sehr kurzfristig verlassen. Sollten die doch alle sehen, wie sie ohne sie klarkamen. Das konnte ihr jetzt egal sein.

Sabine war erstaunt, als am nächsten Morgen in aller Frühe Georg bei ihr in den Ställen erschien. Sie sah ihn verwundert an. „Bist du aus dem Bett gefallen? Mit dir hätte ich so früh noch nicht gerechnet.“ „Ich bin so früh aufgestanden, weil ich etwas mit dir bereden wollte.“ „Dann schieß mal los.“ Sabine sah ihn gespannt an. „Ich würde gerne mit meinen drei Mädels am Wochenende einen kurzen Abstecher in die Schweiz machen. Wir wären am Montag wieder bei dir. Für mich wäre das schön, weil wir ein paar Tage ganz für uns allein hätten. Ich habe schon ein schönes Hotel ausgesucht.“ „Schade, ich hatte gehofft, ihr würdet die ganzen Tage bei mir verbringen. Ich kann dich allerdings auch verstehen. Für dich ist es hier auch wirklich ein bisschen langweilig.“ „Wenn ich das meinen dreien erzähle, werden die gegen mich sein. Hilfst du mir, sie zu überzeugen?“ „Verlass dich auf mich. Ich werde an deiner Seite sein. Ich fand es schließlich auch super lieb von dir, dass Karin ein paar Tage allein hier sein konnte. Mach dir keine Sorgen. Das schaffen wir schon.“

Als sie eine Weile später zu fünft am Frühstückstisch saßen, ergriff Georg das Wort. „Meine Lieben, ich habe noch eine Überraschung. Ich wollte gemeinsam mit euch das Wochenende in der Schweiz verbringen. Ich habe schon ein schönes Hotel ausgesucht, in dem ihr euch verwöhnen lassen könnt. In der Gegend gibt es viele Sehenswürdigkeiten.“ Karin, die gerade dabei gewesen war, sich ein Brötchen zu schmieren, legte das Messer wieder auf ihren Teller. Sie sah Georg düster an. Auch die Mädchen schienen von dieser Überraschung nicht begeistert.

Hilfesuchend sah Georg zu Sabine, die dann auch das Wort ergriff. „Das ist doch aber eine wirklich gute Idee. So kommt ihr noch einmal richtig raus. Bestimmt wird euch das großen Spaß machen. Da könnt ihr euch dann wirklich richtig verwöhnen lassen. Am Montag sehen wir uns doch dann auch schon wieder. Ein paar Tage bleibt ihr dann doch noch bei mir.“ Karin sah Sabine fast ungläubig an. Sabine, die ihren Blick erwiderte, bat die Freundin im Stillen, sich auf Georgs Wunsch einzulassen. Auch wenn sie nicht daran geglaubt hatte, dass die Freundin sie

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ohne Worte verstand, war sie nur wenig erstaunt, als Karins Miene sich aufhellte. „Lieber Georg, ich finde dass eine sehr liebe Idee von dir. Und so richtig verwöhnen lassen, das wäre schon gut.“ „Wir wollen nicht mit.“ Martina und Kerstin hatten fast die gleichen Worte gleichzeitig gesagt. Wir wollen bei Sabine und den Tieren bleiben.“ „Das finde ich nett von euch. Aber meint ihr nicht, dass eure Eltern euch gerne bei sich hätten?“

Die beiden Mädchen sagten nichts mehr, sahen ihren Vater aber strafend an. „Papa du hattest uns versprochen, dass wir die ganze Zeit hier mit den Tieren verbringen können.“ „Aber Kinder, das ist doch auch nur ein Wochenende.“ Die beiden Mädchen sagten nichts mehr dazu. Sie zogen sich einige Meter zurück. Snuffy folgte ihnen. Er schien zu spüren, dass sie Trost brauchten. Schon nach wenigen Minuten kehrten sie zu den Erwachsenen zurück. „Wir sind einverstanden, haben aber eine Bedingung“ sagte Martina. Georg sah seine Töchter gespannt an. „Wir wollen Snuffy mitnehmen.“ Keiner sagte mehr ein Wort. Karin sah zu Sabine und dann zu ihren Töchtern. „Solltet ihr nicht zuerst Sabine fragen, ob das überhaupt gehen würde.“ Martina drehte sich zu Sabine. „Erlaubst du uns das? Snuffy käme bestimmt gerne mit uns. Er ist so ein lieber Hund.“

Sabine kniete sich zu Snuffy nieder und kraulte ihn hinter den Ohren. Es sah fast aus, als hielten die beiden ein Zwiegespräch. Als Sabine wieder aufstand, sah sie Martina und Kerstin an. „Wenn ihr versprecht, gut auf ihn aufzupassen und ihn nicht allein zu lassen, könnt ihr ihn für das Wochenende mitnehmen.“ Umgehend stürmten die beiden Mädchen auf Sabine los und umarmten sie. „Danke. Natürlich werden wir immer bei ihm sein. Da brauchst du dir keine Sorgen machen. Am Montag ist er auch schon wieder bei dir.“

Karin sah Sabine dankbar lächelnd an. Georg ging zu Sabine und nahm sie in den Arm. „Ohne deine Hilfe wäre das nichts geworden.“ Er drückte sie herzlich an sich.

„In den nächsten drei Stunden hast du Karin für dich ganz allein. Ich gehe mit den Mädchen zu den Pferden. Wir wollen einen Ausritt machen.“ Sofort hakten sich Martina und Kerstin bei Sabine ein. Gemeinsam, natürlich von Snuffy gefolgt, gingen sie zu den Ställen. Weder Karin noch Georg blieb die Gelegenheit, ein Wort dazu zu sagen.

Der Vormittag war für alle sehr schön. Karin fuhr mit Georg in die Stadt, um einige Besorgungen zu machen.

Die Mädchen waren restlos zufrieden. Sabine gab sich große Mühe, ihnen den Umgang mit den Pferden so zu erklären, dass alle Spaß an dem Ausritt hatten. Obwohl es für ihre Ponys die Ausnahme war, geritten zu werden, benahmen sich die Tiere vorbildlich. Snuffy war die ganze Zeit bei ihnen. Ganz locker lief er neben den Ponys her. Er hatte immer großen Spaß, die Ausritte zu begleiten. Sabine schlug den Weg zum See ein. Dort wollten sie eine Pause machen, um die untrainierten Ponys nicht zu überlasten. „Deine Tiere und du ihr führt ein traumhaftes Leben. Darum bist du zu beneiden. Gestern Abend haben Kerstin und ich uns noch lange darüber unterhalten. Wir würden eine Menge dafür geben, auch so leben zu können. Das ist bei uns ganz anders. Da ist immer viel Stress und Unruhe. Plätze wie hier gibt es doer nicht. Allein der Stress in der Schule. Das ist hier bestimmt auch ganz anders. Ich bin froh, wenn ich das nächstes Jahr hinter mir habe.“ „Weißt du schon, wie es dann weiter gehen soll? Was willst du denn werden?“ „Am Liebsten würde ich einen Beruf lernen, bei dem ich mit Tieren zusammen sein kann. Mama versucht mich schon seit Jahren davon zu überzeugen, dass der Beruf der Krankenschwester für mich nicht schlecht wäre. Dazu habe ich aber keine Lust.“ „Gibt es bei

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euch keine Tierärzte, bei denen du vielleicht eine Ausbildung machen könntest?“ „Ein paar gibt es schon. Da habe ich auch schon ganz vorsichtig nachgefragt. Aber das sieht nicht sehr gut aus. Bei einem Tierarzt, dass wäre mein Traum.“ „Vielleicht wird es doch noch gelingen, dass du dort eine Stelle bekommst. Ich an deiner Stelle würde einfach immer mal wieder hingehen und nachfragen. Du könntest auch anbieten, während deiner Schulzeit dort immer mal zu arbeiten. Das macht bestimmt einen guten Eindruck.“ „Das ist eine gute Idee. Könntest du denn mit Mama reden? Du kannst ihr vielleicht besser erklären, wie wichtig mir das ist.“ „Versprochen. Das mache ich gern.“

Nachdem sie noch eine Weile miteinander geredet hatten, gingen sie wieder zu den Ponys um den Ausritt fortzusetzen. Die Mädchen und Sabine verstanden sich sehr gut. „Könnten wir so einen tollen Ausritt nicht noch einmal machen?“ „Aber natürlich. Das hat wirklich Spaß gemacht.“

Gerade als sie wieder an den Ställen waren und die Ponys abgesattelt hatten, kamen auch Georg und Karin wieder auf dem Hof an. Sie hatten sich alle sehr viel zu erzählen und der Nachmittag war schnell vorbei. Sie saßen noch vor dem Bärengehege und beobachteten die Bären. Insgeheim wünschten die Mädchen sich, dass die Zeit bei Sabine und den Tieren nie vorbei gehen solle.

Monika rief sehr früh morgens bei Dr. Meierling an. „Ich bin krank. Ich kann heute nicht kommen.“ Ohne eine Antwort von ihm abzuwarten, beendete sie das Gespräch. Dr. Meierling sah verwundert den Telefonhörer a. „Was war das denn?“ Er kannte Monika schon viele Jahre, aber so hatte er sie noch nie erlebt. Natürlich war es immer mal wieder vorgekommen, dass sie krank war. Wenn sie sich abgemeldet hatte, erzählte sie ihm immer, was ihr fehlte oder wie lange sie bis zur Genesung brauchen würde. So etwas wie heute hatte er noch nicht mit ihr erlebt.

Es war klar, dass er den Ablauf in der Praxis allein schaffen konnte. Trotzdem schade, dass Monika nicht da sein würde. Heute Abend würde er sie anrufen. Bestimmt war sie dann schon wieder gesprächiger. Vielleicht ging es ihr wirklich nicht gut um längere Telefonate zu führen. Mit dieser Erklärung gab er sich erst einmal zufrieden.

Nachdem Monika das Gespräch mit Dr. Meierling abrupt beendet hatte, wählte sie Bernds Nummer. Sie musste nur einen kleinen Moment warten, bis er sich meldete. „Guten Morgen Bernd. Hier spricht Monika. Hättest du Lust, dich mit mir zu treffen? Ich habe über alles noch einmal nachgedacht. Ich möchte gerne mit dir reden.“ „Wann hättest du denn Zeit für mich. Du brauchst nur die Zeit und einen Ort sagen an dem wir uns treffen. Ich werde da sein.“ „Willst du heute Mittag zu mir kommen?“ „Ich werde um zwölf Uhr bei dir sein.“ Sie legten ohne ein weiteres Wort zu sagen auf.

Für Bernd war es unfassbar das Monika sich gemeldet hatte. Nach dem letzten Gespräch hatte er die Hoffnung aufgegeben, sie jemals wieder an seiner Seite zu haben. Er würde alles tun, damit sie wieder zusammen sein könnten. Wie oft hatte er ihr schon versprochen, sich zu ändern. Wie oft hatte er sie enttäuscht? Heute Mittag würde er ihr alles versprechen was sie wollte. Dieses Mal würde er sich auch daran halten. Die letzten Wochen ohne Monika waren für ihn die reinste Qual gewesen. So etwas wollte er nicht noch einmal erleben.

Er nahm sich vor, Monika ein Fläschchen von ihrem Lieblingsparfüm mitzubringen. Er würde Armin, seinen Kumpel bei dem er immer noch wohnte, um ein paar Euro bitten. Er nahm sich

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fest vor, dass sich auch das ändern sollte. Diese ewige Geldknappheit war nicht mehr zum Aushalten. Er würde sich eine Arbeit suchen. Egal welche. Er wollte endlich etwas ändern.

Die Zeit, die Sabine mit Karin, Georg, Martina und Kerstin verbrachte, war rundherum schön. Es waren zwar immer nur kurze Momente die Sabine mit Karin allein hatte, aber dennoch verliefen die gemeinsamen Tage sehr harmonisch.

Heute wollte Georg mit den Mädchen in die Stadt. Für das Wochenende sollten noch einige Vorbereitungen getroffen werden. Karin hatte beschlossen, die Zeit allein mit Sabine zu verbringen.

Die beiden Frauen beschlossen, einen Spaziergang mit Snuffy zum See zu machen. Sie konnten die ungestörte Zeit nutzen, um miteinander zu reden.

„Das Zusammensein mit deinen Kindern macht mir großen Spaß. Die sind beide wirklich sehr freundlich.“ „Da können wir uns auch nicht beschweren. Bisher sind sie überall gut zu Recht gekommen.“ „Ich habe mit Martina ein längeres Gespräch über ihren Berufswunsch geführt. Sie würde sehr gerne mit Tieren arbeiten. Eine Ausbildung zur Tierarzthelferin hätte sie am Liebsten.“ „Ich weiß, ich bin davon allerdings nicht sehr begeistert. Georg auch nicht. Wir versuchen sie davon zu überzeugen, dass auch der Beruf der Krankenschwester viele Vorteile hat. Das sieht Martina nicht so.“ „Denkst du nicht, dass es schöner für sie wäre, wenn man ihren Wunsch berücksichtigt?“ „Ich fürchte, dass sie sich sowieso durchsetzen wird. Ich habe ihr schon erzählt, dass die Verdienstmöglichkeiten beim Tierarzt nicht besonders hoch sind. Auch die Arbeitszeiten sollten eher abschrecken. Aber da ist sie total uneinsichtig.“ „Lass sie doch jetzt schon immer mal Probearbeiten. Vielleicht verliert sie dann ja auch die Lust.“ „Das wäre eine gute Überlegung..“

Die nächsten Minuten spielten die Frauen vergnügt mit Snuffy. Der war in den letzten Tagen wieder sehr ausgeglichen gewesen. Nicht mehr das geringste Anzeichen dafür, dass hier irgendwer durch die Gegend schlich. Sabine hatte schon darüber nachgedacht, ob sie bei seinem letzten Alarm doch etwas zu ängstlich reagiert hatte. Sofort die Polizei zu benachrichtigen, war doch etwas zu besorgt gewesen. Aber zum Glück schien auch alles in Ordnung zu sein. In den Tagen, in denen wie jetzt mehrere Menschen bei ihr auf dem Hof wohnten, brauchte sie sich ohnehin keine Gedanken zu machen.

„Sabine, ich weiß das du nicht darüber reden möchtest, aber mir lässt das keine Ruhe. Ich habe noch sehr viel über Carsten und dich nachgedacht. Ich kann es kaum in Worte fassen, wie traurig ich diesen Verlauf finde. Wenn man dich reden hört, könnte man denken, dass es dir nichts ausmacht, dass sich alles so entwickelt hat. Wenn ich doch bloß wüsste, wie ich dir helfen kann.“

Sabine sagte einige Minuten kein Wort dazu. Sie saß sehr still und betroffen am Boden. „Ach Karin, ich versuche, den Schmerz und die Enttäuschung für mich so gering wie möglich zu halten. Ich hoffe, dass es nicht ganz so doll weh tut, wenn ich mich nicht darauf einlasse. Ich bin so enttäuscht, aber das hilft mir nichts.“ Unaufhaltsam flossen nun Tränen. „Allein weil ich nicht wollte, dass du das miterleben musst, habe ich so getan, als mache es mir nichts aus. Ich wollte den Eindruck machen, stark und unverletzbar zu sein. Entschuldige, das geht jetzt nicht mehr“ „Dafür brauchst du dich ganz bestimmt nicht zu entschuldigen. Ich bin ein Stück weit erleichtert, dass dich das doch nicht so kalt lässt, wie es bei unserem letzten Gespräch darüber den Anschein hatte.“ Karin nahm ihre Freundin in den Arm. Vor lauter Tränen fiel Sabine das

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Reden nicht leicht. „Ich habe so oft gegrübelt, was es gewesen sein kann. Carsten war plötzlich ein ganz anderer. Er schien nicht mehr das geringste Interesse daran zu haben, auch nur ein einziges Wort mit mir zu reden. Wenn er wenigstens gesagt hätte, was ihn so verärgert hat. Ich habe schon tausend Mal darüber nachgedacht, ihn anzurufen. Aber ich habe einfach die Befürchtung, dass er wieder sagen wird, dass er erst mit mir reden will, wenn er wieder hier ist. Noch einmal könnte ich das nicht ertragen.“ „Ich kann dich gut verstehen. Wenn ich nächste Woche wieder zuhause bin, werde ich ihn anrufen. Das hatte ich mir sowieso schon +überlegt. Bis eben hatte ich noch geglaubt, dass es nicht richtig sei, sich einzumischen. Jetzt sehe ich das anders.“ „Was willst du ihm dann sagen?“ „Ich werde ihn fragen, ob er sich einmal Gedanken darüber gemacht hat, wie es die geht. Natürlich will ich auch wissen, was sein Verhalten herbeigeführt hat. Der soll nicht glauben, dass ich das einfach kommentarlos hinnehme, wenn er meine Freundin so verletzt.“ Es war nicht zu überhören, wie wichtig es für Karin war, etwas zur Klärung dieser Geschichte beizutragen.

Eine Zeitlang saßen die beiden noch still nebeneinander. Snuffy hatte sich dicht zu ihnen gelegt. Er verhielt sich sehr ruhig. Schließlich stand Sabine auf. „Komm, wir wollen wieder zum Hof gehen. Sonst sind Georg und die Kinder schon eher da als wir. Mir wäre es auch nicht Recht, wenn sie mich so verheult sehen.“

Zuerst gingen sie am Bärengehege entlang. Jacco und Stina lagen dicht nebeneinander am Schwimmteich. Sie machten beide einen sehr zufriedenen Eindruck. Sabine und Karin verweilten einen Moment und sahen den beiden zu. Jacco stand auf und trottete auf das Gitter zu. Er ging direkt auf Sabine zu und setzte sich vor sie hin. Er sah sie an und wieder hatte Sabine das Gefühl, er schaue in ihre Seele. „Warum bist du so traurig? Was kann ich tun?“ „Lieber Jacco, es ist alles gut. Mir geht es bald auch wieder besser. Das erzähl ich dir, wenn wir alleine sind.“

Karin beobachtete die beiden sehr gespannt. Es war sehr deutlich zu spüren, dass Sabine und Jacco miteinander redeten. Sie wollte sie nicht stören.

Es dauerte nur wenige Minuten, da stand Jacco wieder auf und ging zu Stina an den Teich zurück. Fragend sah Karin Sabine an. „Er merkt immer sofort, wenn es mir nicht gut geht. Er wollte wissen, warum ich traurig bin.“ „Ich kann überhaupt nicht ausdrücken, wie beneidenswert du bist, einen solchen Freund zu haben.“ „Ich kann kaum ausdrücken, wie dankbar ich dafür bin.“

Da Georg und sie Mädchen immer noch nicht wieder da waren, ging Sabine erst mal ins Haus, um im Bad ihr tränenverschmiertes Gesicht in Ordnung zu bringen. Sie wollte nicht, dass Georg oder die Kinder etwas davon bemerkten. Das Gespräch mit Karin und ihre Tränen hatten ihr gut getan. Aber ihr war es wichtig, dass kein anderer etwas von ihrrem Kummer mitbekam.

Als Georg und die Kinder wieder zurück waren, hatten sie jede Menge zu berichten. Sie waren auch im Tiergarten bei Herrn Fischer gewesen. Dort, in dem Gartenlokal hatten sie Kaffee und Kuchen gehabt. Sie waren über die Haltung der dort lebenden Tiere entsetzt gewesen. Martina sagte ganz klar, wie froh Jacco sein könne, dass er dieser Haltung entronnen sei. Wie schade, dass man nicht mehr Tiere befreien könne.

Sie hatten einige Einkäufe für das bevorstehende Wochenende getätigt. Sogar ein Halsband und eine Leine hatten sie für Snuffy gekauft. Martina und Kerstin waren sehr aufgeregt, als sie dem riesigen Hund diese Sachen zeigten und sie anprobierten. Snuffy ließ alles geduldig über sich

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ergehen. Er schien diese ganze Aufregung nicht verstehen zu können. Für die Mädchen war es etwas ganz Besonderes, gemeinsam mit dem Hund zu verreisen.

Mit jedem Tag, der das Wochenende näher brachte, stieg die Aufregung noch. Am Freitagmorgen machte Sabine noch mit Martina einen Ausritt. Kerstin hatte beschlossen, bei den Eltern zu bleiben und bei den Vorbereitungen für das Wochenende zu helfen. Sabine erzählte Martina, dass sie bei ihrer Mama ein gutes Wort und ein paar Vorschläge für ihre Ausbildung eingelegt hätte. Martina freute sich darüber.

Als sie wieder am Hof ankamen und die Pferde abgesattelt hatten, war es mit Martinas Geduld auch vorbei. Sie ließ sich von Kerstins Unruhe anstecken. „Wann fahren wir denn los? Warum dauert das noch so lange?“

Sabine und Karin zogen sich für einige Minuten zurück. Sie besprachen den Ablauf des Wochenendes. Karin war immer noch nicht begeistert, die Freundin allein zurück zu lassen. Aber sie wollte weder Georg noch den Kindern die Freude verderben.

Sabine war ziemlich traurig, als sie gefahren waren. Solange Snuffy lebte, war dass, von dem Überfall einmal abgesehen, die erste Trennung zwischen ihnen.

Sabine ging durch die Ställe und den Garten. Sie fühlte sich restlos einsam. Als sie am Bärengehege ankam, hob sich ihre Stimmung etwas.

Jacco kam sofort zu ihr. Er nahm jede ihrer Stimmungen schon von Weitem wahr. Eindringlich sah er sie an. „Lässt du mich nachher raus? Gehen wir dann ein Stück?“ Sabine hatte das nicht vor gehabt. Allerdings war sie sofort bereit, ihm zu sagen, dass sie sich darauf freue. Und so war es auch. Bestimmt würde es ihr guttun, gemeinsam mit ihrem Bärenfreund eine Weile durch die Gegend zu laufen. Vielleicht käme es dann dazu, ihm von ihrem Kummer zu erzählen. Bei Jacco konnte sie sich aufgehoben und verstanden fühlen.

Es dunkelte bereits, als sie wieder zum Bärengehege ging. Sie hatte den restlichen Nachmittag damit verbracht, an ihrem Buch weiter zu schreiben, Jacco saß bereits wartend an der Tür. Stina hatte sich in eine Kuhle zurückgezogen. Sie schien genau zu wissen, dass Jacco in den nächsten Stunden nicht bei ihr sein würde.

Sabine öffnete die Tür. Jacco kam langsam zu ihr heraus. Er machte einen ruhigen, ausgeglichenen Eindruck. Sabine war sehr zufrieden, die nächste Zeit mit ihm ganz allein verbringen zu können. Als sie in Richtung Wald ging, folgte der Bär ihr sofort.

Sabine hatte großes Vertrauen zu Jacco. Nicht eine Sekunde zweifelte sie daran, sich auf ihn verlassen zu können. Er war ihr ein guter, treuer Freund. Wie schon so oft, dachte sie wieder daran, dass sie das niemals geglaubt hätte, als sie Jacco kennen lernte.

Sie gingen ein Stück abseits des Weges in den Wald. Sabine setzte sich auf einen am Boden liegenden Baumstamm. Jacco ging um den Stamm herum und setzte sich dann direkt Sabine gegenüber hin. Allein dieses Zusammensein schon war es wert gewesen, diesen Spaziergang zu machen. Sie kraulte Jacco hinter den Ohren. Der Bär sah sie freundlich an. „Warum bist du so traurig?“ Sabine stiegen sofort wieder Tränen in die Augen. Jacco leckte über ihre Hand. Sie erzählte ihm ihre ganze Geschichte. Sie ließ auch Rolf nicht aus. Sie sprach von ihrem Glück,

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dass sie mit ihm gehabt hatte. Und dann das jähe, grausame Ende. Die vielen Jahre, die sie allein mit ihren Tieren hier gelebt hatte. Jacco drückte seinen Kopf fest an ihre Brust. Sie war dankbar für seine Nähe. Sie merkte, dass sie sich sehr gut fühlte, ihm das alles zu erzählen. Von Carsten, den Jacco auch kannte, erzählte sie sehr ausführlich. Wie es angefangen war, das er Snuffy das Leben gerettet hatte, ihre Liebe. Doch auch da stand am Ende, fast ähnlich wie bei Rolf, dass abrupte, jähe Ende. Jacco hörte ihr während des ganzen Erzählens aufmerksam zu. Mittlerweile war es stockfinster. In Jaccos Nähe fühlte sich Sabine sehr sicher. Sie hatte nicht ein einziges Mal ein unsicheres Gefühl. Was sollte ihr in Jaccos Nähe auch passieren?

Als sie den Heimweg zum Hof antraten, ging Jacco dicht neben ihr. „Wirst du mich gleich wieder einsperren?“ Sabine blieb stehen und sah ihn an. „Ich fürchte, das werde ich tun müssen.“ „Ich würde die Nacht sehr gerne frei umherlaufen. Du kannst ganz sicher sein, dass ich keinen Schaden anrichten werde.“ Sabine ging langsam weiter. Sie war tief in Gedanken versunken. Sie überlegte angestrengt, wie sie sich jetzt verhalten sollte. Sie konnte Jacco doch nicht unbeaufsichtigt hier herumlaufen lassen. Aber warum eigentlich nicht? Noch vor wenigen Stunden war die Klarheit in ihrem Herzen gewesen, wie sehr sie ihm vertraute. Sie spürte ganz deutlich die Sicherheit in sich aufsteigen, dass sie ihm auch in diese Richtung vertrauen konnte. „Du kannst die Nacht frei umherlaufen. Du musst unbedingt in aller Frühe Morgen zurück sein. Ich muss mich darauf verlassen können, dass du dich niemandem zeigst.“ „Ich werde mich nach meinem Ausflug vor die Tür legen. Du kannst dich auf mich verlassen. Vertrau mir.“ „Jacco, ich habe grenzenloses Vertrauen zu dir. Ich bin sehr froh, dass du mein Freund bist.“ Es war geklärt. Jacco konnte die Nacht in Freiheit verbringen. Sabine war sich sicher, dass ihre Entscheidung die richtige gewesen war. Sie würde es nicht bereuen.

Jacco begleitete Sabine bis an die Haustür. Sie lächelte ihn an. „Ich wünsche dir eine schöne Nacht mit vielen Erlebnissen. Pass gut auf dich auf.“ Jacco schleckte ihr noch einmal über die Hände. Dann drehte er sich um und verschwand in der Dunkelheit.

Es war schön sehr spät. Morgen würde der Tag wieder früh beginnen. Als Sabine in ihrem Bett lag, war es ein sehr komisches Gefühl, nicht Snuffy vor ihrem Bett liegend zu wissen. Sie war zu müde, um noch lange darüber nachzudenken. Es dauerte nur Momente bis sie eingeschlafen war.

Die ganze Nacht hatte sie tief und fest geschlafen. Als sie aufwachte, galten ihre ersten Gedanken Jacco. Ob er wirklich da sein würde. Sie kletterte eilig aus dem Bett. Duschen, Zähneputzen und Anziehen waren schnell erledigt. Dann stürmte sie, ohne auch nur einen Schluck Kaffee zu trinken, nach draußen. Ihr erster Blick fiel auf den Eingang zum Bärengehege. Von Jacco weit und breit keine Spur. Etwas in Panik, rannte sie los. Sie wollte aus der Nähe gucken, ob er nicht doch da war. Sie war schon auf der letzten Stufe. Ihre Blicke suchten fast verzweifelt die Gegend um das Bärengehege ab. Sie wollte von der untersten Stufe mit einem Satz losrennen. Hätte sie einen einziges Blick vor sich geworfen anstatt nur das Bärengehege zu fixieren, wäre ihr das Nachfolgende erspart geblieben.

Sie stolperte über einen riesigen Berg aus Fell. Der Länge nach schlug sie hin. Sie drehte ihren Kopf in Richtung Treppe. Sie sah direkt in Jaccos Augen. Obwohl sie sich ziemlich die Knie gestoßen hatte, musste sie lachen. Warum hatte sie nicht ein einziges Mal woanders als auf die Tür zum Bärengehege gesehen? Sie rappelte sich auf, kroch zu Jacco und nahm ihn in den Arm. „Ich habe eine Sekunde geglaubt, du wärst nicht da.“ „Ich habe doch gesagt, dass ich vor der Tür warten werde.“ Wieder lachte Sabine. „Ich dachte, du meinst die Tür zu deinem Gehege.“

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Gemeinsam gingen Sabine und Jacco nun zur Tür des Geheges. Stina saß schon in unmittelbarer Nähe. Als Sabine die Tür öffnete, ging Jacco sofort zu Stina. Freudig leckte er ihr über ihre Nase. Die beiden taten, als hätten sie sich Tage nicht mehr gesehen. Es war so schön miterleben zu dürfen, dass diese beiden sich wiedergefunden hatten. Sie machten einen wirklich sehr glücklichen und zufriedenen Eindruck.

Zuerst ging Sabine zu den Ställen und erledigte dort ihre Arbeiten. Anschließend ging sie wieder in die Küche, setzte einen Kaffee für sich auf und bereitete dann das Futter für die Tiere zu. Steve und Trude saßen bereits in der Küche auf der Anrichte. Sie freuten sich, als Sabine ihnen zwei Schälchen mit frischem Futter hinstellte. Sabine nahm einen Kaffee und den Eimer mit dem Bärenfutter. Sie schlenderte Kaffeetrinkend zum Gehege. Jacco und Stina saßen schon wartend am Gitter. Sabine warf den beiden Bären große Fleischstücke, Fisch und Obst zu. Es war eine Freude zu sehen, mit wie viel Begeisterung die beiden Bären ihr Frühstück verschlangen. Als Sabine ihren Kaffee ausgetrunken und auch die Bären mit dem Frühstück fertig waren, ging sie erst wieder zum Haus. Die Zeit war schon so weit fortgeschritten, dass sie jetzt bei Karin anrufen konnte um zu hören, wie dort alles lief.

Sie wählte Karins Nummer und musste kaum einen Moment warten, bis die Freundin sich meldete. „Guten Morgen Karin, bist du schon telefonbereit?“ „Wir sind schon eine Zeitlang auf. Hier ist es wirklich schön. Snuffy geht es auch gut. Die Mädchen sind ganz begeistert, wie gut und anständig er sich benimmt.“ „Gestern Abend war ich noch mit Jacco spazieren. Das hat mit gut getan.“ Eine Weile plauderten die Frauen noch miteinander Obwohl erst ein Tag vergangen war, hatten sie sich viel zu erzählen. Von Jaccos nächtlichem Ausflug erzählte Sabine nichts. Das würde sie Karin erzählen, wenn sie wieder hier war.

Es war Punkt zwölf Uhr, als Bernd vor Monikas Tür stand. Er hatte sich fest vorgenommen, pünktlich zu sein. Monika würde das hoffentlich bemerken. Er konnte sich noch sehr gut an einige Situationen erinnern, in denen Zeit für ihn keine Rolle spielte. Er hatte Monika oft warten lassen. Sie sollte gleich merken, wie wichtig es ihm war, dass so etwas nicht mehr passierte.

Heute Morgen hatte er in der Zeitung schon den Stellenmarkt angesehen. Da stand zwar keine passende Stelle für ihn, aber immerhin konnte er Monikas berichten, dass er sich kümmerte. Hoffentlich würde sie ihm noch eine einzige Chance geben.

Als Monika die Tür öffnete, stand Bernd zunächst sehr reglos da. Es dauerte einen Augenblick, bis er die ersten Worte sagte. „Darf ich dich in den Arm nehmen?“ Ohne Worte ging Monika ihm entgegen. Er legte seine Arme um sie und presste sie an sich. „Monika, ich liebe dich. Bitte verzeih mir. Ich bitte dich heute um eine allerletzte Chance Du sollst es nicht bereuen.“ Sie schmiegte sich an ihn. Es schien nicht mehr zwischen ihnen zu stehen was er ihr angetan hatte. „Du bekommst eine allerletzte Chance. Ich habe viel über uns Nachgedacht. In den vergangenen Wochen habe ich dich mehr vermisst, als ich eigentlich zugeben möchte. Wenn ich an unsere gemeinsame Zeit denke, fallen mir viele gute Zeiten ein. Nur die letzten Monate waren kaum auszuhalten.“ Bernd drückte sie fest an sich. Er nahm sich vor, sie nie wieder zu enttäuschen. „Auch mir ist in den vergangenen Wochen sehr viel klar geworden. Ich kann dich nur aus tiefstem Herzen um Verzeihung bitten. Für unsere Zukunft weiß ich schon jetzt, dass ich alles tun werde was du möchtest.“ „Wie schön dass du das sagst. Dann hätte ich nämlich auch gleich einen Wunsch.“ „Was immer du möchtest, ich werde hinter dir stehen.“ „Ich will nicht in dieser

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Gegend bleiben. Lass uns in eine große Stadt ziehen. Da wird für uns beide Arbeit zu finden sein.“ „Was wird dann aus deinem Dr. Meierling? Für den hast du doch immer alles getan.“ „Der ist doch nicht mehr lange in seiner Praxis. Und sein Nachfolger, dieser Dr. Koch, den mag ich nicht. Eine solche Zusammenarbeit wie mit Dr. Meierling kann und will ich mir mit dem nicht vorstellen.“ Hoffentlich merkte Bernd nicht, dass sie ihn anlog. Sie hätte sich nichts mehr gewünscht, als neben Carsten Koch ihr Leben zu verbringen. Es war alles anders gekommen. Aber das sollte Bernd nicht wissen. Sie fand es ein Stück weit gemein und berechnend, wie sie sich Bernd gegenüber benahm. Sie spielte ihm Gefühle vor, die sie nicht mehr hatte. Aber für einen Neubeginn brauchte sie zunächst einen Ansprechpartner. Wer wäre da besser geeignet als Bernd? Sobald sie allein zu Recht kam, würde sie sich von ihm trennen. Und zwar endgültig. Aber solange wollte sie ihm noch die treue Freundin vorspielen.

„Was hast du denn gedacht, welche Stadt das seien sollte? Das kommt alles ein bisschen überraschend für mich. Aber ich habe gesagt, dass ich hinter dir stehen werde und das werde ich auch tun.“ „Könntest du dir München vorstellen? Oder Berlin?“ „Hast du schon eine Idee, wie wir das anstellen können? Dafür brauchen wir erst Mal etwas Geld.“ „Wenn ich alles zusammenkratze, könnten wir einige Wochen überbrücken.“ „Ganz vielleicht kann ich auch noch etwas dazu beisteuern.“ „Das wäre natürlich gut. Würdest du wirklich mit mir gehen?“ „Unbedingt. Ich will dich nie mehr verlieren. Wann soll denn eigentlich diese Umstellung sein?“ „Ich möchte das so schnell schaffen wie es eben geht.“ „Aber deine Kündigungszeit, die wirst du einhalten müssen.“ „In all den Jahren sind Dr. Meierling und ich immer bestens miteinander ausgekommen. Ich glaube nicht, dass er mir jetzt Steine in den Weg legen würde. Wenn es dir Recht ist, werde ich schon heute Abend bei ihm vorbei fahren und mit ihm reden.

Wann könntest du es schaffen, hier alles zu regeln, damit wir loskönnen?“ „Das wird sich schnell machen lassen. Ich werde mich ganz nach dir richten.“ Bernd sah sie verträumt an. Monika hatte ihr Ziel erreicht. Es gab noch einen Punkt, den sie ansprechen musste. „Wie sieht es mit deiner Geduld auf der körperlichen Ebene aus?“ „Was meinst du damit?“ „Ich rede davon, dass ich noch eine Weile Zeit brauche, bis ich wieder mit dir schlafen kann.“ In der ersten Sekunde war Bernd enttäuscht. Er hatte gedacht, dass alles wieder in Ordnung sei. Er wollte sich nicht anmerken lassen, dass ihn das traf. „Du kannst so viel Zeit haben wie du brauchst. Ich werde dich ganz sicher nicht bedrängen. Wenn es für dich soweit ist, gib mir ein Zeichen.“ Er lächelte sie liebevoll an. „Danke. Ich weiß nicht, ob das schnell gehen wird. Diese Erfahrung war die Schlimmste meines Lebens.“ „Lass uns nicht mehr darüber reden. Nimm so viel Zeit wie du brauchst.“ Monika sah ihn dankbar an. Wenn Bernd geahnt hätte, was in ihren Gedanken vor sich ging, wäre er entsetzt gewesen. Für Monika zählte einzig und allein, dass sie in einer neuen großen Stadt nicht allein da wäre. Zumindest in der Anfangszeit. Sie dachte nicht eine Sekunde daran, ihre Zukunft mit Bernd zu verbringen. Er diente lediglich als Mittel zum Zweck. Sex mit ihm wollte sie nie wieder. Aber das schien auch nicht nötig zu sein. Er hielt sich scheinbar an ihre Spielregeln.

Sie tranken noch gemeinsam einen Kaffee und schmiedeten Pläne für die Zukunft. Monika gab Bernd voll und ganz das Gefühl, als könne er sich ihrer sicher sein.

Er hatte eine sehr große Enttäuschung vor sich.

Sabine hatte fast den gesamten Nachmittag in ihrem Garten verbracht. Sie war dabei, Büsche zu beschneiden, ein wenig Laub zu harken und die Gartenmöbel in die Scheune zu räumen. Der Herbst mit Regen und Sturm war sicher nicht mehr weit entfernt. Sie wollte sich davon nicht

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überraschen lassen. Des Öfteren legte sie kurze Pausen ein, in denen sie zu den Bären ging. Sie versprach Jacco, dass sie bei Einbruch der Dunkelheit wieder einen Spaziergang machen würden. Der Bär bekundete seine Freude darüber.

Bevor es für die Gartenarbeit zu sehr dunkelte, ging Sabine ins Haus. Sie ließ sich ein großes Vollbad einlaufen, in das sie mit Freude stieg. Das heiße Wasser und der Schaum waren genau das Richtige. Sie wollte diese Stunde in der Badewanne aus vollen Zügen genießen. Anschließend dann würde sie gemeinsam mit Jacco durch den Wald streifen. Ob er sie wieder danach fragen würde, ob er die Nacht außerhalb seines Geheges verbringen durfte. Sie wusste schon jetzt, dass sie ihm diesen Wunsch wieder nicht abschlagen konnte. Er hatte auch schließlich alle seine Versprechen eingehalten. Wenn sie an den Morgen dachte, musste sie wieder lachen. Wenn sie einen einzigen Blick vor ihre Treppe geworfen hätte, wäre ihr ein Schreck, er könne nicht da sein und ein Sturz erspart geblieben. Morgen früh würde sie genauer hinschauen.

Nach dem Bad suchte sie warme Sachen aus ihrem Kleiderschrank zusammen. Die Tage waren noch sehr schön. Aber bei Einbruch der Dunkelheit wurde es empfindlich kühl. Da wollte sie vorbeugen. Als sie aus der Haustür kam, saß Jacco schon wartend an dem Gitter. Als sie seine Tür öffnete, kam er heraus und schupste sie freundlich an.

Gemeinsam machten die beiden sich auf den Weg. Jacco schlug vor, zum See zu gehen. Natürlich war Sabine sofort dazu bereit. Dahin ging sie immer sehr gerne.

Obwohl das Wasser schon gewaltig kalt sein musste, ging Jacco sofort hinein. Er fing drei Fische. Von der Kälte des Wassers schien er nicht beeindruckt. Er nahm das offensichtlich überhaupt nicht wahr. Den dritten Fisch verspeiste er nicht. Als sie sich auf den Heimweg machten, nahm er ihn in seine Schnauze. Anscheinend wollte er ihn für Stina mitnehmen. Aus Sabines Sicht sprach da auch nichts dagegen.

Als sie zuhause ankamen, lief Jacco auf die Vergitterung seines Geheges zu. Stina sah in seine Richtung und kam dann auf ihn zu. Er schob seine Schnauze mit dem Fisch durch die Gitterstäbe. Stina nahm den Fisch entgegen uns verspeiste ihn sofort mit Wohlbehagen. Solange bis der letzte Rest vertilgt war, blieb Jacco bei ihr stehen. Stina wendete sich von Jacco ab und schlug den Weg zu ihrer Kuhle ein.

Jacco sah Sabine an. „Du weißt schon, was ich dich fragen werde.“ Ohne noch darüber nachzudenken, kraulte Sabine seinen Kopf. „Aber natürlich. Nachdem du das letzte Nacht so lieb gemacht hast, spricht auch nichts dagegen. Morgen früh werde ich nicht wieder über dich fallen.“ Sie knuffte seine Ohren. Eine Minute blieben sie noch zusammen stehen. Dann ging Jacco wieder in Richtung Wald. Sabine hatte ein sehr sicheres Gefühl, das sie sich wirklich auf ihren Bärenfreund verlassen konnte.

Sabine ging zum Haus. Sie überlegte kurz, ob sie den Ofen anzünden sollte, entschied sich aber dann dagegen. Das wäre doch noch ein wenig zu früh. So kalt war es denn nun doch nicht.
Auf der Couch lagen Steve und Trude. Sie räkelten sich genüsslich in den weichen Kissen. Sabine setzte sich zu ihnen und streichelte ihr Fell. Sie war froh, dass die beiden da waren. Da fiel es nicht ganz so doll auf, dass ihr Snuffy nicht an ihrer Seite war. Was auch immer es sein mochte, dass Carsten ihr vorwarf wenn er wieder hier war. Sie würde ihm nie vergessen, dass er Snuffy das Leben gerettet hatte. Sie durfte nicht darüber nachdenken, was aus ihrem Snuffy ohne Carsten geworden wäre. Dr. Meierling hatte offen zugegeben, dass er mit solch einer Operation überfordert gewesen wäre. Er hätte es nicht versucht, weil für ihn von vornherein

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feststand, dass Snuffy keine Überlebenschance gehabt hatte.

Sabine dachte an Carsten. Tränen schimmerten in ihren Augen. So war sie lange in Gedanken versunken. Zum bestimmt tausendsten Mal dachte sie über alles, was gewesen war, nach. Doch wieder, wie schon bei den vorausgegangenen Tausend Gedanken fand sie keine Erklärung. Ihr blieb nur eins übrig. Sie musste die Zeit abwarten. Vielleicht würde sie dann die Gelegenheit erhalten, alles aufzuklären. Wie würde es sein, wenn Karin mit Carsten sprach? Sie wusste nicht, ob das gut sein würde. In der kommenden Woche würde sie noch einmal schauen, ob sie etwas Zeit mit Karin allein fand. Dann würde sie das noch einmal ansprechen.

Gerade schaute sie auf die Uhr. Es war schon mitten in der Nacht. Fast zwei Uhr. Es war Zeit, ins Bett zu gehen. Sie würde noch Gelegenheit genug haben, darüber nachzudenken. Das musste nicht mitten in der Nacht sein.

Sie war dabei aufzustehen, als Steve plötzlich fauchte. Sie sah ihn verwundert an. „Was hast du denn? Siehst du grüne Männchen?“ Genau in diesem Moment hörte sie eine Glasscheibe zersplittern. Die beiden Katzen sprangen erschreckt vom Sofa und liefen in die Küche. Sabine lief es kalt über den Rücken. Was konnte das bedeuten? In der nächsten Sekunde sollte sie es erfahren. Die Tür wurde aufgerissen und zwei maskierte Männer stürzten in den Raum. Sabine wich entsetzt zurück. Viele Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Sie erkannte, dass sie vollkommen hilflos ausgeliefert war. Bis in die hinterste Ecke des Raumes war die ausgewichen. Doch auch das sollte ihr nicht helfen. Einer der Männer sprang auf sie zu. Er packte sie und würgte sie. Mit verzerrter, verstellter Stimme grölte er los. In der Zwischenzeit hatte er sie vor sich geschleudert. Er umklammerte mit seinem einen Arm ihren Hals. Sabine hatte Mühe zu atmen. „Wir brauchen Geld. Wenn du uns alles gibst was du hier hast, kommst du vielleicht mit dem Leben davon.“ Mit seiner freien Hand berührte er Sabines Brust. Am liebsten hätte sie vor Ekel und Entsetzen geschrien. Aber sie hatte so große Angst, dass kein einziger Ton aus ihr drang. „In der Küche im Schrank liegt Geld.“ Sie versuchte sich etwas Luft zu verschaffen. Doch der Mann umklammerte ihren Hals mit aller Gewalt. Er befahl dem anderen. „Geh nachsehen, nimm was du findest.“ Der andere stürzte in die Küche. Sie hörte, wie er alle Schubladen und Schranktüren aufriss. Ohne seinen Griff zu lockern, schob der Mann Sabine vor sich her in Richtung Küche. Als sie dort ankamen stieß er Sabine in eine Ecke. „Wag nicht, dich zu bewegen.“ Wie versteinert blieb Sabine dicht an die Wand gedrückt stehen. Tränen liefen ihr aus den Augen. Sie hatte solche Angst. Wie konnte das sein. Der letzte Überfall war noch kein halbes Jahr her. Und jetzt schon wieder? Wie sollte sie das überstehen? Sie war ganz allein. Kein Mensch konnte ihr helfen. Steve und Trude hatten sich unter dem Küchenschrank verkrochen. Sabine hoffte, dass die Männer die beiden nicht entdeckten. Wahrscheinlich würden sie Spaß daran finden, den beiden Katzen Angst zu machen oder gar noch Schlimmeres zu tun. Sabine nahm all ihren Mut zusammen. „Das Geld liegt in der mittleren Schublade. Sie brauchen nicht weiter suchen.“ Sofort durchsuchte einer der Männer diese Schublade. Er wandte sich, nachdem er das Geld gefunden und gezählt hatte seinem Partner zu. „Das sind nur läppische siebenhundertzwanzig Piepen.“ Er drehte sich zu Sabine. „Willst du uns verarschen? Was hast du sonst noch an Wertsachen im Haus?“ „Im Badezimmer ist ein Korb in dem ich meinen Schmuck aufbewahre.“ Der Mann der Sabine gepackt hatte, ging zur Tür. „Ich gehe nachsehen. Pass auf das die Alte keinen Terror macht.“ Mit diesen Worten verließ er den Raum. Schon als er durch den Flur ging, war deutlich zu vernehmen, dass er Schränke und Stühle umstieß. Sie schienen beide Freuden daran zu haben, etwas zu zerstören. Der Mann der in der Küche geblieben war, kam auf Sabine zu. Ein innerliches Zittern durchlief Sabine. Er schob seine

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Gesichtsmaske ein Stückchen hoch. Sabine konnte seine Lippen sehen. „Wenn es hier nicht genug zu holen gibt, werden wir und anderen Spaß mit dir machen.“ Mit seiner dicken Zunge leckte er sich über die Lippen. „Willst du schon einen Vorgeschmack?“ Er streckte seine Arme nach ihr aus. Es bestand kein Zweifel. Er wollte sie an den Brüsten berühren. Sabine stand starr vor Angst und Ekel. Ihr war speiübel. Gerade als er noch einen Zentimeter von ihren Brustwarzen entfernt war, vernahmen sie an der Haustür ein leises Kratzen und Schnüffeln. Der Mann grinste breit. „Ist das dein blöder Köter? Ich dachte eigentlich, dass ich ihn beim letzten Mal schon in den Hundehimmel geschickt habe. Dann werde ich das jetzt nachholen.“ Eisige Kälte durchzog Sabine. Sie stand dem Mann gegenüber, der ihren Snuffy fast umgebracht hatte. Sie musste an sich halten, um ihm nicht mit aller Kraft ins Gesicht zu schlagen. „Mach dir keine Sorgen, es geht gleich weiter. Ich stelle nur den Köter ab.“ Mit diesen Worten ging er zur Tür. Er drehte den Schlüssel leise um und öffnete die Tür einen kleinen Spalt. Draußen war kein einziges Geräusch zu hören. Ganz langsam griff der Mann zu deiner Jackentasche. Anscheinend hatte er dort seine Waffe deponiert. Gerade in diesem Moment flog die Tür auf. Der Mann hatte nicht die geringste Chance, die Tür die ihm entgegenflog aufzuhalten. Es ging alles rasend schnell. Durch die weit offenstehende Tür kam Jacco in die Küche. Er stand aufrecht auf den Hinterbeinen. Der Mann wich entsetzt zurück. Doch Jacco verfolgte ihn sofort. Der Mann begann in Todesangst zu schreien.

Durch diesen Schrei alarmiert stürzte der Andere ins Zimmer. „Großer Gott, was ist das denn?“ Seine Schrecksekunde reichte Jacco aus, um auch ihn zu überwältigen. Der erste bekam im Vorbeigehen einen Prankenhieb gegen die Schulter. Dann sprang Jacco zu dem Anderen. Er stellte sich vor ihm auf, senkte etwas seinen Kopf in Gesichtsnähe des Mannes. Er riss sein Maul weit auf und knurrte fast brüllend den Mann an. Der wimmerte um Gnade. Im Schritt seiner Hose zeigte sich ein nasser Fleck, der von Sekunde zu Sekunde deutlichere Ausmaße annahm. Es gab keinen Zweifel. Er pinkelte sich vor Angst in die Hose.

Jacco schien den Eindruck den er auf den Mann machte, deutlich zu genießen. Sabine schien es fast, als würde er noch ein Stück größer als er ohnehin schon war.

Sie brauchte noch einen Moment, bis sie den Schock der ihr noch in allen Knochen saß, überwunden hatte. Doch dann war sie soweit. Sie ging auf Jacco zu, lehnte sich an ihn und umarmte ihn. „Danke, du hast mich gerettet. Du bist ein wundervoller Freund.“ Jacco sah sie fast ungläubig an. Sabine wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. „Aber das war doch klar. Hast du etwa gedacht, ich helfe dir nicht? Außerdem ist es allerhöchste Zeit, dass diese beiden das erleben dürfen.“

Der Mann, der immer noch von Jacco bedroht wurde, wimmerte leise. Seine Stimme war nicht mehr verstellt. Sabine hatte eine Ahnung, wen sie vor sich hatte. „Das kann doch nicht wahr sein. Bitte nehmen Sie diese Bestie weg.“ Sabine lächelte verstohlen. Zuerst nehmen Sie und Ihr Partner die Masken ab. Beide Männer zögerten. Es reichte ein leises Knurren von Jacco und sie befolgten sofort Sabines Befehl.

Als Monika an diesem Abend zu Dr. Meierling fuhr, stand er gerade auf dem Hof vor seiner Praxis. Er war offensichtlich gerade im Begriff gewesen, alle Türen abzuschließen. Monika stieg aus ihrem Auto. Sie ging auf ihn zu. „Monika, geht es Ihnen wieder besser?“ Er streckte ihr seine Hank entgegen. „Ich wollte mit Ihnen reden. Haben Sie noch etwas Zeit für mich?“ Aber natürlich. Kommen Sie rein. Ich koch uns schnell einen Tee.“ Er ging vor ihr her in die Praxisküche. Dort stellte er den Wasserkocher an, nahm eine Packung Tee aus dem Schrank und

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stellte zwei Tassen auf den Tisch. Fragend sah er Monika an. „Was hatten Sie denn heute Morgen? Ich hab den ganzen Tag an Sie gedacht.“ „Wenn ich hier kündige, welche Frist muss ich dann einhalten?“ Dr. Meierling sah Monika verdutzt an. „Kündigen? Aber Monika. Was soll Dr. Koch denn ohne Sie machen? Wie kommen Sie denn auf solche Gedanken?“ „Ich möchte gemeinsam mit Bernd in eine größere Stadt ziehen. Aber es ist wichtig, dass wir das möglichst schnell hinkriegen.“ „Ist Ihr Bernd in Schwierigkeiten?“ Monika war ein wenig irritiert. Dr. Meierling tat so, als wisse er nicht, warum sie von hier fort wollte. Vielleicht hatte Carsten Koch mit seiner sicheren Quelle doch nicht Dr. Meierling gemeint. Aber wen hätte er sonst meinen können? Eigentlich war das auch sowieso egal. Sie hatte ihren Entschluss fest gefasst. Je eher sie hier weg kam umso besser.

Roman 25

„Monika, wenn das so wichtig für Sie ist, können wir so tun, als hätten Sie bereits vor drei Monaten gekündigt. Ich möchte auf gar keinen Fall, dass Sie wegen mir eine Verzögerung hinnehmen müssen. Dafür haben wir in all den Jahren zu gut miteinander gearbeitet.“ „Ab wann könnten Sie mich entbehren?“ „Wenn Sie wollen, könnten Sie nächste Woche gehen. Es wäre schön, wenn Sie bis dahin noch alle Unterlagen und den ganzen Kram für Dr. Koch heraus legen können. Ich werde ihm das alles überhaupt nicht erklären können. Für seinen Start mit der Praxis ist Ihr Weggang ziemlich arg.“ „Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis. Das ist mir wirklich sehr wichtig. Sie wissen, dass ich Sie nicht hängen lassen will. Aber das ist wirklich nötig.“ „Ich werde mich bemühen, Ihnen nicht im Wege zu stehen. Was wollen Sie denn eigentlich machen?“ „Wir wollen in eine größere Stadt ziehen. Ich werde mir dort eine Arbeit in einer Tierarztpraxis suchen. Bestimmt werde ich etwas Passendes finden.“ „Daran habe ich auch keine Zweifel. Ich werde Ihnen ein gutes Zeugnis ausstellen.“ „Danke. Ich werde nun zu Bernd fahren und ihm berichten, wie mein Gespräch mit Ihnen verlaufen ist.“

Monika stand auf, reichte Dr. Meierling die Hand und verließ die Praxisräume. Er hörte wie sie ihr Auto startete und davonfuhr. Es war schon klar, dass er den Ablauf in der Praxis allein bewältigen konnte. Für Carsten Koch tat es ihm leid, dass Monika dann nicht mehr hier war wenn er die Praxis übernahm. Aber auch dafür würde sich eine Lösung finden lassen.

Als die beiden Männer sich ihrer Maslen entledigt hatten, schaute Sabine in zwei bekannte Gesichter. Armin Fischer und sein Vater standen ihr Angesicht zu Angesicht gegenüber. Für Sabine war es nicht leicht, zu glauben was sie sah. Das ist doch nicht zu fassen. Sie sah Armin sehr fixieren an. Ich hätte nicht wenig Lust, Sie mit Jacco allein zu lassen. Es scheint Ihnen Freude bereitet zu haben, auf meinen Hund zu schießen. Wie es sich vorhin noch anhörte, ist von Bedauern auch nicht das Geringste wahrzunehmen. Ein Schlagabtausch zwischen Jacco und Ihnen würde sich ähnlich gestalten wie Hund gegen Pistole. „Bitte nein, lassen Sie mich nicht mit ihm allein. Er würde mich umbringen“. Sabine verbarg nicht, dass die Angst der beiden Männer, die sich dicht an die Wand gedrückt hatten, ihr große Freude bereitete. „Ich werde jetzt bei der Polizeistation anrufen. Solange werde ich Sie mit Jacco allein lassen. Rühren Sie sich nicht vom Fleck. Er könnte das falsch verstehen.“ Sie ging noch einmal sehr dicht zu Jacco und streichelte ihn. „Paß gut auf die beiden auf.“ Mit diesen Worten verließ sie die Küche. Ohne Eile ging sie in ihr Büro zum Telefon. Eine bessere Aufsicht für die Ganoven konnte sie sich kaum vorstellen. Sie hatte ein sicheres Gefühl. Ohne Jacco hätte sie keine Chance gehabt, die gemeinen Vorhaben der Männer abzuwehren. Ein Geschenk des Himmels, dass Jacco nicht in seinem Gehege eingesperrt war. Sie wusste zwar noch nicht, wie sie das gleich den Beamten

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erklären sollte, dass der Bär in Freiheit war. Aber da würde ihr etwas einfallen. Die Hauptsache war schließlich, dass Jacco ihr geholfen hatte. Sie wählte die Rufnummer der Polizeistation. Nach zweimaligem Freizeichen hatte sie den diensthabenden Beamten am Apparat. „Hier spricht Sabine Reckert. Gerade eben hat wieder ein Überfall stattgefunden. Es wäre sehr schön, wenn Sie Hilfe schicken könnten.“ „Natürlich. Sofort. Bleiben Sie einen Moment in der Leitung.“ Sie hörte, wie er seine Kollegen aufforderte, sofort zu ihr fahren. Er sagte noch ein paar Einzelheiten, die sie nicht genau verstand. Dann war der Beamte wieder in der Leitung. „Ist Ihnen etwas passiert? Sind Sie verletzt?“ „Nein, es ist alles in Ordnung. Es geht nur noch darum, die beiden Männer in Gewahrsam zu nehmen. Ihre Kollegen werden Ihnen bestimmt nachher alles genau erzählen.“ Sie wartete keine Antwort mehr ab sondern legte den Hörer auf.

Sie ging zurück in die Küche. Herr Fischer und sein Sohn standen immer noch stocksteif an der Wand. Sie hatten nicht den geringsten Versuch unternommen, ihre Position zu verändern. Sie wollten offensichtlich kein Risiko eingehen, sich Jaccos Zorn auszuliefern. „In Kürze wird ein Streifenwagen hier sein und sich ihrer annehmen. Sie werden sich für einige Vergehen verantworten müssen.“ Herr Fischer sah sie bittend an. „Bitte lassen Sie uns entkommen. Wir werden Sie nie mehr belästigen. Die Verlockung war einfach zu groß. Sie machten den Anschein, als würde es nicht schmerzen, einen finanziellen Verlust zu erleiden.“ „Das haben Sie richtig erkannt. Mir geht es auch nicht um das Geld das ich durch Sie verloren habe. Wenn Sie sich erinnern, hat ihr Sohn meinen Hund mit einer Schusswaffe schwer verletzt. Meine Freundin war Tage lang entführt. Ich musste ein paar Tage im Krankenhaus verbringen. Ich finde schon, dass Sie dafür eine angemessene Strafe verdient haben.“ Herr Fischer sagte nichts mehr. Betreten sah er vor sich hin.

Als Sabine kurze Zeit später ein Auto vor der Tür halten hörte, ging sie zur Tür. Als sie öffnete, standen die beiden Beamten, die schon bei dem letzten Mal hier gewesen waren vor der Tür. „Hallo, Danke das Sie so schnell gekommen sind. Die beiden Ganoven sind in der Küche. Bitte erschrecken Sie nicht. Mein Bär hat sie überwältigt und bewacht sie jetzt.“ Sie lächelte sie beiden Beamten an. Die Männer sahen sie ungläubig an. „Bitte wer hat die gestellt?“ „Jacco, mein Bär. Heute Abend lief er zum Glück frei auf dem Hof herum. Sonst wäre die Geschichte wohl kaum so ausgegangen.“ „Wie wird der sich verhalten, wenn wir reingehen?“ „Er wird ihnen nichts tun. Sie brauchen keine Bedenken haben. Wenn es ihnen lieber ist, bringe ich ihn in sein Gehege.“ „Ich muss zugeben, dass ich damit besser klar käme. Ich hätte beim Letzten Mal bei seinem Anblick vor Schreck schon fast einen Herzinfarkt bekommen, sagte der jüngere der Beamten. „Ich gehe vor in die Küche und bringe Jacco, sobald sie die Männer unter Kontrolle haben, in sein Gehege.“ Gemeinsam betraten sie die Küche. Sabine ging sofort auf Jacco zu und streichelte ihn. „Komm, ich bringe dich erst in dein Gehege.“ Der Bär gab seine drohende Haltung gegenüber Herrn Fischer und dessen Sohn sofort auf. Er folgte Sabine, die den Raum verließ. Sie ging mit Jacco zu dem Bärengehege und ließ ihn hinein. Dann ging sie zurück Richtung Küche. Die beiden Beamten, die Herrn Fischer und dessen Sohn bereits Handschellen angelegt hatten, sahen Sabine verwundert an. „Das ist kaum zu glauben. Welch ein Glück, dass Ihr Bär das geregelt hat. Sonst hätten wir diese beiden bestimmt nicht dingfest machen können. Sie schoben Herrn Fischer und den Sohn in Richtung Ausgang, „Wir nehmen sie mit und stellen sie Morgen dem Haftrichter vor. Machen Sie sich keine Sorgen, so schnell werden die nicht aus dem Gefängnis kommen. Selbst wenn die nächste Woche wieder frei wären, bei Ihnen und Ihrem Bären würden die so schnell bestimmt nicht mehr vorbei kommen.“ Die beiden Beamten lachten und verabschiedeten sich dann von Sabine.

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Das Auto fuhr davon. Sabine stand an der Haustür und sah ihnen nach. Dann ging sie zu dem Bärengehege. Jacco stand von innen an der Tür. Sabine öffnete diese sofort und ließ ihn heraus. Sie kniete sich vor ihn hin und nahm seinen Kopf in ihre Arme. „Jacco, ich kann nicht in Worte fassen, wie sehr ich dir danke.“ „Das war doch nur eine Kleinigkeit im Vergleich zu dem, was du für mich und Stina getan hast.“ Er legte seine riesige Pranke auf ihre Schulter. Eine Weile verharrten sie in dieser Position. Die beiden gehörten ganz fest zusammen. Es war kaum zu glauben, dass sich binnen so kurzer Zeit eine so intensive Freundschaft entwickelt hatte.

Der Nachmittag des nächsten Tages war schon weit fortgeschritten, als Sabine begann, ein Abendessen für Karin, Georg, Martina und Kerstin vorzubereiten. Den gesamten Tag hatte sie fast ausschließlich in Jaccos Nähe verbracht. Morgens um elf Uhr hatte sich ein Beamter der Polizeidienststelle gemeldet, um sie auf den neuesten Stand zu bringen. Sowohl Herr Fischer als auch sein Sohn würden die nächste Zeit bis zu einer Verhandlung in Untersuchungshaft bleiben. Nach dem das alles berichtet war, druckste der Beamte zunächst ein wenig herum. „Meine Kollegen haben heute Morgen erzählt, wie es überhaupt zu der Verhaftung der beiden Halunken gekommen ist. Sagenhaft, das ihr Bär das vollbracht hat. Damit hatten die beiden garantiert nicht gerechnet, das Sie so bewacht werden.“ „Es war ein großes Glück, das Jacco gestern Abend frei war.“ Mehr sagte Sabine erst Mal nicht dazu. Ihr war klar, dass sie sich dafür auch noch verantworten musste. Natürlich war es für niemanden normal, dass ein Bär frei in der Gegend herumlief. Aber sie würde schon eine passende Erklärung finden.

Es dämmerte bereits, als sie einen Wagen auf dem Hof vorfahren hörte. Sie lief zur Tür und dem Auto entgegen. Zuallererst sprang Snuffy, der über die Rückbank geklettert war, ihr entgegen. Voller Freude jaulte und bellte er durcheinander. Er umkreiste Sabine stürmisch. Vor lauter Wiedersehensfreude konnte er nicht stillstehen. Als er es endlich schaffte, sich ein wenig zu beruhigen, begrüßte Sabine sie anderen. Es war eine Begrüßung, als hätten sie sich ewig nicht mehr gesehen.

„Kommt herein. Ich habe ein schönes Abendessen vorbereitet.“ Während des Essens berichteten zunächst die Ausflügler, was sie alles erlebt hatten. Snuffy wurde in den höchsten Tönen von allen gelobt, wie lieb und anständig er sich benommen hatte. Sie Erlebnisse waren schnell erzählt. Schließlich fragte Georg Sabine, wie denn hier alles gelaufen sei. „Das ist eine längere Geschichte. Wollen wir uns ins Wohnzimmer setzen? Da ist es gemütlicher.“ Alle standen auf und wechselten den Raum. Sabine hatte sich schon genau überlegt, wie sie es erklären wollte, dass Jacco frei herumgelaufen war. „Gestern Abend als ich noch Mal bei den Bären war, habe ich Jacco ganz kurz entschlossen aus seinem Gehege gelassen.“ Georg sah sie entsetzt an. „Was hast du gemacht? Das ist ein wildes Tier.“ „Jaja, du hast Recht. Aber gestern Abend hätte ich nichts Besseres tun können. Vielleicht war das eine unbewusste Vorahnung. Normallerweise hätte ich das nicht gemacht.“ Verstohlen blickte sie zu Karin und lächelte. Als sie die ganze Geschichte erzählt hatte, sah Georg sie nachdenklich an. „Auf den ersten Blick betrachtet fand ich ziemlich dumm, den Bären frei zu lassen. Aber wenn ich das jetzt im Nachhinein bedenke muss ich ehrlich gestehen, das war genau das Richtige. Wer hätte dir sonst helfen sollen? Ein Glück das Jacco nicht eingesperrt war.“ Alle lachten. Den Abend verbrachten sie in aller Gemütlichkeit bei einer Flasche Sekt. Das war Georgs Idee gewesen. „Wir haben schließlich mehr als einen Grund zu feiern.“ Am ganz späten Abend gingen Karin und Sabine noch mit Snuffy eine kleine Runde durch den Wald. Als sie auf dem Rückweg an dem Bärengehege vorbei kamen, blieb Karin stehen. „Lieber Jacco, danke dass du Sabine so beigestanden hast.“ Karin sah ihre Freundin an. „Meinst du ich könnte ihn auch einmal streicheln?“ Sabine sah

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einen Moment zu Jacco. Karin wusste, dass sie ihren Bärenfreund in Gedanken fragte, ob er es zulassen würde, dass sie ihn berührte. Strahlend sah Sabine Karin einen Moment später an. „Du kannst ohne die geringste Angst deine Hand durch das Gitter strecken. Leg deine Hand auf seinen Kopf.“ Etwas zögerlich streckte Karin ihre Hand durch das Gitter. Sie tastete über Jaccos Stirn in Richtung Ohren. Dann kraulte sie ihn. Vor Rührung liefen ihr Tränen über ihre Wangen. „Gehen wir morgen Abend mit ihm spazieren? Ich brauche wirklich keine Angst vor ihm haben. Das ist ein gutes Gefühl.“ Als Karin ihre Hand aus dem Gitter zurückgezogen hatte, nahm Sabine sie in den Arm. „Das hast du gut gemacht. Es ist schön, dass du keine Angst mehr vor Jacco hast.“

Als sie ins Haus kamen, erzählten sie nichts von Karins eben Erlebten. Zwar konnten sie, nachdem was Jacco in der letzten Nacht geleistet hatte, davon ausgehen, dass Georg ihn ein wenig anders sah. Dennoch wäre er überfordert gewesen, wen sie Frauen ihm erzählt hätten, dass auch Karin Jacco gestreichelt hatte. Das blieb Sabines und Karins Geheimnis.

Als sie das Wohnzimmer betraten, herrschte dort eine gute Stimmung. Georg unterhielt sich intensiv mit seinen Töchtern über die Reise die sie gemacht hatten. Es dauerte noch geraume Zeit bis sich alle dazu entschlossen in die Betten zu gehen. Snuffy drängte sich vor Sabine her in deren Schlafzimmer. Es schien fast so als befürchte er, wieder von Sabine getrennt zu werden. Als er vor ihrem Bett lag, kraulte sie noch lange seine Nackenhaare.

An diesem Abend hatten besonders die Frauen schon viele Pläne für die nächsten Tage geschmiedet. Georg ließ sie gewähren. Karin, Sabine und die Mädels hatten seinen Plänen nicht im Wege gestanden. Es war für ihn selbstverständlich, nun auch ihre Pläne nicht zu durchkreuzen. Die vier Tage die sie noch bei Sabine verbringen würden, standen einzig und allein den Frauen zur Verfügung. Er hatte auch schon darüber nachgedacht, dass sie in absehbarer Zeit wieder zu Besuch sein würden. So wie Sabine erzählt hatte, nahm er an, dass es in Kürze zu einer Verhandlung käme. Da Karin bei dem ersten Überfall betroffen gewesen war, wäre eine Zeugenaussage gewiss von Nöten. Über diese Gedanken hatte er mit den Frauen noch nicht geredet. Das würde er erst mit ihnen besprechen, wenn es soweit war.
Die Tage in der Schweiz hatten Karin und er dazu genutzt, über Martinas Zukunftspläne zu reden. Sie wollten beide das Beste für ihr Kind.

Die nächsten Tage vergingen wie im Fluge. Aus dem gemeinsamen Spaziergang mit Jacco wurde leider nichts. Martina und Kerstin versäumten nicht eine Minute des Tages und auch nicht des Abends an Sabines und Karins Seite zu sein. Da es besonders für Karin sehr wichtig war, dass ihre Annäherung an Jacco geheim blieb, verschoben sie den Spaziergang auf eine Zeit, in der Karin allein bei Sabine sein würde. Fast die gesamten Tage verbrachte Georg für sich allein. Er fuhr durch die Gegend und machte sich mit dieser vertraut. „Hier ist es wirklich sehr schön. Inzwischen kann ich gut verstehen, dass du dich hier wohl fühlst.“ Er lächelte Sabine an.

Der Freitag kam schneller, als ihnen allen lieb war. Für heute Morgen war die Abreise geplant. Martina und Kerstin saßen bereits am Frühstückstisch in Tränen aufgelöst. Schluchzend sagte Martina: „Wir wollen hier nicht weg. Bei Sabine ist es einfach super. Alles passt. Die Tiere, die Gegend, die Nähe zu Sabine. Warum können wir nicht hierbleiben?“ Karin nahm ihre Tochter in den Arm. „Wie stellt ihr euch denn das vor. Wo sollen Papa und ich arbeiten? Was wird aus deiner Ausbildung zur Tierarzthelferin?“ Martina schluchzte. Kerstin stimmte ein. Die beiden

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waren sehr traurig das die schöne Zeit bei Sabine nun zu Ende war. Den Erwachsenen wurde der Abschied durch das Verhalten der Mädchen nicht leichter. Nachdem auch bei Karin und Sabine die Tränen flossen, Georg übernahm das Regiment. „Jetzt ist es aber gut. Wir fahren in den nächsten fünf Minuten los. Euern Kummer kann ich mir nicht länger ansehen. Das ist doch auch keine Trennung für immer. Ich verspreche euch allen, dass wir spätestens in den Weihnachtsferien wieder hier sein werden.“ Kurzentschlossen belud er das Auto. Nach wenigen Minuten sagte er energisch. „Kommt, wir fahren los.“

Traurig winkte Sabine dem davonfahrenden Auto nach. Es fiel ihr schwer, ihren Tränen nicht freien Lauf zu lassen. Snuffy stand neben ihr. Er leckte über ihre Hand. Auch dem Hund entging nicht, wie traurig und bekümmert Sabines Stimmung war.

Als sie gemeinsam vor dem Bärengehege standen, fühlte sich Sabine ein wenig besser. Sie wusste, dass sie bei ihren Tieren sehr gut aufgehoben war. Sie lehnte ganz dicht an dem Gitter. Durch die Stäbe schmiegte sie ihr Gesicht an Jacco. Snuffy lehnte an ihrer Seite. Von beiden Tieren spürte sie die Liebe die sie ihr entgegenbrachten. Gerade in diesem Moment schlenderten Steve und Trude durch das Gehege. Sabine sah das zum ersten Mal, seit Stina dort lebte. Aber auch die Bärin machte nicht die geringsten Anstalten, den beiden Katzen etwas zu tun. Fast gelangweilt sah sie die Katzen an. Stina saß dicht in Jaccos Nähe. Der Bär sah gut aus. Er hatte in den letzten Wochen an Gewicht zugelegt. Sein Fell glänzte. So gut war es mit Stina noch nicht. Aber sie war auch noch nicht solange bei Sabine wie Jacco.

Sabine klangen Martinas Worte in den Ohren. Das wäre wirklich das allergrößte, wenn Georg, Karin und die Mädels in ihrer Nähe wohnen würden. Sie fasste den Entschluss, sich umzuhören, ob sich Arbeitsmäßig nicht für alle etwas finden ließe. Das war bestimmt ein schwerer Weg, aber Sabine wollte nichts unversucht lassen. In den nächsten Telefonaten die sie mit Karin haben würde, nahm sie sich vor, das zum Thema zu machen. Mal sehen, wie die Freundin reagierte.

Heute war der letzte Tag für Monika in der Praxis. In der Woche hatte sie alle wichtigen Dokumente geordnet und abgelegt. All ihre eigenen Sachen, die sich im Laufe der Jahre in der Praxis angesammelt hatten, waren bereits in der letzten Woche von Monika mit nachhause genommen worden.

Die Sprechstunde war zu Ende. Es galt nur noch, sich von Dr. Meierling zu verabschieden. Für Monika war immer klar gewesen, dass sie bis zum Erreichen des Rentenalters in der Praxis beschäftigt wäre. Nun war alles anders. Schon am Wochenende wollten sich Bernd und Monika auf den Weg nach Berlin machen, um dort ein neues Leben zu beginnen.

Dr, Meierling stand Monika in der Praxisküche gegenüber. Ihnen fehlten beide die Worte. Monika stiegen Tränen in die Augen. Das war Anlass genug für Dr. Meierling, sie in den Arm zu nehmen. „Liebe Monika, mir graut schon seit Tagen vor diesem Moment. Bitte seien Sie nicht zu traurig. Wenn Sie an die Zukunft denken, liegt doch auch etwas ganz Neues, bestimmt Aufregendes vor Ihnen. Es ist immer wichtig, dass wir nach vorne gucken, nicht zurück.“ „Es tut mir leid, dass ich Sie so hängen lasse. Aber es geht nicht anders.“ „Machen Sie sich doch darüber keine Gedanken. Sie werden mir natürlich sehr fehlen, aber ich komme schon zu Recht.“ Er lächelte sie an. Wieder herrschte Schweigen zwischen ihnen. Nach wenigen Minuten wandte Monika sich ab. „Ich werde jetzt fahren. Danke für alles.“ Sie wartete keine Antwort mehr ab sonders verließ überstürzt die Praxisräume.

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Dr. Meierling blieb allein zurück. Er war sehr traurig, dass Monika nun nicht mehr als guter Geist in der Praxis war. Er hatte sich immer auf sie verlassen können.

Er hatte sich vorgenommen, Carsten Koch in den ersten Wochen nach der Praxisübernahme noch zu begleiten. Das war für den jungen Kollegen bestimmt eine große Erleichterung. Mit Monika zusammen wäre alles leicht zu meistern gewesen. Aber er konnte ihn nicht von Anfang an ganz allein stehen lassen.

Er ging ins Büro und nahm sein Telefon. Er wählte Carsten Kochs Nummer. Die ganze Woche hatten sie nichts voneinander gehört. Nur kurz vernahm er das Freizeichen, ehe Carsten Koch sich meldete. „Guten Abend Dr. Koch. Haben Sie Zeit oder sind Sie noch im Dienst?“ „Nein, der Dienst ist zu ende. Das war wohl auch Gedankenübertragung. In ein paar Minuten wollte ich bei Ihnen anrufen.“ „Hier gibt es gewaltige Veränderungen.“ „Was ist denn passiert?“ „Monika hatte heute ihren letzten Arbeitstag in der Praxis. Sie geht mit ihrem Freund nach Berlin, um dort ein neues Leben zu beginnen. Dazu hat sie sich offensichtlich sehr spontan entschieden. In der Praxis wird sie gewaltig fehlen.“ „Das heißt, dass ich erstmal ganz allein für alles verantwortlich bin?“ „Ich habe mir überlegt, dass ich in der ersten Zeit noch unterstützend mit bei Ihnen sein werde. Sonst würde das bestimmt alles etwas viel.“ „Das ist nett von Ihnen. Denken Sie, dass sich auf Dauer eine neue Helferin finden wird?“ „Ich hoffe.“ „Am Wochenende werde ich Sie besuchen. Ich wollte Morgen zu Sabine fahren. Gewiss wird da auch ein Besuch bei Ihnen drin sein.“ „Das ist eine sehr gute Idee. Weiß Sabine schon von Ihrem Besuch?“ Nein. Das wird eine Überraschung.“ „Am letzten Wochenende gab es bei ihr schon wieder einen Überfall.“ „Was. Ist ihr etwas passiert?“ „Nein. Zum Glück nicht. Ihr Bär hat das Schlimmste verhindert.“ „Der Bär?“ Dr. Meierling erzählte Carsten die ganze Geschichte. Er hatte selbst noch nicht mit Sabine gesprochen. Im Dorf war das aber das absolute Gesprächsthema. Carsten Koch war sprachlos. „Wie hat sich denn ihr Snuffy verhalten?“ „Das weiß ich nicht. Darüber habe ich nichts gehört. Aber wenn Sie Morgen zu Sabine fahren, wird Sie Ihnen alles berichten. Ich bin auch schon sehr gespant. Ich wünsche Ihnen für Morgen eine gute Reise. Ich freu mich schon, wenn wir uns Sonntag sehen. Alles Gute bis dahin.“

Nachdem sie aufgelegt hatten, war Carsten Koch sehr nachdenklich. Wie schlimm für Sabine, dass sie schon wieder überfallen worden war. Er konnte sich nicht richtig vorstellen, wie es möglich gewesen war, dass Jacco eingegriffen hatte. Aber das würde Sabine ihm Morgen hoffentlich erzählen. Er fand es mehr als schade, dass er ihr in dieser Situation nicht wenigstens telefonisch beigestanden hatte. So etwas sollte nicht noch einmal passieren.

Über Monikas plötzlichen Weggang wunderte er sich nicht wirklich. Das mit Dr. Meierling am Telefon zu besprechen, wäre nicht richtig gewesen. Er würde ihm am Sonntag erzählen, was passiert war. Sicher würde das auch für den Kollegen einiges erklären.

An diesem Morgen stand Sabine sehr zeitig auf. Als sie aus der Tür trat, lag Jacco, wie es bereits Gewohnheit war, vor der untersten Treppenstufe. Zuerst wurde er freudig von Snuffy begrüßt. Es war sehr schön zu erleben, wie gut die beiden Tiere sich verstanden. Sie umarmte Jacco. Auch der Bär legte seine beiden Vorderpfoten um sie herum. Eng lehnten sie aneinandergeschmiegt. Zu diesen Begebenheiten redeten sie nicht miteinander. Sabine wusste, dass sich ihr Austausch immer auf sehr wesentliche Mitteilungen beschränkte.

Es war wie jeden Morgen. Sabine ging zu dem Bärengehege. Jacco und Snuffy folgten ihr. Als

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sie die Tür öffnete, ging Jacco ohne jegliches Zögern hinein und begrüßte Stina, die in einigen Metern entfernt lag und auf ihn zu warten schien.

Sabine erledigte die Arbeit in den Ställen. Im Anschluss daran bereitete sie in ihrer Küche das Futter für die wartenden Tiere vor. Steve und Trude hatten keine Geduld mehr abzuwarten. Energisch nahmen sie auf der Anrichte Platz. Mit einem Lächeln reichte Sabine ihnen ihre Futternäpfe. Gierig schleckten sie das angebotene Futter. Fast machte es den Anschein, als hätten sie Tagelang gehungert. Aber das war bei jeder Fütterung das gleiche Bild. Steve und Trude blieben auf der Anrichte sitzen, nachdem die zu Ende gefrühstückt hatten. Man konnte schließlich nie wissen, ob es nicht doch noch eine besondere Leckerei geben würde. Die beiden Katzen waren so ausdauernd und dreist, dass es sie auch nicht störte, wenn Sabine sie an die Seite schob. Sie nahmen das auch eher als Schmuseversuch an, denn beide schnurrten ausgiebig.

Snuffy, der ebenfalls neben der Anrichte auf sein Futter wartete, war erfreut, als Sabine ihm seinen Napf reichte. In der Zeit, die er brachte um sein Futter zu vertilgen, bereitete sie das Futter für die Bären zu. Jeden Tag gab es zweimal frisches Fleisch oder Fisch, Obst verschiedenster Art und Gemüse oder Salat. Die Bären waren beide begeistert davon. In den letzten Jahren war ihnen eine solche Beköstigung wohl kaum widerfahren. Snuffys Napf war leer. Gemeinsam gingen sie nun zum Gehege. Auch Steve und Trude folgten ihnen. Die Bären saßen schon erwartungsvoll am Eingang. Sabine warf ihnen die verschiedenen Leckereien durch die Gitterstäbe. Besonders gerne mochte Stina frischen Salat. Dafür ließ sie meistens erst Mal sogar ihre Fleischstücke an der Seite liegen.

Alle Tiere waren versorgt. Nun ging Sabine ins Haus, um selbst auch zu frühstücken und einen Kaffee zu trinken. Die Küche kam ihr sehr verlassen vor. Wie schön waren die letzten Tage gewesen, in denen sie gemeinsam mit Karin das Frühstück für alle zubereitet hatte.

Snuffy, der ihre Stimmung sofort deutlich wahrnahm, jaulte leise und wedelte. Sabine beugte sich zu ihm herunter und nahm ihn in den Arm. „Snuffy, ein Glück das ihr alle da seid. Was wäre ich ohne meine Tiere?“ Für Sabine war dieser Gedanke unvorstellbar. Ein Leben ohne Tiere? Nein, das würde sie nicht aushalten können. Aber zum Glück bestand da auch kein Anlass zur Sorge. Für den heutigen Tag hatte Sabine noch keinen wirklichen Plan. Sie würde ihn in Ruhe auf sich zukommen lassen. Etwas Besonderes lag nicht an. Obwohl der Herbst noch nicht besonders weit fortgeschritten war, konnte sie nicht mehr am Bärengehege an ihrem Buch weiter schreiben. Dazu war es schon zu kalt. Dort hatte sie ihren Gedanken immer besonders gut freien Lauf lassen können. Aber wenn die Monate der kalten Jahreszeit überstanden waren, würde auch das wieder an der Tagesordnung sein. Darauf freute sie sich schon jetzt. Solange nahm sie die Wärme des Hauses zum Schreiben in Anspruch. Vor dem warmen Ofen sitzen wenn es draußen bitter kalt war, das hatte auch Vorteile.

Die ganze Nacht über hatte Carsten Koch sehr schlecht geschlafen. Durch das bevorstehende Wiedersehen mit Sabine war er zu aufgeregt. Es war erst kurz nach vier, als er endgültig beschloss aufzustehen. Das ewige Hin- und hergewälzte machte keinen Sinn mehr. Während er duschte und sich anzog, lief bereits ein Kaffee durch. Schon um zehn vor fünf ging er zu seinem Auto. Er hatte nur eine kleine Reisetasche mit. Viele Sachen brauchte er für den kurzen Aufenthalt nicht. In seiner Jackentasche trug er ein kleines Kettchen bei sich. Das hatte er in der Woche bei einem Juwelier für Sabine gekauft. Als Anhänger an diesem Kettchen waren zwei

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kleine ineinander verschlungene Herzen. Die hatte er für Sabine gekauft. Er hoffte so sehr, dass sie ihm sein dummes Verhalten verzeihen konnte. In ein paar Stunden wusste er mehr. Die endlos lange Strecke zog sich wie Kaugummi. Das lag sicher auch an der Ungewissheit, die vor ihm lag. Die ersten Male waren ihm nicht so vorgekommen. Natürlich war klar, dass es eine wiete Entfernung war, aber so hatte er das nicht in Erinnerung gehabt.

Den gesamten Vormittag verbrachte Sabine mit Putzarbeiten im Haus. In den letzten Tagen war eine Menge liegen geblieben. Es war ihr um ein Vielfaches Wichtiger gewesen, die Zeit mit Karin und ihrer Familie zu verbringen. Heute Nachmittag wollte sie einen Ausritt machen. Bisher war das immer ein bisschen zu kurz gekommen. Aber durch die Ausflüge mit Martina und den Pferden hatte sie wieder Spaß daran gefunden. Sicher freute sich auch Snuffy sehr über diese Entscheidung. Er liebte es, neben den Pferden her zu laufen. Den Abend wollte sie dann nutzen, um Karin anzurufen. Eigentlich gab es keinen besonderen Anlass dazu, doch die Freundinnen hatten sich immer viel zu erzählen. Ganz nebenbei wollte sie die Freundin dann auch fragen, ob sie sich vielleicht mit dem Gedanken anfreunden konnte, in ihre Nähe zu ziehen. Sie war sehr gespannt, was Karin dazu sagen würde.

Für das Mittagessen hatte sie eine Gemüsesuppe vorbereitet. Gerade als sie am gedeckten Tisch Platz nehmen wollte, stand Snuffy auf und lief zur Tür. Er bellte. Was hatte denn das zu bedeuten? Es hatte sich kein Besuch angemeldet. Sie ging zu Snuffy. Er stand wedelnd an der Tür. In diesem Moment hörte sie ein Auto auf den Hof fahren. Sie öffnete die Tür. Aufgeregt stürmte Snuffy dem Auto entgegen. Sabine glaubte nicht was sie da sah. Es war Carsten. Er hielt vor dem Haus an, stieg aus und begrüßte zuerst Snuffy, der sich riesig freute. Sabine war wie erstarrt. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Was konnte das zu bedeuten haben.

Carsten beschäftigte sich ausgiebig mit Snuffy. Es dauerte einige Minuten, bis der Hund sich beruhigte. Carsten sah zu Sabine. Ihre Blicke trafen sich. Keiner sagte ein Wort. Carsten ging auf Sabine zu. Immer noch Schweigen. Ohne Worte nahm er sie in den Arm und drückte sie fest an sich. Sabine ließ es geschehen. Immer noch fehlten ihr die Worte. „Sabine, kannst du mir verzeihen? Ich hätte mich nicht blöder verhalten können. Ich kann dir nicht sagen, wie leid mir das tut.“ Sabine lehnte ihren Kopf an seine Schulter. „Carsten“ Das war das einzige Wort, das über ihre Lippen kam. Sie konnte nicht fassen, was passierte. Wie sehr hatte sie sich das gewünscht. Sie hatte die Hoffnung aufgegeben. Sie hatte nicht mehr an ein gutes Ende glauben können. Und nun das. Tränen liefen über ihr Gesicht. Sie konnte sie nicht aufhalten. Es waren keine Tränen der Trauer. Es war Glück, Freude und Erleichterung. Carsten küsste sie auf die Wangen. Er küsste ihre Tränen fort. Sabine erwiderte jetzt seine Umarmung. Die beiden lagen sich in den Armen, als wäre nicht die geringste Unstimmigkeit zwischen ihnen gewesen. Im Moment hatten die letzten Wochen keine Bedeutung. Wichtig war nur, dass sie sich wieder hatten. „Komm ins Haus. Ich werde dir einen Kaffee kochen. Hunger hast du bestimmt auch.“ „Das ist gut. Ich bin ziemlich müde. Die Nacht war fast schlaflos. Die Fahrt hat sich endlos gezogen. Ich hatte Angst vor unserem Wiedersehen. Sie nahm seine Hand und zog ihn ins Haus. Gemeinsam aßen sie und tranken Kaffee. „Ich möchte dir erzählen, warum ich mich so verhalten habe.“ Sabine schaute ihn aufmerksam an. Er begann zu erzählen. Sie hörte aufmerksam zu. Das hätte sie von Monika nie gedacht. Sie war immer so freundlich gewesen. „Bei unseren letzten Telefonaten hatte ich dann auch noch das Gefühl, als hättest du ein Geheimnis vor mir. Du hattest gesagt, du wolltest mir das erzählen, wenn ich wieder hier bin. Ich bin fest davon ausgegangen, dass du einen neuen Mann an deiner Seite hast. Nachdem was Monika alles erzählt hatte, passte das gut.“ „Ein Geheimnis habe ich auch. Aber ganz anders als

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du denkst.“ Er sah sie fragend an. „Wann wirst du es erzählen?“ „Komm mit zu den Bären. Er soll dabei sein wenn ich es dir sage. Bisher weiß es nur Karin. Sie konnte es kaum glauben. Ich muss zugeben, dass das auch schwer zu glauben ist. Wenn ich es am Telefon erzählt hätte, wäre das für dich noch unglaublicher gewesen. Wahrscheinlich hättest du gedacht, dass ich verrückt geworden sei.“ Sie lächelte ihn an. Als sie gemeinsam, gefolgt von Snuffy, zum Bärengehege gingen, war er sehr gespannt. Jacco stand schon wartend am Eingang. Stina saß wenige Meter hinter ihm. Jacco sah Sabine an. Carsten ebenfalls. „Kann er ein Kunststück?“ Carsten lächelte. „Auch wenn sich das vollkommen seltsam anhört, ich verstehe ihn. Und er mich. Ohne ein einziges Wort weiß ich was er denkt.“ Carsten sah sie ungläubig an. „Aber wie soll denn so etwas funktionieren?“ „Wenn ich eine Erklärung hätte, würde ich sie dir sagen. Aber ich weiß es ja selbst nicht. Bleib bitte hier stehen und sag nichts.“ Mit diesen Worten ging sie zur Tür des Geheges. Sie öffnete sie und trat ein. Carsten war erschrocken. Was machte sie denn jetzt? Der Bär war ein wildes Tier. Er konnte sie mit Leichtigkeit töten. Carsten war schon dabei, Sabine zu folgen, als Snuffy ihn am Jackenärmel festhielt. Carsten hatte so etwas noch nie erlebt. Sabine ging zu Jacco und umarmte ihn. Wie schon am Morgen, legte der Bär seine Vorderpfoten um ihre Schulter. Carsten stockte der Atem. „Was soll Jacco jetzt tun?“ Carsten hatte es die Sprache verschlagen. Unsicher sah er Sabine an. „Er soll sich bitte hinlegen. Ich habe große Angst um dich.“ „Das brauchst du nicht.“ Wortlos sah sie Jacco an. Es war kein einziges Wort zu hören. Es dauerte nur einen kleinen Moment, bis der Bär sich umdrehte und sich hinlegte. „Sag ihm, er soll zum Teich gehen.“ Wieder kurzes Schweigen. Carsten spürte eine deutliche Verbindung zwischen Sabine und Jacco. Der Bär stand auf und ging zum Teich. Carsten hatte immer noch keine Erklärung. Er glaubte an einen Zufall. Sabine kam aus dem Gehege und umarmte Carsten. „Ich habe auch lange gebraucht, bis ich das glauben konnte. Zuerst dachte ich an einen Zufall. Daran denkst du jetzt auch oder?“ Er nickte. „Jetzt werde ich dir zeigen, dass ich Jacco auch verstehe. Er wird mir immer vorher sagen, was er tun wird.“ Jacco sah sie an. Sie grinste. „Das hat er mit Karin auch gemacht. Er wird auf dich zu rennen und dich erschrecken.“ Ungläubig sah er Sabine an. Das grenzte wirklich an einen Fall für die Anstalt. Kaum hatte er das gedacht, sprang Jacco auf und stürmte auf ihn zu. Mit den Pfoten haute er gegen das Gitter und knurrte laut. Carsten wurde blass. „Das gibt es doch nicht“ murmelte er. Wieder sah Jacco Sabine an. „Er wird jetzt zu Stina gehen und sie freudig begrüßen.“ Keine Sekunde verging, bevor Jacco das eben angekündigte in die Tat umsetzte. Carsten stand staunend am Gitter. Sabine lachte. „Du kannst den Mund wieder schließen.“ Es fiel Carsten nicht leicht, die Anspannung abzuschütteln. „Jacco wird jetzt zu uns kommen. Du kannst ihn streicheln.“ Carsten sagte nichts. Er war vollkommen sprachlos. Jacco kam langsam an den Rand des Gitters. „Streichel ihn. Er wird dir nichts tun.“ Vorsichtig ging Carsten auf den Bären zu. Ganz langsam und sehr zögernd streckte er die Hände aus. Ganz sanft berührte er den Bären. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis er sich sicherer wurde. „Du hast Recht, wenn du das am Telefon erzählt hättest, hätte ich dich für verrückt gehalten. Er kraulte Jacco weiter die Ohren. „Ich kann es immer noch nicht wirklich glauben.“ „Heute Abend, bei Einbruch der Dunkelheit, werden wir mit Snuffy und Jacco einen Spaziergang machen.“ „Du willst ihn frei herum laufen lassen?“ „Am Wochenende war hier wieder ein Einbruch. Snuffy war mit Karin und deren Familie in der Schweiz. Jacco war frei. Wenn das nicht so gewesen wäre, wäre es für mich bestimmt nicht so glimpflich ausgegangen.“ „Dr. Meierling hat am Telefon schon davon geredet. Genaueres wusste er aber auch nicht.“ Sabine erzählte Carsten die ganze Geschichte. Es war deutlich zu spüren, wie stolz sie auf Jacco war. „Die können froh sein, dass Jacco sie nicht umgebracht hat. Er hat sie beide aus seiner jahrelangen Leidenszeit im Tierpark wieder erkannt. Aber auch in der Situation konnte ich mich auf ihn verlassen. Es war ein sehr gutes Gefühl, ihn

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an meiner Seite zu haben. Die beiden hat er ganz schön beeindruckt.“ Carsten sah Jacco sehr lange an. „Danke, dass du das für Sabine getan hast.“ Als Carsten und Sabine wieder im Haus waren, nahm er sie wieder fest in den Arm. „Sabine, ich liebe dich. Ich werde dich nie wieder so enttäuschen. Morgen fahre ich nach Hannover zurück. Ich werde nächste Woche versuchen, doch noch eher aus dem Vertrag zu kommen. Im schlimmsten Fall werde ich für die letzten Wochen auf mein Gehalt verzichten. Es ist für mich unvorstellbar, mich für mehrere Wochen von dir zu trennen. Das muss ich irgendwie hinkriegen.“ „Bitte versuch das. Ich kann mir eine Trennung auch nicht vorstellen.“

Sie umarmten sich wieder. Hand in Hand gingen sie in Sabines Schlafzimmer. Sie legten sich auf das Bett. Carsten streichelte Sabine. Langsam zog er sie aus. An diesem Mittag hatten beide nicht für möglich gehalten, dass sie bereits wenige Stunden nach Carstens Ankunft im Bett landeten. Es war jetzt vollkommen selbstverständlich. Sabine schmiegte sich dicht an ihn. Sie knöpfte sein Hemd auf. Seine warme Haut drängte sich nah an sie. Sie genossen beide die Nähe des anderen. Als er in sie eindrang, krallte sie sich an ihn. Sie konnte ihr Glück nicht fassen. Sie liebte ihn. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie sehr sie ihn vermisst hatte.

Es dunkelte bereits, als sie aufstanden. Sie hatten die letzten Stunden mit großer Zufriedenheit miteinander verbracht. Beide kleideten sich wieder an. Als Carsten in seine Jacke griff, spürte er die kleine Schatulle mit dem Kettchen. Die hatte er ganz vergessen. „Ich habe noch ein Geschenk für dich.“ Er packte die Kette aus und legte sie Sabine um den Hals. Sie betrachtete den Anhänger. „Das ist unsere Liebe. Wir wollen das immer als Zeichen für uns haben.“ Sie umarmte ihn wieder.

Sie gingen dicht nebeneinander her zum Bärengehege. Snuffy lief direkt hinter ihnen. Jacco saß wartend an der Tür. Einen Moment lang überlegte Carsten, ob er nicht doch besser einen Einwand bringen sollte. Glücklicherweise sagte er aber nichts. Sabine ließ ihren Bärenfreund hinaus. „Kommt, wir gehen zum See. Dort fängt Jacco meist ein paar Fische.“ Snuffy und Jacco liefen nebeneinander her Richtung Waldweg. „Es ist kaum zu glauben, dass ein Hund und ein Bär so gute Freunde sind.“ „Anfangs habe ich gedacht, dass Jacco Snuffy verletzten würde. Aber er hat nicht ein einziges Mal einen Versuch unternommen. Selbst die Katzen besuchen die Bären täglich in ihrem Gehege.“

Als am nächsten Morgen alle Tiere versorgt waren, machten Carsten und Sabine sich gemeinsam auf den Weg zu Dr. Meierling.

Es machte fast den Anschein, als warte Dr. Meierling schon auf sie. Er war, ein ungewöhnlicher Anblick, dabei, den Hof zu kehren. Als er Carsten Kochs Auto wahrnahm, stellte er diese Arbeit sofort ein. „Wie schön das sie da sind. Ich habe uns einen kleinen Imbiss vorbereitet. Kommen sie herein.“ Er ging vor Sabine und Carsten her und betrat die Praxisküche. „Ich bin sehr froh, dass ich den Weg an diesem Wochenende hierher gefunden habe.“ Gemeinsam mit Sabine berichtete er, wie ihr Wiedersehen verlaufen war. Dr. Meierling schaute sie erfreut an. „Es ist ein sehr schönes Gefühl, sie beide wieder vereint zu sehen.“ Carsten konnte es sich nicht verkneifen, Dr. Meierling davon zu erzählen, wie es zu der Trennung zwischen ihm und Sabine gekommen war. „Das erklärt einiges. Jetzt verstehe ich auch, warum Monika so kurzfristig diese Gegend hier verlassen wollte.“

Sie saßen noch fast drei Stunden zusammen, besprachen Pläne für die Zukunft. Carsten sagte noch einmal, dass er versuchen werde, die Zeit in Hannover deutlich zu verkürzen.

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„Ich werde versuchen, eine neue Helferin für Ihre Praxis hier zu finden. Ich weiß allerdings, dass es kein einfaches Unterfangen werden wird.“ Sabine schaltete sich ein. „Ganz vielleicht habe ich eine Lösung. Aber ich will noch nichts dazu sagen.“

Am späten Nachmittag machte sich Carsten auf den Heimweg. Er hatte die restlichen Stunden mit Sabine und den Tieren verbracht. Beim Abschiednehmen waren beide sehr betrübt. Ihr Trost war, dass dieser Abschied nicht lange dauern sollte. Carsten war bemüht, möglichst schnell wieder in Sabines Nähe zu kommen.

An diesem Abend rief Sabine Karin an. Kaum waren zwei Sätze gesprochen, merkte die Freundin schon, dass sich bei Sabine etwas zu verändert hatte. „Du hörst dich fröhlich an. Was ist passiert?“ Sabine erzählte Karin die ganze Geschichte. Karin war sprachlos, als sie hörte, wie es dazu gekommen war. „So hätte ich die nicht eingeschätzt. Diese Monika machte immer einen sehr freundlichen Eindruck. Wie man sich doch täuschen kann. Aber das muss man auch ganz klar sagen, dazu gehört eine Menge Dreistigkeit.“

„Carsten braucht unbedingt eine neue Helferin, die mit Leib und Seele bei der Arbeit dabei ist. Dr. Meierling hat schon angedeutet, dass es sehr schwierig wird, hier so jemanden zu finden. Wie wäre es für dich, wenn wir ihm vorschlagen, Martina einen Ausbildungsplatz anzubieten? Wenn das ginge, wären wir alle ein großes Stück weiter. Martina könnte bei mir auf dem Hof wohnen. Bestimmt würdest du deine Tochter oft besuchen. Das hätte den Vorteil, dass wir uns häufig sehen könnten. Ich habe sowieso schon darüber nachgedacht, ob es nicht eine Möglichkeit geben könnte, dass ihr alle hier lebt und eine Arbeit findet. Wie findest du das?“ „Hm.“ Das waren einfach zu viele Neuigkeiten. Karin fehlten die Worte. „Ich werde in Ruhe darüber nachdenken und alles mit Georg besprechen. Gib mir ein paar Tage Zeit. Auf den ersten Blick hört sich das gut an. Aber spontan eine Entscheidung zu treffen, ich denke darüber nach. Wenn ich das Martina erzähle, die wäre auf Anhieb Feuer und Flamme.“

Sabine und Karin hatten sich an diesem Abend noch so viel zu erzählen, dass es den Anschein machte, als hätten sie sich seit ewigen Zeiten nicht mehr gesprochen, geschweige denn gesehen. Als sie das Gespräch beendeten, waren beide Frauen in guter, gelöster Stimmung.

Sabine war sehr gespannt, wie die Freundin sich entscheiden würde. Für Martina konnte scheinbar nichts Besseres passieren.

Am nächsten Morgen war Sabine bereits wieder im Haus. Sie hatte alle anfallenden Arbeiten mit den Tieren erledigt. Das Telefon läutete. Ihr erster Gedanke war, dass es vielleicht Carsten sein könnte. Sie war ein wenig enttäuscht, als sie sich meldete und nicht Carsten, sondern die Polizeidienststelle am anderen Ende war. „Guten Morgen. Ich wollte Sie schnell unterrichten, wie es weiter gegangen ist. Die beiden Männer sind dem Haftrichter vorgeführt worden. Sie bleiben bis zu der Verhandlung, die schon für den nächsten Monat angesetzt ist, in Untersuchungshaft.“ „Wie wird das mit der Verhandlung denn laufen?“ „Es werden einige Zeugen geladen und dann kann es losgehen. Die können mit einer saftigen Strafe rechnen.“ Sabine bedankte sich bei dem Beamten, dass er ihr Bescheid gesagt hatte. Das Gespräch war beendet und sie legte den Hörer auf.

Sofort in Anschluss wählte sie Karins Nummer. Die Freundin war eine wichtige Zeugin. Sie durfte bei der Verhandlung nicht fehlen. Die Neuigkeit war der Freundin schnell erzählt. „Das ist ja wunderbar. Dann sehen wir uns nächsten Monat schon wieder. Es wird ganz gewiss so sein, dass Georg und die Mädchen mitkommen wollen. Gestern Abend habe ich noch lange mit

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Georg über Martinas Zukunft gesprochen. Wir sind beide zu dem Schluss gekommen, dass eine Ausbildung in Carstens Praxis nicht die schlechteste Lösung wäre. Für Martinas Entwicklung bestimmt eine gute Erfahrung, getrennt von Mama und Papa zu sein. Mit dir in ihrer Nähe würden wir kein Risiko eingehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir beide zustimmen, ist groß.“ „Super. Ich habe nicht damit gerechnet, dass du das so schnell mit Georg besprichst.“ Wie immer dauerte das Gespräch noch eine gute Weile. Sabine und Karin hatten einfach nie genug Zeit.

Sabine war sehr gespannt auf Carstens Reaktion, wenn sie ihm heute Abend davon erzählen würde. Für sie war klar, dass das die beste Lösung war. So hatte Martina einen guten Ausbildungsplatz, Carsten eine engagierte Helferin und sie selbst freute sich auch über eine Wohngemeinschaft mit Martina.

Der abendliche Spaziergang mit Snuffy und Jacco war wie immer eine große Freude für Sabine. Mit diesen beiden Gefährten gab es nicht eine einzige Sekunde der Unsicherheit.

Für Sabine gab es auch nicht mehr die geringsten Bedenken, Jacco nachts frei umherlaufen zu lassen. Mit jedem Tag wurde das Band des Vertrauens und der Verständigung zwischen ihnen immer stärker.

Wenn Sabine gleich wieder zuhause war, würde sie sofort Carsten anrufen. Welch ein großes Glück, dass sie wieder einen gemeinsamen Weg hatten.

Carsten saß bereits wartend neben seinem Telefon, als es endlich läutete und er Sabines Stimme vernahm. „Stell dir vor, ich habe wahrscheinlich eine Helferin für deine Praxis gefunden.“ Sabine erzählte ihm ausführlich von ihrer Idee. „Das wäre aber wirklich fast zu schön um wahr zu sein. Hoffentlich stimmen Karin und Georg zu. Martina könnte in drei Wochen schon zum Probearbeiten kommen.“ „In drei Wochen?“ „Ich habe es geschafft, alle zu überzeugen, dass ich möglichst bald in meine eigene Praxis muss. Es gab viele Diskussionen und viele Einwände. Aber schließlich gaben sie doch nach. In genau neunzehn Tagen werde ich mich auf den Weg machen.“ Sabine konnte es kaum fassen, dass ihre Wartezeit schon so bald vorbei sein sollte. „Ich kann nicht sagen, wie sehr ich mich darüber freue. Welch ein Glück, dass das geklappt hat.“ Das restliche Gespräch verbrachten die beiden ausschließlich damit, Pläne für die Zukunft zu schmieden. Sie freuten sich beide sehr auf die bevorstehende Zeit, in der sie sich nicht mehr trennen wollten. Es fiel sowohl Sabine als auch Carsten gleichermaßen schwer, das Gespräch zu beenden. Als kleinen Trost hatten sie die Tatsache, dass sie sich morgen schon wieder hören würden. Morgen waren es dann bis zu ihrem Wiedersehen auch nur noch achtzehn Tage.

Die nächsten Tage verliefen einer wie der andere für Sabine. Sie war erstaunt, wie schnell die Tage trotz der Wartestimmung vorüberzogen. Es verging nicht ein einziger Tag, an dem sie nicht mit Carsten und auch Karin telefonierte. Riesig gefreut hatte sie sich über Georgs und Karins Entscheidung, Martinas Wunsch nachzugeben. Martina würde, wenn ihre Eltern zu der Gerichtsverhandlung fuhren, sie begleiten. Carsten würde dann auch schon hier sein. Sie konnte sich die Praxis ansehen, gucken, ob sie sich vorstellen konnte mit Carsten auszukommen und sich mit den Abläufen in der Praxis vertraut machen. Martina war schon jetzt begeistert. Für sie gab es nicht die geringsten Zweifel, dass sie mit der Arbeit, mit Carsten oder der Trennung von ihren Eltern nicht zu Recht kommen würde. Sie war voller Freude bei dem Gedanken, gemeinsam mit Sabine auf deren Hof zu wohnen.

Carsten hatte neben seiner Arbeit in der Klinik alle Hände voll zu tun. Er war sehr zufrieden,

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dass er es hatte durchsetzen können, die Klinik früher als geplant zu verlassen. Dennoch fiel es ihm gerade leicht, alles zu organisieren. Es waren viele Kartons und Kisten die gepackt werden mussten. Er hatte einen Umzugswagen organisiert, der an seinem Abreisetag vor der Tür stehen würde. Bis dahin musste alles verpackt und eigetütet sein. Seine Möbel wollte er auch mitnehmen. Der Fahrer des Umzugswagens würde ihm behilflich sein, die ganzen Sachen in den LKW zu verladen. Seine Aufgabe war es, alles so vorzubereiten, dass das Verladen reibungslos von Statten gehen konnte. Keine leichte Aufgabe. Durch all diese Anforderungen an ihn hatte Carsten das Gefühl, als würde die Zeit nur so verfliegen.

Als der Tag seiner Abreise kam, konnte er es kaum glauben, dass er alles geschafft hatte. Wenn der LKW gepackt sein würde, lag für ihn nur noch der Weg vor ihm, bis er Sabine wieder in seine Arme schließen konnte.

Pünktlich um acht Uhr stand der Fahrer mit seinem Umzugswagen vor seiner Tür. Die beiden Männer packten gemeinsam alle Möbelstücke und Kisten und Kartons in den Wagen. Es waren erst anderthalb Stunden vergangen, als sie abfahrbereit waren. Der LKW würde für die Strecke längere Zeit brauchen als Carsten. Aber was machte das schon? Carsten konnte die Wartezeit mit Leichtigkeit überbrücken. Sein erster Weg führte ihn zu Sabine. Dann spielte Zeit keine Rolle mehr.

Die letzten Stunden vor Carstens Erscheinen waren für Sabine kaum auszuhalten. In der Nacht hatte sie schlecht geschlafen. Die Aufregung war einfach zu groß. Sie freute sich so sehr auf Carsten, dass sie einfach keine Ruhe fand. Jetzt, nachdem schon alle Arbeiten erledigt waren, konnte sie nur noch warten. Sie lief vom Bärengehege zur Küche und wieder zurück. Den Weg hatte sie schon unzählige Male hinter sich. Es war fast ein Gefühl, als stände die Zeit still.

Der Mittag lag schon ein Stück weit hinter ihr, als sie beschloss, gemeinsam mit Snuffy Carsten entgegen zu gehen. Vielleicht würde die Zeit dann etwas schneller vergehen.

Snuffy freute sich, als sie ihre Jacke und ihre Wanderschuhe anzog. Der schlaue Hund wusste, dass nun ein Spaziergang vor ihm lag. Freudig lief er zum Bärengehege. Er schien enttäuscht, als Sabine Jacco nicht hinausließ. „Es ist noch zu früh, mit Jacco gehen wir heute Abend.“

Sie waren schon fast eine ganze Stunde unterwegs, als Sabine Carstens Auto die Landstraße entlängs kommen sah. Sie verließ den Wanderweg und trat auf die Straße. Carsten sprang fast aus dem Auto bevor es richtig stand. „Sabine.“ Er umarmte sie sehr stürmisch. Seine Freude war mehr als deutlich spürbar. Auch ihr fehlten die Worte. Sie schmiegte sich dicht an ihn. Einige Minuten vergingen mit dieser stillen, herzlichen Begrüßung. Es war Snuffy, der diese für ihn endlos dauernde Umarmung unterbrach. Freudig sprang er an Carsten hoch. Er bellte. Carsten ließ ihn nicht länger warten. Er beugte sich zu ihm und kraulte durch sein Fell. „Guck mal, der freut sich auch dass ich da bin.“ Carsten lachte. Er umarmte Sabine noch einmal. „Die Zeit der Trennung ist vorbei. Ich schaue voller Freude auf die nächsten Tage, Wochen, Monate und Jahre.“ „Ich auch. Ich bin so froh das du da bist.“ Sie gingen gemeinsam zu Carstens Auto und machten sich auf den Weg zu Sabines Hof.

Dort verbrachten sie zunächst eine längere Ruhepause. Sabine und Carsten waren gleichermaßen müde und erschöpft. Als sie sich auf den Weg zu Dr. Meierling machten, waren sie soweit erholt, dass sie dem Rest des Tages, der noch mit viel Schlepperei vor ihnen lag, mit Freude entgegen sahen.

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Sie waren kaum zehn Minuten bei Dr. Meierling angekommen, als auch schon der Umzugswagen eintraf. In den letzten Tagen hatte Dr. Meierling drei Räume komplett ausgeräumt, in die Carsten seine Sachen stellen konnte. Zu viert war es auch ziemlich schnell erledigt, den LKW auszuleeren. Der Fahrer trank noch einen Kaffee, wünschte Carsten alles Gute in seiner neuen Heimat und machte sich dann auf den Rückweg. Er hatte noch viele Stunden Autobahn vor sich, ehe er Hannover wieder erreichen würde.

Dr. Meierling hatte es sich nicht nehmen lassen, ein großes Abendessen vorzubereiten. Gemeinsam saßen sie noch viele Stunden zusammen, ehe Carsten und Sabine sich verabschiedeten. Für alle war es vollkommen klar, dass Carsten die Naht bei Sabine verbrachte.

„Wollen wir noch einen Spaziergang mit Snuffy und Jacco machen? Das wird uns nach dem üppigen Mahl bestimmt gut tun.“ „Unbedingt. Daran habe ich in den letzten Tagen sooft gedacht. Das sind wir Snuffy und natürlich auch Jacco schuldig. Wenn mir vor drei Wochen irgendjemand erzählt hätte, dass ich mit einem Bären spazieren gehe, hätte ich den für verrückt erklärt.“ Carsten grinste.

Schnell vergingen die nächsten Tage. Sabine half Carsten, all seine Sachen auszupacken und einzuräumen. Den Tagesablauf in der Praxis gestalteten Carsten und Dr. Meierling wieder gemeinsam.

Für den Abend hatten sich Karin, Georg und Martina angemeldet. Morgen um elf Uhr mussten Karin und Sabine bei Gericht erscheinen. Dort wurde über die Strafe der Herren Fischer verhandelt. Sabine war gespannt auf den Ausgang des Prozesses.

Für den heutigen Abend war ein gemütliches Beisammensein geplant. Carsten und Martina konnten sich kennenlernen. Auch Dr. Meierling sollte mit von der Partie sein.

Der abendliche Spaziergang mit Jacco war gestrichen. Sabine wollte verhindern, dass noch mehr Menschen davon erfuhren, dass sie den Bären weiterhin in Freiheit herumlaufen ließ. Auch die Nächte, in denen Besuch hier war, sollte er bei Stina in seinem Gehege verbringen.

Sabine freute sich sehr, als sie bereits gegen siebzehn Uhr ein Auto auf dem Hof vorfahren hörte. Aufgeregt bellend rannte Snuffy zur Tür. Sofort als Sabine diese öffnete, stürmte er nach draußen dem Auto entgegen. Martina sprang als erste aus dem Auto. Snuffy, Sanuffy. „Seht doch, wie er sich freut.“ Sie fiel vor dem Hund auf die Knie und umarmte ihn.
Karin und Georg gingen zuerst zu Sabine um diese angemessen zu begrüßen. Georg sag den beiden vergnügt zu. Es machte den Anschein, als hätten sie sich eine Ewigkeit nicht mehr gesprochen, geschweige denn gesehen. Es dauerte eine Weile, bis der erste Begrüßungstaumel abklang. Arm in Arm gingen sie alle gemeinsam ins Haus.
In dem großen Flur brannte ein Feuer im Ofen. Sie setzten sich in die Sessel, die dort standen. „Dr. Meierling und Carsten werden erst nach neunzehn Uhr herkommen. Aber das ist auch gut, weil wir dann noch etwas Zeit haben, über die morgige Verhandlung zu reden.“ Als Sabine diese Worte sagte, sah Karin sie an. „Ich habe ein ziemlich flaues Gefühl bei der Vorstellung, dass ich mich an alles noch einmal ganz genau erinnern muss.“ „Das geht mir ähnlich. Ich bin auch froh, wenn wir das hinter uns haben. “Bis zum Eintreffen der beiden Tierärzte waren sie in ein angeregtes Gespräch, mit Themen in verschiedene Richtungen vertieft. Es gab nicht einen einzigen Moment, in denen der Gesprächsstoff ausging. Martina war es deutlich anzumerken, dass sie, je näher die Zeit des Auftauchens Carsten Kochs bevorstand, immer aufgeregter wurde. Als Snuffy aufsprang und bellend zur Tür lief weil er ein Auto hörte, wurde sie immer nervöser.

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Sabine streichelte ihr über den Arm. „Bleib ganz ruhig. Ihr werdet euch bestimmt gut verstehen.“ Martina sagte nichts, lächelte Sabine aber immerhin an. Carsten, Dr. Meierling, Karin und Georg kannten sich bereits von dem Sommererlebnis Karins. Sie begrüßten sich alle sehr freundlich, wie gute Freunde. Als Carsten zu Martina ging, wusste diese kaum, wohin sie gucken sollte. Eine leichte Röte stieg ihr ins Gesicht. Carsten reichte ihr freundlich die Hand entgegen. „Du musst Martina sein. Sabine hat mir schon erzählt, dass du gerne eine Ausbildung zur Tierarzthelferin machen möchtest. Ich finde es superschön, dass du dir vorstellen kannst, in meiner Praxis zu arbeiten. Wenn du Lust hast, kannst du dir in den nächsten Tagen alles genau ansehen. Wenn wir ein paar Tage zusammen arbeiten, werden wir wissen, ob das auf Dauer die richtige Entscheidung für dich ist.“ Martina sah Carsten fast bewundernd an. „Ich freue mich schon riesig. Können wir schon Morgen zusammen arbeiten?“ „Morgen früh ist erst die Verhandlung. Da werde ich bei Sabine sein. Der Nachmittag ist dann für deinen ersten Einsatz geplant.“ Martina machte einen restlos zufriedenen Eindruck. Dr. Meierling lächelte in Martinas Richtung. „Ihr könnt Martina doch auch morgen früh auf dem Weg zum Gericht bei mir in der Praxis absetzen. Dann kann ich ihr schon alles zeigen und sie kann sich mit den Räumen und dem Ablauf in der Praxis vertraut machen.“ Alle nickten zustimmend. Das war eine gute Idee von Dr. Meierling. Martina hätte den Vormittag sonst allein auf Sabines Hof verbringen müssen. Das hätte ihr auch nichts ausgemacht. So war es aber noch besser. Es war schon spät als Dr. Meierling sich auf den Heimweg machte. Der gesamte Abend war in harmonischer Stimmung verlaufen. Auch wenn der morgige Tag für Sabine und Karin nicht leicht werden würde, so sahen doch alle dem gelassen entgegen. Wenn man betrachtete, wie der Verlauf ansonsten war, konnten alle sehr zufrieden sein.

Der nächste Morgen begann für alle frühzeitig. Sabine und Karin trafen sich bei den Ställen. Karin ging der Freundin zur Hand. Gemeinsam war die Arbeit schnell erledigt. Kaum waren sie in der Küche um das Futter für die Tiere vorzubereiten, kamen auch Carsten und Georg dazu. Nur wenige Minuten später folgte auch Martina.
Martina fand es sehr spaßig, mit welcher Beharrlichkeit Steve und Trude darauf warteten, ihr Futter zuerst zu bekommen. Anschließend trugen Georg und Carsten die gefüllten Eimer zum Bärengehege. Jacco und Stina standen auch schon sehr erwartungsvoll an den Gittern. Als Sabine ihnen das Futter zuwarf, war beiden die Begeisterung über das gute Frühstück anzumerken. Voller Freude verschlangen sie die guten Brocken. In den letzten Tagen war Stina deutlich zutraulicher geworden. Sabine bezweifelte zwar, ob die Bindung zu Stina jemals die zu Jacco erreichen konnte. Dennoch, die Bärin machte einen zufriedenen, zutraulichen Eindruck. Das reichte Sabine auch schon aus. Die Beziehung zu Jacco war in keinster Weise je zu schlagen. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Der Bär schien in ihrer Seele zu lesen wie in einem geöffneten Buch. Jede noch so kleine Stimmung nahm Jacco sofort wahr. Sabine hatte schon viele Gespräche mit ihm geführt.

Eine gute Stunde blieb ihnen noch, bis sie losmussten. Sie saßen alle gemeinsam am Frühstückstisch. Carsten gab Martina, mit der er sich glänzend zu verstehen schien, noch ein paar Tipps für ihren ersten Tag in der Praxis. Die Idee, sie schon heute Morgen dort ab zu setzten, war eine sehr gute Idee von Dr. Meierling gewesen. Carsten hatte ein gutes Gefühl dabei, dass sie die ersten Eindrücke gemeinsam mit seinem Kollegen sammeln sollte.

Snuffys Begeisterung hielt sich sehr in Grenzen, als er merkte, dass er an diesem Morgen allein zuhause bleiben sollte. Sabine sprach ihm gut zu. Sie versuchte ihrem treuen Freund zu erklären, dass sie in wenigen Stunden wieder bei ihm waren. Das schien den Hund aber nicht wirklich zu

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trösten. Sie machten sich alle gemeinsam mit einem Auto auf den Weg. Zuerst wollten sie Martina bei Dr. Meierling abliefern. Der Tierarzt erwartete sie schon. Er stand vor der Tür und begrüßte besonders Martina sehr herzlich. „Komm rein. Ich freu mich schon, dir alles zu zeigen. Nachher, nach der Sprechstunde, werden wir gemeinsam zu einem Pferdetermin fahren. Dann lernst du auch ein wenig die Gegend kennen.“ Er wünschte Sabine und Karin alles Gute für die Verhandlung. Dann verabschiedete er sich.

Auf dem Weg in die Stadt zum Gericht fielen kaum noch Worte. Es war eine deutliche Anspannung zu spüren. Nachdem Sabine und Karin sich zur Zeugenaussage angemeldet hatten, nahmen sie gemeinsam mit Carsten und Georg im Warteraum Platz.

Die Verhandlung begann. Zunächst waren nur die Herren Fischer zugegen. Nachdem der Richter ihre Personalien überprüft hatte, kamen sie beide zu Wort. Gleichermaßen stritten sie alle Tatvorgänge ab. Schon zu Anfang ihrer Vernehmung verstrickten sie sich in Widersprüchen.

Sabine wurde als erste in den Zeugenstand gerufen. Sehr ausführlich schilderte sie den Verlauf des ersten Überfalls. Sie konnte ihre Tränen nicht aufhalten, als sie berichtete, wie auf Snuffy geschossen wurde.

Als Karin aufgerufen wurde, erzählte sie die Geschichte sehr ähnlich. Bis ins kleinste Detail schilderte sie dann, wie es für sie weiter ging.

Als Sabine von dem zweiten Überfall berichtete, wurde der Richter sehr hellhörig. Natürlich war es für ihn nicht zu verstehen, dass ein Bär die Täter gestellt hatte. Er stellte viele Fragen an Sabine, die sie ausführlich beantwortete. Lächelnd sah er sie an. „Läuft ihr Bär immer frei bei Ihnen herum? Da sollten sich alle Einbrecher gut vorsehen.“

Der Richter zog sich mit seinen Schöffen zurück. Schon nach zwanzig Minuten erschienen alle wieder im Gerichtssaal. Das Urteil wurde verkündet. Herr Fischer und sein Sohn erhielten hohe Strafen. Sechs Jahre sollten beide hinter Gittern verbringen. Sabine und Karin lächelten sich zufrieden an. Sie waren mit diesem Urteil mehr als zufrieden.

Den Abend verbrachten wieder alle gemeinsam. Martinas Redeschwall war kaum zu bremsen. Sie erzählte, wie viel Spaß ihr der Tag in der Praxis gemacht hatte. Es gab keinen Zweifel mehr. Sie wollte unbedingt dort ihre Ausbildung machen.

Karin und Georg zögerten nicht mehr allzu lange, bis sie ihr Einverständnis dazu gaben.

Carsten und Sabine machten einen sehr glücklichen Eindruck. Sie konnten auf ein gemeinsames Leben schauen, das vor ihnen lag.

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ENDE

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